Paheli: Spiel um alles oder nichts

Monopoly, Uno, Codenames, Memory und, und, und … die Welt der Brett- und Kartenspiele ist so vielfältig wie die kreativen Köpfe, die sich diese ausdenken. Seit vielen Jahrhunderten vertreiben sich die Menschen damit ihre Freizeit. Immer neue Formen werden erkundet und meist begeistert beim Publikum aufgenommen. Auch in der Familie Mirza in Paheli: Spiel um alles oder nichts, 2018 im Thienemann-Esslinger Verlag erschienen, hat Spielen als Zeitvertreib eine lange Tradition. An ihrem zwölften Geburtstag findet Farah jedoch ein Brettspiel, das beim Aufbau wie ein Herzschlag vibriert und sie und ihre beiden Freunde vor ganz besondere Aufgaben stellt.

   

Farahs zwölfter Geburtstag scheint ein Reinfall zu sein: Ihr kleiner Bruder verlangt all ihre Aufmerksamkeit ab und selbst wenn sie Verständnis für ihn hat, würde sie viel lieber mit ihren zwei besten Freunden spielen. Doch sind sie das überhaupt noch? Mehrere Monate haben sie sich aufgrund des Umzugs von Farahs Familie nicht mehr gesehen und alles fühlt sich ein wenig seltsam an. Doch dann bekommt sie von ihrer Tante ein Spiel geschenkt, das einen auf beängstigend realistische Weise einbezieht, deutlich demonstriert von Farahs Bruder Ahmad, der im Spielbrett verschwindet. Schnell finden sie sich in der Welt Paheli wieder, in die ein Architekt Kinder zieht, um mit ihnen zu spielen. Doch die Aufgaben sind oft gefährlich und wenn sie verlieren, werden sie für immer in Paheli gefangen sein …

Jumanji for Kids

Originaltitel The Gauntlet
Ursprungsland USA
Jahr 2018
Typ Roan
Band 1 / 2
Genre Abenteuer, Fantasy
Autorin Karuna Riazi
Verlag Thienemann-Esslinger

Führen wir direkt den Elefanten aus dem Raum, damit Platz für den Rest ist: Ja, bei Paheli: Spiel um alles oder nichts wurde sehr viel Inspiration aus einem Filmklassiker gezogen. Vor allem zu Beginn erinnert einen sehr vieles an Jumanji – das zufällige Finden des Spiels, das Spielbrett selbst und der mysteriöse Herzschlag des Spiels. Die Kinder werden direkt zu Beginn in die Spielwelt gesogen und müssen dort, in Paheli, Aufgaben bestehen, um wieder in ihre Welt zurückkehren zu können. Ab diesem Punkt werden die Übereinstimmungen weniger. Allein das Setting ist durch die bengalische Hauptfigur ganz anders. Minarette, Basare und eine Vielfalt an südasiatischen Süßigkeiten … all das gibt Lesenden einen Einblick in eine für die meisten fremde Welt.

Spielregeln

Kein Spiel ohne Regeln! Nachdem Farah, Alex und Essie von Madame Nasirah in ihrer Teestube Unterschlupf finden, bekommen sie die benötigte Ausrüstung, um gegen die Spielherausforderungen des Architekten zu bestehen. Dazu gehört eine fliegende Uhr, eine dreidimensionale Karte, ein Werkzeuggürtel und ein Talisman, der ihnen Glück bringen soll. Ihnen wird eingeschärft, sich vor den Schmieraffen, Kamelspinnen und der Sandpolizei in Acht zu nehmen. Zusätzlich dazu versucht das Spiel immer wieder, zu schummeln, was in Paheli zu dem einen oder anderen Spannungsmoment führt. Ansonsten kommt Farah zugute, dass ihre Familie schon immer gerne gespielt hat. Sie kennt die Spiele oder erfasst intuitiv die Regeln. Dabei kann man zum Beispiel endlich lernen, wie Mancala funktioniert und noch ein paar Tricks mitnehmen. Auch hier beweist Karuna Riazi viel Kreativität, die Paheli zu einem Lesegenuss werden lassen.

Friedhöfe, Paläste und Minarette

Die Spielwelt von Paheli ist facettenreich und authentisch. Jeder Ort ist magisch und detailliert beschrieben (hervorzuheben sei das Stadtviertel Lailat, auf dessen Märkten man Mondlicht trinken kann, das sich einsam anfühlt). Hat man sowieso schon bestimmte Bilder im Kopf, wenn man einen Begriff wie Minarett liest, so schafft es die Autorin, diese Bilder zu nutzen und für ihre Geschichte zu formen. Die Architektur und Natur dieser Orte wird für die Herausforderungen genutzt (so bilden zum Beispiel Gräber die Kuhlen des Mancala-Spiels nach, bei dem man Kugeln in seinen Schatzhort bringen muss). Paheli hat in seinem Originalverlag – Salaam Reads – eine perfekte Heimat gefunden, wird in dem Imprint von Simon & Schuster doch versucht, vor allem muslimischen Kindern die Möglichkeit zu bieten, sich in Büchern positiv repräsentiert zu sehen. Dass das arabische Wort „Salaam“ für Frieden steht, macht das Imprint noch großartiger.

Freundschaft unter Druck

Direkt zu Beginn des Romans erfährt man, dass Farah nach ihrem Umzug ihre beiden Freunde Alex und Essie schon länger nicht mehr gesehen hat. Obwohl sie zu ihrem zwölften Geburtstag kommen, fühlt Farah eine Distanz zwischen ihnen. So richtig leicht und unbeschwert will sich die Freundschaft nicht mehr anfühlen. Dazu kommt noch, dass Farah in der neuen Schule die einzige Hijabträgerin ist und sie sich sowieso täglich fremd fühlt. Doch das Spiel Paheli zwingt sie wieder zusammen und das Mädchen ist froh, dass sie ihre Freunde so gut kennt. Und trotzdem … das Spiel, die Herausforderungen, der ständige Kampf mit dem Sand und der Angst davor, ewig in der Welt gefangen zu sein, nagen an den Kindern. Das führt zu einigen Konflikten, die Karuna Riazi in Paheli geschickt nutzt, um die Wiederentdeckung einer Freundschaft und Zusammenhalt zu demonstrieren.

Fazit

Paheli: Spiel um alles oder nichts ist durch Zufall in meinen Besitz gekommen. Eine Freundin hatte es aussortiert und da mich Titel mit ungewöhnlichem Setting immer interessieren, nahm ich es mit. Sofort war ich in einer Jumanji-Stimmung – aber das ist keinesfalls etwas negatives! Ich liebe den alten Film und weigere mich standhaft, die neuen Teile anzusehen. Und schnell nimmt das Buch seine ganz eigene Stimmung ein, konzentriert sich auf die Freundschaft der drei Kinder und das gefiel mir extrem gut. Die Spiele und die Suche nach Farahs kleinen Bruder haben mich schnell begeistern können. Es ist vor allem die Freundschaft im Fokus, was heutzutage viel zu selten der Fall ist. Die Twists mit den Spielen sind kreativ und inspirieren mich dazu, selbst ein bisschen Spielen zu wollen – und was kann ein Buch über Spiele mehr wollen?

© Thienemann-Esslinger

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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