Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt

Als 1978 Regisseur Ridley Scott zum Casting einlud, hatte er bereits seine erste Cannes-Auszeichnung für Die Duellisten. Keiner der Anwesenden und im Anschluss ausgewählten Schauspieler konnte erahnen, an der Entstehung einer der erfolgreichsten und beliebtesten Filmreihen der Kinogeschichte mitzuwirken. Auch nicht Tom Skerrit, der Captain Arthur Dallas Coblenz spielt. Denn er war bis zu diesem Zeitpunkt eher als Charakterdarsteller in Dramen und „ernsten“ Filmen zu sehen. Weniger in „kleine Jungs“-Fantasien, Dinge im Weltall. Und auch nicht Sigourney Weaver, die mit Lt. Ellen Louise Ripley den Grundstein für Frauen in Action-Kino ebnete. Bei lächerlichen 11 Mio. US-Dollar Budget sollte Ridley Scott beweisen, warum er als Visionär und wohl als eine der wenigen Hollywood-Größen den Stempel des Vorreiters der Emanzipation stolz tragen darf. Denn als 1979 Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt erschien, brach Scott mit der vorherrschenden Erzählkonvention und vermischte Genres, die man bis dato nur getrennt genoss.

 

2122: Der Weltraumtransporter Nostromo befindet sich auf dem Heimweg zur Erde, als das Schiff ein Notsignal auffängt. Die Crew ist verpflichtet, dem Ursprung des Signals nachzugehen und landet auf einem unbewohnten Planetoiden des Systems Zeta2 Reticuli. Neben dem gespenstischen Wrack eines außerirdischen Flugobjekts entdeckt die Crew ein versteinertes Skelett sowie mehrere Eier einer fremden Spezies. Hätte sie das nähere Hinsehen nur sein gelassen. Einer der Kameraden stirbt bei der Untersuchung und damit fängt der Horror erst richtig an. Zwischen der Crew, dem unbekannten Wesen und der ursprünglichen Mission.

Hollywood ist ein schwieriges Pflaster

Originaltitel Alien
Jahr 1979
Land USA
Genre Science-Fiction, Horror
Regie Ridley Scott
Cast Ellen Louise Ripley: Sigourney Weaver
Captain Arthur Dallas Coblenz: Tom Skerritt
Ash: Ian Holm
Samuel Elias Brett: Harry Dean Stanton
Gilbert Ward Kane: John Hurt
Joan Marie Lambert: Veronica Cartwright
Dennis Monroe Parker: Yaphet Kotto
Laufzeit 117 Minuten (Kinofassung), 116 Minuten D(irector’s Cut)
FSK
Im Handel erhältlich

Mehr als 40 Jahre ist es nun her, dass sich Ridley Scott mit Alien selbst ein kleines Denkmal setzte. Er hievte damit Sigourney Weaver in die Star-Riege Hollywoods. Dan O’Bannon und Ronald Shusett zeichneten sich für das Drehbuch verantwortlich, jedoch war es Scott, der darauf bestand, das Drehbuch für eine Frau, eben jene Sigourny Weaver, komplett auf links zu drehen. Das Studio konnte diese Borniertheit nicht verstehen und versuchte mitten in den Vorbereitungen sowie Drehtagen, den Regisseur dazu zu bringen, die Heldenrolle auf Tom Skirret zu legen. Es krachte mehrmals und die Budget-Schatulle wurde dadurch auf ansehnliche aber auch arg begrenzte 11 Mio. US-Dollar festgesetzt. Das Studio hatte nur begrenzt Vertrauen. Die Ursprungsfassung von 193 Minuten überzeugte das Testpublikum nicht vollends und Ridley Scott verbrachte schließlich selbst Sonderschichten im Schneideraum. Als dann endlich Alien in den Kinos anlief, hatte das Studio einen waschechten Hit gelandet.

Konzerne sind der blanke Horror

Ob Zufall oder nicht, es lässt sich nicht abstreiten, dass Alien, der Auftakt von nunmehr acht Filmen, inklusive Fortsetzungen (Aliens – Die Rückkehr, Alien 3, Alien – Die Wiedergeburt), Prequels (Prometheus – Dunkle Zeichen, Alien: Covenant) sowie Spin-offs bzw. Crossover (Alien vs Predator, Aliens vs Predator: Requiem) Weyland-Yutani als Feindbild hat und im Laufe der weiteren Filme immer stärker der Konzern Weyland mitsamt Gründer in den Mittelpunkte rückt. Scott hat es geschafft, bereits sehr früh die Gefahr eines allumfassenden Konzerns überzeichnet darzustellen. Es sind natürlich wunderbar Parallelen zu fast allem finden. Und genau das macht Alien so besonders. Die Gefahren und der Aufbau der Geschichte sind logisch. Es gibt keinen Superhelden, keinen Ritter in schimmernder Rüstung. Das unheimliche Wesen ist wandelbar, spielt mit der Mannschaft im wahrsten Sinne Katz und Maus. Die Erklärung des Wesens, der Organismus wird als genau das abgestempelt was es ist: ein fast perfekter Killer. Adaptiv, innovativ, kaum Schwächen und durchweg tödlich.

Der Tod von allen Seiten, aber vor allem kommt er leise

Alien ist kein Film, der direkt in die Vollen einsteigt und die Zuschauenden mit einem Knall empfängt. Nein, Scott nimmt sich sehr viel Zeit. Die Spannung entsteht und damit das Unbekannte. Der Mensch reagiert immer gereizt und unvorhergesehen, wenn er etwas nicht kennt. So auch die Mannschaft der Nostromo. Der vermeintliche Angriff eines kleinen unbekannten Organismus bringt alle um den Verstand. Was tun? Den Kameraden retten? Die Quarantänebeschränkung aufheben oder strikt einhalten? Was, wenn es ein Virus ist und mutiert? Es gibt kein Heilmittel. Wie damit umgehen? Es sind die verbalen Attacken der Mannschaft, die sich gegenseitig hochschaukelt, die die erste Stunde des Filmes dominiert und fesselt. Als Zuschauer sieht und ahnt man mehr, aber kann diese Zerrissenheit und omnipräsente Bedrohung spüren. Und doch stellt die Crew trotz unheimlichen Wesens den Mittelpunkt dar.

Mehr Slasher als Sci-Fi

Spätestens nach der Geburt des „Alien“ hat das Grauen eine Form gewonnen. Dann wird wirklich jedem Mitglied der Mannschaft bewusst, dass ab jetzt nur noch der Kampf um das nackte Überleben bleibt, denn der Feind lauert in der Dunkelheit und wartet darauf, dass jeder getätigte Schritt der letzte sein wird. Nach und nach wird die Mannschaft dezimiert, Scott geizt nicht mit (visueller) Strafe für jede Unachtsamkeit. Es ist ein Albtraum auf begrenztem Spielraum und der hält sich an keine (irdische) Regel. Der Mensch wird in der Nahrungskette weit, weit zurückgestuft und die Listigkeit des Aliens ist schon fast zynisch.

Ridley sieht das Zischen

Man merkt Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt das Alter von mehr als 40 Jahren an. Das Design des Aliens und Facehuggers verantwortete HR Giger, Innenarchitekt aus der Schweiz, der schon in frühem Alter einen Hang zu Monstern hatte. Als Kostümbildner hat er mit Alien zurecht einen Oscar erhalten. Seine eigene Passion für morbide und dunkle Gestalten, Wesen die aus dem Tod oder eines Fiebertraumes eines Wahnsinnigen entstammen konnten – genau das macht Giger aus. Das finale Design zur „Alienqueen“ bleibt ein Meilenstein. Diese Verwirrung von Monster innerhalb eines Monster sucht bis heute seines Gleichen.

Die Crew hört – nichts

Es gibt Markenzeichen, die sofort erkennbar sind. Coca-Cola-Rot? Sofort erkennbar. Apples Design? Tausendfach kopiert, man erkennt das Design. So haben auch Regisseure ihre Note im Laufe ihres Schaffens hinterlassen. Tarantino mit seiner niemals chronologischen Erzählweise und Hang zum Detail in Dialogen. Ryan Murphy, dass er alles und jeden als Teil der LGBTQ-Community umfuktioniert und dass einfach nur stylish aussieht. Auch Ridley Scott hinterließ seine Handschrift bei Alien sehr früh. Die aufwändigen, langsamen und Kamerafahrten und Aufnahmen. Die Fahrten durch die Einsamkeit, unterstrichen durch unaufdringliche Musik, die stärker wird und dennoch die Zuschauer alleine mit deren Gefühlen lässt. Dieses harmonische Zusammenspiel aus Kamera, Setting und Aufbau der Szenarien machen Alien bis heute zu einem Albtraum.

Action zum Ende und ein offenbleibender Albtraum

Scott verbindet die Urangst der Menschen, die Ohnmacht der „Menschlichkeit“ und schafft mit dem Wesen Alien das personifizierte und zugleich unfassbare Böse. Kein Charakter, kein Wille, kein Hintergrund. Einzig und allein Tötung und Reproduktion sind des Aliens Motivationsgründe. Scott erwies ein sehr gutes Händchen in Sachen Cast. Die Figuren leiden authentisch und die verstummenden Schreie sind glaubwürdig. Als Zuschauer fiebert und leidet man mit, wenn die nassgeschwitzten Wissenschaftler völlig fertig sind und keine weiteren Ideen zum Überleben haben. Genau hier greift wieder Scott ein und lässt das Wort „Überlebenswillen“ an sich neu definieren. Eine Frau hat nicht nur die letztendliche Oberhand, sondern ist auch moralischer Sieger in einem fragwürdigen Konstrukt. Natürlich ist die Mission und das Abfangen des Signals nicht bloß reiner Zufall. Im Gegenteil. Der zusammengeschlossene Weyland-Yutani-Konzern sucht und jagt diese Kreatur schon sehr lange. Daher wurde der Android Ash eingeschleust. Als Androide sieht er das Leben der Crew als entbehrlich. Der Kampf gegen das Alien und der Schlaf Ripleys in der Kryokapsel lässt das Ende offen und die Gefahr bleibt. Scott schafft einen nahtlosen und glaubwürdigen Übergang von Drama, Horror, Slasher zur waschechten Action-Schlacht in einem Sci-Fi-Mantel. In den fast zwei Stunden Laufzeit kommen keine Längen auf. Die anfänglich arg dialoglastigen Szenen erweisen sich als Brücke zu mehreren Genres, die es bis heute kaum gibt.

Fazit

Ja, das Alien-Design ist zeitlos, die Tricktechnik leidet unter dem Zahn der Zeit. Es mag sein, dass heute die Effekte nicht mehr so furchteinflößend herüberkommen. Nennen wir es liebevoll „oldschool“. Aber wer in die Filmwelt einsteigt und in den Genuss kommt, Alien das erste Mal in seinem Leben zu sehen – dieses Gefühl ist herrlich. Genau deswegen muss man Scott beglückwünschen, denn es ist ihm mit dem Auftakt der Reihe die Symbiose aus nötigem Realismus, Drama und Horror gelungen, sodass er sogar ohne das Monster hätte auskommen können. Die auch heute noch herausragende Atmosphäre steht den Nachfolgern in Sci-Fi und Horror in nichts nach. Scott zeigt, wie sich Angst, Paranoia und Stimmung ganz ohne Jump-Scares und emotional übersteuerter Musik erzeugen lässt. Dadurch bleibt Alien ein Meisterwerk, dem auch das ein oder andere (grausige) Prequel nichts anhaben kann.

© 20th Century Fox


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