Ewiges Leben

Lesezeit: 4 Minuten

Jahre unseres Lebens verbringen wir damit, die Welt zu entdecken, neues Wissen und Erfahrungen zu sammeln, die uns im besten Fall glücklich machen. Doch früher oder später kommt für jeden der Zeitpunkt, an dem der Sensenmann an die (imaginäre) Tür klopft. Doch was wäre, wenn wir dem Schnitter ein Schnippchen schlagen könnten? Tod und Krankheit zu besiegen ist der Wunsch vieler Menschen. Andreas Brandhorst stellt sich in seinem neuen Roman die Frage, was eben jenes mit uns anstellen würde. Nach Das Erwachen erscheint 2018 mit Ewiges Leben ein weiterer Near-Future-Thriller im Piper Verlag.

  

Die Journalistin Sophia Marchetti hat es geschafft: Sie bekommt die Exklusivrechte, um Futuria anlässlich ihres 20-jährigen Firmenjubiläums zu porträtieren. Doch bei ihren Recherchen entdeckt sie schnell Unstimmigkeiten. Als Frau, die stets die Wahrheit spricht und sich deshalb großer Beliebtheit im Fernsehen erfreut, begibt sie sich auf die Suche. Dabei muss sie sich nicht nur in der realen Welt durchkämpfen, sondern auch in die virtuelle Welt Eden eindringen, um an Informationen zu gelangen. Die immer präsente Frage ist: Wann schenkt Futuria der Menschheit endlich die Unsterblichkeit? Währenddessen versucht der Papst, die Kirchen zu einigen, damit sie nicht in Bedeutungslosigkeit versinken und Jossul, ein gläubiger Fanatiker, kämpft gegen Futuria, um das ewige Leben zu verhindern.

Fern jeglicher Fiktion

Im ersten Moment wirkt die Möglichkeit des ewigen Lebens wie Science-Fiction. Doch es gibt bereits heute die Genschere CRISPR/Cas9. Mit dieser kann man in der Theorie gezielt Sequenzen in der DNA herausschneiden, die schadhaft sind. Die einfachste Anwendung ist, RNA in die zu reparierenden Zellen zu injizieren, die das Protein Cas9 und die gewünschte Erkennungssequenz verschlüsselt. Dann macht sich die Genschere an die Arbeit und schneidet heraus, was raus soll. In Ewiges Leben hat Futuria diese Technik perfektioniert und viele Krankheiten besiegt oder zumindest zum Stagnieren gebracht. Doch ihr Ziel der Unsterblichkeit spaltet die Welt in Befürworter und Gegner.

Ein ausgewogenes Charakterspiel

Originaltitel Ewiges Leben
Ursprungsland Deutschland
Jahr 2018
Typ Roman
Bände 1
Genre Science-Thriller
Autor Andreas Brandhorst
Verlag Piper Verlag

Die Charaktere in Das Erwachen mussten sich der Handlung unterordnen, damit die Bedrohung durch die Künstliche Intelligenz mehr Wucht entfalten konnte. Zum Glück leidet Ewiges Leben nicht an eindimensionalen Figuren. Sie haben eine Hintergrundgeschichte, es gibt Gründe für ihr Handeln und jeder von ihnen besitzt Konfliktpotentiale, die Andreas Brandhorst geschickt nutzt. Jede Sicht im Roman wartet mit Überraschungen auf, Plottwists werden über die ganze Story verteilt und halten den Lesenden am Buch.

Der Papst ist tot, es lebe der Papst

Ein Teil der Geschichte wird aus der Sicht des Oberhauptes der katholischen Kirche erzählt. Denn auch die Kirche muss sich die Frage stellen, wie man mit einer möglichen Unsterblichkeit vor dem Jenseits umgeht. Sind es Leserinnen und Leser gewohnt, dass die Kirche an ihren alten Denkweisen festhält und sich gegen Modernisierungen sträubt hat Andreas Brandhorst in Ewiges Leben einen anderen Ansatz gewählt. Der Papst ist zu der Überzeugung gelangt, dass nur eine vereinte Kirche sich den Anforderungen dieser neuen Welt stellen kann. Dafür heißt er die Unendlichkeit willkommen und wartet mit äußerst humanistischen Gedankengängen auf, die jeglicher Machtgier entbehren. Sei es in der realen Welt oder in der von Eden: Der Papst ist ein großer Sympathieträger des Buches!

Zwei Welten sind (fast) eine zu viel

Eden ist eine Art weiterentwickeltes Second Life, in der die Menschen ihre Träume verwirklichen können. Zum Zeitpunkt der Handlung ist die virtuelle Welt bei vielen Menschen äußerst beliebt und es gibt sogar Personen, die süchtig nach ihr sind. Bei ihrer Suche nach Informationen für ihr Firmenportrait findet Sophia Marchetti heraus, dass Futuria nicht nur am Ewigen Leben forscht (oder an verrückten Genexperimenten, bei denen neue Lebensformen entstehen sollen)  , sondern auch an Möglichkeiten, das Gehirn noch besser mit Eden zu vernetzen. Lange Zeit ist der Journalistin nicht klar, warum. Doch dann wird der Papst umgebracht und sein Bewusstsein mithilfe von Futuria nach Eden übertragen. Diese Welt bietet eine weitere Handlungsebene und ist zudem die einzige Möglichkeit, Auskünfte über Futurias Pläne für die Zukunft einzuholen, denn der Firmengründer wurde drei Jahre zuvor ermordet und konnte sich gerade so nach Eden retten und dort verstecken. . Allerdings zieht sich deshalb an manchen Stellen die Handlung.

Ich habe mich sehr auf Ewiges Leben gefreut, denn mit Das Erwachen konnte mich Andreas Brandhorst von seinen Ideen und seinem Schreibstil überzeugen. Jedoch ich hatte mit dem neuen Thriller einige Probleme. Meiner Meinung nach wurden zu viele Baustellen aufgemacht. Die Frage, ob Unsterblichkeit gut oder schlecht ist, geht daher in der Masse an Charakteren unter. Zwar ist es wichtig, sie von verschiedenen Seiten zu beleuchten, doch musste sich die Frage an der ein oder anderen Stelle den Anforderungen an das Thrillergenre unterordnen. War ich anfangs enttäuscht, dass ausgerechnet die Kirche und eine religiöse Untergrundorganisation die weiteren handlungstragenden Elemente der Geschichte sind, konnte mich Brandhorst schnell davon überzeugen, dass sie nicht klischeehaft eingeführt werden. Niemand erfüllt die ersten Erwartungen und der Autor hat es geschafft, dass man die Entwicklungen der Charaktere mit Interesse verfolgt.

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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