The Tatami Galaxy

Lesezeit: 5 Minuten

Die meisten Menschen dürften zumindest einmal mit dem Gedanken gespielt haben, ihr Leben ganz anders zu durchlaufen. So auch der namenlose Protagonist aus The Tatami Galaxy. Ein Student, der auf der Suche nach seinem “rosaroten Campusleben” die ersten beiden Jahre des Studiums immer wieder neu durchlebt. Basierend auf dem gleichnamigen Roman Tomihiko Morimis zeigt das Studio Madhouse (Death Note) unter der Federführung von Regisseur Masaaki Yuasa (Devilman: Crybaby) schrullige Alternativen eines Lebens, das den falschen Zielen hinterherrennt.

    

“Ich”, der unbenannte Protagonist, ist ein Student, der sein Studium mit der Hoffnung auf ein rosarotes Campusleben begann. Doch in jeder neuen Iteration der zwei Jahre in einem Uni-Klub, wo er weder Anschluss, noch seine große Liebe finden kann, muss er feststellen, dass nichts so läuft, wie er es sich ausgemalt hat. Er ist sich sicher, die falsche Wahl getroffen zu haben. Ozu, seine “schlimmste Begegnung im Leben”, versichert ihm hingegen, dass er sich bei einer anderen Klubauswahl in der genau gleichen Position wiederfinden würde. “Ich” hält das aber nicht davon ab, sich jedes Mal einen weiteren Neuanfang zu wünschen, woraufhin sich die Uhr zurückdreht und sein Studienleben erneut beginnt.

Der schwarze Faden des Schicksals

Originaltitel Yojouhan Shinwa Taikei
Jahr 2010
Episoden 11 (+ 3 Specials)
Genre Psychological, Drama, Comedy
Regisseur Masaaki Yuasa
Studio Madhouse

The Tatami Galaxy spinnt seine Handlung um eine zynische Herangehensweise zum “roten Faden des Schicksals”, einer bekannten Legende im asiatischen Raum. Statt einem roten ist es nun ein schwarzer Faden, der in jedem Campusleben Ozu mit “Ich” zusammenführt. Der Bärenanteil der Serie folgt dabei mehr oder minder einem Muster mit den gleichen obligatorischen Eckpunkten: “Ich” wählt jeweils mit falschen Erwartungen einen Klub aus. Er trifft auf Ozu der ihn in allerhand Schabernack hineinzieht, das sein Studienleben noch weiter ruiniert. Er lernt Akashi kennen, eine ältere Studentin und frostige Schönheit, die Angst vor Schmetterlingen hat und verpasst es jedes Mal ihr ihren verlorenen “Mochigumi”, eine kleine Plüschfigur in Schlüsselanhängergröße, zurückzugeben. Mit einem Hauch von Ironie begegnet er ebenso laufend einer Wahrsagerin, die jedes Mal erneut den gleichen Rat gibt, von ihm aber mit jeder Folge 1000 Yen mehr Honorar einfordert. Das Schema beginnt eher starr, kürzt die Eckpunkte aber zunehmend ab und weicht im weiteren Verlauf auf. So starten einige Wiederholungen nicht mehr mit dem Studienbeginn, sondern zu einem Zeitpunkt, in dem “Ich” bereits mitten im Studium mit verschiedenen Entscheidungsoptionen konfrontiert wird. Das einzige was die verschiedenen alternativen Verläufe zunächst zu verbinden scheint sind die unterschiedlichen Perspektiven aus denen man die Nebenfiguren zu sehen bekommt. Während z.B. der Leiter des Filmklubs in einem der alternativen Campusleben ein erklärter Feind von “Ich” ist, findet sich “Ich” in einem anderen Verlauf in einer Situation wieder, in der er für ihn arbeitet. Doch enthalten alle Folgen, die zunächst isoliert zueinander erscheinen, kleine Details, die erst zusammen einen Sinn ergeben, wenn das Finale sie am Ende zu einem großen Bild zusammenschnürt.

Atemlos vielfarbig, nicht nur rosafarben

The Tatami Galaxy sticht schon von der ersten Sekunde an heraus. Der Zuschauer wird direkt mit einer atemlosen Flut an Worten begrüßt. Im Falle unzureichender Japanischkenntnisse ist dabei die Fähigkeit Untertitel schnell lesen zu können von ungeheurem Vorteil. Die Serie verlangsamt ihren Atem aber zunehmend und behält das Tempo nur bei den Teilen bei, die sich ohnehin wiederholen. Eine Serie für nebenbei ist The Tatami Galaxy aber alleine schon wegen der visuellen Komponente absolut nicht: Basierend auf den farbenfrohen Designs von Pop-Art Künstler Yusuke Nakamura bringt Regisseur Masaaki Yuasas sie mit nicht minder schrulligen, teils überdehnten Animationen zum Leben, die auch einmal die Grenz zum Surrealen übertreten.

Die Chance, die sich direkt den Augen auftut

Und doch ist die Essenz der Geschichte ausgesprochen bodenständig: Das Leben ist nicht nur das, was man sich ausmalt. Sondern das, was man aktiv aus sich macht. So sehr “Ich” gern anderen, allen voran Ozu, die Schuld an seiner Misere zuschiebt, am Ende sind es seine eigenen Versäumnisse, die zu Reue und Bedauern führen. Für den den geneigten Zuschauer ist die Message so früh ersichtlich wie “Ich” die ersten Ratschläge erteilt werden. Doch so hektisch wie “Ich” den Auftakt der ersten Folge runterrasselt hechelt er im Leben seinen einfarbigen Träumen nach. Die Serie richtet sich dabei auch eher an Erwachsene: “Ich” ist ein Student, dessen roasafarbenes Campusleben abgesehen davon, Anschluss und Freunde in den Klubs finden zu wollen, vor allem die Suche nach seiner besseren Hälfte beinhaltet. In einigen Folgen kommt es dabei zu klaren sexuellen Anspielungen, sei es die Studentin Hanuki Ryouko, die einmal betrunken über ihn herfällt oder Kaori, eine lebensgroße weibliche Figur. Einerseits möchte “Ich” seine keusche Reinheit bewahren, andererseits hat sein “Johnny”, visualisiert als Cowboyfigur, da eine ganz eigene Meinung dazu.

Als Anime setzt sich The Tatami Galaxy auf jeden Fall klar von der Masse ab, die vor allen Dingen an die Otaku-Nische gerichtet ist. Das fängt mit der Romanvorlage an, die keine Light Novel ist und geht bis zum voll orchestralen Soundtrack von Michiru Oshima (Fullmetal Alchemist). So empfehlenswert ich die Serie auch finde, sollte dennoch besser klar eine Warnung ausgesprochen werden: Sie ist nicht für jeden geeignet. In Deutschland ist sie zwar bei Beez auf DVD mit Untertiteln (ohne die Specials) erschienen, doch eine übersetzte Vertonung gibt es bislang nur auf französisch. Der lange Atem stellt für reine Untertitelleser sicherlich eine Herausforderung dar und die öfter auftretenden visuellen Spielchen mit japanischer Schrift im Bild machen es nicht unbedingt leichter. Auch Yuasas charakteristischer Regie- und Animationsstil ist eine eigene Hausnummer. Wer mit seiner Handschrift generell nicht viel anzufangen weiß, wird vor allem beim zweiten Viertel eher abschalten und für das Ende die verbindenden Details nicht mehr präsent haben. The Tatami Galaxy gehört für mich wie Devilman: Crybaby aber noch zu Yuasas stilistisch gezügelteren Titeln, die nicht zu sehr ins surreale Mindfuck auswandern.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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