Solty Rei

Lesezeit: 6 Minuten

Erst vor einigen Monaten, im Februar 2019, bestaunte ein metallenes Mädchen die Welt mit (sehr) großen Augen. Alita: Battle Angel ist aber bei Weitem nicht der einzige Titel, der verdrahtete Weiblichkeit in den Mittelpunkt setzt. Mit Solty Rei hat Nipponart im März 2019 ein Modell eingeschifft, das bereits 2005 von Studio Gonzos (Full Metal Panic!, SaiKano, Last Exile) Sci-Fi-Fabrikband sprang und nun erstmals in SD-Folgen auf Blu-ray erscheint. Die Version kommt mit ihrem ganz eigenen Mecha-Mädchen, Solty, und ihrem ganz eigenen Sinnesorgan: riesigen grünen Ohren. Haben ihr die 15 Jahre Ruhezeit gut getan oder sammelt sich bereits der Rost? Und wird es irgendwann ein Robo-Girl mit riesiger Nase geben? Auf (nicht) all diese Fragen gibt es sogleich eine Antwort.

Den hartgesottenen, Trenchcoat tragenden, Riesenpüsterich zückenden Ex-Cop Roy Revant bringt so leicht nichts aus der Ruhe, höchstens in Rage. Er ist ein Kopfgeldjäger/Bodyguard/Söldner für alles einer Hunter-Agentur und sucht in der Stadt, in der Arm und Reich auseinanderdriften und Resembles (=Augmentationstechnologie) weit verbreitet sind, nach seiner verschollenen Tochter. Sie verschwand nach dem sogenannten ‘Blast Fall’ (Betonung liegt dabei auf BLAST), einer großen Katastrophe, die so manche Familie auseinanderriss. Aber selbst der grummeligste Whiskey-Stimmenmensch muss manchmal mit einem gemurmelten ‘Ja, da soll mich doch…’ vor dem Schicksal den Hut ziehen, wenn dieses ein grünhaariges, in ein lumpiges Tuch gewickeltes Mädchen auf einen seiner augmentierten Widersacher fallen lässt, der Roy in die Enge getrieben hat. Wie schnell klar wird, ist das Mädchen, das später den Namen Solty tragen wird, keineswegs dein typisches ‘Fällt-vom-Himmel’-Girl, vielmehr ist es ein vollautonomes, technisch hoch entwickeltes Wunderwerk….mit Gedächtnisverlust. Auch Roboter sind vor solch hartnäckigen Protagonistenkrankheiten nicht gefeit. In ihrer Orientierungslosigkeit fokussiert sich Solty mit kükenartiger Hartnäckigkeit auf ‘Mutterhenne’ Roy, der vermutlich lieber ein Spiegelei gehabt hätte. Mit der Zeit wächst sie ihm jedoch ans Herz und gemeinsam mit einer Schar mal mehr mal weniger freiwillig Verbündeter müssen sich Roy und Solty so mancher Gefahr stellen. Ob Riesenroboter klauende Ganoven, hinterlistige schmuggelnde Ärzte, Bombenleger oder ein Badeanzug-Zirkusakt (don’t ask); an Problemen mangelt es nie.

Dystopia Light

Originaltitel Solty Rei
Jahr 2005
Episoden 26
Genre Action, Science-Fiction
Regisseur Yoshimasa Hiraike
Studio Gonzo

Die Inhaltsangabe lässt ein paar Begriffe fallen, die wohl so manch findigen Leser Solty Rei in das Reich des Cyberpunks schieben lässt. Ein grimmiger Ex-Cop/Söldner. Ein riesiger Graben zwischen Arm und Reich. Vermutliche Vorurteile gegen Resemble-Träger. Kämpfe gegen augmentiertes Gesindel. Kein wirkliches Gut oder Böse, nur ein persönliches Ziel. Eigentlich fehlen nur ein oder zwei übermächtige Konzerne, die über allem thronen und de facto die Stadt firm in ihren vermutlich vergoldeten Metallklauen halten. Und tatsächlich gibt es in Solty Rei die RUC, eine Art Sicherheitsdienst, der aber auch gleichzeitig in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Bananenkrümmwinkel das Sagen hat. Ist Solty Rei also eine dieser knallharten mit moralischen Ambivalenzen gespickten Serien voll sozialen Elends und zynischer Gesellschaftskritik? Hmmm, nö. Wer kurz auf die Bilder linst, wird schnell einen wesentlich bunteren Eindruck haben, als man es üblicherweise von einer Deep-Dark-Dystopia erwartet und auch wenn man ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen soll; in diesem Fall spiegeln sich die helleren Farben in einer deutlich leichtherzigeren Atmosphäre wieder. Selbiges kann gleichfalls auf das Charakterdesign übertragen werden: Sanfte, glatte Gesichtszüge (Roy bildet hier die grummelfaltige Ausnahme) und ein generell eher simples Design dominieren die Riege. Solty Rei ist eine Dystopie mit einem aufgemalten Blümchen auf der Wange.

Stimmung wechsel dich

Wer also nach Dreck, Elend und Verzweiflung giert, sollte jedoch nicht sogleich enttäuscht die Schöpfkelle weglegen, höchstens mit einem Löffel ersetzen. Denn auch wenn sich Solty Rei wesentlich simpler und freundlicher präsentiert, hat es durchaus ein paar Leichen im Keller. Generell lässt sich die Serie grob in Zwei teilen. Die ersten Folgen konzentrieren sich darauf, Figuren, deren Beziehungen und die Welt an sich zu beleuchten, während nebenbei in gewohnter ‘Villain of the Day’-Manier so mancher Schurke die stählerne Faust der Gerechtigkeit zu spüren bekommt (und nein, das ist keine blumige Umschreibung). Der zweite Part, grob ab Folge 10 bis 11 aufwärts beginnend, nimmt das zuvor dünn vorhandene rote Fädchen auf, walkt einen ordentlichen Schub an ‘Plottwists’ hinein und spinnt es bis zum Ende durch. Während der erste Part dabei eher hellrot bis pink war, bewegen wir uns jetzt im blutigeren Farbspektrum. Die Aufteilung ist dabei wirklich gelungen. Zwar mag sich der erste Part hier und da etwas ziehen, aber er gibt einem die Chance, die Charaktere, Stadt und Welt besser kennenzulernen, um die Auswirkungen der weiteren Verwicklungen überhaupt nachvollziehen zu können. Eine Runde Sache…mit einigen Ecken, Kanten und Fettnapftauchgängen.

Arm aber glücklich

Ein erster Anstoßpunkt ist ein gewisses Übermaß an Story-Elementfässern, die gerne einmal aufgebrochen werden, bevor der Grund des anderen erreicht ist, nur um lediglich einen kleinen Schluck zu nehmen und zum nächsten zu wanken. Seltsamer Trinkvergleich beiseite; Solty Rei nimmt sich zu viel vor und erkundet zu wenig. Dabei wirken die Ideen auch nicht immer frisch. Mit Solty und Roy haben wir einmal ‘Maschine lernt über Menschen’ und ’emotional traumatisierter Grummler erweicht sich wieder für jemanden’ als Themen dabei und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Serie liefert dabei keine neuen Impulse und generell sollte man an all den Fronten nicht zu viel erwarten. Letztlich gibt es immer ein klares Gut und ein Phantom der Oper Masken tragendes Böse, das sich gegenüber steht und wenn man sich vertraut, kann der Ausgang so schlecht nicht werden. Selbst die Armen, die irgendwo in der verfallenen Unterstadt vor sich hinvegetieren, sind zwar, nunja, arm eben, aber…irgendwie doch auch glücklich. Manchmal.

Welch ein Zufall!

Ein zweiter Anstoßpunkt ist die Konstruktion der Handlung, denn da scheint irgendjemand nach dem Motto ‘Ach, Zufälle gibt’s!’ vorgegangen zu sein. Soltys erstaunlich zielgerechten bewusstlosen Fallfähigkeiten wurden schon Rechnung getragen, aber damit hört es längst nicht auf. Immer und immer und immer wieder treffen Charaktere aufeinander, als hätte jeder von ihnen ein eingebautes Drama-O-Meter samt Navigationssystem, das ihnen den bestmöglichen Standort für den größten Effekt eingibt. Wie wahrscheinlich ist es, dass man dem Mörder der Familie der besten Freundin spontan über den Weg läuft? Eher gering vermutlich. Zudem hat die Stadt offensichtlich einen enormen Seitengassen- und Parkbankmangel, aber das wird zumindest damit ausgeglichen, dass sie so zentral zu liegen scheinen, dass jeder irgendwann zwangsläufig daran vorbeikommt. Auch die passenderweise verlassenen Stadtabschnitte, in denen man sich für eine spontane Konfrontation mit einem Bösewicht wiederfinden kann, gehören mit zu den besten Features des Städtchens. Wer nun denkt ‘Ach, das sind doch alles Kleinigkeiten’ hat durchaus Recht, aber irgendwann werden all die Kleinigkeiten zu einer Großigkeit. Es fällt mit der Zeit schlicht auf, dass nicht jeder einzelne Handlungspunkt wohl überlegt gewesen ist und man lieber dem guten Kumpel ‘Plot Convenience’ auf die Schulter geklopft hat. Wer sich sehr an Ungenauigkeiten stört, sollte ab und an ein bis zwei Augen zudrücken.

Solides Gesamtpaket mit Wermutstropfen

Das gilt insbesondere für Animezuschauer mit ausgeprägter CGI-Allergie. Jene dürften teils leicht verschnupft, teils mit tränenden Augen aus mancher Folge hervorgehen. Man kann allerdings gut darüber hinwegsehen, zudem ist es schlicht ein Element, das schlecht altert, und es sollte alles andere als ein Deal-Breaker für interessierte Gesellen und Gesellinnen sein. Die Ohren können unbeschadet offen bleiben; Opening und Ending gehören der eher ruhigen Art an, wobei ersteres etwas treibender daherkommt. Der Soundtrack ist überwiegend unauffällig; lediglich die gesungenen Tracks, die mitunter stille Szenenfolgen untermalen, heben sich etwas hervor. Mit der deutschen Synchronisation macht man ebenfalls nichts verkehrt, persönlich würde ich aufgrund der rauchigeren Stimme von Roy die japanische bevorzugen, aber Hans Bayer, der beispielsweise König Foltest aus der Witcher-Reihe seine Stimme leiht, ist ebenfalls nicht zu verachten. An der Bildqualität der Blu-ray gibt es nichts auszusetzen und einige Extras finden sich ebenfalls. Zum einen zwei OVAs, die gemeinsam eine kleine Nebengeschichte erzählen, zum anderen eine Talkrunde mit den japanischen Synchronsprechern und die Vorstellung des Animes auf dem Gonzo Festival. Kleine Empfehlung an der Stelle sei noch, sich die OVA nach Folge 9 anzuschauen, da sie auch als Folge 9.5 eingeordnet wird.

Fazit

Ich hatte mit Solty Rei meinen Spaß, auch wenn ich nicht immer ganz zufrieden war. Die Handlung macht dann doch öfter einen etwas löchrigen Eindruck und die erwähnten Zufälle nehmen etwas Überhand. Es sollte aber niemanden daran hindern, der Serie eine Chance zu geben. Dreh- und Angelpunkt, ob einem die Show gefällt, dürften die Charaktere sein, die ich persönlich allesamt als sympathisch bezeichnen würde. Keine Überflieger, aber außer der Tochter der Hunter-Agentursfrau, die mich ab und an nach einem Knebel hat suchen lassen, erreicht niemand den ‘unerträglich’-Status. Und auch wenn einen die Handlung immer mal wieder zum Stirnrunzeln bringt oder man das Gefühl hat, dass das ein oder andere Thema ins Leere geht, gibt es gerade zwischen den Charakteren schöne, emotionale Szenen. Wer eher nach düsterer Sci-Fi sucht, sollte es sich allerdings noch einmal überlegen und vielleicht eher einen Blick auf Texhnolyze, Psycho-Pass oder Ergo Proxy werfen. Zwar nimmt der zweite Akt von Solty Rei an Fahrt auf, bleibt aber in seinem Kern ein nettes, mal etwas schusseliges, mal emotionales Sci-Fi Abenteuer. Und das ist vollkommen in Ordnung.

 

Vielen Dank an Nipponart für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.
Die Rezension unterlag keinen inhaltlichen Vorgaben und spiegelt lediglich die Meinung des Autors wider.

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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