Das Mädchen, das in der Metro las

In Nina Georges Roman Das Lavendelzimmer ist es eine literarische Apotheke, bei Die Sehnsucht des Vorlesers gerettete Buchseiten und ein USB-Stick – dass Literatur einem oder mehreren Menschen das Leben verbessern kann, ist ein beliebtes Thema. Das Mädchen, das in der Metro las ist nach dem Jugendthriller Dornröschentod die erste Übersetzung der Erwachsenenromane von Christine Féret-Fleury, die im Mai 2018 im Dumont-Verlag erschien. Die Autorin, die lange Zeit als Lektorin arbeitete, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte, versucht in diesem Roman, das Gefühl des Losgelöst-, ja regelrecht des Verloren-Seins sensibler Menschen in der modernen Welt zu erfassen und aufzuzeigen, wie Bücher und deren Geschichten einen retten können. Aber muss man sich nicht irgendwann aus seiner kuscheligen Leseecke herauswagen, um sich selbst und das Glück zu finden?

    

Juliette ist eine junge Frau, die sich in die Welten ihrer Romane flüchtet, sobald sie in der Metro sitzt. Manchmal beobachtet sie aber auch die Menschen um sich herum, die Frau mit dem italienischen Kochbuch zum Beispiel oder den Mann mit dem grünen Hut, der ein bisschen in seinem Insekten-Lexikon blättert. Und was passiert eigentlich in den Liebesromanen immer auf Seite 247, dass ihre Mitfahrerin zum Weinen bringt? Unsere Protagonistin führt ein einfaches, gleichmäßiges, nahezu langweiliges Leben mit einem geregelten Tagesablauf: Aufstehen, Frühstücken, in der Metro lesen oder Menschen beobachten, zur Arbeit im Immobilienbüro gehen, nach Hause fahren, etwas Haushalt, weiter lesen. Eines Tages entschließt sie sich, zwei Stationen früher auszusteigen und begegnet dem sonderbaren Soliman und seiner Tochter Zaïde. Eine Begegnung, die schon bald ihr Leben verändert.

Sollte man eigentlich, überlegte sie, während sie einer Spinne dabei zusah, wie sie in einer Zimmerecke geschäftig ihr fast unsichtbares Netz zu spinnen begann, die Länder bereisen, die man durch Bücher lieben gelernt hatte? Gab es diese Länder überhaupt?
Zitat S. 107

Was liest du denn da?

Auch wenn der Titel von Das Mädchen, das in der Metro las und der Klappentext einen eine weibliche Person erwarten lässt, die eben in der Metro liest, um ihrem tristen Alltag zu entkommen: Diese Frau lernen wir gar nicht wirklich kennen. Es wird in einem der sehr kurzen Kapitel beschrieben, dass sie dies oft tut, jedoch ist Juliette zum Einstieg der Handlung des gerade einmal 174 Seiten langen Romans schon an einem Punkt, an dem sie seit Wochen nicht mehr in ihrer Lektüre gelesen hat. Stattdessen beobachten wir durch ihre Augen ihre Mitfahrer und lernen diese und Juliettes Gedankengänge kennen. Es verwirrt den Leser im ersten Viertel nicht selten, wenn Juliette etwas anscheinend laut ausspricht, aber niemand darauf reagiert. Zumindest steht in der Übersetzung, dass sie dieses oder jenes kommentiert oder einfach ihre Fragen an ihre Mitmenschen stellt, aber nie wird beschrieben, wie die anderen damit umgehen. Denkt sie diese Dialogzeilen doch nur? Jedoch sind die Gedanken, welche die Autorin ihrer Figur mitgibt, unglaublich schön und oft von zauberhafter Gestalt.

[…] Wortschmetterlinge, die in den überfüllten Metro-Waggon flatterten, bevor sie sich auf Juliettes Fingerspitzen niederließen. […]
“Die Glühwürmchen”, sagte sie, “die Glühwürmchen sind vom Himmel gefallene Sterne.” Zitat S. 14 & 15

Sich verirren, um zu sich zu finden

Die verträumte junge Frau aus Das Mädchen, das in der Metro las steigt eines Tages früher aus, weil sie noch Zeit bis zum Arbeitsbeginn hat. Auf ihrem Weg kommt sie an einem Tor vorbei, welches durch ein Buch aufgehalten wird. Bücher besitzen eine magische Anziehungskraft auf Juliette und so blättert sie darin herum, bis die kleine Zaïde sie hereinbittet, da das Mädchen denkt, Juliette wäre eine neue Kurierin. So lernt sie Soliman kennen, einen Mann, der Bücher sammelt, um sie an den richtigen Leser zu verschenken. Er sammelt ebenfalls Menschen um sich herum, die bereit sind, auf ihren täglichen Wegen Menschen zu beobachten und ihren die passende Lektüre zu geben und so als Kuriere für ihn arbeiten. Dabei verändern sie das Leben der Leser wie auch das von sich selbst. Sie lernen etwas über ihre Mitmenschen, studieren die Feinheiten ihrer Stimmungen und hoffen zu erahnen, wonach sie sich sehnen und dabei erwerben sie ebenso Wissen über sich selbst. Auch für Juliette beginnt ein Wandel, der sie oft verwirrt, ihr den Boden unter den Füßen wegzieht und ihr bisheriges Leben in Einzelteile zerbricht, die sie nun neu ordnen muss.

Schon wieder so ein Gemeinplatz, aber sie klammerte sich daran, man kann sich seinen Rettungsanker nicht aussuchen, wenn man in Not ist.
Zitat S. 91

Fabelhafte Einzelteile, die kein perfektes Bild ergeben

Originaltitel La Fille qui lisait dans le métro
Ursprungsland Frankreich
Jahr 2017
Typ Roman
Bände Einzelband
Genre Belletristik
Autor Christine Féret-Fleury
Verlag Dumont (2018)

Der Roman ist voller schöner Sätze und Szenen, er schafft es dank seiner kurzen Kapitel, einen schnell durch die Geschichte zu tragen. Er ist wunderbar geeignet für Menschen, die sich zu viele Gedanken über Dinge machen, die gar nicht so viel Grübeln nötig haben, da sie gut sind, wie sie sind. In diesen kurzen Szenen schafft es die Autorin, die Figuren ihres Buches greifbar und lebendig zu machen, gibt ihnen Hintergrundgeschichten, die einen mitfühlen lassen. Man bekommt den Eindruck diese Menschen zu kennen, da sie einem in der wirklichen Welt allzu oft begegnen: Personen, die ein Schritt neben den anderen gehen, die tiefgründige Gedanken hegen und sich oft genug fragen, ob sie nicht etwas hätten anders machen sollen. Leider wirkt die Geschichte durch die kurzen Kapitel stark episodenhaft, immer wieder gibt es zeitliche Sprünge, die sich nur schwer einordnen lassen und die Autorin schafft es zwar, dass wir die einzelnen Figuren lieben lernen, jedoch nicht deren Beziehungen untereinander, da diese keine Chance haben, sich wirklich zu entfalten.

Das Mädchen, das in der Metro las sprach mich sofort an. Eine befreundete Buchhändlerin empfahl es mir bereits einige Wochen vor Erscheinen und ich habe es mir direkt vorbestellt. Die Aufmachung des Buches ist wunderschön und voller Begeisterung tauchte ich in die Lektüre ein. Allerdings hinterließ sie mich zwiegespalten. Einerseits liebe ich es, wenn es in Büchern um Menschen geht, die Bücher genauso lieben wie ich selbst und die ebenfalls manchmal in anderen Sphären zu schweben scheinen. Andererseits habe ich die Intention des Romanes als mangelhaft umgesetzt empfunden. Gleichgesinnte finden, mehr über sich lernen und vielleicht neue Wege beschreiben – im Prinzip hat der Roman all dies. Aber die verbindenden Elemente sind schwach, was vor allem an den kurzen Kapiteln und dem geringen Umfang des gesamten Buches liegt. Bei Das Mädchen, das in der Metro las fehlen mir noch ungefähr 50 Seiten, welche die Geschichte richtig rund machen könnten.

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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