964 Pinocchio

Insbesondere in Japan war das Interesse an Cyberpunk in den späten 80ern und frühen 90ern groß. Während man im Westen wohl zuerst an Blade Runner (1982) oder Videodrome (1983) denkt, sind das in Japan vor allem Ghost in the Shell (1995) und Tetsuo: The Iron Man (1989). Letzterer trug seinen Teil dazu bei, dass weitere Indie-Filme im Untergrund entstanden. Sozusagen mit kaum Budget ausgestattet, dafür aber vielen schrägen Ideen, wie ein dystopisches Japan der Zukunft aussehen könnte. Dazu gehört auch 964 Pinocchio von Shozin Fukui (Rubber’s Lover). Einen großen Hype konnte die Low Budget-Produktion nicht hervorrufen, es erfolgte trotzdem außerhalb Japans immerhin eine Veröffentlichung in Großbritannien und den USA unter dem Titel “Screams of Blasphemy“. Für einen derartigen Nischentitel ist ein Deutschland-Release nach über 30 Jahren nahezu ausgeschlossen. Zumindest ein offizielles, denn der Film konnte zumindest eine kleine Fan-Gemeinde gewinnen und geistert mit englischen Untertiteln durch YouTube.

 

Die Central Service Company baut Sex-Roboter, so genannte “Pinocchios”. Modell Nr. 964 wird von seiner Verkäuferin jedoch auf die Straße gestellt, wo er dank Gedächtnisverlustes ziellos umherwandert, bis er auf die obdachlose Kyoko trifft. Der einsamen jungen Frau kommt Modell Nr. 964 gerade recht, während die Central Service Company versucht, den fehlgesteuerten Sex-Roboter zu finden und unschädlich zu machen. Es beginnt eine gemeinsame Flucht in den Untergrund der Stadt …

Träumen Sex-Roboter vom Liebemachen?

Originaltitel 964 Pinocchio
Jahr 1991
Land Japan
Genre Science-Fiction
Regie Shozin Fukui
Cast Pinocchio 964: Haji Suzuki
Himiko: Onn-chan
Narishima: Koji Otsubo
Hisho: Kyoko 
Laufzeit 97 Minuten
FSK
Keine Veröffentlichung bislang

Es ist fast nicht möglich, 964 Pinocchio zu sehen, ohne dabei Tetsuo: The Iron Man vor Augen zu haben. Insofern könnte es der Sehfreude durchaus zuträglich sein, wenn man den Referenzfilm nicht gesehen hat, da dieser als der weitaus bessere gilt. 964 Pinocchio besitzt erhebliche Mängel in der Produktion: Er ist zu lang geraten, um auf Spielfilmlänge zu kommen. Er besitzt kaum Budget und zeigt daher überwiegend dreckige japanische Straßen und Bahnhöfe. Ein Soundtrack existiert ebenso wenig wie ein durchdachtes Drehbuch. Doch darum soll es gar nicht gehen: Dies ist kein Film, den man sich ansieht, um irgendeinen erzählerischen oder audio-visuellen Anspruch erfüllt zu bekommen. Es geht um etwas ganz anderes: Wie war die Vorstellung von Japanern in den 90ern, wie eine düstere Zukunft aussehen könnte, in der Roboter unsere sexuellen Wünsche erfüllen? 964 Pinocchio ist ein ungefilterter Trip in den grauen japanischen Alltag. Ohne all zu viele Filter, ohne Beleuchtung, weit entfernt von glossy HD-Qualität. Ein sehr rauer und dunkler Trip eines völlig wirren Cyborgs, dessen Auftreten eher dem eines außer Kontrolle geratenen Psychopathen gleicht.

Gehirnmodifizierter Sex

Das Schauspiel von Haji Suzuki und Onn-chan, die Pinocchio 964 und dessen Finderin Hitomi spielen, ist nicht weiter der Rede wert: Die beiden Laien versuchen ihr Bestes und tragen mit ihrem Overacting sogar dazu bei, dass der Eindruck, den der Film hinterlässt, noch weit verrückter ist. Wen wundert es: Eine Schauspielkarriere hat keiner der Beteiligten hingelegt. Das wirre Gerenne, ihr Gekreische und ihr im Gegensatz dazu völlig lethargisches Herumhängen erinnert am ehesten an Junkies, die abwechselnd auf Droge und dann wieder völlig fertig sind. Als wäre das alles nicht schon abgedreht genug, baut Shozin Fukui natürlich (es geht immerhin im Kern um Sex) auch noch Fetische ein: Er setzt auf Speichel und Erbrochenes. Aber nicht beiläufig, sondern ausufernd. Dazu gibt es comichafte Gewalt und extravagante Theatralik. Faktoren, die das Ergebnis zu einem Trip machen.

Fazit

964 Pinocchio ist kein Film, der irgendeiner kritischen Betrachtung Stand halten kann. Sein Budget verhindert jeden Anflug von Qualität. Und trotzdem ist der Mindfuck-Faktor (Mindfucktor?) derart hoch, dass man mit einem Faible für Cyberpunk oder Japano Extrem-Vorliebe nicht drumherum kommt, einen Blick zu wagen. Die Kameraführung bekommt aufgrund ihrer Willkür schon fast einen künstlerischen Wert. Als Spielfilm bekommt diese Produktion die rote Karte. Als Erfahrung eine bedingte Empfehlung, sofern man sich für die Thematik erwärmen kann und offen für Fernost-Skurrilitäten ist. Einstellen muss man sich auf eine bizarre, teilweise sehr eindrückliche Bilderflut. Aber auch auf den missglückten Versuch, einen Kultfilm zu schaffen.

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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3 Comments
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Alva Sangai
Redakteur
13. März 2022 21:53

Oha, die Geschichte klingt ja mal extrem verrückt. Macht sie wirklich mit dem Sex-Roboter das, was ich denke? Aber es wundert mich nicht, dass die Story aus Japan kommt. 😀

Alva Sangai
Redakteur
Antwort an  Ayres
13. März 2022 23:24

Haha gut 😀 Dachte schon, die wären aufs Ganze gegangen :p