Hello World

Hand aufs Herz: Jeder, der sagt, er würde die Gelegenheit nicht beanspruchen, einfach mal eben zurück in die Zeit zu reisen, um etwas zu ändern, muss doch lügen! Ein häufiges Motiv von Zeitsprungwerken ist die Rettung eines nahestehenden Menschen, wodurch sich die emotionale Wucht gleich um ein Vielfaches erhöht. Diesen Trigger bedient auch der Animefilm Hello World des Studios Graphinica (Juni Taisen: Zodiac War), der im Herbst 2019 die japanischen Kinos erreichte, um im Anschluss über die internationalen Festivals zu touren. Nach der Deutschlandpremiere auf der Nippon Connection 2020 wurde der Film als Ersatzslot auf den Fantasy Filmfest Nights 2020 eingeplant. Auf den ersten Blick ist die Sci-Fi-Romanze unter der Regie von Tomohiko Ito (Sword Art Online) gar nicht so einfach zu greifen.

 

Kyoto (Japan) im Jahr 2027: Der junge Naomi Katagaki lebt in einer echten High Tech-Metropole, verbringt seine Zeit aber am liebsten mit der Nase in Büchern. Das Herz des introvertierten Jungen schlägt für Ruri Ichigyou, ein unterkühltes Mädchen, das wenig Interesse an seinen Mitmenschen zeigt. Genau das macht Naomi auch zu schaffen, denn die gemeinsame Liebe zum Lesen hilft nicht, wenn es unmöglich ist, sich Ruri anzunähern. Beim Spazieren taucht eine Krähe mit drei Beinen vor Naomi auf, gefolgt von einem geheimnisvollen Kapuzenträger. Wie sich herausstellt, ist dieser Naomi aus einer zehn Jahre entfernten Zukunft. Er kündigt ein tragisches Ereignis an, das mit Ruri zusammenhängt …

Westliche Vorbilder: schnell identifiziert

Originaltitel Hello World
Jahr 2019
Laufzeit 97 Minuten
Genre Science-Fiction, Romanze
Regie Tomohiko Itou
Studio Graphinica
Deutscher Erscheinungstermin noch nicht bekannt

In seinen Grundzügen erinnert das Skript von Mado Nozaki (Mado Nozaki) zunächst an die Animeserie Orange, in der es ebenfalls darum geht, dass die Protagonistin Nachrichten von ihrem Zukunfts-Ich erhält, um das Leben ihres Schwarms zu retten. Wo das Drama allerdings einen eher gemächlichen Weg einschlägt, setzt Hello World auf Tempo. Die Handlung schreitet schnell voran und spart auch nicht an actionreichen Szenen. Obwohl die Geschichte konzeptuell eine klassische Schulromanze (mitsamt allen gängigen Klischees) ist, handelt es sich bei Hello World eher um ein Fantasy-Drama. Die Einflüsse westlicher Werke wie Inception, Doctor Strange oder auch Matrix sind deutlich erkennbar.

Emotional macht es nur leise “peng!”

Um das Zeitreise-Paradoxon nicht in die Gefahr rennen zu lassen, sich vollkommen im eigenen Konzept zu verknoten, wurde die weise Entscheidung getroffen, Naomis Zukunfts-Ich digital in die Vergangenheit zu senden. Ein Entschluss, der sich in der Geschichte gut macht und für manchen Gag sorgt, da niemand außer Naomi ihn sehen kann. Ohnehin stellen die Intereaktionen in Team Naomi das Highlight in Sachen Charakterentwicklung dar. Anders als die Romanze mit Ruri, die sich zwar nicht forciert anfühlt, aber nur schwer blüht. Zunächst einmal wird der Zuschauer ein wenig an der Nase herumgeführt, indem ein Charakter eingeführt wird, der zunächst den Anschein eines Love Interests erweckt, aber keiner Erwartung Stand hält. Schließlich wird die Romanze nach und nach verdrängt. Zuschauer, die moderne Romanzen mögen und deswegen zu Hello World greifen, sind mit 5cm per Second oder Your Name. von Makoto Shinaki deutlich besser beraten.

Wenn Twists nicht über Innovationsarmut hinwegtäuschen können

Ab einem gewissen Punkt bevorzugt das Drehbuch es, lieber auf Twists zu setzen, anstatt die sich allmählich entwickelnden emotionalen Auswirkungen auszubauen. Selbst am Ende, wenn die entsprechenden Mechanismen längst ausgereizt sind, erfolgt noch einmal eine Wende, die vorheriges komplett in Frage stellt. An der Stelle wäre weniger mehr gewesen, denn so verlieren sich die Highlights am Ende. Klappt man das große Ganze auseinander, fällt auf, dass die Geschichte erstaunlich wenig an Innovation interessiert ist. Während sich die erste Hälfte wie eine unermüdliche Abfolge von Schulromanzen-Animes anfühlt, erzeugt die zweite Hälfte mit sich auftürmenden Landschaften und Kaleidoskop-Einsatz einen Overflow an allem, was die genannten westlichen Referenztitel Doctor Strange und Co. zu bieten haben. Das ließe sich besser verschmerzen, wenn die Charaktere genügend Charisma besäßen. Allerdings sind hier ausschließlich Abziehbilder anzutreffen: Naomi entspricht dem typischen 08/15-Protagonisten ohne besondere Talente, dafür mit viel Leidenschaft und intrinsischer Motivation. Wie gemacht also, um eine Heldenreise anzutreten. Beinahe schon peinlich stereotyp sind Ruri, die dem Charaktertypus “Kuudere” (kalte und zynische Figuren) entspringt, und Misuzu, welche das aufgedrehte “Genki-Girl” verkörpert (dauerhaft gutgelaunte Charaktere, die Everybody’s Darling sind).

2D-3D-Konfetti-Regen

Visuell hebt sich Hello World stark von der Konkurrenz ab und das nicht immer im Positiven. Die 3D-Hintergründe kollidieren häufig mit den simplen 2D-Figuren. Anstatt auf aufpolierte Oberflächen und Lichtspielereien setzt die Produktion vornehmlich auf satte Farben, rötliche Lichteffekte (J.J. Abrams lässt grüßen) und bunte Outlines. Diese machen sich immer wieder bemerkbar, wenn das Auge aus Gewohnheit vertraute Konturen vermisst, um dann festzustellen, dass diese auch mal gelb oder blau sind. Soviel Farbenspielerei sorgt für eine kleine Reizüberflütung. Fast unscheinbar in dem bunten Taumel wirken die Charakterdesigns von Yukiko Horiguchi (Tamako Market). Die Figuren sind beinahe auffällig normal gestaltet, ohne bunte Haare oder flippige Kostüme.

Fazit

Hello World erweist sich als Geduldsprobe. Weder Fisch, noch Fleisch – auf nahezu allen Ebenen. Optisch schwankt der Film zwischen unausgegorenem 2D/3D-Mix und Kreativ-Explosion, inhaltlich sorgen der fehlende Innovationsschub und das unspektakuläre Annähern zweier Teenager für Längen. Weder als Romanze, noch als Sci-Fi-Vehikel gibt die Produktion von Studio Graphinica eine herausragende Figur ab. Auf dem Papier lässt es sich wesentlich leichter mit dem Titel liebäugeln als in der Praxis. Lässt man einmal den bunten Konfetti-Regen beiseite, verbirgt sich unter dem Titel viel Durchschnittliches, aber wenig Identität.

© KSM Anime

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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