White Snake

Lesezeit: 4 Minuten

Die Legende der weißen Schlange gehört in China zu den verbreitetsten Volksmärchen. Dementsprechend populär ist der vor über 400 Jahren notierte Stoff, der bereits mehrfach aufbereitet wurde. In den 1950ern als Animefilm des namhaften Studios Toei Animation, 2011 als Martial Arts-Vehikel mit Jet Li oder jüngst als 36-teilige TV-Serie. Mehr als 20 Produktionen listet die internationale Filmdatenbank auf. Was bislang noch fehlte, ist ein Animationsfilm. Diese Lücke schließt nun White Snake (im Original: Bai She: Yuan Qi) der chinesischen Animationsschmieden Light Chaser Animation. Sichtlich angelehnt an Disney-Produktionen wie Die Eiskönigin könnte der Film in der Tat auch direkt aus dem Mäusekonzern stammen, der ja seit geraumer Zeit hinsichtlich seiner Schauplätze und Kulturen verstärkt auf Diversität setzt. Ob das farbenprächtige Spektakel auch seinen Weg nach Deutschland finden wird, ist ungewiss. Deutsche Zuschauer durften sich auf dem Fantasy Filmfest 2019 einen Eindruck verschaffen.

 

Die Tang Dynastie vor 500 Jahren: Die weiße Schlangendämonin Blanca ist eine perfekt ausgebildete Assassine. Doch ein Angriff auf den General der kaiserlichen Armee schlägt fehl und erst in letzter Minute kann sie sich in Form einer menschlichen Schönheit in ein Dorf retten, wo die Kräfte dann endgültig versagen. Als sie wieder zu sich kommt, sind jegliche Erinnerungen verschwunden. Blanca begegnet dem Jungen Xuan, der nicht im Geringsten ahnt, wer sie wirklich ist. Aus Annäherung entsteht schließlich Verliebtheit. Doch das ist äußerst gefährlich, denn ausgerechnet in jenem Dorf ist man auf den Schlangenfang spezialisiert. Die Liebe der beiden bringt einige Parteien gegen das junge Paar auf: Nicht nur Blancas Schwester Verta, die ebenfalls eine Schlangendämonin ist, sondern auch die Dorfbewohner und den General. Zwischen den Fronten muss Blanca eine Entscheidung fällen …

Frei von kultureller Kluft

Originaltitel Bai She: Yuan Qi
Jahr 2019
Laufzeit 99 Minuten
Genre Fantasy, Romanze
Regisseur Amp Wong, Ji Zhao
Studio Light Chaser Animation Studios

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein verschrobenes chinesisches Werk, kristallisiert sich zunehmend als erstaunlich westlich heraus. Es bedarf keines besonderen Zugangs, um schnell in die Geschichte einzutauchen. Denn komplex ist die Legende der weißen Schlange nicht. Sie erzählt von der Liebe zwischen einem Menschen und einer Gottheit. Eine immer wiederkehrende Thematik, sieht man doch einmal auf Filme wie Arielle, die Meerjungfrau oder Die Schöne und das Biest, welche ebenfalls von der aufkeimenden Liebe zwischen Mensch und Fabelwesen bzw. Mythenfigur erzählen. Zwischen diese beiden Beispiele könnte sich auch White Snake einreihen. Dieses verzichtet auf allzu viel China-Klimbim und könnte theoretisch auch in jedem anderen Land der Welt spielen. Ebenfalls deutlich durch Disney inspiriert, gibt es einen tierischen Sidekick namens Dodou, der die dramatische Geschichte durch Witz auflockert. Xuans Hund ist mit einer Mimik ausgestattet, die westlichen Tierbegleitern in nichts nachsteht.

Erwachsene Themen

Erfreulicherweise ‒ und in diesem Punkt ist White Snake auch vielen Disney-Titeln etwas voraus ‒ lassen sich eine Menge Konflikte friedlich lösen. Es bedarf nicht immer einer gewaltvollen Lösung. Trotzdem geht es hier und da erstaunlich erwachsen zu, ohne dass etwa ein grausamer Tod nur Mittel zum Zweck wird. Sexualität wird nicht totgeschwiegen und Fanservice im Sinne eines äußerst ausladenden Ausschnitt bei einer Figur existiert ebenso. Nur ebenso weit von Plumpheit wie von Prüderie entfernt. Die Fuchsgöttin will ohnehin augenzwinkernd betrachtet werden. Sie steht über den Dingen und ist dem Zuschauer (auf eine augenzwinkernde Art) sowieso viel näher, während Blanca und Xuan die Geschichte tragen. Selten entsteht der Eindruck, als sei der Film trotz seiner kindgerechten Optik je wirklich für ein junges Publikum konzipiert worden.

Augen- und Ohrenfutter

Bei soviel überirdischer Thematik liegt es nahe, dass die zum Einsatz kommende Magie mit vielen ansehnlichen Effekten ausgestattet ist. Physikalische Gesetzmäßigkeiten bleiben in den Kämpfen außer Acht, denn jeder Schauplatz wird in vollem Umfang für körperliche Auseinandersetzungen genutzt. In Sachen Inszenierung braucht man White Snake nichts vorzumachen. Die Präsentation ist betörend, farbenfroh und fantasievoll. Da es sich noch immer um eine Liebesgeschichte handelt, darf auch eine Überportion an Kitsch nicht fehlen. Ohne dass dies je wirklich störend wirkt ‒ vor dem geistigen Auge schwingt immer mit, dass wir es hierbei mit einer Sage zu tun haben und natürlich muss die Unsterblichkeit jener Liebe transportiert werden. Der Aspekt wird etwas von der gewaltigen Geschichte erdrückt, deren pompöse Darstellung von einem bombastischen Score begleitet wird.

Fazit

White Snake ist ein Film, der unbedingt hierzulande das Licht der Welt erblicken muss. Qualitativ gleichauf mit Disney-Titeln und anderen Animationsfilmen, muss er sich trotz seiner fernöstlichen Elemente nicht vor dem hiesigen Markt verstecken. Sicherlich wirkt vieles auf den ersten Blick einmal befremdlich und vielleicht kompliziert, doch sind es gerade der leichte Zugang und eine Erzählweise, die ganz frei von Längen bleibt, welche diese Produktion zu einem angenehmen Sehvergnügen machen. Dennoch sollte der Film jüngeren Zuschauern vorenthalten bleiben. Die Vorstellungen von Familientauglichkeit scheinen in Deutschland und China doch sehr unterschiedlicher Natur zu sei.

© Eurovideo

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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