Myre: Die Chroniken von Yria (Band 2)

Lesezeit: 4 Minuten

Wenn Legenden nicht tot bleiben wollen und riesige Monster durch die Welt wandern, dann liest man Myre. Die Fortsetzung der Chroniken von Yria bietet einen Hauch von Indiana Jones gemischt mit American Werewolf. Wer jetzt Trash erwartet, muss zu einem anderen Titel greifen, denn Claudya Schmidt verwebt allerlei Ideen zu einem bildgewaltigen Kunstwerk. Geheimnisse müssen entdeckt, nicht betretene Weg wiedergefunden und neue Bekanntschaften geknüpft werden. Darüber hinaus sollte man nie das wertvollste Gut in einer trostlosen Welt vergessen werden: Freundschaft. Wie gut das in einer Welt funktionieren kann, in der jeder auf das eigene Überleben achtet, findet man heraus im zweiten Band von Myre, den der Splitter Verlag 2018 veröffentlichte.

Myre begibt sich mit ihrer Drachin Varug nach Ehraan City, um Boozers Bekannten ein Paket zu übergeben. Ihr Weg führt durch die von Wanderern zerstörte Stadt Flint Forge. Man sieht die Wesen (noch) nicht, bekommt aber einen Eindruck ihrer Größe, als Myre auf Varug durch einen Fußabdruck reitet. Als beide dann an ihrem kreisrund gebautem Ziel ankommen, müssen sie sich allerlei Bürokratie stellen. So müssen alle Tiere abgesessen und an der Leine über die Brücke in die eigentliche Stadt geführt werden. Auch darf Myre ihre Freundin nicht weiter als bis zu den Ställen am Stadtrand mitnehmen. Getrennt voneinander begibt sich unsere Heldin immer tiefer in die Stadt und trifft dabei auf Lutz, der ihr seine Hilfe anbietet. Doch schnell bringt der junge Kleptomane sie in Schwierigkeiten. Ihre Flucht ist geprägt von Verlusten und Entdeckungen.

Seelenverwandtschaft

Originaltitel Myre (Chronicles of Yria 2)
Jahr 2017
Land USA
Genre Fantasy
Autoren Claudya Schmidt, Matt W. Davis
Zeichnerin Claudya Schmidt
Verlag Splitter Verlag

Direkt auf den ersten Seiten des zweiten Teilbandes von Myre (ihr erinnert euch vielleicht an die Erklärung aus der Rezension zu Teil 1) wird angedeutet, dass Myre und Varug mehr als Freundinnen sind. Die Legenden sagen, dass sich früher die Drachen an besondere Personen gebunden haben. Könnte es sein, dass dies bei Varug und Myre passiert ist? Jedenfalls schafft es Claudya Schmidt, die Beziehung der beiden wieder in zahlreichen Facetten einzufangen. Die Mühe, die sie sich als Autorin und Zeichnerin dabei gibt, ist auf jeder Seite erkennbar. Man sieht, dass ihr gemeinsames Leben nicht leicht ist, sie aber alle Hindernisse gemeinsam gehen. Kleinere Streitereien sind schnell überwunden, denn sie wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können, wenn es wichtig ist. Und sie auch voneinander abhängig sind und das Leben ohne die andere härter und trostloser wäre.

Aufbau der Welt: In Progress

Im zweiten Buch von Myre erfahren wir viele weitere Dinge über die Welt von Yria. Gigantische Wesen wie die Wanderer werden ebenso wie andere Monster eingeführt. Selbst reichere Städte beherbergen Personen, die durchs Raster gefallen sind und zu überleben versuchen. Gänzlich vergessen befinden sich unter Ehraan City Katakomben, die so wirken, als sei man in einer anderen Welt gelandet. Dort einen leicht senilen, aber überaus weisen Mann namens Soyga zu begegnen erwartet niemand. Und trotzdem scheint der Wächter dieser alten Tempelanlage nur auf Myre und Lutz gewartet zu haben und möchte die beiden zu ihrem Schicksal führen. Durch seine der oberirdischen Welt entfremdete Lebensweise ist diese Begegnung unfreiwillig komisch. Niemand hat ihn in den letzten Jahrzehnten in Frage gestellt. So reagiert er überaus ruppig, schelmig und mehr als nur leicht verwirrt auf die Fragen von Myre und Lutz. Soyga ist genauso wie Boozer ein relativ kurz eingeführter Charakter, bei dem man hofft, dass es nicht die letzte Begegnung gewesen sein wird.

Lies doch mal einen Film!

Man merkt deutlich, wie sich Claudya Schmidts Fähigkeiten noch ein ganzes Stück verbessert haben. Eine besondere Seite ist zum Beispiel die letzte mit der Flucht von Myre, Varug und Lutz vor ihren Verfolgern. Als sie sich plötzlich zwischen erzürndten Bewohnern und der Stadtwache wiederfinden, baut die Autorin eine Viertelseite ein, die wie ein antikes Jugendstilgemälde wirkt: Man würde so etwas auf einem alten Wandbehang erwarten, welcher epische Schlachten in Bildern nacherzählt. Sie bleibt ihrem Wunsch, einen Film in Form eines Comics zu erzählen, treu. So haben wir erneut einen dekompressierten Erzählstil, der sehr sequentiell wirkt. Würde man die Bilder schneller vor dem Auge des Lesenden ablaufen lassen, hätte man eine wunderschön gestaltete Geschichte vor sich. Großflächige Nahaufnahmen zeigen überwucherte Tempel, Wüstenlandschaften und Sümpfe. Im Zusatzmaterial schreibt Schmidt, wie sie immer und immer wieder Panels oder ganze Szenen überarbeitet und angepasst hat, bis ein homogenes Ganzes entstanden ist. Diese Mühe merkt man den beiden Bänden von Myre an, denn sie hat sich sehr gelohnt!

Fazit

Die zweite Hälfte von Myre gefällt mir von der Plottiefe ein ganzes Stückchen besser. Band 1 wirkt wie ein langer Prolog, in dem Figuren eingeführt werden, die Welt gezeigt wird und unsere Heldinnen auf eine Mission geschickt werden. Im zweiten Teil ist Myre viel aktiver und man erfährt viel über die Beziehung zu ihrem Reittier Varug. Diese Freundschaft ist etwas besonderes, was allein schon die Mühen zeigt, die sich Myre nicht scheut zu unternehmen, um zu Varug zurückzukehren. Es gibt so viel zu entdecken, so viele Geschichten, die angedeutet werden und bei denen ich hoffe, dass sie irgendwann einmal ausgeführt werden. Ich bin begeistert über die Detailtreue, die sich die Macher von Myre auf die Fahne geschrieben haben und bin sehr gespannt auf die weitere Reise. Jedoch kündigt Claudya Schmidt im Zusatzmaterial an, dass sie mit Haunter of Dreams erst einmal eine der Legenden von Yria erzählen möchte. Die Vorschaubilder des Comics sehen farbenprächtig und vielversprechend aus, weswegen ich es kaum erwarten kann, auch diesen Band in meinen Händen zu halten!

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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