Der Dunkle Turm (Band 7): Der Turm

Lesezeit: 6 Minuten

Ganze 22 Jahre mussten Leser des Dunklen Turm-Zyklus darauf warten, das Finale in Händen halten zu können. Erst 2004 erschien mit Der Turm der letzte Abschnitt von Rolands Reise. Für diesen hat sich Autor Stephen King (ES) viel für die Handlung einfallen lassen, das abseits der üblichen Fantasyklischees verläuft, was wiederum typisch für diese Reihe ist. Sinnbildlich für die einzelnen Stationen des Abenteuers stehen zu Beginn des circa 1009-seitigen (!) Romans die Worte: Reproduktion, Offenbarung, Erlösung und Wiederaufnahme. Was sich genau dahinter verbirgt, erfahren wir teils auf traurige Art. Denn seit wir Roland kennenlernten, wissen wir, dass Abschiede sein ständiger Begleiter sind. Doch wird der Revolvermann seinen dunklen, von Rosen umgebenen Turm überhaupt erreichen?

Die Gefährten um Rolands Ka-Tet sind durch Raum und Zeit getrennt. Während Jack, Oy und Callahan auf der New-Yorker-Seite des Jahres 1999 das von Monstern verseuchte Dixie Pig betreten, befinden sich Roland und Eddie im Jahre 1977. Sie sind immer noch in Maine und beauftragen John Cullum, einen gewissen Moses Carver zu finden. Zusammen sollen sie die Tet Corporation gründen, die Rose schützen und damit alle Welten vor dem Untergang bewahren soll. Kein leichter Job, und die beiden Revolvermänner machen sich Sorgen, dass ihr neuer Freund ablehnen wird. Doch der Bootshausbesitzer scheint vom Ka auserwählt zu sein. Er beschließt, den Auftrag der beiden seltsamen Männer anzunehmen, auch wenn dieser sein Leben komplett ändern wird. In der Zwischenzeit verschleppen die Handlager vom König Susannah/Mia nach Fedic, damit sie dort das Baby zur Welt bringen kann. Rolands Widersacher hofft, mit Hilfe des Kindes endlich an sein Ziel zu kommen. Was jedoch keiner weiß: Baby Mordred hat seinen eigenen Kopf.

Time to say Goodbye

Originaltitel The Dark Tower: The Dark Tower
Ursprungsland USA
Jahr 2004
Typ Roman
Band 7 / 8
Genre Western, Fantasy
Autor Stephen King
Verlag Heyne

Der letzten Band der Dunklen Turm-Saga knüpft nahtlos an das Ende von Susannahan. Wir beginnen an den letzten Positionen der Charaktere und folgen ihnen auf ihren nächsten Schritten. Da die sich Gruppe trennen musste, liegt der Nervenkitzel in der Luft, denn der Sensenmann ist schon bereit, sein Werk zu vollstrecken. Leider dauert es auch nicht lange und wir müssen uns vom ersten Mitglied verabschieden. Callahans Opfer ist jedoch nicht umsonst, denn er ermöglicht es dem Jungen Jack, im Rennen zu bleiben. Aber für wie lange? Immer wieder streut Stephen King vorahnende Worte ein, denn nichts zwingt die Leute mehr zum Weiterlesen als die Ungewissheit. Und seit dem ersten Band Schwarz ist klar: Rolands Gefährten haben keine lange Lebensdauer. So kommt es, wie es kommen muss und Eddie und Jack finden ihren Tod. Traurige, herzzerreissende Momente, nicht nur für Roland, sondern auch für uns. Dass wir da das Buch für einen kurzen Augenblick beiseitelegen, ist verständlich, haben uns diese fiktiven Figuren doch so lange begleitet. Sie wirkten so real, mit allen ihren Macken und Eigenarten, dass ihr Verlust uns noch lange in Erinnerung bleibt.

Wiedersehen macht Freude

Doch Zeit für Trauer bleibt keine, denn viele offene Aufgaben warten noch. Die Buchseiten fliegen daher nur so dahin. Neben der Geburt des kleinen Monsters (bitte wörtlich nehmen!) Mordred müssen unsere Helden die Balken und die Rose retten. Letztere dürfte dank John Callum in guten Händen sein, doch sind nur noch zwei Träger des Dunklen Turms vorhanden. Die Reise wird daher unentwegt vorangetrieben, damit wir nach Donnerschlag kommen. Dort befindet sich eine Einrichtung, die sogenannt Brecher beherbergt, Menschen mit besonderen Fähigkeiten. So wie der gute alte Tedd Brautigan, denn einige Leser wiedererkennen werden. Er stammt aus der Novelle Niedere Männer in Gelben Mänteln aus dem Roman Atlantis, welcher eng mit dem Dunklen Turm verbunden ist. Ted ist ein sympathischer, älterer Mann, der als einer der Wenigen weiß, was sie mit ihrer täglichen Arbeit bewirken. Ihn hier wieder anzutreffen ist toll, da er in seiner Geschichte entführte wurde und wir nie erfuhren, wohin. Neben ihm begegnen wir auch Sheemie Ruiz wieder, dem geistig behinderten Jungen, dem Alain das Leben rettet. Er kommt im vierten Band Glas in Rolands Rückblick vor und war seitdem verschwunden. Ein schöner Moment, wenn er und der alte Revolvermann die ersten Worte nach all der Zeit wechseln. Neben den beiden taucht auch Dinky Earnshaw aus der Kurzgeschichte Alles endgültig aus der Sammlung Im Kabinett des Todes auf. Zusammen helfen die drei dem Ka-Tet, was zur Folge hat, dass wir auf einige Fragen Antworten bekommen. Ansonsten zieht sich das Thema der Weltenreisen weiter durch die Geschichte. Denn die Untergebenen des Königs entführten die Brecher aus verschiedenen Wann’ s und Wo’s. So wundert es nicht, dass sich der Autor für das Finale eine besondere Überraschung zu diesen Thema aufhebt: Patrick Danville aus Schlaflos betritt die Bühne und verhilft Roland zu seinem Ziel – und das auf wortwörtlich kreative Art.

Eine große Schlacht, ein Autounfall und eine Reise

Normalerweise würde die wichtige, alles entscheidende Schlacht am Ende der Handlung kommen. Nicht so beim Dunklen Turm, denn Stephen King weicht erneut von der allgemeinen Norm ab und präsentiert uns alternative, bessere Ideen. So dürfen wir uns schon vor der Mitte des Bandes auf ein wirklich beeindruckendes Revolvergefecht freuen. Bei diesem haben wir das Gefühl, mittendrin zu sein, da die Wörter ein solch lebendiges Bild zeichnen, dass Leser sich ducken wollen, das Blut riechen können und die Schreie in ihren Ohren erklingen. Mussten wir darauf verzichten, live beim Konflikt am Jericho Hill sein, werden wir mit diesem Gefecht auf jeden Fall vertröstet. Langeweile kommt danach aber auch nicht auf, denn es gibt noch immer viel zu erleben, bevor der Turm auch nur ansatzweise in Sicht kommt. Wie zum Beispiel ein Killer-Baby, einen Autounfall in einer anderen Welt und einen durchgedrehten König. Und je mehr Rolands Gruppe schrumpft, desto mehr wandeln wir erneut auf bekannten Pfaden. Sorge um Nahrung, Wärme und andere grundlegende Dinge rücken wieder in den Vordergrund und ein allerletztes tödliches Rätsel gilt es noch zu lösen.

Abschluss

Schreiberlinge tippen Enden, die wir lesen, für annehmlich befinden und dann das Buch wieder ins Regal stellen. Anders beim Finale des Dunkel Turm! Dieses hat es dank seiner ungewöhnlichen Lösung in sich, dass selbst die Warnung des Autors nichts bringt. Er hat zwar damit Recht, dass schon der Weg ein Ziel ist. Dennoch können Leser nicht einfach aufhören als Roland am Fuße des Turmes ankommt, denn was befindet sich in diesem Gebäude, was das Gefüge aller Welten zusammenhält? Daher lesen wir weiter und erleben ein Ende, mit dem wir nicht rechneten, denn weder Hinweise noch andere Zeichen bereiteten uns darauf vor. Fluchen, meckern, lachen und Seiten erneut lesen sind daher keine Seltenheit, wenn das letzte Wort gelesen ist. Denn wer rechnet schon damit, dass Roland in einer verdammten Zeitschleife feststeckt. Durch diese muss er immer und immer wieder den Turm retten, beginnend in der Wüste, bei der Jagd nach dem Mann in Schwarz. Ein geniales, wenn auch sehr grausames Ende. Es weckt aber auch Hoffnungen, dass er es irgendwann dort heraus schafft. Zu guter Letzt dürfen wir den wohl ironischsten letzten Satz lesen: „Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“ Richtig, es ist der erste Satz des ersten Bandes.

Fazit

Ungewöhnlich, traurig, spannend, freudig und noch so vieles mehr, das ist der letzte Band der Dunklen Turm-Reihe. Es fällt mir wirklich schwer, die richtigen Worte für dieses Buch zu finden. Steckt hier doch so viel drin, dass selbst eine Doktorarbeit nicht alles erfassen könnte. Eines ist auf jeden Fall klar, es ist der erste Roman, der mich jemals zum Weinen brachte. Auch bei einem erneuten Lesen musste ich zum Taschentuch greifen, und das nicht nur einmal. Stephen King lässt wirklich nichts aus, um seine Leser emotional zu foltern. Er schenkt uns glückliche Momente des Wiedersehens, nimmt uns Figuren weg, treibt Roland immer weiter, um seine und unsere Neugier zu befriedigen. Trotz der Dicke des Buches wird es schlicht nie langweilig. Mein persönliches Highlight ist die Schlacht um die Balken, die ihresgleichen sucht. Es passt einfach, wie hier die Figuren agieren und die Spannungskurve durch die Decke schießt. Zum krönenden Abschluss liefert der Autor ein Finale, welches wirklich unvergesslich ist. Schließlich habe ich es über 14 Jahre lange nicht mehr vergessen können! Da kann sich Stephen King wirklich auf die Schulter klopfen, denn das schafft nicht jeder Autor. Der finale Band der Dunklen Turm-Reihe hat uns wie alle anderen Bände in eine andere Welt entführt und uns emotional durchgeschleudert. Genau das sollte eine gute Geschichte hinbekommen und daher bekommt Der Turm die volle Punktzahl von mir. Zum Abschluss wünsche ich erneut und nun zum wohl letzten Mal: Lange Tage und angenehme Nächte.

© Heyne

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Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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