Die Legende der Adlerkrieger (Band 2): Der Schwur der Adlerkrieger

“Mein Haar ist ergraut, während ich nach Ruhm strebte. In den Heimatbergen altern die Kiefern und der Bambus versperren mir den Weg zurück. Wie gerne würde ich mein Herz ins Spiel meiner Zither legen, aber wenige wüssten mein Lied zu verstehen.” Dieser Auszug aus General Yue Feis Gedicht steht sinnbildlich für die Mühen, sich im Leben abgerackert zu haben, ohne letzten Endes etwas zu erreichen. Für General Yue Fei persönlich ging es nicht weniger, die Song-Dynastie zur alten Stärke zurückzuführen und die fremden Invasoren, die Jin-Dynastie anzugreifen, was schlussendlich nicht gelang. Doch im Gegensatz zu General Yue Fei, dem Sinnbild eines Patrioten und Politikers trauert Guo Jing der Vergangenheit nicht hinterher. Er ist bereit, Neues zu lernen und sich anzustrengen, um seinen Freunden, seinen Kampfkunstmeistern und Menschen, die in Not sind, zu helfen. Hingabe für einen Staat kennt er nicht, sondern nur die Hingabe an die Menschen. Die spannende und abenteuerliche Geschichte um Anstand, Rechtschaffenheit, gepaart mit chinesischer Philosophie geht im zweiten Band der Reihe, Der Schwur der Adlerkrieger, weiter.

Nach der abenteuerlichen Flucht aus der Jin-Hauptstadt Zhongdu erfährt Guo Jing nicht nur von den wahren Umständen von dem Tod seines Vaters, sondern auch, dass gleich zwei Frauen ihm zur Heirat versprochen sind: Der Tochter von Dschinghis Khan Khojin und der liebevollen Mu Nianci. Doch Guo Jing hat sein Herz bereits an die freche und spitzzüngige Kampfkünstlerin Huang Rong hoffnungslos verloren. Als wäre das alles nicht genug, möchte Guo Jing auch noch den Tod seines Vaters rächen. Gleichzeitig jagt er dem mysteriösen, verschollenem Buch “Der wahre Weg der Neun Yin nach, was ihn schlussendlich zu niemand Geringeren als den Ketzer des Ostens führt. Dabei trifft er auf unvorhergesehene Verbündete wie den Bettler des Nordens Hong Qigong oder seinen eigentlichen Schwurbruder Wanyan Kang, der jedoch seine eigenen Pläne verfolgt.

Malerische Beschreibungen und ein unschlagbares Kung-Fu Paar

Originaltitel She Diao Yingxiong Zhuan 2
Ursprungsland Volksrepublik China
Jahr 1959
Typ Roman
Genre Abenteuer
Autor Jin Yong
Verlag Wilhelm Heyne Verlag (2020)
Veröffentlichung: 9. August 2021

Guo Jing und seine Begleiterin Huang Rong reisen tiefer in den Süden Chinas. Hierbei schafft es Jin Yong wie bereits in Die Legende der Adlerkrieger die Geschichte durch seine märchenhaften Beschreibungen zum Leben zu erwecken. Dadurch wirken die abwechslungsreichen Geschehnisse in der Gegend um den Tai-See oder im Wanderwolkenpalast mitreißend und man darf sich auf viele unerwartete Wendungen freuen. Gerade in seinen Kämpfen läuft Guo Jing zu neuer Höchstform auf, da er neue Techniken lernt und direkt anwendet. Unter anderem wird er von dem Bettler des Nordens Hong Qigong unterwiesen und lernt die achtzehn drachenbezwingenden Hände, die dieser noch niemanden sonst vollständig beigebracht hat. Dass Hong Qigong sich überhaupt seiner annimmt, ist klar Huang Rong zu verdanken, die den Feinschmecker mit ihrer herrlichen Kochkunst besticht. Doch zum Feind sollte man sich Huang Rong auch nicht wünschen, was besonders ihr größter Widersacher, der Meister vom Weißen Kamelberg und bekannter Lüstling Ouyang Ke eins ums andere mal erfahren durfte. Auch hat sie ein tapferes Herz und liebt ihren Guo Jing über alles. So steht sie ihm in vielen brenzligen Situationen bei und beschützt ihn sogar vor ihrem eigenen Vater – Huang Yaoshi, den Ketzer des Ostens.

Kung-Fu in einem historischen und philosophischen China

Wie bereits der Vorgängerroman Die Legende der Adlerkrieger ist auch Der Schwur der Adlerkrieger geprägt von historischen Einflüssen. So arbeiten die Mongolen an einem Bündnis mit der südlichen Song-Dynastie, um das Jin-Reich in die Zange zu nehmen, was schlussendlich den Untergang der Jin-Dynastie herbei beschwören wird. Auch sind zwischen den Zeilen immer wieder Referenzen, auf die Korruption der südlichen Song-Dynastie, zu finden. Personen aus der klassischen chinesischen Geschichte und große Kaiser wie Li Yuan und Li Shimin, die Begründer der Tang-Dynastie (617/18–907), werden als Helden und treue Staatsmänner gelobt. In dem Sinne ist es auf spannende Weise paradox, dass der sechste Prinz des Jin-Reichs Wanyan Honglie sich mit Li Yuan und seinen Adoptivsohn Wanyan Kang mit Li Shimin vergleicht. Immerhin vergleicht und identifiziert sich ein Prinz eines Fremdherrschers der Jurchen mit einem chinesischen Herrscher, der in der Geschichte Chinas als das ideales Bild eines Kaisers gepriesen wird. Doch auch die chinesische Philosophie hat einen großen Platz in Der Schwur der Adlerkrieger, insbesondere die fünf Elementen-Lehre, die sich auch in den fünf chinesischen Himmelsrichtungen Norden, Süden, Westen, Osten und der Mitte widerspiegeln. Nicht umsonst gibt es im Jianghu, der Welt der Kampfkünstler, fünf unangefochtene Großmeister, einen für jede Himmelsrichtung. Zu diesen gehören auch der Bettler des Nordens und der Ketzer des Westens. Auf philosophische Weise ist das sogar tragisch, denn die Mitte symbolisierte immer das chinesische Reich. Doch in Jin Yongs Werken, ist der außergewöhnliche und unbesiegbare Kung-Fu-Meister, der Magier der Mitte Wang Chongyang, bereits verstorben. Dadurch wird die Zerrissenheit und vor allem der Niedergang der chinesischen Dynastie zwischen den Zeilen auf philosophische Weise beschrieben.

Facettenreiche Charaktere zum Mitfühlen und Liebgewinnen

Jin Yong vereint in seinen Werken aus der Welt der Kampfkunst epische, abwechslungsreiche Kämpfe mit bildgewaltigen Beschreibungen. Doch er schafft es auch sehr viele, abwechslungsreiche Charaktere zu zeichnen. Huang Rochs spitze Zunge steht niemals still, während Guo Jing stets seinen Idealen Treue und Loyalität folgt, während Wanyan Kang mit seiner Vergangenheit und seinem jetzigen Leben hadert. Denn er erfährt ebenfalls von den wahren Todesumständen seines leiblichen Vaters und, dass sein Adoptivvater Wanyan Honglie hinter dessen tragischen Tod steckte. So ist er hin- und hergerissen, ob er Vergeltung an Wanyan Honglie üben und somit Guo Jing unterstützen will oder, ob seine gemeinsame Kindheit bei seinem Adoptivvater ihn dazu bringt, diesen vor Guo Jings Zorn zu schützen. Sogar die kaltblütige, blinde Mei Chaofeng, die auch als Eisenleiche bekannte Mörderin, zeigt eine weiche, trauernde Seite, die überrascht.

Fazit

Der zweite Band von Der Legende der Adlerkrieger ist meiner Meinung nach eine sehr gelungene märchenhafte Fortsetzung. Besonders die Dialoge zwischen den einzelnen liebenswerten Charakteren bringen mich jedes Mal zum Schmunzeln. Durch die in Der Schwur der Adlerkrieger gelegten Anspielungen auf klassische chinesische Philosophie durch die Erwähnung des Buchs der Wandlungen und dem Buch der Riten, der Elementen-Lehre und Analyse von Song-zeitlicher Kalligraphie und Bildern gewinnen Leser*innen einen Einblick in das chinesische Denken, was den Roman für mich besonders hervorhebt.

© Wilhelm Heyne Verlag


Veröffentlichung: 9. August 2021

 

Lady Narmora

Als Sinologin liebt Lady Narmora die asiatische und allen voran die chinesische Kultur sowie Literatur. Sie liebt Fantasy, Sci-Fi und spannende Historienromane, in denen fremde Orte und Philosophie hochgeschrieben werden. Daher ist Literatur mit einem interessanten und spannenden Worldbuilding für sie sehr wichtig; gerade, dann wenn es um Speisen, Feste, Geschichte und Politik geht.

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