Resident Evil: Infinite Darkness

Videospielverfilmungen. Schon müsste man eigentlich nichts mehr sagen. Auch wenn die Leistungskurve mit Titeln wie Sonic the HedgehogTomb Raider (2018) oder The Witcher (nur bedingt gültig, da zugleich eine Literaturverfilmung) nach oben zeigt, hängt dem Wort doch die Erwartung drohenden Unheils an. Capcoms Survival-Horror-Serie Resident Evil kann nun schon auf eine Reihe von durchwachsenen Real- und Animationsverfilmungen zurückblicken, die meistens immerhin Spaß bereiten, und rückt nun auch in das Serienformat vor. Bevor die Realserie Resident Evil: Racoon City auf Netflix erscheint, ist dort seit Juli 2021 zuerst einmal die Animationsserie Infinite Darkness zu sehen, welche zudem den Versuch unternimmt, neben Zombie-Gemetzel auch Politthriller zu sein.

     

In der zwischen den Videospielteilen Resident Evil 4 und Resident Evil 5 stattfindenden Geschichte wird nach einem Hackerangriff im Weißen Haus eine vertrauenswürdige Einheit zur Untersuchung des Vorfalls gebildet, zu der sowohl der Kriegsveteran und „Held von Penamstan“ Jason sowie der Regierungsagent und Raccoon City-Überlebende Leon S. Kennedy hinzuberufen werden. Im kriegsgebeutelten Penamstan leistet Claire Redfield im Auftrag von TerraSave indes humanitäre Aufbauhilfe. Ein selbstgemaltes Bild eines Kindes, das mit seiner grausigen Darstellung Claire an ihre eigenen Zombieausbruch-Erlebnisse erinnert, lässt sie jedoch zurück in die USA reisen, um zu untersuchen, ob es in dem Kriegsland einen vertuschten Ausbruch gab.

Die Serie in Filmlänge, die kein Film ist, sondern eine Serie

Originaltitel Biohazard: Infinite Darkness
Jahr 2021
Episoden 4 (in 1 Staffel)
Genre Action, Horror, Thriller
Regie Eiichiro Hasumi
Studio TMS Entertainment
Veröffentlichung: 1. Juli 2021 auf Netflix

Nach den Filmen Degeneration, Damnation und Vendetta ist Infinite Darkness der nunmehr vierte 3D-Animationstitel aus dem Resident Evil-Franchise (beziehungsweise der fünfte, wenn man mit gutem Willen den Kurzfilm Biohazard: 4D Executer mitrechnen will) und kommt das erste Mal im Serienformat daher. Warum man sich für das Format entschieden hat, bleibt jedoch eines von vielen Rätseln rund um Infinite Darkness. Mit einer abgeschlossenen Geschichte und vier Folgen zu je knapp 25 Minuten hat man letztlich dieselbe Laufzeit wie bei einem Film, die lediglich von einem aus serieninternen Szenen zusammengekleisterten Opening und Credits unnötigerweise zerhackt wird. Das Format ergibt dadurch wenig bis gar keinen Sinn und fühlt sich für Zuschauende wohl eher wie ein nicht-eingehaltenes Versprechen für eine breiter angelegte Geschichte an. Optisch weiß Infinite Darkness immerhin zu begeistern und sieht mit seinem Detailreichtum teilweise fast fotorealistisch aus. Genauso überzeugt auch die stimmungsvolle Musikuntermalung von Yugo Kanno (Psycho-Pass) und die Synchronsprechenden verdienen in wohl jeder Fassung mindestens das Lob, die Zeilen, die ihnen dargereicht wurden, ernsthaft und professionell aufgesagt zu haben und nicht in Gelächter oder Wehklagen ausgebrochen das Tonstudio verlassen zu haben. So viel zum Positiven, was das Negative angeht, ist zuerst einmal tiefes Luftholen angesagt. Ganz tief Luft holen.

Warum?

„Warum?“ ist eine Frage, die man in den ersten beiden Folgen noch ganz gut verdrängen kann, die sich in der dritten zunehmend aufdrängt und die man in der vierten der laufenden Handlung einfach nur noch wütend entgegenschreien möchte. Ob die Bezeichnung „Handlung“ überhaupt noch gerechtfertigt ist, darf hinterfragt werden. Es findet eine Abfolge von Ereignissen statt, Grundzutat einer jeden Handlung. Bei einer solchen geht man jedoch eigentlich von verbindenden kausalen Zusammenhängen zwischen der Ereignissen aus, die hier nicht immer präsent sind. Gewiss werden kausale Zusammenhänge geäußert. Die Figuren sagen, dass etwas so ist „weil …“ oder das jemand etwas tut „weil …“. Allerdings ergibt sich aus der Verwendung des Wortes „weil“ nicht automatisch ein logischer Zusammenhang und die Serie operiert eher nach dem Prinzip: Eins und Eins ergibt Bratpfanne, weil Kikeriki. Dass vor allem die zweite Hälfte erzählerisch eher wirkt wie die schlechte Fanfiction eines pubertierenden Mittelschülers, der mit pornofilmischer Logik supertolle Szenen aneinanderzureihen versucht, wirkt umso trauriger, da sich die Serie den Anstrich eines Tom Clancy’igen Politthrillers mit Vertuschungen und Verschwörungen zu geben versucht. Dabei wird jedoch eher der Eindruck erweckt, als hätten die Serienmacher Tom Clancy nicht gelesen, sondern sich eins seiner Bücher nur grunzend beim Schreiben des Drehbuchs über den Schritt gerieben. Bei der Geschichte um die Ereignisse im mittelöstlichen Klischeestan – pardon, Penamstan funktioniert das noch einigermaßen gut. Mit Auslassungen werden Zuschauende auf eine falsche Fährte gelockt, ehe die kompletten Ereignisse nach und nach aufgedeckt werden. Daraus wird letztlich jedoch wenig gemacht, denn die „Handlung“ endet in einem Finale, das man schwer als irgendetwas anderes als zusammenhanglosen Mumpitz bezeichnen kann.

Immer noch: Warum?

Vielleicht einige Beispiele: Warum wird für einen Hackerangriff im Weißen Haus US-Agent Leon Kennedy hinzugezogen, dessen Spezialgebiet ja eigentlich der handfeste Einsatz gegen B.O.W.s (Bio Organic Weapons) ist und der in Vendetta noch Zombiemutationen mit seinem Motorrad abgeschossen hat? Sei es drum, drei Sekunden später kommt es ja zu einem Zombieausbruch im Weißen Haus. Man kann darüber hinwegsehen. Hanebüchener wird es in der nächsten Folge, wenn die neu gegründete Spezialeinheit sich in ein U-Boot nach Shanghai setzt, um dort in eine Anlage einzubrechen, die mit dem Angriff in Verbindung stehen soll. Dazu kommt es jedoch nicht, da zwei Verräter alle im U-Boot umbringen und Zombie-Ratten sind auch noch da. Warum? Weshalb? Egal. Plan der Verräter ist es übrigens, wie sich herausstellt, in China einen Mikrochip abzuholen, der eine Verschwörung innerhalb der US-Regierung beweist. Sie müssten ihn tatsächlich schlicht abholen, da der Vater eines der Verräter den Chip bereits hat, ihn aber wohl nicht einfach per Post oder die darauf enthaltenen Daten digital schicken konnte. Das Haus vom Vater wird dann zerstört, und zwar weil der eine Verräter den anderen verrät. Wie und warum ist erneut unklar, zumal der verratende Verräter zuvor erschossen worden ist und ziemlich tot schien. Aber er hat es trotzdem gemacht, „weil“ das halt sein Ziel war. Letzte Folge: Wir sind zurück in den USA in der obligatorischen unterirdischen Forschungsanlage, die Nebenhandlungs-Claire entdeckt hat, indem sie entführt worden ist.

Ernsthaft: Warum?!

Warum Claire überhaupt in der Serie ist, darf übrigens ebenfalls hinterfragt werden. Schneidet man alle Szenen der ehemaligen Zombie-Bekämpferin, die ausgehend von einem makabren Kühlschrankbildchen einfach mal die investigative Reporterin mimt, raus, würde der „Handlung“ eigentlich nichts fehlen. Zur Lösung des Konfliktes darf sie nichts beitragen und wird – ähnlich wie in Degeneration – im Finale wieder zum Knopfdrücken in einen Kontrollraum abgeschoben, während Leon den obligatorischen Riesenmutanten bossbattlet. Das ist übrigens der verratende Verräter, der einfach so in der Forschungsanlage steht, Monologe mit bedeutungsschwangerem Anschein über Angst und Terror zusammenschwurbelt und der den großen Plan hat, sein mutiertes Ich der Presse zu offenbaren und damit allen Angst zu machen – mind blown. Zu doof, dass das Sicherheitssystem sein mutiertes Ich erfasst, die Anlage in den Lockdown geht und sich der mutierte Verräter so lange einen Weg aus dieser graben muss (wortwörtlich), bis Leon ihn endlich umbringt. Nachdem Verräter-Mutant vorher diverse Möglichkeiten hatte, Leon zu töten und sie nicht wahrgenommen hat, weil … ja „weil …“ halt. Immerhin wird dieses Mal auf das in allen drei Vorgängerfilmen präsente Trope verzichtet, einen Gegenspieler zu haben, dessen Frau (+/- Familie und Hochzeitsgesellschaft) ermordet wurde und der dafür seine Rache will. Stattdessen haben wir den Verräter, der zwar auch Rache will, aber … na ja, „weil …“ anscheinend.

Fazit

Das vierte Resident Evil-Animationswerk im Auftrag Capcoms hat eine schöne Optik zu bieten und leider sonst nichts. Nun sind weder die Real- noch die vorausgegangenen Animationsfilme raffinierte Erzählkunst. Sie sind flach bis ziemlich bescheuert, aber mit ihren Ausflügen in den Horror- und Gruselbereich sowie sinnfreier Over-the-top-Action machen sie immerhin noch ordentlich Spaß. Infinite Darkness verzichtet auf diese rettenden Aspekte, versucht stattdessen sich den Anstrich eines gewieften Politthrillers zu geben und scheitert damit krachend. Ich tue mich eigentlich schwer damit, einen Titel bedingungslos zu zerreißen, da ich immer an die Kreativen hinter dem Werk denken muss, von denen zumindest ein Teil offenkundig ihr Herzblut in das Werk gesteckt und versucht hat, etwas Wertvolles zu schaffen, das Freude bereitet. Diese Mühe sollte man anerkennen und nicht mit süffisanter Polemik unnötig schmälern. Die Sache ist nur, dass Infinite Darkness ein derart erzürnender, dampfender Haufen erzählerischer Mist ohne Sinn und Zusammenhang ist – für den sich hauptsächlich Regisseur und Drehbuchautor Eiichiro Hasumi (Assassination Classroom) verantwortlich zeigt – dass es schwerfällt, die schiere Fassungslosigkeit, mit der die Serie einen zurücklässt, nicht entsprechend zu äußern. Selbst eingefleischte Fans sollten hier besser die Finger von lassen.

© Netflix

Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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