Grenzwelten

Ursula K. Le Guin gilt als Grand Dame der Phantastik und Science-Fiction. Sie ist vor allem bekannt für ihren Erdsee-Zyklus, aber auch für ihre vielschichtigen Zukunftsentwürfe im Hainish-Zyklus. Mit Grenzwelten veröffentlicht der Verlag Fischer Tor zwei dieser Hainish-Romane in einer Neuübersetzung von Karen Nölle: Das Wort für Welt ist Wald (1976) und Die Überlieferung (2000). Zwei Geschichten über die Ankunft der Terraner in außerirdischen Zivilisationen, die unterschiedlicher nicht ausgehen könnten. Und die Leserschaft muss sich fragen: Are we the baddys?

   

Das Wort für Welt ist Wald: Menschliche Kolonisten fallen über einen Planeten her um an dessen Ressourcen zu gelangen. Ganz vorne mit dabei: Captain Anderson, seines Zeichens Rassist, Sexist und Egomane. Die einheimischen Athscheaner – klein, grün, pelzig – wissen sich als pazifistische Gesellschaft nicht zu wehren und werden als Hilfskräfte (sprich Sklaven) missbraucht (und vergewaltigt). Nur Dr. Lyubov ist um Frieden bemüht und schließt Freundschaft mit dem Athscheaner Selver. Doch ihre Bemühungen sind zum Scheitern verurteilt.

Die Überlieferung: Die junge Observantin Sati versuch dem religiösen Fanatismus auf der Erde zu entfliehen, indem sie im Auftrag des Ekumen nach Aka reist, um deren offene Gesellschaft zu studieren. Doch als sie nach langem interstellaren Flug dort ankommt, hat sich die Gesellschaft gewandelt. Ein wissenschaftsfanatischer Konzern regiert die Welt und unterdrückt das kulturelle Erbe von Aka. Wie konnte es dazu kommen?

Über Le Guins Hainish-Zyklus

Originaltitel The Word for World ist Forest, The Telling
Ursprungsland USA
Jahr 1976, 2000
Gattung Roman
Bände 1
Genre Science-Fiction
Autorin Ursula K. Le Guin
Verlag S. Fischer
Veröffentlichung: 26. Januar 2022

Der Hainish-Zyklus umfasst mehrere Romane und Novellen, die über einem Zeitraum von 36 Jahren entstanden und lose miteinander verbunden sind. Die Geschichten spielen allesamt in einem gemeinsamem alternativen Universum, in dem die Menschheit ursprünglich vom Planeten Hain stammt und von dort aus das Weltall kolonisiert hat. Auch Terra (die Erde) ist nur eine Kolonie und die Menschen darauf Nachfahren der Hainish. Grenzwelten vereint zwei Romane, die im Leben der Autorin weit voneinander entfernt liegen. Veröffentlicht 1976 und 2000 spiegeln die Geschichten zwei unterschiedliche Le Guins wieder; die eine jung und zornig, die andere gesetzter, reflektierter, aber nicht blind für die Fehler der Welt.

Davidson, ein wandelndes Klischee

Wie Le Guin selbst sagt, ist Das Wort für Welt ist Wald unter einem gewissen innerlichen Druck entstanden. Beeinflusst von den Kriegsjahren in den 60ern, von der gefühlten Ohnmacht gegenüber Heuchlerei, Ausbeute-Ethik und Profimaximierung, entstand eine Geschichte, in der sich Le Guin Luft gemacht hat und die (trotz innerlichen Widerstands) zur Predigt wurde. Ein Ausdruck dessen findet sich im Antagonisten Captain Davidson, der durch und durch hassenswert geraten ist und jede Komplexität vermissen lässt, die Le Guin Jahre zuvor in Ein Magier von Erdsee noch so mühelos entstehen lies. Im Nachhinein war sich Le Guin dieses Makels bewusst, auch, da sie für gewöhnlich nicht an das »pure Böse« glaube. Ihren Abrutscher in die Rolle der Moralapostelin hat sie dennoch nie geleugnet.

Wie Avatar, nur besser

Grob herunter gebrochen ist Das Wort für Welt ist Wald die Geschichte einer menschlichen Zivilisation, die über einen fremden Planeten herfällt, sich scheinbar um Völkerverständigung bemüht, die Einheimischen aber dennoch als Sklaven hält – und das in ihrer zentrierten Selbstgefälligkeit nicht einmal merkt. Die Terraner roden die Wälder, weil die Ressourcen auf der Erde knapp sind, und pfeifen dabei auf die Rechte der einheimischen Athscheaner, die sie verächtlich »Krietschis« nennen. Captain Davidson, durchdrungen von Sexismus, Rassismus und purer Lebensfeindlichkeit, schreckt auch nicht vor Vergewaltigung und Mord zurück. Nur Dr. Lyubov und der Athscheaner Selver versuchen durch Zusammenarbeit alles zum Besseren zu wenden, doch ein Kampf scheint unausweichlich. Voll der Avatar-Plot? Nur auf den ersten Blick, da Le Guin stilsicherer, komplexer und weit weniger blauäugig erzählt. Avatar kehre die moralische Prämisse ihres Geschichte vollständig um, so Le Guin. Das zentrale Problem der Massengewalt werde dort zur Lösung. »I’m glad I have nothing at all to do with it«. (Le Guin im Vorwort zu Hainish novels & Stories, 2017)

Wenig Frauen, viel Bitterkeit

Le Guin hat erst im Jahre 1992 mit ihrem Roman Tehanu herum gelernt, aus der Sicht einer Frau zu schreiben, und so ist auch Das Wort für die Welt ist Wald eine männlich geprägte Geschichte ohne nennenswerte Frauenfiguren. Die terranische Raumfahrt wird von den Männern betrieben und die Frauen werden lediglich als Freizeitnutten hinterher geschickt. Auch bei den Athscheaner bleibt deren besondere intellektuelle Fähigkeit, das »Träumen«, den Männern vorbehalten. Le Guin schafft es, auf nur wenigen Seiten eine ausgefeilte, außerirdische Kultur zum Leben zu erwecken, die auf den ersten Blick als eine Kultur der armen, moralisch integren Wilden interpretiert werden kann, bei näherer Betrachtung aber gar nicht so rein ist wie vermutet. Hier ist sie also wieder; Le Guins Komplexität, die sich zudem auch in den Protagonisten Selver und Lyubov finden lässt, den einzigen Wesen, die auf Freundschaft aus sind. Doch ihre Tugenden werden mit Füßen getreten, ihre Weltbilder geschunden – und sie bleiben auch geschunden. Selver beendet die Geschichte nüchtern und bitter. Wie gesagt: kein Avatar.

Vom Regen in die Traufe

Mit Die Überlieferung findet ein Roman zurück auf den Markt, der bereits im Jahre 2000 unter dem Titel Die Erzähler im deutschen Raum veröffentlicht wurde, mittlerweile aber vergriffen ist. Er handelt von der jungen Observantin Sati, die auf der Erde einst unter religiösem Fanatismus gelebt hat und nun auf Aka eine neue, offene Gesellschaft studieren will. Doch während des mehrjährigen Interstellarflugs hat sich Aka gewandelt. Es scheint, dass die dortige Gesellschaft durch den Erstkontakt mit den Terranern ihr kulturelles Erbe verworfen habe und nun auch zu den Sternen reisen will. Ein alles beherrschender Konzern ist am Drücker; er proklamiert wissenschaftlichen Fanatismus und zerstört alles, was an die alte Zeit erinnert. In den Städten wird Sati also kein Glück auf erquickliche Studien der vergangenen Kultur haben, doch ihr wird der Ausflug zu den entlegenen Dörfern gestattet. Einziger Wermutstropfen: Ein so genannter »Monitor« ( = Agent der Regierung) ist ihr stets auf den Fersen.

Keine Action, aber viel zum Nachdenken

Die Überlieferung ist wesentlich ruhiger aufgebaut; es gibt keine direkte Konfrontation, aber sehr wohl tief liegende Gräben und Wunden. Protagonistin Sati ist auf geheimer Mission, die sogenannte »Überlieferung« zu finden – jenes Wissen, welches das moderne Aka für seinen angestrebten »Marsch zu den Sternen« verleugnet. Sati findet Spuren, Kommunen, Menschen, Vertrauen und sie beginnt, die alte Kultur zu sehen, zu hören und zu verstehen. Das macht Die Überlieferung für Action-Freaks langweilig, aber für solche, die ein Faible für facettenreiche Soziopolitik haben, äußerst interessant. Es ist erstaunlich, wie es Le Guin in jeder ihrer Geschichten schafft, völlig neue Kultursysteme aufleben zu lassen, inklusive all der Auswirkungen auf Sprache, Wissenschaft, Ökonomie und Religion. Le Guin erbaut ein Fundament und zeigt die Verzweigungen in allen Bereichen des Lebens auf. Das lässt ihre Geschichten so wunderbar durchdacht erscheinen. Selbst wenn Figuren wie Captain Davidson einseitig geraten sind, so sind sie doch eingebettet in Geschichten, die das durch ihre eigene Reichhaltigkeit wieder auffangen.

Abkehr vom Schwarz-Weiß

Interessant ist hier auch Satis eigener kultureller Background. Von einer faschistischen Theokratie in ihrer Jugend unterdrückt, erlebt sie auf Aka nun das genaue Gegenteil: eine Religion/Philosophie wird von faschistischer Wissenschaft klein gehalten. Sati scheint Sympathien für diese Philosophie zu entwickeln, doch auch hier setzt die Fäulnis ein, je weiter sie in ihren Nachforschungen voranschreitet. Fundamentalismus ist die Stresspustel, die in jedem System entstehen kann, egal ob sakral oder wissenschaftlich. Nichts ist durch und durch gut. Mit Die Überlieferung schuf Le Guin zudem eine queere, nicht-weiße Frauenfigur, die in Wechselbeziehung zu vielen anderen interessanten Frauenfiguren steht. Auch die Männer haben sich im Vergleich zu Das Wort für Welt ist Wald weiter entwickelt. Sie sind keine stereotypen, sexbesessenen Alpha-Males mehr, sondern schlicht Menschen mit ganz unterschiedlichen Eigenheiten. Und das »pure Böse«? Auch das ist verschwunden. Es gibt zwar einen Antagonisten, den Monitor, doch selbst dieser ist nur ein bedauernswertes Opfer seiner eigenen traumatischen Erlebnisse.

Fazit

Grenzwelten vereint zwei Romane aus Le Guins Hainish-Zyklus. Derselbe Kosmos, aber nicht dieselbe Zeit, denn zwischen ihrer Entstehung liegen 34 Autorenjahre. Das macht Grenzwelten so interessant, da man hier Le Guins Entwicklung als Autorin verfolgen kann. Beide Geschichten handeln von der Ankunft der Terraner in einer außerirdischen Zivilisation. Die eine Geschichte ist blutig, zerstörerisch, anklagend, patriarchisch; hier bringen die Terraner den Tod. Die andere ist ruhiger, vielschichtig, kritisch, mit einem Schuss Hoffnung; hier sind es die Außerirdischen selbst, die sich zerstören – die Terraner geben lediglich den ungewollten Anstoß. Aus beiden Romanen kann man viel mitnehmen. Sie wirken lange nach und sind für Le Guin-Fans ohnehin ein Muss.

© S. Fischer Verlag


Veröffentlichung: 26. Januar 2022

 

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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