Hyde

Lesezeit: 5 Minuten

Die deutsche Autorin Antje Wagner (Unland) ist bekannt für ihre düsteren Hybridgeschichten, die Realitätsnähe und Fantastik vermischen. Mit Hyde erschien am 16. Juli 2018 ihr drittes Jugendbuch, in der sie die Geschichte von Katrina erzählt, einer jungen, entstellten Tischlergesellin, die alles verloren hat und nun auf Rache sinnt.

    

Katrina ist eine 18-jährige Tischlergesellin auf der Walz. Ausgestattet nur mit ihrem Charlottenburger trampt sie durchs Land und bietet ihre Handwerkskunst an. Ganz nach den Regeln ihrer Zunft dürfen Unterbringung und Fortbewegung nichts kosten. Was Katrina aber antreibt, ist nicht der Wunsch nach handwerklicher Weiterbildung. Nein, das Mädchen ist auf Rache aus, denn eine Katastrophe scheint ihr Leben aus der Bahn geworfen zu haben. Nachdem es bei ihrem letzten Arbeitgeber zum Eklat kommt, flieht Katrina und stößt mitten im Wald auf ein verlassenes Anwesen. Dort heuert sie als Verwalterin an, um ihre weiteren Rachepläne zu finanzieren. Doch etwas stimmt nicht. Warum verweigern Firmen die Arbeit an diesem Haus? Wieso gibt es ein verbotenes Zimmer, aus dem Kälte quillt? Und warum begegnet fast jeder Mensch Katrina mit Misstrauen?

Die vielen Gesichter von Hyde

Originaltitel Hyde
Ursprungsland Deutschland
Jahr 2018
Typ Roman
Bände 1
Genre Drama, Mystery
Autor Antje Wagner
Verlag Beltz & Gelberg

Von Anfang an weiß man als Leser eigentlich nicht so recht, in was für einem Genre man gelandet ist. Die Hauptfigur Katrina wird als Tischlerin auf der Walz vorgestellt. Sie verdeckt ihre untere Gesichtshälfte mit einem Tuch und hat Schwierigkeiten, sich ordentlich zu artikulieren. Sie spricht von einer ominösen “Gefangennahme”, der sie offenbar zum Opfer fiel, von einer “Kriegskasse”, die sie mit ihrer Walz aufstocken muss, und trägt eine Personenliste bei sich, die sie abarbeitet. Während sie nächtens durch frostige Landschaften trampt, sich an grell ausgeleuchteten Tankstellen ihrer Einsamkeit bewusst wird und für fettbäuchige Männer entwürdigende Arbeiten verrichtet, erleben wir Flashbacks in Katrinas Vergangenheit, die einen warmen und naturverbundenen Kontrast zur Gegenwart bildet. Ein Leben mit Schwester und Vater, draußen in waldiger Isolation in ihrem tief versteckten Zuhause namens Hyde. Ein erfülltes Leben offenbar, das dennoch Gefahren birgt, denn den Geschwistern ist es verboten, nach Einbruch der Dunkelheit draußen zu sein. Durch für den Leser noch ungeklärte Umstände findet dieses Leben ein jähes und für manche tödliches Ende.
Kryptische Puzzleteile, die uns da hingeworfen werden. Worum geht es in Hyde? Rachegeschichte? Menschenjagd? Experimente? Monster im Dunkeln? Die Fantasie schwingt sich auf in epische Kreise und stürzt wieder zurück auf den Boden der Normalität, als Katrinas Reise plötzlich durch Orte wie Nußloch und Mückenloch geht – Gemeinden in Baden-Württemberg. Ein kurzer Moment der Ernüchterung: Nußloch…. ernsthaft? Wird das so ein Pampa Blues? Dann aber kommt man zur Besinnung: Nah, kein Grund zu meckern, nur weil etwas nicht im kosmopolitischen New York spielt. In Verbindung mit den ganzen kryptischen Elementen macht dieses gediegene, deutsche Setting tatsächlich etwas her und bildet eine dufte Abwechslung.

Undurchschaubar bis zum Schluss

Hyde birgt einige Twists. Viele ergeben sich aus der subjektiven Erzählsituation, da sich durch Katrinas gefilterte Ich-Wahrnehmung manche Dinge möglicherweise anders darstellen als sie tatsächlich sind. Der Mystery-Faktor, der stets im Hintergrund herumwabert, wird so zur scheinbaren Illusion und dann wieder zur harten Wirklichkeit – bis kurz vor Schluss ist man sich da nie so sicher. Ebenfalls unterliegt Katrinas Familie einer steten Wandlung – ein liebevoller Vater, eine wilde, aber ebenso liebevolle Schwester, eine früh verstorbene Mutter: Stimmt das so oder wird uns auch hier etwas aufgetischt?

Der Kern des Ganzen: Liebe

Die Familie ist Katrinas unerschöpfliche Kraftquelle. Man erfährt relativ früh, dass ihr etwas zugestoßen sein muss – etwas, das Katrina darüber hinaus die nicht weiter beschriebene Entstellung im Gesicht verpasst hat. Die Rückblenden in das vergangene Leben nehmen zu sobald Katrina als Verwalterin in das Anwesen einzieht. Getriggert durch unterschiedlichste Reize verschmilzt die Gegenwart mit der Vergangenheit und wir erfahren nach und nach, wie die kleine Familie in Hyde gelebt hat, welche schlimmen Dinge Hyde heimgesucht haben und was alles danach passierte, in der Zeit der sogenannten “Gefangennahme”. Die Geschichte entwickelt sich dabei von Thriller über Kriminalgeschichte und Familiendrama hin zu einer psychologischen Studie. Außerdem macht die Autorin Antje Wagner auch mit den angedeuteten Mystery-Elementen klar Schiff, indem sie ein Wagnis eingeht und den verbotenen Raum öffnet. Was sich letztlich darin befindet, mag jeder für sich anders bewerten. Die Botschaft von Hyde aber ist klar: Die Liebe für die eigene Familie, wie immer diese auch gestaltet sein mag, ist stets größer als jedes Gefühl der Rache.

Ich bin Hyde auf den Leim gegangen, weil ich irgendwie einen Jeff VanderMeer (Borne) für Jugendliche erwartet habe. Der markante Schriftzug, das mysteriöse naturverbundene Cover, ein Klappentext, der von einem personifizierten Zuhause namens Hyde spricht, das auf einmal verschwunden ist – es schrie förmlich alles nach VanderMeers Biopunk. Nun, Hyde ist dann doch kein VanderMeer, aber trotzdem gut. Obwohl die Geschichte diffus und undurchschaubar ist, gestalten sich die Figuren klar, greifbar und vor allem interessant. Mit Katrina ist der Autorin eine Protagonistin gelungen, die ich so auch noch nie vor mir hatte – eine humpelnde Tischlergesellin mit Sprachbarriere, die ihr eigenes Ding durchzieht. Wagner kann zum Großteil die Spannungskurve aufrechterhalten – lediglich in der Mitte, als es an die ersten, langwierigen Reparaturen des Anwesens geht, hatte ich einen Hänger, wegen dem ich das Buch eine Woche lang beiseite gelegt habe. Der Fokus auf die Hauspflege ergibt aber Sinn, wenn man das Ende vor Augen hat. Was dieses Ende betrifft: Es ist sicher nicht jedermanns Sache, auch meine nicht (Stichwort Autos), aber zumindest in Gender-Belangen ist es angenehm erfrischend (mehr kann ich ohne Spoiler nicht verraten). Als Jugendbuch ist Hyde eine klare Empfehlung. Die ältere Generation muss ein paar Abstriche machen, aber wenn sie sich darauf einlässt, gibt es eine spannende und komplexe Lektüre.

© Beltz & Gelberg

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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