Earl von Gaudibert (Band 2): Der Earl von Gaudibert gegen die Mächte der Finsternis, Teil 1

Anfang 2017 erblickte eine kleine Novelle das Licht der Buchwelt, die für viel Furore sorgte. Denn die Wette zwischen dem Earl von Gaudibert, dem das Lügen so leicht wie das Atmen fällt und dem Gentleman mit Hang zum Okkulten, Vincent St.John-Smythe, verkaufte sich so gut, dass die Verlegerin des Art Skript Phantastik Verlags, Grit Richter, nur zu gerne einen Nachfolgeroman in Auftrag gab. Anderthalb Jahre später erschien die erste Hälfte des Romans Der Earl von Gaudibert gegen die Mächte der Finsternis. Der Untertitel Der Fluch des Vincent St.John-Smythe macht klar, dass hier ein anderer Ton angeschlagen wird.

   

13 Monate, nachdem der Earl von Gaudibert in der gleichnamigen Novelle versuchte, eine Wette mit St.John-Smythe zu gewinnen, steht letzterer plötzlich vor der Haustür von Graham McPherson und bittet seinen alten Feind um Hilfe. Frisch aus dem Grabe erhoben fleht er den Earl an, ihn von den übersinnlichen Kräften zu erlösen, die ihn seit einer allzu realen Scéance verfolgen. Doch der Earl von Gaudibert hat ganz andere Probleme, leidet er doch unter einer seltsamen Krankheit, die sein Eheleben beeinträchtigt. Zusätzlich ringt er mit der typischen Not von Bestsellerautoren, einen Nachfolger zu schreiben. Obwohl er nicht an den übernatürlichen Humbug glauben möchte, hängt er bald schon in einem neuen Abenteuer und sieht sich kurz darauf gezwungen, seine rationalen Erklärungen zu hinterfragen.

Fest der Anspielungen

Originaltitel Der Earl von Gaudibert gegen die Mächte der Finsternis, Teil 1: Der Fluch des Vincent St.John-Smythe
Ursprungsland Deutschland
Jahr 2019
Typ Roman
Band 1 / 3
Genre Fantasy, Mystery, Abenteuer
Autor M. W. Ludwig
Verlag Art Skript Phantastik Verlag

Eins muss man M. W. Ludwig lassen: Anspielungen, Verbindungen, das Aufgreifen von literarischen und filmischen Figuren – spielend leicht lässt er das in seine Handlung einfließen. H. G. Wells findet genauso seinen Platz wie Detective Lestrade. Angenehm ist, dass er es dabei meistens nicht übertreibt. So sind Sherlock Holmes und Watson momentan auf Reisen und sprengen nicht den Anspielungsrahmen. Oder lösen den Fall auf zwei Seiten. Dennoch gibt es Szenen, in denen man sich als Leser*in fragt, wo die Figuren selbst noch Platz finden sollen, da sich viele Fandoms und literarische Vorlagen in den Vordergrund zu drängen scheinen. Doch M. W. Ludwig kriegt mit seinem Earl von Gaudibert in Der Fluch des Vincent St.John-Smythe stets die Kurve zurück zu seinem Protagonisten und dessen Begleitung. Die Suche nach St.John-Smythe und dem Versuch, eine wissenschaftlichere Erklärung als übernatürliche Vorkommnisse zu finden, stehen dabei für den Earl Graham McPherson im Vordergrund.

Figurenkonstellation

Die Novelle Der Earl von Gaudibert zu kennen, ist hilfreich, aber nicht notwendig. M. W. Ludwig baut die Hinweise auf und die Entwicklungen aus der Novelle geschickt in die Handlung ein. Dabei schreibt er größtenteils aus der Sicht des Earls, doch im Roman dürfen wir auch in Suggs Perspektive schlüpfen. Ihm ist es nicht so gut wie McPherson ergangen, er kämpft mit sich und dann wirft ihn auch noch eine Begegnung mit einer alten Liebe aus der Bahn. In den Hintergrund muss Gann treten, was extrem schade ist, vor allem, weil ihr die Power aus der Novelle verloren gegangen ist. Sie hat sich ganz der Aufgabe gewidmet, sich in die englische Gesellschaft einzufügen. Garstige Sprüche und ihren Elan hat sie zusammen mit ihren schicken Kleidern im Schrank verstaut und ist in Der Earl von Gaudibert gegen die Mächte der Finsternis wie ausgewechselt. Schwach wirkt die bemühte Erklärung, dass eine Erinnerung an alte Verpflichtungen sie zum zahmen und vorsichtigen Mäuschen werden lässt. Ihre Energie fehlt im Roman.

Historische Dokumente en masse

Der Earl von Gaudibert gegen die Mächte der Finsternis: Der Fluch des St.John-Smythe spielt nur wenige Monate nach der Novelle um Graham McPhersons Wette mit seinem nun verfluchten Widersacher. Um die Ursachen von St.John-Smythes Verschwinden aufzudecken, reist der Earl nach Hamish Hamilton. Gleichzeitig findet Gann in einem Büchlein, das ihr Mann ihr im Glauben gab, mit Alice hinter den Spiegeln einen Klassiker als Lesestoff zu überreichen, Dokumente, die McPherson dringend zum Verständnis des Problems benötigen würde. Den St.John-Smythe hat Tagebucheinträge und andere Dokumente zusammengebunden, die eine Erklärung über Ereignisse liefern sollen, die mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Doch genauso wie der Block an Informationen aus einem Zwischenspiel ist dieses Abtauchen in die Geschichte zu lang geworden. Über viele Seiten hinweg liest man diese Geschichte in der Geschichte. Für den Lesefluss wäre es eindeutig angenehmer gewesen, die Texte besser über den Roman zu verteilen. So ermüdet man etwas beim Lesen, selbst wenn man die Geschehnisse eigentlich spannend findet.

Fazit

Ich habe mich sehr auf Der Earl von Gaudibert gegen die Mächte der Finsternis: Der Fluch des St.John-Smythe gefreut, hatte ich die Novelle als lockere und höchst spaßige Abenteuergeschichte in Erinnerung. Der Roman ist viel ernster geworden, was im Prinzip vollkommen in Ordnung ist, sich für mich jedoch wie ein zu harter Bruch angefühlt hat. Ein langsamer Wechsel innerhalb der Geschichte hätte mir persönlich besser gefallen. Etwas arg ermüdend fand ich die Blöcke mit den historischen Dokumenten, die zwischen 30 und 60 Seiten einnehmen, und für meinen Geschmack zu sehr aus der Handlung herausreißen, anstatt sie zu ergänzen. Hatte ich durch den Roman hindurch dennoch viel Lesevergnügen, gibt es einen Wermutstropfen, der sich mir nicht erklären will: Die vollkommen andere Darstellung von Gann, einer Powerfrau, die es nicht schafft, sich im Rahmen der englischen Konventionen unkonventionell zu verhalten. Die Erwartungen an den zweiten Teil der Geschichte sind jetzt groß, weil die Hoffnung existiert, dass ich – im doppelten Sinne – mehr Gann bekomme.

© Art Skript Phantastik Verlag

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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1 Kommentar
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Ivy
Ivy
5. Februar 2020 12:15

Nach deiner Rezension bin ich noch mehr auf das Buch gespannt und sehe es ein bisschen mit gemischten Gefühlen – da ich vor allem Gann in der Novelle ziemlich mochte. Mal schauen, wann das Buch seinen Platz in meinem Bücherregal findet.