Das Labyrinth des Fauns

Lesezeit: 5 Minuten

Obgleich Guillermo del Toro mit seinem letzten Werk Shape of Water – Das Flüstern des Wassers den Oscar abräumen konnte, wird der mexikanische Filmemacher immer noch vor allem für seine Fantasy-Mär Pans Labyrinth vergöttert. Darin beweist er sein feinsinniges Gespür für das Verweben von Fantastik und Drama – eine Feinsinnigkeit, die noch heute Anklang findet. So sehr, dass er Pans Labyrinth erneut zum Leben erweckt und das Düstermärchen gemeinsam mit der deutschen Autorin Cornelia Funke unter dem Titel Das Labyrinth des Fauns beim Fischer Verlag herausbringt.

 

Das Jahr 1944: Spanien befindet sich unter der Kontrolle des Generalissimus Francisco Franco, doch in den Bergen verschanzen sich immer noch ein paar Rebellen und begehren auf. Nachdem Ofelias Vater im Bürgerkrieg getötet wurde, heiratet ihre Mutter Carmen den tyrannischen Militäroffizier Capitán Vidal in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Bald schon wird sie schwanger und Vidal fordert sie auf, zu ihm auf die ländliche Farm zu ziehen, von der aus er versucht, den verbleibenden Rebellen-Widerstand zu zerschlagen. Die Brutalität, die Ofelia dort erlebt, erschreckt sie, sodass sie sich in ihre Märchenbücher und die nahegelegenen Wälder zurückzieht. Auf einem ihrer Streifzüge entdeckt Ofelia plötzlich ein Labyrinth, in dessen Zentrum ein Faun auf sie wartet. Sie sei die verloren geglaubte Prinzessin des unterirdischen Königreichs, behauptet der Faun. Doch ehe sie in ihre wahre Heimat zurückkehren kann, muss sie sich erst beweisen und drei Prüfungen aus dem Buch der Entscheidungen bestehen.

“Das Buch zum Film” – Der Freak in der Literatur

Originaltitel Pan’s Labyrinth: The Labyrinth of the Faun
Ursprungsland USA
Jahr 2019
Typ Roman
Bände 1
Genre Fantasy, Drama
Autor Cornelia Funke, Guillermo del Toro
Verlag Fischer

Filmromane sind eine lediglich stiefmütterlich beachtete Nische in der Buchverlagsbranche. Literaturverfilmungen können gut werden. Der umgedrehte Weg aber, wenn der Film zum Buch wird, endet oft als Griff ins Klo. In der Regel handelt es sich bei Filmromanen um reine Nacherzählungen, ohne originalen Content, ohne irgendwelche ansprechenden Wendungen oder sonstige literarische Leistungen, über die es sich zu sprechen lohnen würde. Tatsächlich erscheint es sogar irgendwie sinnlos, sich dem literarischen Genuss von Transformers hinzugeben, nachdem man bereits den vermutlich viel aufregenderen Film gesehen hat. Und sollte sich der Autor dann doch dazu entschließen, vom Film-Script abzuweichen, dann kommt dabei nicht selten so etwas heraus wie Halloween von Curtis Richard, der aus dem puren Bösen Michael Myers das beklagenswerte Opfer eines willkürlichen antiken, keltischen Fluchs macht (lol?). Lange Rede kurzer Sinn: Klebt auf einem Buch der Sticker „Das Buch zum Film“, dann ist das nicht selten ein Gütesiegel für Trash.

Funke to the rescue

Nichtsdestotrotz gibt es auch Ausnahmen. Eine davon stellt Guillermo del Toro, als er im Jahre 2018 seinen Oscar-Film Shape of Water zusammen mit dem amerikanischen Co-Autor Daniel Kraus als sehr lesenswerte Romanfassung auf den Markt brachte. Und als hätte er Gefallen an der Filmroman-Nische gefunden, literarisiert del Toro nun auch sein Düstermärchen Pans Labyrinth, für dessen Niederschrift er keine Geringere als Cornelia Funke ausgewählt hat. Cornelia Funke, unser deutscher Exportschlager, mit über 20 Mio. verkauften Büchern, mit Übersetzungen in bis zu 37 Sprachen, ausgezeichnet als einflussreichste deutsche Frau 2005 (Merkel war damals noch nicht ganz so en vogue) etc. – die Cornelia Funke eben, die sich u.a. mit der Tintenwelt-Trilogie und den Wilden Hühnern einen Namen gemacht hat und sicher in jedem Kinderzimmer mit irgendeinem Titel vertreten ist. Nun also Das Labyrinth des Fauns. In einem dem Buch beiliegenden und an die Leser gerichteten Brief erzählt Cornelia Funke ein bisschen zur Entstehungsgeschichte des Buches, u.a. dass sie für den direkteren Austausch mit del Toro auf Englisch schrieb. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: eine deutsche Autorin, die eine spanische Geschichte auf Englisch verfasst – Globalisierung done right.

Poesie over 9000

Cornelia Funke zählt Pans Labyrinth zu ihren Lieblingsfilmen und bezeichnet den Streifen als „vollkommen“, so dass sie sich mit liebevollem Respekt annähert und den Film wiedergibt ohne einen Klogriff-mäßigen Ego-Trip daraus zu machen. Sie orientiert sich dabei an dem Film (nicht am Drehbuch) und die Dialoge sind das unveränderte Grundgerüst, an dem sie sich entlang hangelt. Doch was dazwischen passiert ist pure literarische Entfaltung. Sie gewährt Einblicke in die Figuren, spricht zauberhafte Weisheiten aus und stellt Vergleiche und Metaphern auf die Beine bei denen man (ich) denkt: „Wow, also… das ist echt wunderhübsch.“ Der Schreibstil ist dabei alles andere als ausufernd, sondern märchen-typisch kurzweilig und immer ein Schuss ins Schwarze – in Das Labyrinth des Fauns wird das, was ausgedrückt werden will, auch ausgedrückt.

Die Folklore von Pans Labyrinth wird erweitert

Der Weg durch die Hauptgeschichte um Ofelia, Vidal und den Faun wird dabei von zehn Interludien unterbrochen, die in Form von Märchen geschichtsinterne Schlüsselbilder aufgreifen und mit einem neuen Bedeutungskontext anreichern. Wir erfahren von der Entstehung der menschgesichtigen Säulen, auf die Ofelia während der Autofahrt trifft, und von der geheimen Wirkungsweise von Vidals Rasiermesser. Wir werden Zeuge der Geburt der Kröte und erleben, wie der Faun sich verliebt. Auch andere Motive, die keine so offensichtlich tragende Funktion haben (wie die Mühle, die Kaninchen jagenden Bauern etc.), treten in den Märchen immer wieder auf. Ja, und selbst der Bleiche Mann streift – wenn er nicht gerade die Hauptfigur ist – hier und da im Hintergrund der Erzählungen herum. Durch dieses ganze Wiederaufgreifen und Verweben der Schlüsselelemente fügen sich die Interludien nahtlos in die Hauptstory ein und gemeinsam bilden sie ein homogenes, eigenes Erzähluniversum. Es macht den Eindruck, als habe sich Funke bis zum Äußersten in diese Universum eingelebt, denn es gibt so gut wie keine Situation, in der die Autorin die sprachlichen Mittel nicht mit der Umgebung, dem Universum und den bekannten Archebildern in Verbindung bringt.

Neu gewebter Stoff

Funke bringt in Das Labyrinth des Fauns auch einige von del Toros Ideen zu Papier, die es nicht in den Film geschafft haben oder im Film nicht ausdrücklich zur Sprache kommen und vermutlich nur den eifrigsten Detail-Stalkern auffallen. So altert der Faun z.B. rückwärts. Doug Jones, der in Pans Labyrinth den Faun spielt, sagte in einem Interview auf einem Event der Academy of Motion Picture Arts and Sciences diesbezüglich: „Falls es aufgefallen ist: Jedes Mal, wenn man den Faun sieht, wird er hübscher und kastanienbrauner und seine Hörner wachsen und seine trüben Augen klären sich. Das passiert im Verlauf des Films, weil die kleine Ofelia beginnt, an den Faun zu glauben und dieser Glaube stärk ihn und das gesamte unterirdische Königreich.“ Die Leser können also viele neue Details und Ansichten entdecken, die ein wohliges Gefühl der Überraschung auslösen. Oder aber sie entdecken Ansichten, die sich vielleicht mit den eigenen Interpretationen des Filmes decken und stattdessen ein wohliges Gefühl der Vertrautheit auslösen – und des Triumphes: „Oh my gosh, ich sehe es wie Funke!“ So oder so ist Das Labyrinth des Fauns eine Bereicherung.

Fazit

2004 war das Jahr, in der meine bibliophile Ader das erste Mal so richtig angeschwollen ist. Verlagstechnisch ausgelöst durch die Büchergilde, buchmäßig ausgelöst durch Funkes Tintenherz und filmtechnisch ausgelöst (ein bisschen später) durch Pans Labyrinth, denn durch Ofelia kam ich auf den Märchentrichter – heißt, ich hab mir die fettesten, unhandlichsten, aber auch schönsten Märchenbücher überhaupt besorgt. Allerdings wollte ich auch die Märchen um Ofelia und den Faun irgendwie besitzen und so habe ich mich dran gemacht, Pans Labyrinth irgendwie niederzuschreiben. War natürlich keine Meisterleistung, und gut aussehen tat’s als Office-Ausdruck freilich auch nicht. Hatte es also dran gegeben. Deswegen umso traumhafter, dass nun Cornelia Funke herself diesen gescheiterten Kindheitstraum von mir realisiert. Die Geschichte von Ofelia für’s Unter’s-Kopfkissen-legen, handlich verpackt, schön gebunden, hübsch illustriert, magisch literarisiert. Träume werden doch noch wahr, huh? Volle Punktzahl von mir.

© S. Fischer Verlag

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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