Wien – Stadt der Vampire

Lesezeit: 5 Minuten

Was wäre, wenn Menschen und Vampire zusammen in einer Gesellschaft leben würden? Wie könnte so etwas aussehen? Mögliche Antworten auf diese Fragen will die Blutsauger-Romanreihe aus dem Art Skript Phantastik Verlag von Fay Winterberg geben. Im Mai 2018 ist der dritte Band Kain – Der erste Vampir erschienen und wir haben uns die Eckzähne geschärft, um auch einen Bissen aus den Vorgängertiteln zu nehmen. Unser erstes Opfer: Wien – Stadt der Vampire.

  

Die Zukunft des Jahres 2207 sieht anders aus, als Liebhaber fliegender Autos und Hoverboards wahrhaben wollen. Statt langersehnten Teleportern oder zumindest dem ein oder anderen Laserbuttermesser muss sich die Gesellschaft noch immer von einem langjährigen und Ressourcen zehrenden Kampf mit den Vampiren erholen. Die Bestätigung ihrer Exiszenz und die anschließende Jagd verbrauchten viel Blut, Schweiß und zu Holzpflöcken verarbeitete Bäume. Nach langen Jahren der Verfolgung und Vernichtung kam es jedoch endlich zu einer Einigung beider Seiten und zu einer neuen, zumindest scheinbar, friedlichen Ära der Koexistenz, in der kein Vampir mehr spontane Aufspießung befürchten muss und Jungfrauen sich wieder ohne sowieso nutzlose Knoblauchketten zur Ruhe begeben können. Ein wahrhafter Sieg für den Frieden und den Geruchsinn.
Unter der Oberfläche brodelt es aber noch immer: Illegale Werwolfkämpfe, Intrigen neuer und alter Vampiroberhäupter, sowie generelle Vorurteile gegenüber den vollkommen harmlosen, mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestatteten, Menschenblut trinkenden Teil der Gesellschaft. Mittendrin die auf übersinnliche Artefakte spezialisierte Halb-Vampirin Lilith Euthalia Avant-Garde. Selbstverständlich wird sie in keiner Form in einer der zuvor gennanten Problemchen verstrickt und verbringt ein sorgenfreies ungestörtes spitzzahniges untotes Leben.
Ehrenwort.

Frischer Wind in der Gruft

Originaltitel Wien – Stadt der Vampire
Erscheinungsjahr 2012
Ursprungsland Deutschland
Typ Roman
Bände 1 / 3
Genre Steampunk, Fantasy
Autor Fay Winterberg
Verlag Art Skript Phantastik Verlag

Geschichten über Vampire haben die Neigung, auf Liebe, Krieg oder eine Kombination von beiden hinauszulaufen. Entweder man läuft einem grummeligen Vampirjäger hinterher und beobachtet ihn, wie er etwaige Eckzahnenthusiasten zu Hundertschaften perforiert oder man läuft einem grummeligen (aber sexy!) Vampir hinterher, der alles, was möglicherweise weiblich ist, perforiert (wohlgemerkt in dem ‘you know what I mean’-Sinne).
Entsprechend ist es durchaus erfrischend, ein anderes Setting zu haben, in dem sich die Frage gestellt wird, wie ein Zusammenleben zwischen Mensch und Vampir aussehen könnte. Die Ausgangslage ist dabei ohne Zweifel die Stärke der etwa hundertseitigen Novelle und setzt mit ihrem ‘What if…’-Szenario die eigene Imagination in Gang. Unglücklicherweise, wie auch schon die geringe Seitenzahl vermuten lässt, kann es nicht vielmehr als ein Einblick sein. Charaktere und Szenario haben schlicht nicht genügend Zeit, um wirklich zu atmen (wobei sie das technisch gesehen ohnehin nicht könnten, weil untot und so weiter, aber nun ja…).
So besteht beispielsweise der Anfang des Buches aus einer von Lilith vorgetragenen Vorlesung, in der viele Namen und Ereignisse aus der Geschichte der Gesellschaft angerissen werden, von denen man gerne mehr wissen würde, nur um im Endeffekt festzustellen, dass sie in der restlichen Handlung nicht mehr auftauchen. Neben all der Exposition will aber eben auch eine runde Geschichte um Liliths Besuch in Wien und ihr Treffen mit Phineas, seines Zeichens unverschämt gutaussehendes neues Vampiroberhaupt, erzählt werden.
Eine Aufgabe, die sich nur schwer in der Kürze der Zeit bewerkstelligen lässt.

Plötzlich Werwolf

Gerade zum Ende hin versucht das Buch zuviel in zu kurzer Zeit zusammenzupressen und der Hauptcharakter wird gemeinsam mit dem Leser abrupt, und ‘abrupt’ meint hier ‘ABRUPT’, in die Bekämpfung eines illegalen Werwolf-Fightclubs geworfen. Hier ist es ähnlich wie mit zwei Wrestlern, die mitten in einem Theaterstück auf die Bühne rennen und sich gnadenlos die Futterluken verbeulen. Klingt zwar irgendwie cool, sorgt aber im Gesamtkontext für fragende Blicke. Es fällt zudem schwer, den Konflikt nachzuvollziehen, da, bevor sich das ‘Wieso? Weshalb? Warum?’ gesetzt hat, das Problem schon gelöst wurde und der ‘im Krankenbett aufwach’-Epilog startet.
Diese Actioneinlage ist nicht fürchterlich, aber gerade auch in Hinblick auf die Möglichkeiten, die das Setting bietet fragwürdig. So würde man aufgrund des starken Fokus in der Ausgangslage auf die Beziehung zwischen Mensch und Vampir erwarten, ein wenig mehr über diesen Konflikt zu erfahren. Wie leben sie zusammen? Welche Probleme gibt es? Wie oft kann man bei einem Vampir-Barkeeper mit einem Grinsen und Zwinkern eine ‘Bloody Mary’ bestellen, bevor er das Handtuch und/oder den Kunden schmeißt?
Zwar werden immer wieder Anmerkungen dazu gemacht, hauptsächlich bleiben wir aber in einem rein vampirischen Umfeld mit Kampfwolfproblem. Die interessanteste Perspektive bleibt etwas außen vor, bietet aber hohes Potenzial.

Ich finde es immer schön, wenn ich mit einem Setting konfrontiert werde, mit dem meine Denkmurmel ins Rollen kommt und mir selbst die ein oder andere wirre Idee vor das geistige Auge flattert. Leider bietet Wien – Die Stadt der Vampire nur einen kleinen Einblick in eine (potentiell) interessante Welt. Zwar gibt es schlimmere Vorwürfe als ‘Zu kurz!’, aber, wenn ich nicht genau wüsste, dass die nächsten Bände schon darauf warten, angeknabbert zu werden, wäre ich doch eher enttäuscht. Daher kann ich auch, ohne die nächsten Bände zu kennen, keine direkte Empfehlung aussprechen, dafür hängt dann doch zuviel davon ab, was Lilith in ihren nächsten Abenteuern treibt. Für Blutsauger- und Imaginationsanschubserbegeisterte könnte es allerdings einen Blick wert sein.
Zum Abschluss übrigens noch ein modischer Fun-Fact: Jede zweite Figur, insbesondere Vampire, tragen ihre üppigen Haare ‘zu einem strengen Zopf’ oder ähnlichem gebunden. In 2207 scheint eine gnadenlose Friseur-Armut zu herrschen. Who knew!?

Zweite Meinung:

Mit Vampiren kann ich meistens nicht wirklich viel anfangen. Irgendwie ist der ganze Reiz, den die Wesen auf viele ausüben, vollkommen an mir verloren. Ich blicke also einem eventuellen Auftauchen dieser Spezies in unserer Welt gelassen entgegen. Allerdings kann ich auch gut drauf verzichten, denn wie das Buch Wien – Stadt der Vampire zeigt, führt das erst mal zu viel Chaos und ich will bitte vorher wenigstens noch ein einziges Buch veröffentlichen. Umso erfrischender fand ich dann das Setting und die Herangehensweise der Autorin an das Thema, es bietet einen neuen Ansatz an das Thema ohne erotische, beziehungstechnisch fragwürdige Begegnungen oder Abspießen und Metzeln und wie Kollege Mort schon so schön formuliert: Die Denkmurmel gerät ins Rollen und auch bei mir hat sie einige interessante Gedanken angestoßen. Der Stadt Wien und auch Dresden wird viel Liebe entgegen gebracht, was mich freut, da mir beide Orte viel bedeuten. Es ist eine interessante Basis für die weiteren Bücher, die gern noch schlüssig ausgearbeitet werden darf und viele Möglichkeiten bietet, das Vampirthema zu bearbeiten. Dass Band 1 noch aus vielen Andeutungen und Anrissen besteht, kann ich insoweit verschmerzen als dass es mittlerweile drei Teile gibt, die sich alle gut lesen lassen und bei denen man die Steigerung der Autorin nach diesem Debüt deutlich anmerkt!

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.