47 Ronin

Lesezeit: 6 Minuten

In Japan kennt jedes Kind die Geschichte der 47 treuen Gefolgsleute, die den Tod ihres Herren rächen. Im Westen nur ein paar Japan-Fans. Wie wäre es, wenn Hollywood den Stoff auf die Leinwand brächte? Mit einem amerikanischen Star in der Hauptrolle und Drachen und Monstern und Magie? Ein kühnes Unterfangen, auf das Regisseur Carl Rinsch sich da mit 47 Ronin einlässt. Mit so etwas kann man einen Volltreffer landen, es kann aber auch ein grandioser Flop werden.

  

Als Fürst Asano (Min Tanaka, Rurouni Kenshin: Kyoto Inferno) im Wald einen bewusstlosen Jungen findet, ist niemand von der Idee angetan, ihn in den fürstlichen Haushalt aufzunehmen. Denn der Junge ist nicht nur ein ungewolltes Kind einer japanischen Bäuerin und eines britischen Matrosen, er ist offenbar auch von Dämonen großgezogen worden. Nur der Fürst und seine Tochter Mika (Kō Shibasaki, Dororo) schenken ihm etwas Zuneigung. Jahre später ist das Findelkind namens Kai (Keanu Reeves, John Wick) ein treuer Diener seines Fürsten und heimlich in die Prinzessin verliebt, aber immer noch ein Aussenseiter am Hof, der von den Samurai des Fürsten verachtet wird. Da stattet der Shogun Fürst Asano einen Besuch ab. In seinem Gefolge der finstere Fürst Kira (Tadanobu Asano, Thor), der mit Hilfe der Hexe Mizuki (Rinko Kikuchi, Pacific Rim) eine Intrige gegen Fürst Asano anzettelt. Durch Magie geblendet geht Fürst Asano auf Fürst Kira los und muss darum auf Befehl des Shoguns Seppuku begehen. Sein Vasall Oishi Kuranosuke landet im Verlies, die anderen werden zu Ronin, herrenlosen Samurai. Kai ist als Sklave an die europäischen Seeleute auf dem niederländischen Handelsposten Dejima verkauft worden. Prinzessin Mika soll nach einem Jahr der Trauer Fürst Kira heiraten, der sich mit der Prinzessin auch die Provinz Asano unter den Nagel reißt. Nach fast einem Jahr gelingt Oishi die Flucht. Er versammelt die verstreuten Gefolgsleute des Fürsten und befreit Kai aus der Sklaverei, damit er sie mit seinen bei den Dämonen erlernten Kampfskills unterstützt. Gemeinsam planen sie einen Überfall auf Fürst Kiras Palast, um blutige Rache zu nehmen.

Was wirklich geschah

Originaltitel 47 Ronin
Jahr 2013
Land USA
Genre Fantasy
Regisseur Carl Rinsch
Cast Kai: Keanu Reeves
Ōishi Kuranosuke: Hiroyuki Sanada
Prinzessin Mika: Kō Shibasaki
Mizuki: Rinko Kikuchi
Fürst Kira: Tadanobu Asano
Fürst Asano: Min Tanaka
Shōgun Tsunayoshi: Cary-Hiroyuki Tagawa
Ōishi Chikara:Jin Akanishi
Savage: Rick Genest
Laufzeit 119 Minuten
FSK

Wenn man diesen Film mit seiner opulenten Fantasy-Ausstattung so sieht, den Dämonen, gestaltwandelnden Hexen und bedrohten Prinzessinnen, kommt man kaum auf den Gedanken, dass er auf einer historischen Begebenheit beruht, die tatsächlich stattgefunden hat. Nur, dass der Auslöser nicht schwarze Magie eines machtgierigen Schurken war, sondern ein Zwischenfall am Hof des Shoguns: Anfang des 18. Jahrhunderts fühlte sich ein junger Daimyo sich von dem Zeremonienmeister, der ihm beibringen sollte, wie man kaiserliche Gesandte empfängt, so beleidigt, dass er ihn mit einem Dolch angriff und leicht verletzte. Im Palast eine Waffe zu ziehen, galt als so schweres Verbrechen, dass die Tat nur durch Seppuku gesühnt werden konnte. Die zu Ronin, herrenlosen Samurai, gewordenen Gefolgsleute des unglücklichen Daimyo planten heimlich Rache, die sie zwei Jahre später in die Tat umsetzten. 47 von ihnen drangen in das Anwesen des Zeremonienmeisters ein, töteten ihn und brachten seinen Kopf zum Grab ihres Herrn. Dann stellten sie sich den Behörden und wurden zum Tode verurteilt, erhielten aber die Erlaubnis, ebenfalls rituellen Selbstmord zu begehen. So weit, so unbedeutend. Aber der Vorfall traf einen Nerv der Zeit: in einer Zeit des Friedens, in der schwertkämpfende Vasallen keine Funktion mehr hatten, stellte sich die Frage, wie und wann ein Samurai noch tut, was ein Samurai tun muss. Ehre? Ja. Rache? Ja. Gesetzesbruch? Nein. Aus der Nummer kommt man nur heraus, wenn man durch Selbstmord beweist, dass man legal im Unrecht, moralisch aber im Recht ist. Der Stoff hatte eine solche Zugkraft, dass er im Lauf der Jahrhunderte immer wieder neu verarbeitet wurde, für Kabuki, für Puppentheater und später im Film.

Historischer Stoff meets Fantasy

Die kleine historische Episode aus der Genroku-Zeit wird hier zu einem bunten Fantasyspektakel. Irgendwie muss man ja eine Rolle für Keanu Reeves einbauen und eine Welt, in der ein halbeuropäisches Waisenkind am Samurai-Rachefeldzug par Excellence teilnimmt und die Sache überhaupt zum Erfolg führt, muss eine Welt jenseits der Realität sein. Was klappen könnte. Im Anime-Bereich gibt es jede Menge Beispiele für unverfrorenen Corssover-Stilmix, wo etwa die großen Kämpfer der Sengoku-Zeit zu niedlichen Mädchen werden oder in Mechas steigen und zwischen blühenden Kirschbäumen mit Hightech-Waffen aufeinander eindreschen. Warum also nicht ein Waisenjunge mit der Macht der Dämonen-Schwertkunst als Sidekick von Oishi Kuranosuke und seinen 46 Rächern? Der vielleicht auch die Prinzessin kriegt? Die Prinzessin sieht schon mal toll aus, in ihren quasi-japanischen Beinah-Kimonos. Eine Hexe gibt es auch, und die ist richtig klasse. Rinko Kikuchis Blick aus zweifarbigen Augen ist enorm verführerisch und mit ihren Haarsträhnen kann sie sogar Essstäbchen benutzen. Und was CGI alles mit seidigen Stoffbahnen anstellen kann! Das lenkt zwar alles von der Geschichte ab, aber optisch ist es wunderbar. Schade, dass die Szene in Dejima so kurz ist, das ist ein Ausflug in die Welt von Pirates of the Caribbean, der zwar zur Geschichte der 47 Ronin so wenig dazugehört wie Schlagsahne auf ein Leberwurstbrot, aber als barocker Schnörkel macht er sich sehr schön.

Annäherung an eine fremde Welt

Bei aller Dreistigkeit, mit der der Film sich einen Stoff aus einer anderen Kultur krallt, um daraus ein Keanu Reeves-Vehikel zu machen, muss man ihm zugute halten, dass er sich große Mühe gibt, einerseits diese Kultur angemessen und respektvoll darzustellen und andererseits klarzumachen, dass es eine Fantasy-Version des alten Japan ist, in der man sich andere Dinge erlauben kann als in einem Historienfilm. Ein Versuch, eine eierlegende Wollmilchsau zu züchten, der scheitern muss. Alle Darsteller außer Keanu Reeves und den Bewohnern von Dejima sind Japaner und alle sprechen Englisch. Mit mal mehr, mal weniger japanischem Akzent, was schön authentisch klingt, aber vermutlich hätten sie sich wohler gefühlt, wenn sie nicht in einer Fremdsprache hätten agieren müssen. Der Verlauf der Handlung ist bei allen Abstechern in das Reich der Fantasy der gleiche wie in der Vorlage, bis zum bitteren, so dermaßen nicht Hollywood-kompatiblen Ende. Alle begehen Selbstmord. Sogar der Außenseiter Kai, der damit endlich Anerkennung erfährt. Das muss man sich in einem Film für den Weltmarkt erstmal trauen. Aber es funktioniert nicht. Erstens, weil Kai kein Samurai ist und auch keiner wird, egal, wie treu und kampfesmutig er ist. Von ihm verlangt keiner dieses Opfer. Hätte Oishi ihm für seine Dienste etwas Gutes tun wollen, hätte er ihm vielleicht zur Flucht verholfen und ihm aufgetragen, hinfort die Prinzessin zu schützen, während alle anderen Seppuku begehen. Aber dass er da mit dabei ist, ist eine sehr steile Vorgabe, die nicht wirklich stimmig ist. Zweitens, weil der Fantasykontext die Gewichtung verschiebt. Den Tod eines Fürsten zu rächen, der wegen einer Lappalie sterben musste, um dann selber in den Tod zu gehen, mag bei sehr schroffen Ehrbegriffen das einzig Senkrechte sein. Aber was ist verkehrt daran, ein kleines Reich des Bösen zu vernichten? Und einen Schurken zu töten, der mithilfe schwarzer Magie friedliche Landstriche an sich reißt und Prinzessinnen drangsaliert? Vielleicht hätten sie dem Shogun mal erklären sollen, was Fürst Kira alles angestellt hat?

Fazit

47 Ronin ist eine Kuriosität des weltweiten Filmmarkts, der gescheiterte Versuch mit einem irrwitzigen Crossover gleich zwei Märkte zu bedienen. Man stelle sich vor, irgendwo in Bombay käme jemand auf die Idee Robin Hood zu verfilmen. Im Wald von Sherwood sitzen Robin und seine Mannen und beschließen, von den Reichen zu nehmen, den Armen zu geben, den bösen Prinzen John zu bekämpfen und Richard Löwenherz zu seinem Thron zu verhelfen. Aber das klappt nicht so recht, denn ihnen fehlt der Auserwählte… da reitet ein indischer Prinz durch den Wald, der aussieht wie Shah Rukh Khan, besser schießt als Robin, schöner singt als Allan-a-Dale und mit Maid Marian eine heiße Tanznummer hinlegt. Ehrlich gesagt… aus tausendundeinem Grund ist das eine bescheuerte Idee, aber diesen Film will ich sofort sehen! Leider gibt es ihn nicht. 47 Ronin hat ein ähnliches Absurditätspotenzial. Und der Film sieht toll aus. Ich könnt stundenlang Rinko Kikuchi beim Zaubern und Schurkinnendialoge Zischen zusehen. Leider bleibt es eine unrunde Angelegenheit und so richtig spannend wird es auch nicht. Wieder mal einer von diesen Fantasyfilmen, deren Trailer viel versprechen, aber die all der Eye Candy dann doch nicht retten kann.

© Universal Pictures 

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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