32 Malasana Street

Hat der herkömmliche Horrorfilm mit Geistern oder Dämonen überhaupt noch eine Chance zu begeistern? The Conjuring, Insidious und Konsorten hängten die Messlatte in den 2010ern hoch. Jeder neue Film muss sich zwangsweise dem Vergleich mit den modernen Klassikern stellen – und verliert. Umso bemerkenswerter erscheint es dann, wenn ein Low Budget-Streifen mit einem schmalen Budget von gerade einmal 1 Mio. Dollar und noch dazu aus einem Land wie Spanien von einem international bislang nicht beachteten Regisseur das Gegenteil bewirken kann. Albert Pintó (To Kill God) erschuf mit 32 Malasana Street einen solchen Film: Mit einem großartigen Gespür für Atmosphäre, unheimliche Locations und fiese Schreck-Effekte stattet er seinen zweiten Horrorstreifen aus. Die nervenaufreibende Geisterbahnfahrt ist der große Überraschungshit der Fantasy Filmfest Nights 2020 und wurde gerade einmal innerhalb von fünf Wochen gedreht. Somit bleibt nur noch auf ein baldiges Erscheinen in deutschen Gefilden zu hoffen.

Madrid in den 70ern: Familie Olmedo hat die letzten Jahre gespart, um sich den Traum von einer Wohnung in Spaniens Hauptstadt zu erfüllen. Es ist ein großer Schritt vom Land in die weite Stadt. Da die Vormieterin verstorben ist, hinterlässt diese eine große möbilierte Wohnung, was für eine Familie aus einfachen Verhältnissen Luxus bedeutet. Vater Manolo (Iván Marcos, Dhogs) und Mutter Candela (Bea Segura, Painless) bleibt keine andere Wahl, als sofort neue Jobs anzutreten. Derweil hütet Tochter Amparo (Begona Vargas) als älteste Tochter das Haus. Ein undankbarer Job, denn mit dem kleinen hyperaktiven Rafa (Iván Renedo) und dem dementen Großvater Fermin (José Luis de Madariaga, Fidel) hat sie alle Hände voll zu tun. Seit der Ankunft der Familie verhalten sich beide merkwürdig. Plötzlich ist der Junge verschwunden …

Sechs Familienmitglieder, ein neues Leben

Originaltitel 32 Malasaña
Jahr 2020
Land Spanien
Genre Horror
Regie Albert Pintó
Cast Amparo: Begoña Vargas
Manolo: Iván Marcos
Candela: Bea Segura
Pepe: Sergio Castellanos
Fermín: José Luis de Madariaga
Rafa: Iván Renedo
Laufzeit 104 Minuten
FSK unbekannt

Auf dem Papier erscheint die Handlung von 32 Malasana Street wie ein hundertfach dagewesener Titel oder die Neuauflage der Neuauflage der Neuauflage eines Klassikers aus den 70ern. Doch der Schein trügt: Das Drehbuch von Ramón Campos und Gema R. Neira hat eine ins Detail zu Ende gedachte Hintergrundgeschichte in der Tasche, die selbstbewusst von sich behaupten kann, nicht vorhersehbar zu sein. Ebenso wenig auch, wie weit die Autoren nun wirklich gehen werden. Denn Familie Olmedo ist grundsympathisch und gehört nicht zu jenen Bewohnern, den man einen schnellen Tod wünscht. Im Gegenteil: Die Geschichten der einzelnen Familienmitglieder, das Eingewöhnen in die neue Lebenssituation und die Verhältnisse zwischen den Familienmitgliedern wecken das Interesse, dicht bei ihnen zu sein.

Das Böse spielt gerne

Zu den Standardzutaten eines jeden, wirklich jeden, Horrorfilms gehören knatternde Türen, knarzende Böden und verrückt spielende Telefone. In dieser Hinsicht bietet auch 32 Malasana Street keine Ausnahme. Viel spannender ist da schon das Vorhaben des Regisseurs, den übernatürlichen Terror auf die Spitze zu treiben. Das Böse pirscht sich hier nicht auf leisen Sohlen heran, sondern dreht direkt so richtig auf. Soviel Offensive kommt unerwartet und sorgt für Erstaunen. Denn einmal weggedreht, kann der Kontakt nur zwei Sekunden später bereits bestehen. Die Erfahrung macht auch Sohn Pepe (Sergio Castellanos, Offenes Geheimnis) der über eine vor seinem Fenster gespannte Wäscheleine mit einer unbekannten Nachbarin kommuniziert, indem er mit Wäscheklammern fixierte Zettel zum Haus gegenüber befördert. Die Antworten kommen allerdings unerwartet schnell, so dass jeder Zuschauer hier bereits den Braten riecht. Ebenfalls löblich ist, dass die Geschichte ihren Fokus zwar auf Amparo legt, aber jedes Familienmitglied früher oder später mit ungewöhnlichen Vorkommnissen konfrontiert werden. Spannend bleibt da insbesondere die Frage, wann die Familienmitglieder denn endlich einmal miteinander kommunizieren.

Der Staub der 70er, stimmungsvoll präsentiert

Albert Pintó hat aus der stimmungsvoll eingerichteten Wohnung alles herausgeholt: Die düsteren Farben werden gelegentlich lichtgeflutet und die betagte Einrichtung sorgt für wohlige Gruselatmosphäre. Der Plattenspieler befördert derweil spanische Schlager zu Tage, die das Gefühl vermitteln, selbst in einem Spanien-Urlaub vergangener Tage zu stecken, während das Haus mit den hohen Decken gleichermaßen unheimlich wie charismatisch erscheint. Ein Ort, in dem Leben und Geschichte in jeder Wand stecken und man die Nostalgie förmlich riechen kann. Dass die Handlung nicht alleine durch schaurige Atmosphäre vorankommt, liegt nahe. Das Tempo wird spürbar erhöht, sobald die Jump-Scare-Orgie einmal beginnt. Denn da agiert Albert Pintó nicht anders als seine Genre-Kollegen James Wan und Co.: Die Schock-Effekte krachen dank einer ausgeklügelten Soundkulisse so richtig.

Fazit

Trotz der handelsüblichen Zutaten, ohne die das Genre nicht bedient werden kann, stellt 32 Malasana Street einen ambitionierten Horrortitel mit sympathischen Figuren dar. Ein echter Geheimtitel des Fachs, den man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man sich wieder einmal so richtig erschrecken lassen will. Der beste Beweis dafür, dass sich Jump-Scares und atmosphärische Erzählung nicht gegenseitig ausschließen, sondern harmonisch zusammenspielen.

© Studiocanal
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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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