Children of the Sea

Das Meer ist trotz seiner unübersehbaren Anwesenheit stets ein mysteriöser Ort voller Rätsel geblieben, teils faszinierend, teils unheimlich, immer ehrfurchtgebietend. Sei es, weil man sich allerhand Krabbelgetier und seltsame Wesenheiten vorstellt, die im nassen Element herumwuseln, sei es weil die ungeahnten Tiefen noch immer Rätsel aufweisen, obwohl es so ‘leicht’ erreichbar ist. Dieser ‘So nah und doch so fern’-Ort übt auch auf Ruka, die Protagonisten von Children of the Sea, eine ungemeine Faszination aus, was Regisseur Ayumu Watarabe (Doraemon) und Studio 4°C (Detroit Metal City) kurzerhand zum Anlass zu nehmen, das junge Mädchen auf eine ganz eigenwillige Reise zu schicken, die mehr Sinneserfahrung als ‘Weg zum Ziel’ ist. Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Manga von Daisuke Igarashi und tummelt sich seit 2019 auf den Meeren. Im August 2020 wurde er im Rahmen der Online-Version des Japan Filmfests gezeigt, wo er mit seinen imposanten Bildern durch das Wasser schießt, aber dabei ein wenig vergisst, was er erzählen will.

     

Wenn Zuhause nur geknüllte Bierdosen im ranzigen Plastiksack warten, ist es kein Wunder, dass Ruka die Zeit in der Schule, spezifisch im Handballclub genießt. Sie fegt und fliegt regelrecht über das Feld, sehr zum Unwillen ihrer Gegenspieler, die nicht immer ganz fair mit ihr Umspringen, was zu gegenseitigem Ellbogeneinsatz führt. Nach einem solchen Vorfall macht ihr der Lehrer klar, dass es so nicht weitergehen kann und er sie hier erst einmal nicht mehr sehen will, außer sie entschuldigt sich. Ihren letzten Zufluchtsort genommen, wandert sie ziellos umher und bekommt den protagonistischen Geistesblitz, noch einmal das Aquarium zu besuchen, das sie an eine Zeit erinnert, als ihre Familie noch aus mehr als einer betrunkenen Mutter bestand. Das Schicksal reibt sich selbstverständlich schon in freudiger Erwartung die Hände und setzt ihr in rascher Folge nicht nur ein, sondern gleich zwei ungewöhnliche Begegnungen vor die Nase: die beiden Jungen Umi und Sora, die, so heißt es, in tarzanischer Manier von Seeelefanten erzogen und im Meer groß geworden sein sollen. Aber sie haben nicht nur einige ungewöhnliche Eigenheiten entwickelt, sondern scheinen eine ganz mysteriöse Verbindung zur See zu spüren. Dass dieses Rätsel natürlich nicht unergründet bleiben darf, versteht sich von selbst und es dauert nicht lange, bis sie zusammen mit den beiden Jungen in den Tiefen des Mysteriums versinkt.

Im falschen Becken

Originaltitel Kaijuu no Kodomo
Jahr 2019
Laufzeit 111 Minuten
Genre Drama, Abenteuer
Regie Ayumu Watanabe
Studio Studio 4°C
FSK
Veröffentlichung: 27. März 2020

Wer einen gemächlichen Blick auf das Plakat wirft, die Ausgangslage überfliegt und die Figuren in Augenschein nimmt, könnte schnell auf die Idee kommen, dass es sich bei Children of the Sea um einen mehr oder minder simpel gestrickten Kinderfilm handelt. Einer, der sich an die Spuren von Ruka heftet, wie sie über die große weite Welt staunt und hinterher etwas fürs Leben lernt, was sich zudem möglichst gut auf Handball-Streitigkeiten anwenden lässt. Vollkommen falsch ist diese Einschätzung nicht, aber dennoch wäre es verfehlt zu denken, dass der Titel im Kinderbecken plantscht. Rukas Abenteuer beginnt typisch genug mit der schicksalhaften Begegnung, aufkeimender Freundschaft und einem großen Mysterium, das am Horizont wartet. Aber mit voranschreitender Zeit und allerspätestens im letzten Drittel dürfte man sich dabei ertappen, ein leises ‘Was zur Hölle …?’ zu murmeln, die Augen zu reiben und mit gerunzelter Stirn zu versuchen, zu verstehen, ob und worum es gerade geht. Children of the Sea nimmt regelrecht mystisch-spirituelle Züge an und lässt einen Bilderschwarm auf den Zuschauer los, in dem man sehr leicht untergehen kann. Eine zentrale Frage ist dabei die Verbindung des Menschen zum Universum und andersherum, Tod, Leben und alles dazwischen. Oder vielleicht geht es auch schlicht um Menschen, die Planeten bluten und in Galaxien entschwirren. Eins von beiden. Die zunehmend aufblühenden Fragezeichen werden dabei auch nicht gezielt beantwortet und wer auf die Ausgangslage verwirrt zurückschaut, wird sich zurecht fragen, wie um alles in der Welt man das jetzt auf Handball münzen soll.

Zu viel und zu wenig

Zudem kommt man nicht umher zu bemerken, dass andere Elemente der Handlung auf der Strecke bleiben. Während die Erfahrungen Rukas visuell abwechslungsreich verhandelt werden, wird ihre problematische Familiensituation quasi mit einem kurzen ‘Eh, was soll’s’-Moment beiseite gewischt und viele der Nebenfiguren sowie deren Motivationen blitzen nur mit einem ‘Ich bin auch noch hier!’ am Rande auf. So gibt es beispielsweise die obligatorisch dubiose Forscherriege, die irgendwie was mit den beiden Jungen anstellen und Geheimnisse erfahren möchte, aber so richtig lässt die Geschichte sie nie mitspielen. Einen direkten Gegenspieler gibt es nicht, was keinerlei Problem an sich darstellt, aber wenn man am Ende am Strand entlang spaziert und auf all das zurückblickt, fragt man sich vermutlich, wenn man sich nicht mehr Schaum blubbernd die Augen reibt, was jetzt faktisch erreicht wurde, wo die Charaktere verbleiben und worauf sie in die Zukunft blicken. Abgesehen von dem ein oder anderen Therapie-Besuch für Ruka, der jeweils mit den Worten ‘Kennen Sie die Geschichte von Jonas und dem Wal? Also ich kann ihnen sagen … ‘ beginnen dürfte. Anders ausgedrückt: Wer primär nach einer Handlungsperle taucht, sollte vielleicht den Schnorchel einpacken, jedoch bitte auf gar keinen Fall frustriert die Schwimmflossen an die Wand werfen.

Bilderstrudel

Denn ja, die Geschichte ist wirr und vielleicht nicht gänzlich erfüllend, aber – und dieses Aber ist größer als 13 übereinander gestapelte Männchen machende Buckelwale – Children of the Sea ist ein absolutes audio-visuelles Meisterstück, mit besonderer Betonung des visuellen Parts. Zuvor klang schon die einzigartige Qualität der Präsentation an, die in einen regelrechten Strudel mündet, und es gibt nicht genug Robben, die den Bilderstrom beklatschen könnten, um ihm gerecht zu werden. Von Beginn an wird man mit Einstellungen und Zeichnungen konfrontiert, die schlicht wunderschön sind. Der Stil kann hier nur amateurhaft beschrieben werden, aber er hat eine stärker gemalte Komponente, gerade wenn etwa Nahaufnahmen von Gesichtern auftauchen, kann man die Gemaltheit (Ist das ein Wort? Ist jetzt ein Wort.) des Gezeigten sehen. Die Hintergründe haben gewisse Züge romantischer Landschaftsmalereien und sind generell lächerlich detailreich. Manche der Kamerafahrten und Einstellungen in Kombination mit den Bildern lassen bereits die Gänse auf der Haut in Hab-Acht-stellung gehen und mit der Musik, beigesteuert von Hisaishi Joe (Chihiros Reise ins Zauberland), marschieren sie dann endgültig los. Ein winzig winzig winzig kleiner Wermutstropfen sind die einen oder anderen Charaktere, deren Züge … gewöhnungsbedürftig sein können. Gerade die Augen haben eine, vielleicht durchaus beabsichtigte, fischige Qualität und wirken größer als man es ohnehin in Animes gewohnt ist.

Sinneserlebnis

Es besteht dennoch kein Zweifel, dass die visuelle Komponente einen regelrecht hinfortspülen kann, was gerade im hinteren Teil eine spannende Verknüpfung zur Handlung bietet. Da man sich, insbesondere wenn man sich gänzlich darauf einlassen kann, vermutlich regelrecht in den Bilderwelten verlieren kann, kommt man auch sehr nah an das heran, was Protagonistin Ruka erfährt. Die Präsentation mag verworren sein, kann aber gleichzeitig eine ganz eigene Erfahrung erreichen. Es wäre vermutlich möglich, den Film zu genießen, selbst wenn kein einziges Wort gesprochen werden würde und lediglich Bilder sowie Musik das Steuer in die Hand nehmen. Aber auch wenn man nicht vollkommen fortgespült wird, ist es eindrucksvoll, was Studio 4°C hier auf die Planken gestellt hat. Der Titel ist ein regelrechter Wallpaper-Himmel … pardon, ein regelrechtes Wallpaper-Meer, das sich schlicht nur aufgrund seiner Darstellung lohnt.

Fazit

Children of the Sea ist ein visuelles Meisterwerk, das bei aller Imposanz aber seine eigene Geschichte vergisst bzw. sich ein wenig verliert. Ich hatte mit einem ‘typischen’ All Age-Anime-Film mit Meeresthematik gerechnet und wurde im weiteren Verlauf ziemlich kalt erwischt. Die regelrecht spirituellen Züge, die die Geschichte annimmt, ist vermutlich nicht für jedermann. Es ist schwer darin einzusteigen und mitzugehen, gerade weil ein Großteil der Charaktere und Probleme etwas in den Hintergrund treten. Ohne die Vorlage zu kennen würde ich vermuten, dass dort einige Situationen gerade mit Blick auf Rukas Familiensituation etwas ausgiebiger verhandelt werden. Und einen etwas handfesteren Bezug zu dem ganzen Geschehen wäre definitiv wünschenswert gewesen. Trotzdem, auch wenn man nicht mit der Handlung in Einklang kommen kann, bin ich davon überzeugt, dass die Produktion ein Must-See für Anime-Fans ist. Die Präsentation ist umwerfend und ich habe mich mehrmals zurückhalten müssen, bestimmte Passagen nicht zurückzuspulen, nur um sie noch einmal anzusehen. Wirklich umwerfend und beeindruckend. Inhaltlich muss man zurückstecken, aber es ist eine visuelle Perle, für die man unbedingt einmal ins kalte Wasser springen sollte.

© Polyband


Seit dem 27. März 2020 im Handel erhältlich:

 

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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