Dororo

Lesezeit: 6 Minuten

Wenn der Name Osamu Tezuka fällt, kommen den meisten Lesern die Manga-Titel Astro Boy, Black Jack und Kimba, der weiße Löwe in den Sinn. Tatsächlich hat Tezuka in seiner Laufbahn als Mangaka noch weitaus mehr Werke zu Papier gebracht. Darunter auch das vierbändige Action-Abenteuer Dororo aus dem Jahr 1967, welches bisher außerhalb Japans eher wenig Beachtung fand. Manchmal braucht ein Werk den nötigen Impuls, um die Aufmerksamkeit des konsumierenden Publikums einzufangen. Den Anstoß gaben hier MAPPA und Tezuka Productions, denn beide Studios vereinten sich 2019 für eine Zusammenarbeit an einer modernen Anime-Adaption des Klassikers, die bei Amazon Prime Video zu sehen ist. So kam Dororo nicht nur im neuen Gewand daher, sondern katapultierte sich prompt zu einem der beliebtesten Animes der Winter Season des Jahres. Dabei hat die Serie eine doch recht ungewöhnliche Handlung, denn der Protagonist macht sich auf die Reise, um seine gestohlenen Körperteile zurückzuerlangen.

   

Der Herrscher Daigo Kagemitsu schwört dem Buddhismus ab, als es um sein Land schlecht steht. Nichts Böses ahnend bittet er die Teufelsgötter um das Wohlergehen seines Landes. Kurze Zeit später findet er heraus, welchen Preis er für seinen Wunsch gezahlt hat: die Organe seines neugeborenen Sohnes, die an Dämonen verteilt werden. Erschrocken beim Anblick des verstümmelten Säuglings lässt er diesen trotz Einwänden der Mutter am Fluss aussetzen. Das Schicksal meint es jedoch gut mit dem verstoßenen Jungen, denn er überlebt. Einige Jahre später kann er sich die fehlenden Körperteile nach und nach zurückholen, indem er die Dämonen tötet, die ihm diese gestohlen haben. Auf seiner Reise trifft er auf das diebische Waisenkind Dororo, und eine Konfrontation zwischen Vater und Sohn steht eines Tages auch noch bevor…

Ein Junge, der weder hören noch sprechen kann

Originaltitel Dororo
Jahr 2019
Episoden 24 in 1 Staffel
Genre Action, Supernatural, Drama
Regisseur Kazuhiro Furuhashi
Studio MAPPA, Tezuka Productions

Trotz einiger fehlender Organe überlebt Hyakkimaru, was er dem begabten Medizinmann Jukai zu verdanken hat. Dieser hat sich liebevoll um ihn gekümmert. Doch viel wichtiger, er stattet den Jungen mit einer Vielzahl von Prothesen aus. Dies tut er jedoch nicht nur für ihn allein, sondern auch für viele andere kriegsgeschädigten Menschen. Zumal will er auch irgendwie für seine einst im Krieg begangenen Sünden Buße tun. Er stellt so etwas wie eine Vaterfigur für Hyakkimaru dar und ist sichtlich ein herzensguter Mensch. Inmitten der kriegerischen Zeiten ist Hyakkimaru ein von der Welt abgeschotteter und einsamer Junge, denn ihm fehlen unter anderem wichtige Sinnesorgane. Trotzdem erlernt er das Kämpfen und ist sogar sehr gut darin, was auch durch die nützlichen Prothesen ermöglicht wird, wie den in seinen Armen integrierten Schwertern. Soziale Interaktionen gestalten sich gerade am Anfang als unmöglich. Nicht verwunderlich, dass die Kommunikation zwischen ihm und Dororo einseitig verläuft. Dabei kann Dororo eine ziemliche Quasselstrippe sein und es ist zu Beginn unklar, ob es sich hierbei um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Obwohl es zunächst zu vermuten wäre, ist Hyakkimaru nicht vollständig blind, denn er kann die Farben von Seelen erkennen. Dadurch weiß er, wer ihm wohlgesinnt ist und wer nicht, aber auch wen er bekämpfen muss. Wie es das Schicksal so will, kann Hyakkimaru nach und nach seine Organe wiederlangen und die Welt plötzlich ganz anders wahrnehmen. Ein wenig Eingewöhnungszeit muss ihm hier eingeräumt werden. Je mehr er von der Welt mitbekommt, desto mehr muss er feststellen, dass sein Weg vom Geruch des Blutes und der Trauer geprägt ist.

Dämonen und Kriegszeiten, überall lauert Tod und Verderben

Die Serie spielt sich in der Sengoku-Zeit ab, wie auch schon das populäre Inu Yasha. Diese Zeit wurde stark von der Brutalität des Krieges geprägt, was sich in Dororo in Hinblick auf den historischen Bezug wiederspiegelt. In den unruhigen Zeiten wurden Menschen exekutiert und anderweitig gequält. Wo Krieg ist, da ist auch die Armut nicht weit. Besonders bedauernswert ist die Menge an Waisenkindern, die sich oft auch mit fehlenden Körperteilen durch die trostlose Welt schlagen müssen. Auf seiner Reise trifft Hyakkimaru einige Nebencharaktere, die es ebenfalls nicht leicht im Leben haben, und manche Bekanntschaften nehmen ein tragisches Ende. Wie schon andere Vertreter bietet die Geschichte auch einige Dämonen des japanischen Volksglaubens, darunter die legendären Yokai Nue und Kamaitachi.

Düsternis und die Hervorhebung von Farben

Neben einigen heiteren Momenten geht es in der Serie recht düster und ernst zu. Die Farbpalette der Produktion ist die meiste Zeit in dunkleren Farbtönen gehalten, was der Atmosphäre zu Gute kommt. Eine Besonderheit findet sich hier auch in der Darstellung von Flashbacks. Hier bedienen sich Studio MAPPA (Banana Fish) und Tezuka Productions (Young Black Jack) eines in Animes nicht so oft anzutreffenden Gestaltungsmittels. Rückblenden werden in schwarz/weiß umgesetzt, was sie ganz klar von der Gegenwart trennt. Allerdings werden manche Dinge farblich hervorgehoben, was das Ganze doch recht eindrucksvoll aussehen lässt. Zum Beispiel werden rote Schwertlilien weiterhin in Farbe dargestellt, während der Rest in Grautönen gezeigt wird. Die Farbe des Blutes wird ebenfalls betont. Für so manchen Zuschauer könnte das zu Beginn gewöhnungsbedürftig sein, aber bei Dororo passt dieses Gestaltungsmittel einfach unfassbar gut, denn es unterstreicht in gewisser Weise auch die Grausamkeit des Krieges. Desweiteren überzeugt die Produktion in einigen Szenen mit beeindruckenden Landschaftsbildern. Hier wurde mit viel Liebe seitens der Schöpfer gearbeitet.

Eine neue Version von Hyakkimarus Abenteuern

Die Vorlage von Osamu Tezuka bringt es nur auf vier Bände, umso erstaunlicher die Länge der neuen Anime-Adaption mit 24 Folgen. Allerdings konnte schon vorher die Umsetzung von 1969 von Mushi Production ganze 26 Folgen verbuchen. Doch während die ältere Version noch stark am Charakterdesign von Tezuka blieb, entschied man sich bei der neuen Adaption, andere Wege zu gehen. Was aus der Sicht des Studios Sinn macht, um neue Fans für die Serie zu generieren. Der Stil Tezukas sieht kindlich und altbacken aus, was in der heutigen Zeit nicht mehr funktionieren würde, denn die Optik spielt eine größere Rolle als je zuvor. Das Original-Charakterdesign für die Version aus 2019 stammt von dem Mangaka Hiroyuki Asada, der in Deutschland einigen hauptsächlich durch das bei Tokyopop erschiene Letter Bee bekannt ist. Manche der Charaktere sehen erwachsener, bedrohlicher, aber auch schöner aus. Besonders beeindruckend sind hierbei die Augen von Hyakkimaru, da sie mit wenig Details auf Anhieb überzeugen können. Bezüglich der optischen Gesteltung der Figuren haben die Charakterdesigner nichts falsch gemacht, wenn bedacht wird, in welcher Zeit die Handlung spielt.

Vom Einklang zum Ausklang und Klänge des alten Japans

Eingeleitet wird die Serie von dem Opening ”Kaen” der Band Ziyoou-vachi. Dieses kann visuell auf ganzer Linie überzeugen. Am Einfallsreichtum mangelt es dem Kreativteam hierbei nicht. Der Song ist vielleicht nicht ganz zur Epoche passend, aber dennoch überraschend gut. Allerdings kein Titel, der gleich von der Masse geliebt wird, denn so mancher wird sich dran gewöhnen müssen. Das zweite Intro ”Dororo”, welches mit Asian Kung-Fu Generation eine bekannte Band beigesteuert hat, hält sich jedoch wenig in Erinnerung. Auch visuell bleibt es hinter den Erwartungen zurück. Beim ersten Ending ”Sayonara Gokko” von Amazarashi geht es in die ruhigere Richtung und genauer betrachtet ist es auch der passendste Song zur Serie. Schön anzusehen sind auch die Zeichnungen im Video. Den letzten Song für Dororo stellt das zweite Outro ”Yamiyo” von Eve dar, welches sowohl gesanglich als auch visuell nicht viel bietet; definitiv nichts, woran man sich in paar Jahren noch erinnern würde. Letztendlich wäre ein Wechsel von Intro und Outro gar nicht nötig, da die ersteren einfach besser mit dem Werk harmonieren. Der Soundtrack des Animes stammt vom Komponisten Yoshihiro Ike (Inuyashiki: Last Hero) und überzeugt unter anderem mit traditionell japanischen Klängen.

Fazit

Ich finde die Idee mit den fehlenden Körperteilen recht innovativ, da ich bisher nichts anderes in der Art gesehen habe. Eigentlich ziemlich verrückt, wenn man genauer darüber nachdenkt, denn normalerweise wäre solch ein Kind nicht lebensfähig. Realismus sollte man aber generell nicht von fiktiven Medien erwarten, und für mich spielt es auch hierbei keine Rolle. Abgesehen davon hat mir die Geschichte rund um Hyakkimaru und Dororo viel Spaß gemacht, denn die beiden sind ein sympathisches Team. Es ist schön zu sehen, wie sich Dororo um Hyakkimaru sorgt und umgekehrt. Ich kann Dororo besonders Fans von Inu Yasha, Mermaid Forest und Guardian of the Spirit empfehlen, aber auch generell Liebhabern japanischer Mythologie und historischer Geschichten. Ich finde, man kann mit der Serie nicht viel falsch machen, denn sie stellt eines der Anime-Highlights aus 2019 dar.

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Alva Sangai

Alva arbeitet mit viel Papierkram, was nicht unbedingt spannend ist. In ihrer Freizeit sind ihr Anime, Manga und Bollywood-Filme/Serien wichtig. Sie hört sehr gerne Musik, schreibt Geschichten und zeichnet ab und zu. Ein Tee darf dabei nicht fehlen, der auch zur Entspannung beiträgt. Besonders Schwarztee mag sie ganz gern. Ansonsten hat sie eine Schwäche für soziopathische Bösewichte, was sich öfters in ihren Lieblingscharakteren widerspiegelt.

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Aki
Redakteur

Noch nicht angeschaut, steht aber weit oben auf der Liste dank Prime. Wollte daher nur einen nette Info hier hinterlassen: Suzuki Hiroki der Hyakkimaru im Japanischen spricht, ist Schauspieler. Er verkörpert genau diesen Charakter im dazugehörigen Stage Play (Theaterstück), welches vor dem neuen Anime an den Start ging. Ich finde es daher so klasse, dass er ihn dann als Stimme im Anime vertreten durfte und er damit seine erste Sprecherrolle hat. *__* Ich hoffe er bekommt jetzt noch weiter Rollen, denn ich mag seine Stimme. Kenne ihn von den Touken Ranbu Stage Plays.