Zerbrochene Sterne

Science-Fiction ist vielfältig. Es kann um Raumschiffe oder Roboter gehen, aber auch um Zukunftsreisen, Parallelwelten oder ganz fremde Welten. Auf dem Buchmarkt befinden sich nicht ausschließlich bekannte englisch- oder deutschsprachigen Autoren, denn langsam wird es internationaler. So zählt Cixin Liu beispielsweise zu den prominentesten chinesischen Science-Fiction-Autoren. Dass nicht nur er großartige Geschichten schreibt, wird in Zerbrochene Sterne, welches von Ken Liu herausgegeben wird, deutlich. In diesem Buch versammeln sich viele bekannte und unbekannte chinesische Autoren und erzählen ihre Geschichten. Die Anthologie ist seit März 2020 im Handel erhältlich.

   

Ein Mann, der in einer Vollmondnacht plötzlich einen Anruf von sich selbst aus der Zukunft erhält, wird darum gebeten die Menschheit zu retten und scheint doch alles immer wieder falsch zu machen. Ein Zug, der plötzlich im Raum-Zeit-Kontinuum verschwindet und der Geschäftsführer der Zuggesellschaft muss sich den drängen Fragen des Reporters stellen. Oder die Geschichte eines Roboters, der auf Befehl des Königs, das Lügen lernen muss und dabei viele Abenteuer erlebt. In Zerbrochene Sterne sind diese und noch 13 weitere Geschichten versammelt. Manche von ihnen stammen von bekannten Autoren, wie etwa Cixin Liu oder Hao Jingfang, und manche sind in dieser Anthologie zum ersten Mal in einer Übersetzung vorhanden.

Von der Kulturrevolution bis zum Seehundroboter

Originaltitel Broken Stars
Ursprungsland USA
Jahr 2019
Typ Anthologie
Bände 1
Genre Science-Fiction, Fantasy
Herausgeber Ken Liu
Verlag Heyne Verlag
Seit dem 9. März 2020 im Handel erhältlich

Ein Überthema existiert bei Zerbrochene Sterne nicht. Jeder Autor erzählt seine Geschichte und jede davon bringt damit etwas völlig Neues mit sich. So geht es in Gute Nacht, Traurigkeit von Xia Jia um einen depressiven Protagonisten, der versucht, seine Krankheit zu überwinden. Gleichzeitig wird die eher traurige Geschichte von Alan Turning, der den Turning-Test zur Überprüfung der Intelligenz von Computern erfunden hat, erzählt. Beide Erzählungen harmonieren – auch wenn zwischen ihnen Jahrhunderte sind – miteinander und versetzen den Lesenden in eine melancholische, traurige Stimmung. Etwas ganz anderes wird in der Geschichte Großes steht bevor von Baoshu vermittelt. Hier stellt sich der Autor am Anfang die Frage, was passieren würde, wenn die Kulturrevolution in China nochmals stattfinden würde. Dann erleben die Protagonisten einen technischen Rückschritt, die Kulturrevolution, der Kalte Krieg und das Leid der Menschen wiederholt sich wieder – und nebenbei wird ein politisches Statement gesetzt.

Science-Fiction? Fantasy? Oder beides?

Eine Besonderheit von Zerbrochene Sterne ist auf jeden Fall, dass eine Art von Science-Fiction gezeigt wird, die den westlichen Lesern erstmal befremdlich erscheint. Die Handlungen schwanken zwischen Philosophie und Politik. Beispielsweise wird in Mondnacht von Cixin Liu der Frage nachgegangen, ob wir in der Zukunft überhaupt etwas verbessern können, oder ob wir alles nur noch verschlechtern. In Salinger und die Koreaner von Han Song wiederum zeichnet eine mögliche Zukunft auf, wenn Nordkorea die Welt erobern würde. Hier werden die Fragen nach Fanatismus und politischer Kontrolle behandelt. Aber nicht nur die Themen sind in Zerbrochene Sterne weit gefächert, sondern auch die Grenzen zwischen den Genres verschwimmen. Zwischen Fantasy und Science-Fiction wird oft nicht unterschieden und die Autoren bedienen sich reichlich aus den Elementen beider Kategorien. Eingeführt werden alle Geschichten mit einer kurzen Einführung zu dem jeweiligen Autor und am Ende des Buches gibt es noch drei Essays über die chinesische Science-Fiction, sodass dem Lesenden diese noch eher unbekannte Ausprägung des Genres nähergebracht wird.

Fazit

Insgesamt finde ich, ist Zerbrochene Sterne eine sehr gute Anthologie. So ist Geschichte Gute Nacht, Traurigkeit von Xia Jia die beste Kurzgeschichte, die seit langem gelesen habe. Am Anfang war ich noch ein bisschen verwirrt von den einzelnen Geschichten, da sie nicht meinen Erwartungen an Science-Fiction entsprechen, doch je weiter ich las desto besser gefiel mir die Geschichten. Viele Abschnitte beinhalten eine gewisse Tiefe und Reflexion der eigenen Situation, wie ich es nur in der russischen Science-Fiction in den 70er und 80er Jahren kenne. Auch die Einführungserklärungen zu den Autoren ist gelungen, da ich so die Personen dahinter besser kennenlernen kann, um weitere ihrer Werke recherchieren zu können. Was mich jedoch richtig stört, ist die Vermarktung des Buches. Auf dem Cover ist ein typisches futuristisches Gebilde abgedruckt, ganz groß wird mit dem bekannten Namen Cixin Liu geworben und weiter unten steht, dass die „besten chinesischen Science-Fiction-Stories“ enthalten sind, obwohl Ken Lui, der Herausgeber, betont, dass er nur seine Lieblingsgeschichten in der Anthologie gesammelt hat. Diese Vermarktung finde ich sehr schade, weil es falsches Bild von der Kurzgeschichtensammlung abgibt.

© Heyne Verlag


Seit dem 9. März 2020 im Handel erhältlich:

 

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Ivy

Wenn Ivy nicht gerade ihre Zeit in der Hochschule verbringt, wo sie lernt sich im Informationsdschungel zurecht zu finden, verbringt sie ihre Zeit mit dem Horten von Büchern. Innerlich weiß sie, dass ihr in nächster Zeit der Platz für all ihre Neuerwerbungen ausgehen wird – trotzdem kann sie es nicht lassen, neue Funde mitzubringen. Sonst sind auch keine Mangas oder Comics vor ihr sicher, da doch alles irgendwo noch einen Platz finden wird. Sonst hat sie eine große Schwäche für gute und besondere Geschichten, Eulen und Schildkröten in jeder Form und Merchandise von "Gintama". Wenn sie mal keine Bücher kauft und liest, schreibt sie selbst.

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