Kommentar: Player One has left the Game – Abgesang eines Fans

Lesezeit: 7 Minuten

2010 landete Ernest Cline mit seinem Buch Ready Player One einen absoluten Überraschungshit über einen Jungen, der wie viele Andere James Halliday, den Gründer der virtuellen Realität OASIS verehrt. Inmitten von aufeinander gestapelten Wohnwägen konsumiert er 2044 alles, was sein Vorbild geliebt hat. Warum? Um das Easter Egg zu finden und das Erbe Hallidays anzutreten. Achtung, hier wird mit ungekennzeichneten Spoilern hantiert!

Es ist eine traurige Welt, in die Wade Watts (Tye Sheridan, X-Men: Apocalypse) hinein geboren wurde: Ein Großteil der Menschheit leidet Hunger, während einige Wenige um die kapitalistische Vorherrschaft kämpfen – rücksichtslos und nicht immer ganz legal. Kein Wunder, dass sich die Menschheit in die OASIS flüchtet, der virtuellen Wunderwelt, in der alles möglich ist und nur die Kreativität einem Grenzen setzt. So viel zur Prämisse. Wie fühlt sich ein Fan des Buches beim Betrachten des Filmes? Ist er oder sie überhaupt in der Lage, wertfrei zu urteilen? Ich finde: Ja, denn selbst wenn ich meine Kenntnisse des Buches wegnehme (die zum Zeitpunkt des Kinobesuches eh nur noch schwammig waren und erst nach und nach wiederkamen. Es liegen zwischen der Lektüre und dem Kinobesuch einige Jahre und mehrere 100 anderer Bücher), besitzt der Film einige Schwächen. Es folgt ein Versuch, Filmkritik und Vergleich unter einen Hut zu kriegen.

Alles ist möglich!

Die Fantasie bildet die einzige Grenze, welche die OASIS zieht. Und da haben sich die Macher von Ready Player One meiner Meinung auch wirklich Mühe gegeben und viel Liebe ins Details gesteckt: Wahrscheinlich müsste man als Zuschauer jede Sekunde fünfmal auf Pause drücken, um wirklich alle Anspielungen zu erfassen. Doch hier liegt in meinen Augen auch schon ein riesiges Problem: Es. Ist. Überfrachtet. Ja, auch das Buch ist an manchen Stellen eine Aufzählung von Referenzen eines vergangenen Jahrzehnts. Ja, es liest sich manchmal wie ein gezwungener Mix aus allem möglichen, was man als Kind der 80er halt erlebt hat. Dennoch funktioniert das im Buch meistens. Warum? Weil ich mir als Leser Zeit lassen kann, um Informationen zu verarbeiten. Ganz anders im Film, da wird man abgelenkt von Hello Kittys, die durch Gänge spazieren, Motorrädern aus Akira, einem Gastauftritt von Freddy Krüger oder Chucky oder einem T-Rex, der Autos von der Rennstrecke pickt. Und schnell bekommt man das Gefühl, dass dies alles nur von einem ablenken soll: Dem Nichtvorhandensein eines guten Plots.

Aber fast nichts gut gemacht

Oh Boys and Girls … lasst euch bitte nicht blenden von den ganzen Effekten eines Films, der sich dem heutigen Popcornkinoanspruch anpasst. Wenn ich mir Ready Player One ansehe, könnte ich zu dem Schluss kommen, dass das Leben in dieser Welt zwar eigentlich ziemlich mies ist (schließlich nervt die Tante, aber noch viel mehr ihr aktueller Macker und Freunde außerhalb der OASIS kann man gar nicht finden), aber eigentlich ist es ja doch ganz nice: Schließlich kann man den ganzen Tag in dieser verdammt coolen Welt abhängen! Den ganzen Tag? Wo wird gezeigt, dass Wade zur Schule geht? Dafür, dass er laut Film scheinbar überhaupt keine schulische Bildung genießt, ist er ganz schön schlau. Muss wohl ein Naturtalent sein. Ihm fliegt alles zu und wenn es mal nicht sofort klappt, gibt ihm jemand fünf Minuten später den entscheidenden Denkanstoß. Der einzige Gedanke, auf dem ich dabei schnell herumkaute: Mann, bist du eine Mary Sue. Scheinbar wurde der Charakter von Wade Watts für den Film so krass herunter geschraubt, dass sich jeder mit ihm identifizieren kann. Zugegeben, auch im Buch ist es eher unrealistisch, dass er sich so manche Serie und so manches Buch dreimal oder mehr angetan hat, um mit gerade mal 18 schon alles auswendig zu können, was der OASIS Gründer James Halliday (Mark Rylance, Dunkirk) in vielen Lebensjahren geschafft hat. Aber, und damit kommen wir zu meinem nächsten Kritikpunkt: Wirklich viel muss Wade im Film gar nicht können, denn die Aufgaben sind verdammt einfach.

Heldiger Walkthrough

An einem Autorennen verzweifeln alle, weil King Kong einen nicht vorbeilässt? Man bekommt das Abbild von Filmcovern um einen herum gewirbelt und kommt dann schnell auf des Rätsels Lösung? Der OASIS-Gründer hat ein Faible für Easter Eggs? Glückwunsch, wer ein oberflächliches Wissen über Hallidays Leben besitzt und weiß, wo man Informationen zum kompletten Leben des Supernerds findet, dann kommt man ganz schnell an mehrere Millionen und die Herrschaft über die OASIS. Ein großes Manko des Films ist, dass es den Figuren unglaublich leicht gemacht wird. Zumindest kommt es mir so vor. Das Schwierigste ist noch der Anfang (das große Rennen, dass es im Buch nie gab) und danach weiß man ja, wie es funktioniert, wie der Aufbau der Herausforderungen ist. Kinderspiel. Nur selten wird angedeutet, wie viel Hintergrundwissen man für die Suche nach dem heiligen Easter Egg besitzen muss. Wo bleiben die kniffligen Denkaufgaben des Buches? Wo der hohe Schwierigkeitsgrad? Wade muss in der Vorlage einen GANZEN FILM Zeile für Zeile auswendig mitsprechen! Wenn er einmal einen der drei Schlüssel nach einer harten Nuss von Rätsel ergattert hat, dann muss er erst mal durch das so sich öffnende Tor treten und noch eine Aufgabe lösen, die es in sich hat. Ernest Cline hat in seinem Debüt die schmale Gratwanderung geschafft, dass man selbst wie ich als Kind der Neunziger viele Anspielungen erkennt und selbst wenn nicht, dann hat man Respekt vor der Aufgabe (ich wiederhole: Dialogzeile für Dialogzeile …). Doch im Film geht dieses Gefühl vollkommen verloren, es wird dem Helden und seinen Freunden einfach gemacht. Die Off-Stimme von Wade Watts erzählt einem jedenfalls ganz oft ganz cool, wie er mit diesem oder jenem Kniff einen Schritt weiter kam. Und auf ganzer Linie gewinnt. Auch das Herz eines Mädchens.

Chemie? Hab ich abgewählt

Natürlich gibt es auch ein Mädchen, das Wade Watts bzw. seinem Alter Ego “Parzival” das Herz höher schlagen lässt. “Art3mis”, gespielt von Olivia Cooke, (Ich und Earl und das sterbende Mädchen) ist in seiner Filterbubble der OASIS das coolste Chick, das aussieht wie ein Mortal Kombat-Charakter und auf dem Motorrad des Animes Akira versucht, Aufgabe 1 zu lösen. Es gibt nur ein Problem: Man nimmt den beiden Schauspielern weder in ihrer Rolle als “Parzival” und “Art3mis”, noch im “realen Leben” irgendeine Chemie untereinander ab. Gefühlt sagt die Eine zum Anderen fünf Worte, zickt mal bisschen rum, weil die Probleme der Außenwelt vergessen werden (was sowieso ein Grundproblem des Films ist, dazu gleich noch mehr) und dann mag man den anderen doch. Was hat Wade jetzt eigentlich tolles getan, um ihr Herz zu gewinnen – außer, der Held des Films zu sein? Es gibt einfach viel zu wenig Interaktion zwischen den beiden, um die Beziehung realistisch aufzubauen. Im Buch ist das besser gelöst, weil einfach mehr Zeit vergeht und den beiden mehr Charakteraufbau gegönnt wird – und eine Liebesbeziehung nicht im Vordergrund steht, nicht mal einen großen Teil der Story einnimmt Wenn ich mich richtig erinnere, dann ist nur ganz am Ende mal die zarte Annäherung angedeutet . Wichtig ist der Kampf gegen das IOI (Innovative Online Industries), deren Chef Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn, Rogue One: A Star Wars Story), die Macht über die OASIS will, um noch mehr Kapital aus den Menschen zu schlagen. Ebenfalls schade ist es, dass Wades Compagnons abseits von “Aech” (Lena Waithe, Master of None)  kaum Screentime bekommen, obwohl sie seine engsten Freunde sind. Und sein bester Freund “Aech” warnt Wade aus gutem Grund davor, dass in der OASIS jeder sein kann, was er will und nicht das sein muss, was er vorgibt zu sein. Schließlich ist “Aech” entgegen Wades Glauben ein Mädchen und kein Junge. Aber solche Ratschläge gehen zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Sorry, aber in der heutigen Gesellschaft wird sowieso viel zu verantwortunglos mit dem Internet und seinen Möglichkeiten umgegangen. Einem jüngeren Publikum zu zeigen, dass Vorsicht egal ist, denn es geht ja sowieso alles gut, ist einfach unverantwortlich.

Zuckerstreusel und Schönfärberei

Man nimmt dem Film die dystopische Welt von Ready Player One nicht wirklich ab. Dafür scheint es den meisten Menschen zu gut zu gehen und nur, weil man im Nebensatz gesagt wird, dass es ihnen schlecht geht, glaubt man das nicht gleich. Im Buch hat man einen heftigen Mix aus Drogen- und Spielsucht, Armut und dem alltäglichen Begleiter Tod. Der Film gibt einem gar nicht die Chance, solche Probleme zu erfassen und ernst zu nehmen. Die Menschen scheinen irgendwie ja doch zu überleben und sich durchzuwurschteln. Und nur eine kämpft auf verlorenem Posten dagegen an. “Parzivals” Intention wird kein einziges Mal von ihm reflektiert, obwohl “Art3mis” ihn immer und immer wieder auf die Missstände hinweist. Wade scheint es sogar kalt zu lassen, dass seine Tante und deren Freund in den Stacks sterben. Nach einem entsetzten Blick bei der Explosion merkt man ihm kein einziges Mal an, dass er mit den Folgen kämpft.

Bei der Auswahl der Hauptfiguren wurde wenig Mut bewiesen. Im Buch entsprechen diese keinem Hollywood-Schönheitsideal: Sie sind übergewichtig (Klar, man hängt den ganzen Tag mit einer Brille auf dem Kopf rum, weil man sich keinen fancy Scrollboden leisten kann!) und den Umständen entsprechend normale Teenager, die nicht zur Königin und zum König des Abschlussballs gewählt werden würden. Wenn der Autor schon mit am Drehbuch schreibt, dann erhoffe ich mir bei solchen Details, die wichtig sind für die Idendifikation einer ganzen Generation von Nerds und Geeks, etwas mehr Aufmerksamkeit. “Art3mis” hat zwar ein Brandmal, aber so wirklich entstellen kann sie das auch nicht. Zusätzlich können beide nicht gerade mit schauspielerischen Glanzleistungen punkten – Emotionen werden einfach mangelhaft transportiert. Beim ersten Casting flog Tye Sheridan sogar raus und bekam nur durch Hartnäckigkeit und seinem Wissen über die Achtziger eine zweite Chance. Lichtpunkte mit zu wenig Screentime sind Lena Waithe, die eine Verfolgungsjagd angenehm auflockern kann und Mark Rylance. Dieser spielt den schüchternen Nerd, der mit dem Erfolg seiner Gaming-Erfindung überfordert ist, mit wunderbaren Nuancen.

Ready Player One besaß das Potential zu einem ganz großen Hit. Geworden ist es ein halbgarer Mix aus ganz vielen Anspielungen und dem Versuch, zu viele Themen und Charaktere in einen 140 Minuten langen Film zu quetschen, sodass alles mal erwähnt, aber nichts genauer beleuchtet werden kann. Selbst wenn man das Buch nicht kennt, kann man schnell den Spaß am Film verlieren, denn abgesehen davon, dass einem hier eine weitere Hollywoodproduktion präsentiert wird, die kein Nachdenken erfordert (in Zeiten von generischen Superhelden- und anderen Action-Filmen kaum noch ein Wunder, aber definitiv kein Trostpflaster), so verliert man einfach viel zu schnell jeglichen Überblick. Der Versuch, das mit ganz vielen Referenzen auf möglichst viele Spiele, Filme, Serien, musikalische Perlen und so weiter, zu übertünchen gelingt nur bedingt. Ich saß irgendwann im Kino und konnte innerlich meinen Frustfaktor beim steigen beobachten. Da hat mich auch keine erkannte Anspielung mehr aus einem Strudel von “Meeeh” rausholen können. Lieber Steven Spielberg: Wir sind nicht alle Einhornbesitzer, die glauben, dass ein wenig (oder ganz, ganz viel) Regenbogenpups alles besser macht (nach dem Motto: Streu Glitzer aka Special Effects drauf, dann wird alles besser). Es ehrt Sie, dass Sie sich selbst nicht in den Vordergrund spielen und Anspielungen auf Ihre eigenen Werke auf ein Minimum reduzieren wollten. Auch wenn Ihre Mannschaft in der Nachproduktion Sie ab und zu ausgetrickste) – das hat hier leider nicht funktioniert. Charakteraufbau und –entwicklung, das Befassen mit den Problemen der Umwelt der Figuren und ein Plot, der einen zum Mitdenken anregt. Das wäre schön gewesen. Denn, um es mit einem Beispiel zu verdeutlichen, das langsam an Aktualität gewinnt: Nicht jeder erliegt aller paar Jahre der Euphorie eines Fußballgroßevents, damit man hinter dem Rücken der Zuschauer die Welt ein bisschen schlechter machen kann (oder halt den Special Effects, die einen mauen Film überspielen sollen). Im Nachhinein betrachtet bin ich wieder bei meiner Meinung vom Anfang (nach Lesen des Buches): Ein Film wäre cool, eine Serie, die mehr Spielraum bietet, viel cooler.

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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Aki
Redakteur

Ich kann vielem von dem was hier geschrieben steht, nur zustimmen, dabei kenn ich das Buch nicht. Ich bin daher unbefleckt hinein und ja, ich hatte meinen Spaß. Aber wer hätte das als Stephen King, Godzilla und Gundam Fan nicht, wenn seine Lieblingsdinge in wirklich tollen Szenen gezeigt werden. Trotzdem: Ready Player One schwächelt leider an so vielem. Für mich ist eines der größten Mankos, die Chemie zwischen den beiden Hauptcharakteren. Ich kaufe es ihnen einfach Null ab und das ist wirklich schade. Dabei hätte es hier so viele gute Dramamomente geben können.
Die OASIS ist optisch zwar eine Wucht aber auch hier muss ich sagen, weniger wäre ab und an mehr gewesen. Dabei meine ich zum Beispiel das Wettrenen, was mir persönlich zu schnell und viel zu vollgestopft ist. Es ist vergleichbar mit einer Bourne-Film-Verfolgungsjagt, wo man sich hier und da fragt, was zur Hölle im Bild ist!
Auch das Theme Reale Welt ist so ein Ärgernis, denn wie von MadameMelli geschreiben, wird diese zu weig gezeigt und wenn dann nicht so, dass man versteht, warum die Leute in die Virtuelle fliehen.
Schade, Ready Player One hätte wirklich gut werden können. So bleibt ein kurzer Spaß mit viel schlechtem Nachgeschmack.

Jumper
Gast
Jumper

Ich kann da ebenfalls nur zustimmen. Ich war begeistert vom Buch und der Film war einfach nur eine riesige Enttäuschung. Ich meine alleine wenn man bedenkt das die Handlung im Buch ca. 1 bis 2 Jahre entspricht und im Film ungefähr 1-2 Wochen, sowas kann ja eigentlich nur schief gehen. Gerade die Beziehung zwischen Parzival und Art3mis ist, so wie sie im Film dargestellt wurde einfach nur komplett schwachsinnig und unrealistisch. Im Buch hat sich die Beziehung über Monate erst entwickelt inklusive einer Beziehungspause und in “Real” getroffen haben sie sich sogar erst auf einer der letzten Seiten des Buches und dennoch ist die Beziehung der beiden im Buch so um ein vielfaches realistischer.

Von den großartigen Rätseln aus dem Buch ist leider auch nix mehr übrig geblieben im Film und auch die ganze reale Welt wirkt nichtmal im Ansatz so düster wie im Buch. Gut vielleicht liegt das einfach an Hollywood, die Welt wie sie im Buch dargestellt wurde, war denen wohl zu düster und dabei auch noch realistisch. So was geht nicht. Das darf man nicht zeigen, es könnte ja jemand genötigt fühlen nachzudenken und nachdenken anregen darf ja ein Hollywood-Film nicht mehr XD

Ayres
Redakteur

Ich kenne die Rätsel aus dem Buch zwar nicht (gehe mal schwer davon aus, dass sie komplexer sind als im Film), aber man merkt förmlich, wie versimplifiziert alles wurde. So richtig dumm-dreist für ein Massenkino.

wasabi
Redakteur

Zweimal hatte ich den Tipp bekommen “Sieh dir diesen Film an, er ist zwar nicht besonders tiefschürfend, sieht aber toll aus! King Kong kommt darin vor! Und dieser Mecha aus Neon Genesis Dingsda!”. Dann hat mir dieser Verriss hier Lust auf das Buch gemacht und tatsächlich hatte ich das Hörbuch durch, bevor ich ins Kino gegangen bin. Und ich kam aus dem Kino mit zwei Gedanken. Erstens: es war ein Gundam, kein EVA. Und zweitens: Der Film macht das Beste aus einer nicht besonders guten Vorlage.
Ja, im Buch ist das alles weiter ausgemalt. Aber es bleiben halt Klischees. Ich nehme dem Buch weder die Dystopie ab, noch die Figuren, noch die Liebesgeschichte. Das gibt es alles woanders interessanter und nicht so klischeebeladen. Wade Watts sieht für einen jugendlichen Helden nicht gut genug aus, aber ein pickeliger, fetter Junge, der selbst am virtuellen Schultor gedisst wird, weil er uncool angezogen ist und dann doch das Mädchen kriegt, ist genauso ein Klischee. Und diese Online-Romanze, wo sie sich nicht zeigen will, weil sie offline durch ein großes Muttermal entstellt ist und er sie trotzdem liebt… von allen Möglichkeiten, wie eine Internetbekanntschaft verlaufen kann, ist das wohl die kitschigste und realitätsfernste.
Da ist es mir sehr viel lieber, wie der Film damit umgeht. Da ist Wade nicht fett und pickelig, aber auch nicht Brad Pitt mit 18. Gecastet wurde ein Junge, der vor allem durchschnittlich aussieht. Nur eben nicht mit den unmöglich großen Augen und eleganten Wangenknochen seines Avas. Wie das im Leben halt so ist. Und das Mädchen? Das Muttermal ist da, aber zum Glück längst nicht so wichtig. Und ihr Grund, warum sie ihn erstmal abweist, gefällt mir so viel besser: Sie ist dabei, eine gefährliche und wichtige Mission zu erfüllen und hat dabei in dem Moment einfach keinen Nerv für einen verliebten Kerl. Finde ich gut.
Die Rätsel? Die Dialoge eines ganzen Films nachsprechen zu können, ist zwar eine reife Leistung. Aber leider kein Zuschauersport. Innerhalb eines Films ist das nicht umsetzbar. Zu lang, für Zuschauer totlangweilig. Nicht jeder Zuschauer ist ein Eighties-Nerd und möchte doch mitfiebern können. Drum finde ich die Lösung, die der Film findet, nämlich die Rätsel nicht durch geballtes Nerd-Wissen, sondern durch pfiffiges Um-die-Ecke-Denken zu lösen, eine prima Idee. Ein Autorennen gegen King Kong ist so viel spannender, als ein Nerd, der “Die Ritter der Kokosnuss” mitsprechen kann. Und ein unmögliches Autorennen gegen King Kong, das man durch Rückwärtsfahren gewinnt, finde ich eine runde Sache.
Die Idee, dass die Figuren mit enzyklopädischem Kino-Wissen in einen ganzen alten Film eintauchen müssen, hat es dann ja doch in den Film geschafft. Und das Schöne ist: durch “Shining” stolpert gerade die Figur, die den Film gar nicht kennt.
Insgesamt hatte ich im Kino deutlich mehr Spaß als beim Hören.

Was bleibt, ist das komische Gefühl, eine Zeit, die man selber erlebt hat, zu einer Retro-Mode umgewandelt zu sehen. “Back to the Future”? Fand ich blöd, hab ich vorbeiziehen lassen. “Buckaroo Banzai?” Stimmt, da war doch was… aber was nur? Und warum nimmt der junge Kerl das so wichtig? “Chucky, die Mörderpuppe”? War damals igitt, hat man nicht geschaut, wenn man ernst genommen werden wollte. “Die Ritter der Kokosnuss”? Wo der Film, mit dessen Dialogen man zum Alleinunterhalter jeder Party werden konnte, doch “Das Leben des Brian”war?

Es hat nette, nostalgische Momente, sicher. Aber es ist auch gruselig. Und da mich Filme selten gruseln, ist das der Moment, der für mich diesen Film aus vielen anderen “Jugendliche retten die Welt”-Filmen hervorstechen lässt.

Ayres
Redakteur

WIeso findest du so eine Online-Romanze denn realitätsfern? Das halte ich noch für am realistischsten aus dem gesamten Film. Insbesondere unter Teenies sind reine Onlinebeziehungen nichts Unübliches und das finde ich noch durchaus gut getroffen hier.

Da ich die Aufgaben des Buches nicht kenne, will ich keine Vergleiche ziehen. Autorennen mit King Kong, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Klar, dass das Schauwerte liefert. Stellt sich eben die Frage, ob es nicht auch anders gegangen wäre. Denn hier ist doch ganz offen auch mehr Glück als Geschick gefragt.

wasabi
Redakteur

Eine Online-Romanze an sich finde ich nicht realitätsfern. Auch das Zögern, ob man sich nun im richtigen Leben treffen will oder nicht, die Zweifel, ob man sich dann noch genauso mag oder ob man sich bloß in eine Illusion verliebt hat. Das ist eigentlich ein sehr schöner Filmstoff. Aber muss es denn gleich ein entstelltes Gesicht sein, das sie zögern lässt? So ein Holzhammer… Von all meinen Online-Bekannten, die ich auch im richtigen Leben getroffen habe, waren manche langweilig, manche unsympathisch und manche in rl sogar netter als online, aber es war niemand so dramatisch hässlich oder so komplexbeladen, dass er /sie nur online kommunizieren konnte.
Das Autorennen gegen King Kong gewinnt man nicht durch Glück. Man verliert es immer, es sei denn, man kommt darauf, dass man rückwärts fahren muss, nicht vorwärts. Die Lösung wird durch Hinweise angedeutet, aber es kommt erstmal keiner drauf. Man braucht also nicht einen Riesenspeicher Wissen oder jahrelange Computerspiel-Übung, um zu gewinnen, aber Rätsel knacken muss man schon. Nur sind die nur so lange schwierig, wie man nicht drauf kommt, wenn man die Lösung erst einmal weiß, denkt man sich “… na, da hätte doch jeder drauf kommen müssen!”

Ayres
Redakteur

Vielen Dank für den Kommentar. Mir spricht das in vielen Punkten aus der Seele.
Meine Lust auf den Film lag im Vorfeld eher im Mittelmaß. Bei Filmen, die explizit “für Fans” ausgewiesen werden, ist das immer eine Sache für sich. Die Vorstellung, wie Fans sein mögen und wie sie letztlich sind. Das ist ein bisschen wie mit Disneys Ralph reicht’s, in dem es auch reichlich Referenzen zu entdecken gibt, doch am Ende muss das Gesamtwerk überzeugen. In dem Punkt versagt Ready Player One für mich total.
Besonders angekotzt hat mich das Finden der drei Schlüssel. Wie in einem Spiel wird eben eine Aufgabe nach der nächsten abgehakt und es ist bereits vorab offensichtlich, dass es zwar Herausforderungen geben mag, doch im Endeffekt alles nur ein Klacks ist. Das hat mich so sehr gelangweilt, dass ich mich mitten während des Films lieber mit dem Smartphone beschäftigen wollte (der Saal war wie ausgestorben).

Darüber hinaus lasse ich auch an den Avataren kein gutes Haar. Diese Tanzszene ist das Dämlichste, was ich in den letzten Monaten zu Gesicht bekommen habe…