A Town and a Tall Chimney

Mit A Town und a Tall Chimney wirft Regisseur Katsuya Matsumura einen Blick auf die beginnende Industrialisierung Japans und die damit einhergehenden Konflikte zwischen Großkonzernen und Landbevölkerung. Als Grundlage für sein Drehbuch diente ihm Jiro Nittas Roman Aru Machi no Takai Entotsu, in dem die tatsächlichen historischen Ereignisse beschrieben werden, die zum Bau von Japans damals höchsten Industrieschornstein geführt hatten, der bei seiner Fertigstellung 1915 immerhin ganze 156 Meter maß. Vorgestellt wurde der Film auf dem 21. Japan Filmfest in Hamburg.

 

1910. Um mit den Großmächten mithalten zu können, treibt Japan seine Industrialisierung voran. Die seit einigen Jahren von Hitachi Kozan betriebene Kupfermine in der Präfektur Ibaraki hat bereits große Schäden in der Umgebung angerichtet. Der schädliche gelbe Rauch, der durch den Kupferabbau entsteht, breitet sich immer weiter aus und bedroht nun das Dorf Irishiken. Saburo Sekine, Enkel des ehemaligen Dorfvorstehers, hat sich an der Universität in Tokyo beworben und hofft, das Landleben hinter sich lassen zu können. Doch als sein Großvater stirbt, gibt er seinen Traum, Diplomat zu werden, auf und bleibt in Irishiken, um alles dafür zu tun, dass Hitachi Kozan Maßnahmen zum Umweltschutz ergreift und nicht nur Reparaturzahlungen leistet. Sein Cousin Tsunekichi, dem ebenso wie Sekine viel Land gehört, unterstützt ihn dabei. Einen weiteren Verbündeten findet er in Junpei Kaya, einem Mitarbeiter des Konzerns, der die Anliegen der Dorfbewohner ernst nimmt. Doch gegenseitiges Misstrauen, mangelnde Solidarisierung zwischen den Dörfern und Missverständnisse sorgen dafür, dass es nicht immer friedlich und respektvoll miteinander zugeht.

Zwei junge Idealisten

Originaltitel Aru machi no takai entotsu
Jahr 2019
Land Japan
Genre Drama
Regie
Katsuya Matsumura
Cast Saburo Sekine: Asato Ide
Junpei Kaya: Dai Watanabe
Hyoma Sekine: Tatsuya Nakadai
Laufzeit 130 Minuten
FSK unbekannt
Bislang keine Veröffentlichung geplant

Geschultert wird A Town and a Tall Chimney von den beiden Hauptdarstellern Asato Ide und Dai Watanabe. Asato Ide spielt den jungen Saburo Sekine, der in seiner Verantwortung gefangen seinen Traum und seine Zukunft in der großen Welt aufgibt, um einem Dorf zu helfen, welches er zuvor als „tot“ betitelt hat, nur weil seinem verstorbenen Großvater ein Fehler unterlaufen ist. Sein Saburo ist trotz seines jungen Alters bereits sehr reif und handelt meist überlegt und beherrscht. Ein Idealist, der dennoch die Welt, in der er lebt, gut kennt und weiß, wie die Dorfbewohner denken und wie die Tricks des Großkonzerns funktionieren. Ein Verliebter, der mit der Dame seines Herzens mit Seifenblasen spielt. Ein Hartnäckiger, der nicht aufgibt. Und ein junger Mann, dessen Enttäuschung ihn aus dem engen Korsett der Selbstbeherrschung reißt. Ein Glücksgriff ist die Besetzung des Konzernangestellten Junpei Kaya. Dai Watanabe spielt den Älteren, der schon einiges im Leben zustande gebracht und auch wieder verloren hat, mit einer ruhigen Ernsthaftigkeit, hinter der aber immer wieder der Idealist durchschimmert, der daran glaubt, dass eine Koexistenz zwischen Hitachi Kozan und den Dorfbewohnern möglich ist, und der Saburos Mut bewundert, sich gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner behaupten zu wollen. Verhalten, aber doch präsent spielen die beiden jungen Männer ihre Rollen, ergänzen einander und lassen großes Potenzial für zukünftige Projekte erahnen.

Nicht Fleisch, nicht Fisch

Leider schafft es die Umsetzung von Jiro Nittas Roman Aru Machi no Takai Entotsu nicht, sich auf ein Thema zu fokussieren. Neben dem Kampf für Umweltschutz und den Erhalt der Dörfer finden sich noch Saburos Briefwechsel mit einem norwegischen Wissenschaftler, dem kaum Beachtung geschenkt wird, sowie eine aufkeimende Liebesgeschichte, die Dank Tuberkulose ihr Ende findet, bevor sie überhaupt Eindruck hinterlassen kann. Ein bemerkenswerter Kirschbaum taucht einmalig auf, um dann sang- und klanglos einzugehen. Auch ohne diese Elemente hätte A Town and a Tall Chimney bestens funktioniert, abgesehen davon, dass es erst in den letzten Minuten des Films überhaupt um besagten Schornstein aus dem Titel gegangen ist, weil dieser dann wie aus einem Hut als Lösung hervorgezaubert wurde. Hier hätte es dem Film gut getan, wenn ein wenig mit der chronologischen Abfolge gespielt worden wäre, um den Zuschauer nicht allzu lange zappeln zu lassen. Insgesamt lässt die unaufgeregte Handlung dem Zuschauer genügend Freiraum, um sich seine eigenen Gedanken zu machen, und begeht nicht den Fehler, die beiden Lager in Gut und Böse aufspalten zu wollen. Sowohl bei Hitachi Kozan als auch in Irishiken gibt es Mitmenschen, die sich auf Kosten anderer profilieren wollen, aber auch Streiter für einen besseren Umgang miteinander.

Fazit

Insgesamt gefällt A Town and a Tall Chimney schon ganz gut, das Dilemma zwischen technischem Fortschritt und Bewahrung des Lebensraums wird gut dargestellt. Durch die meiner Meinung nach unnötigen Szenarien gelingt es aber nicht, Saburos und Junpeis Charakter zu vertiefen. Es wird viel Zeit auf Nebenschauplätzen vertan, die mit einer Fokussierung auf diese beiden Hauptfiguren besser genutzt worden wäre. Dafür sind die Landschaftsaufnahmen grandios, und der Gedanke, dass der gelbe Rauch diese wunderbare Natur zerstören könnte, tut richtig weh. Richtig begeistert bin ich von Dai Watanabe, dem Sohn von Ken Watanabe. Die Szene, in der er sich gegen den ins Büro einfallenden Mob stellt, um anschließend Halt an der Tischkante zu suchen, gehört für mich zu den besten des ganzen Films.

© CREi Inc.

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