Seoul Station

Ein animiertes Prequel für einen Millionen-Blockbuster? Das kommt nicht alle Tage vor. Die Zombie-Hatz Train to Busan zählt zu den teuersten koreanischen Filmen aller Zeiten. Man ließ sich nicht lumpen und gleich eine Vorgeschichte mitproduzieren, die zwar nicht notwendig ist, um den Hauptfilm zu verstehen, doch immerhin eigenständig funktioniert. In Deutschland erschien Seoul Station sowohl einzeln als auch im Doppelpack mit Train to Busan.

 

Hyun-suen führt kein Leben, um das man sie beneiden würde. Das rebellische Mädchen ist von zu Hause ausgerissen um zu seinem Freund zu ziehen. Die Wohnung ist zu klein, das Geld zu knapp, der Freund gewalttätig. Sie rutscht in die Prostitution ab und entschließt sich, die Flucht anzutreten. Dass ihr Vater sich Sorgen macht und das Herz der koreanischen Hauptstadt nach ihr durchsucht, bekommt Hyun-suen gar nicht mit. Wo sich an der Oberfläche menschliche Dramen abspielen, regt sich im Untergrund des Bahnhofs eine große Gefahr. Aus einem einfachen Biss wird eine Epidemie um das letzte Stück Menschlichkeit zu zerstören. Völlig aufgelöst von ihren Lebensumständen schlittert Hyun-suen in eine übermenschliche Katastrophe …

Zeit für Sozialkritik …

Originaltitel Seoul-yeok
Jahr 2016
Episoden 1 (92 Minuten)
Genre Horror, Action, Drama
Regisseur Sang-Ho Yeon
Studio Studio Dadashow

Seoul Station ergänzt den großen Bruder Train to Busan in so mancher Hinsicht. Der Regisseur Sang-Yo Yeon nutzt das urbane Setting vor allem um auf die Missstände des Landes hinzuweisen. Prostitution, Obdachlosigkeit und Gewalt auf den Straßen stehen an der Tagesordnung und werden nicht nur am Rande angekratzt. Diese Probleme sind präsent und wollen wahrgenommen werden. Hyun-suens Flucht vor der tödlichen Meute bringt sie mit Menschen zusammen, die von der Gesellschaft gemieden werden. So wird sie in einer Szene als obdachlos verurteilt, da sie keine Schuhe trägt, woraufhin sie eingebuchtet wird. Polizei, Militär und Bahnhofswache gehen erbarmungslos mit den ärmsten der Armen um und angesichts der Umstände denkt sowieso nur noch jeder sein eigenes Überleben. Hyun-suen wird demnach doppelt so hart vom Schicksal gefordert und legt innerhalb des Films auch eine beachtliche Strecke zurück. Obwohl ihre Hintergrundgeschichte nicht zu kurz kommt, bleiben alle Figuren letztlich schablonenartig. Dafür ist ihr Handeln häufig nicht nachvollziehbar, was teilweise auch der lebhaften Mentalität der Koreaner geschuldet ist. Selten geht es ohne viel Geschrei und Gestikulation, was auf Europäer in manchen Situationen sonderbar wirken mag.

Aus Budget-Not wird eine Animations-Tugend

Man möchte meinen, dass ein Vorfilm eines Millionen-Blockbusters ebenso großzügig ausgestattet wird. Im Fall von Seoul Station ist das Gegenteil der Fall. Weniger als 1 Mio.$ standen zur Verfügung. Darüber konnte geschickt hinweg getäuscht werden, denn nahezu alles wird diesem Film als stilistische Eigenheit abgekauft. Hier führen handgezeichnete Szenen zu Cellshading, ergänzt um wilde CGI-Kamerafahrten. Das sieht nicht immer flüssig aus, ist aber in sich stimmig und kann daher verziehen werden. Ärgerlicher ist es da schon, dass eine so lebendige Stadt oftmals von Leere und Bewegungsarmut gezeichnet ist. Seoul wirkt wie ein beschauliches Dörfchen. Actionszenen finden wohldosiert statt, sind dafür umso intensiver. An anderer Stelle bemerkt man die finanziellen Engpässe weitaus stärker: Es fehlt ein passender Soundtrack. Die wenigen vorhandenen Stücke sind minimalistisch und fallen durch ihre Nervigkeit umso stärker auf.

Fazit

Im Kontext zu Train to Busan ist Seoul Station eine willkommene Ergänzung. Die kalten Bilder passen prima zum Sozialdrama, das hier zwischen gnadenloser Zombie-Action erzählt wird. Da sind fehlende Feinheiten in schnellen Szenen verschmerzbar, denn diese Punkte werden durch die gute Regiearbeit ausgeglichen. Hier gibt es das eine oder andere Ass im Ärmel, wie einen Plot Twist kurz vor Ende, der die Karten nochmal ganz neu mischt. Und auch das Ende selbst hat mich voll überzeugt. Alle drei Hauptfiguren erwischt es in den letzten Minuten, fantastisch! Ein bitterböses Ende, das ganz abseits des Schreckens der Straßen endet. Empfehlen kann man den außergewöhnlichen Titel wohl trotzdem nur eingefleischten Zombie-Fans oder experimentellen Anime-Liebhabern, die sich mal auf einen koreanischen Titel einlassen wollen.

© Splendid Film


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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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