A Werewolf in England

Seit The Werewolf von 1913, dem allerersten Film mit einem Werwolf im Zentrum, hat sich einiges getan. Auch wenn die filmische Popularität nicht so hoch wie bei Zombies und Vampiren ist, finden immer wieder Werwolf-Produktionen ihren Weg auf die Leinwand bzw. die Scheibe. Der britische Regisseur Charlie Steeds (Mutant River) hat für sein Filmjahr 2020/21 an gleich zwei Werwolf-Filmen gearbeitet: Werewolf Castle und A Werewolf in England. Letztgenannter setzt auf den Charme seiner Retro-Kulisse und lässt eine Menge Humor ins Geschehen miteinfließen. Der Film war hierzulande auf dem Obscura Filmfest 2021 zu sehen.

   

Ein Abend im viktorianischen England: Der Gemeinderat Horrace Raycraft (Tim Cartwright, Vampire Virus)  transportiert den Gefangenen Archie Whittock (Reece Connolly) zu seiner Hinrichtung ab. Ihm wird vorgeworfen, einen Mann enthauptet zu haben, doch Archie hält daran fest, dass es sich um eine wolfähnliche Kreatur handelte. Da ein Sturm aufzieht, verschlägt es die Männer mitsamt Kutscher in ein Gasthaus. Dort treffen sie auf die Besitzer Martha (Emma Spurgin Hussey, Doc Martin) und Vincent Hogwood (Barrington De La Roche, Winterskin), die Dirne Minnie (Jessica Alonso, Vampire Virus) und eine überschaubare Anzahl weiterer Gäste. Ihnen steht eine unbequeme Nacht bevor, denn es ist Vollmond und ganz falsch liegt Archie mit seiner Behauptung nicht …

Leicht verdaut, flüssig serviert

Originaltitel A Werewolf in England
Jahr 2020
Land Großbritannien
Genre Horror, Komödie
Regie Charlie Steeds
Cast Archie Wttrock: Reece Connolly
Horrace Raycraft: Tim Cartwright
Jane: Natalie Martins
Reverend Pankhurst: Mark McKirdy
Minnie: Jéssica Alonso
Matha Hogwood: Emma Spurgin Hussey
Vincent Hogwood: Barrington De La Roche
Laufzeit 85 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Obscura Filmfest 2021

Charlie Steeds widmet sich in seinem neunten Spielfilm (in einem beachtlichen Zeitraum von gerade einmal fünf Jahren) einer Horror-Ära, die Erinnerungen an klassische Hammer-Filme weckt, und verbandelt dies mit einer großen Menge eigenwilligen Humors, sodass man von einer liebevollen Hommage an die Horrorklassiker sprechen kann. In puncto Humor scheiden sich dann aber auch die Geister: Steeds ist Fan des derben Slapsticks und schreckt auch nicht vor grafischen Pipi-Kaka-Einlagen nicht zurück, die sich in absoluten Absurditäten … ergießen. Das muss man entweder mögen oder zumindest empfänglich für derartige Spielchen mit Ekelfaktor 10 sein. Der Ekelfaktor erhöht sich jedenfalls ungemein und die beiden betreffenden Szenen bleiben tatsächlich stärker in Erinnerung als jeglicher Gruselfaktor. Der Humor erinnert bisweilen an Sam Raimi-Produktionen wie etwa aus der Tanz der Teufel-Reihe. Wie immer gilt: Humor ist ebenso subjektiv wie die Dosis, die am Ende das Gift macht. Steeds mag es nicht nur absurd, sondern auch in hohen Mengen. Das muss man abkönnen, was auch für die zum Teil schrulligen Figuren gilt.

Auch Low Budget-Werwölfe können sich sehen lassen

Die spannendste Frage ist, wie sich die Werwölfe in einer Low Budget-Produktion schlagen. Die Rede ist besser gesagt eher von wolf-ähnlichen Hybridwesen, die vor ihrer Verwandlung noch in Kleidung zu sehen sind. Die Transformation als solche gibt es nicht zu sehen, augenscheinlich um Kosten für Visual Effects einzusparen. Vermissen würde man sie allerdings auch nicht, da dieser Punkt nicht handlungsrelevant ist. Die Kostüme der Werwölfe aus den Midnight Studios schinden jedenfalls Eindruck und die Schauspieler darunter, Sam Lane (Labyrinthia) und Derek Nelson (Pandamonium), wissen sie bestens in Szene zu setzen. Irritierender ist nur hier und da das Verhalten der Werwölfe, denn immer wieder stampfen sie einfach ziellos herum und bleiben dann regungslos im Hintergrund stehen, während sich im Vordergrund etwas abspielt. Unklar bleibt hierbei, ob es sich um ein gewünschtes Verhalten handelt oder die Regie ihren Fokus einfach nur sehr einseitig setzt.

Kleiner Rahmen, effektive Umsetzung

Werwölfe wollen bekanntermaßen nicht nur ihre Opfer reißen, sondern sich auch – so lernen wir es jedenfalls hier – hin und wieder entleeren. Die Gore-Effekte schrecken in ihrem Ausmaß vor nichts zurück und eine Augapfel-Entfernung demonstriert visuell, wieviel Spaß Steeds an der Zurschaustellung seiner Gore-Orgie hat. In allen Fällen überzeugen die Effekte auf eine ekelhaft-befriedigende Weise. Handwerklich gibt es für eine Low Budget-Produktion dieses Kalibers wenig zu bemängeln: Steeds etabliert einige geschickte Kameraperspektiven, welche den Schauplatz (gefilmt wurde in nur zwei Räumen in einer echten Location in Cornwall) wesentlich größer wirken lassen, als er eigentlich ist. Atmosphärisch jedenfalls kann diese kleine, aber feine Location überzeugen. Für den Cast griff Steeds auf seine Stamm-Darsteller:innen zurück, die sich bestens aufgelegt für eine solch überdrehte Produktion zeigen und mit endlosen Over-the-Top-Performances agieren: Jede Reaktion fällt geradezu übertrieben erschrocken aus. Tim Cartwright und Emma Spurgin Hussey können noch am ehesten ihr Schauspieltalent zeigen, während Reece Connolly zwar immer präsent ist, aber die Dinge um ihn herum stets spannender sind. Dank der temporeichen Erzählung und den Geschehnissen, die entsprechend schnell ins Rollen kommen, bleibt aber auch wenig Zeit, um sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wer nun wo im Haus herumrennt und ob das immer mit entsprechender Logik versehen ist. Wichtiger bleibt festzuhalten: Es kommen alle Lykantropen-Tropes zum Einsatz, die man sich nur vorstellen kann.

Fazit

Charlie Steeds ist ein junger Filmemacher, der mehr Leidenschaft als Budget für seine Filme besitzt. Das ist das, was A Werewolf in England auch auszeichnet: Die Liebe steckt im Detail, aber man sieht dem Film eben auch in jeder Szene an, dass er mit eingeschränkten Mitteln entstand. Wer sich also bewusst ist, sich auf einen Low Budget-Werwolf-Film einzulassen, kann kaum enttäuscht werden. Das hier ist weder An American Werewolf in London noch The Howling und erfindet das Rad schon gar nicht neu. Aber: Steeds Fähigkeiten, etwas aus wenig zu erschaffen und das auch noch mit einem echten Ideenreichtum, überzeugen. Werwolf-Liebhaber:innen und Hammer-Film-Fans werden viele Kleinigkeiten an A Werewolf in England zu würdigen wissen. Das Mainstream-Publikum dürfte bereits angesichts des Covers, das nach Wühltisch schreit, einen Bogen um den Film machen.

    © High Fliers Films

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

Abonnieren
Benachrichtige mich zu:
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments