Alles außer gewöhnlich

Eigentlich ist Joseph (Benjamin Lesieur) ein liebenswerter Kerl. Aber immer, wenn er allein U-Bahn fährt, zieht er irgendwann die Notbremse. Und menschliche Beziehungen sind ihm ein Rätsel, warum ist es seiner Arbeitskollegin Brigitte bloß unangenehm, wenn er den Kopf an ihre Schulter legt oder fragt, ob er ihre Socken sehen darf? Joseph ist Autist. Einer der vielen Schützlinge der Sozialarbeiter Bruno (Vincent Cassel, Die purpurnen Flüsse) und Malik (Reda Kateb, Grenzenlos), die es sich zur Aufgabe gemacht haben, sich um all die verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen zu kümmern, die von allen anderen Institutionen abgelehnt werden. Denn je komplizierter der Fall, desto schwieriger ist es, Hilfe zu finden. Ein schweres, bedrückendes Thema? Die Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano (Ziemlich beste Freunde) machen daraus eine erstaunlich fröhliche Buddy-Komödie, ohne den Ernst des Themas aus dem Auge zu verlieren. Ab dem 4. April 2020 ist Alles außer gewöhnlich auf DVD und Blu-ray und als Video on Demand erhältlich.

   

Bruno leitet ein Heim für 40 autistische Kinder und Jugendliche. Malik bildet Jugendliche aus Brennpunkt-Bezirken zu Betreuern aus, die in Eins zu Eins-Situationen mit Autisten arbeiten und sie ein kleines bisschen Normalität erleben lassen: Schlittschuhlaufen. Ein Pferd streicheln. Sport machen. Tanzen. Die beiden kennen sich seit Jahren und bewältigen Tag für Tag gemeinsam den Betreuer-Alltag am Rande des französischen Sozial- und Gesundheitssystems: Eine Arbeitsstelle für Joseph finden, am besten in einer Waschmaschinen-Werkstatt, weil er die Knöpfe der Waschmaschinen so liebt. Valentin dazu zu bewegen, sich auf die Wiese zu den Pferden zu trauen, ohne in Panik sich selbst oder andere zu verletzen. Den künftigen Betreuern beizubringen, zum Unterricht und zu Prüfungen pünktlich zu erscheinen und in Berichten auf die Formulierung “voll krass” zu verzichten. Nebenbei hat der orthodoxe Jude Bruno sich mit lauter Shidduch-Verabredungen, also von Freunden und Bekannten arrangierte Treffen mit einer möglichen Ehefrau, herumzuschlagen, die immer wieder von seinem klingelnden Handy unterbrochen werden. Und da kündigt das Gesundheitsamt eine Überprüfung seiner Einrichtung an, arbeiten da nicht lauter unqualifizierte Kräfte unter völlig unprofessionellen Bedingungen?

Betroffene auf der Leinwand

Originaltitel Hors Normes
Jahr 2019
Land Frankreich
Genre Sozialdrama, Komödie
Regie Éric Toledano, Olivier Nakache
Cast Bruno: Vincent Cassel
Malik: Reda Kateb
Joseph: Benjamin Lesieur
Mutter von Joseph: Hélène Vincent
Valentin: Marco Locatelli
Dylan: Bryan Mialoundama
Laufzeit 115 Minuten
FSK
Seit dem 7. April 2020 im Handel verfügbar

Wie man aus dem umfangreichen Bonusmaterial der DVD erfährt, haben die fiktiven Figuren Bruno und Malik ihre Gegenstücke in der Realität. Schon vor Jahren hatten die Regisseure von Alles außer gewöhnlich die Sozialpädagogen Stéphane Benhamou und Daoud Tatou und ihre Arbeit mit autistischen Kindern und Jugendlichen kennengelernt. Aber während die Rollen von Bruno und Malik mit hochkarätigen französischen Schauspielern besetzt sind, werden die Rollen der autistischen Jugendlichen wie der jugendlichen Betreuer so weit wie möglich mit Laien besetzt, also Autisten, bzw. den Jugendlichen aus Daoud Tatous Projekt. Nur, wo die Rollen zu anspruchsvoll oder belastend für die Laiendarsteller waren, wurde auf professionelle Schauspieler zurückgegriffen. Insbesondere Benjamin Lesieur, der den Autisten Joseph spielt, liefert trotz oder gerade wegen seiner eigenen autistischen Störung eine schauspielerische Leistung ab, die ihm eine Auszeichnung als bester Nachwuchsdarsteller 2020 einbrachte. Das gibt dem Film eine ganz außergewöhnliche Authentizität, ohne dabei beklemmend zu wirken.

Professionell ist anders

Schon in ihrem Film Ziemlich beste Freunde stellten Nakache und Toledano die steile These auf, dass ungelernte Kräfte die besseren Betreuer sein können. Was in Ziemlich beste Freunde noch romantisiert und komödientauglich zurechtgestutzt sein könnte, kommt in Alles außer gewöhnlich auf den Prüfstand. Ja, was die autistischen Kinder und Jugendlichen am meisten brauchen, sind Teilhabe am normalen Leben und die Möglichkeit, Beziehungen zu knüpfen, am besten zu Gleichaltrigen. Das können sie mit den Jugendlichen aus Maliks Ausbildungsprojekt viel besser als in Institutionen, wo sie wegen ihres Gewaltpotenzials eingesperrt, isoliert und unter Psychopharmaka gesetzt werden. Andererseits sind die Jugendlichen aus den Brennpunkt-Bezirken im besten Null Bock-Alter, unpünktlich, patzig und oftmals genauso überfordert wie die Profis. Und auch Bruno und Malik, die ganz in ihrer Arbeit aufgehen, sind keine Idealfiguren ihres Berufsstands. Bruno schwindelt, verschweigt und verharmlost, um seine Schützlinge zu verteidigen. Er kennt kein Privatleben und übernimmt sich und seine Organisation tagtäglich, denn immer gibt es einen weiteren Problemfall zu übernehmen, eine weitere Katastrophe abzuwenden. Malik glaubt zwar fest an sein Konzept, Slum-Jugendliche zu Betreuern heranzubilden, ist aber immer wieder herzlich genervt von pubertärem Trotz, flauen Entschuldigungen und mangelndem Einsatz. Ganz unpädagogisch übergießt er seine Azubis mit ätzenden Sarkasmus und dennoch bleiben sie bei der Stange.

Trister Alltag und leichte Komödie

Das alles könnte Material für ein bedrückendes Sozialdrama sein. Stattdessen ist es eine Komödie und nicht einmal eine schwarze, bittere Komödie darüber, wie alle Mühe stets vergebens ist. Sondern eine erstaunlich leichte, fröhliche Komödie, die Hoffnung macht. Nein, niemand wird geheilt. Autismus bleibt ein Rätsel. Aber der Film bewirkt, dass man sich mit Bruno und Malik schon über ganz kleine Fortschritte freut. Joseph schafft es endlich, U-Bahn zu fahren, ohne die Notbremse zu ziehen. Allerdings ist der Alarmknopf auf dem Zielbahnsteig dann doch zu verführerisch. Valentin, der stets einen gepolsterten Helm tragen muss, weil er in Stresssituationen mit dem Kopf gegen Wand und Boden schlägt, kann am Schluss den Helm abnehmen und sich zu anderen an den Esstisch setzen anstatt in einer Ecke zu kauern und um sich zu schlagen. Und wenn am Schluss ein Tanzprojekt Premiere hat, sieht man nicht mehr lauter Problemfälle, sondern einfach Menschen, die sich mit Hingabe zu Musik bewegen.

Fazit

Ein Film, der einen Blick in eine Welt ermöglicht, die man sonst selten sieht, es sei denn, man ist Betroffener oder Pflegekraft. Obwohl immer wieder auf Schmunzeln angelegt, findet er Bilder, die unter die Haut gehen und zeichnet ein authentisches Bild vom Alltag in einem ungewöhnlichen Betreuungsprojekt. Was wohl auch das Verdienst der sich selbst spielenden Laiendarsteller ist. Und obwohl Autismus und die Schwachstellen des Gesundheitssystems denkbar ernste Themen sind, ist Alles außer gewöhnlich unterm Strich vor allem ein Gute Laune-Film. Das muss man erst mal hinkriegen.

© Prokino

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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