Das Siebentagegebet

Lesezeit: 4 Minuten

Das Siebentagegebet versammelt die Hinterbliebenen für einen begrenzten Zeitraum: Sieben Tage, um zu trauern. Sieben Tage, um sich zu erinnern. Sieben Tage, um eine Tote neu kennenzulernen. Sieben Tage, die die Vergangenheit verändern werden.

  

Drei türkische Schwestern treffen sich in der Wohnung ihrer verstorbenen Mutter in Istanbul, um in den vorgeschriebenen sieben Tagen zusammen mit Nachbarn und Freunden zu beten und sich zu erinnern. Güner, die Älteste, und Zeynep, die Jüngste, leben in der Türkei, Süher, die Mittlere, ist nach Deutschland ausgewandert. Es ist lange her, dass die drei sich gemeinsam getroffen haben; jede von ihnen hat mit eigenen Problemen zu kämpfen und versucht auf ihre Art, mit ihnen fertig zu werden. Eines aber ist ihnen allen gleich: Der Zorn und der Schmerz darüber, dass ihre Mutter Muzaffer sie als Kinder beim Vater zurückgelassen hat und davongegangen ist, scheinbar ohne sich nach ihnen umzuschauen, hat sich bis zu ihrem Tod nicht gelegt. Da findet Zeynap die Tagebücher ihrer Mutter. Heimlich, ohne ihren Schwestern etwas davon zu erzählen, liest sie sie und entdeckt eine ganz andere Wahrheit als die, mit der sie aufgewachsen ist.

Bilder der Vergangenheit

Originaltitel Yedi Gün Duasi
Ursprungsland Türkei
Jahr 2011
Typ Roman
Bände 1
Genre Drama
Autor Zerrin Soysal
Verlag binooki (2012)

Mit ihrem Debütroman nimmt Zerrin Soysal den Leser mit auf eine Reise, die so schnell nicht vergessen werden kann. Drei Schwestern, die als Kinder von ihrer Mutter verlassen worden sind, entdecken erst nach deren Tod, wer ihre Mutter wirklich war, was damals geschehen ist und welche Auswirkungen das auf ihr Leben gehabt hat. Aus der Sicht von Zeynep, der jüngsten Schwester, entsteht nach und nach ein vollständiges Bild der Vergangenheit, während sie in den Tagebüchern ihrer Mutter liest, die diese 1938 als Schülerin zu schreiben begonnen hat. Und so, wie die zunächst verächtlich angesehene Nachbarin durch Gespräche zu einer individuellen Persönlichkeit wird, so bekommt auch Muzaffer, die Mutter, ein Gesicht – und eine Stimme, die lauter und lauter erklingt. Dabei sind es nicht die langen, oft blumigen Beschreibungen ihres Alltags, sondern die kurzen, schmerzvollen Sätze und manchmal auch das Fehlen von Einträgen, die die Gemütslage einer jungen Frau vermitteln, welche mit den erstarrten Traditionen und rückständigen Lebensumständen in der Türkei zu kämpfen hat.

Verflechtung der Perspektiven

Der Roman Das Siebentagegebet steht in der Ich-Perspektive und benutzt die Gegenwartsform, wobei es gleich zwei Erzählstimmen gibt. Zum einen schildert Zeynep das aktuelle Geschehen, zum anderen erklingt durch die Tagebucheinträge ihrer Mutter auch Muzaffers Stimme, die die Vergangenheit schildert. So entstehen zwei Bilder gleichzeitig. Darüber hinaus ist es nicht nur die Gegenwart von Güner, Süher und Zeynep, sondern auch die Vergangenheit ihrer Mutter Muzaffer. Immer mehr verflechten sich diese beiden Perspektiven und bilden zum Schluss ein Ganzes, in dem alles seinen Platz gefunden hat. Dabei reißt die rasche, mitunter fast schon hastige Erzählweise den Leser unerbittlich mit sich und vermittelt das Gefühl, direkt an den Gesprächen beteiligt zu sein.

Ich habe Das Siebentagegebet in einem Rutsch durchgelesen, weil es mich von Anfang an in eine Welt mitgenommen hat, die mir unbekannt ist, in der ich mich dank der unauffällig eingebrachten Informationen kulturell immer gut zurechtgefunden habe. Mir war schnell klar, dass die Geschichte um Muzaffer anders verlaufen war, als es Zeynep und ihre Schwestern bisher geglaubt haben, und ich habe mit allen Frauen mitgelitten, als ihnen nach und nach die Wahrheit bewusst wurde, aber auch mit der toten Muzaffer, deren Geschichte dank ihrer Tagebücher einen detaillierten Blick auf die Rolle der Frau in der Türkei zur Zeit des Zweiten Weltkrieges möglich macht. Dieses Buch bleibt in meinem Regal, ich werde es sicher noch einmal lesen.

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