Wir müssen reden: Das Captain Superamericaman-Problem

Superman und Captain America sind schwache Helden – konzeptionell, nicht wenn es darum geht, Schulbusse zu stemmen. Es geht nicht mal um bestimmte Verfilmungen oder bestimmte Story-Bögen. Die MCU-Filme sind sogar wunderbar unterhaltsam, aber die Figuren sind unausgeglichen. Zu gut, zu perfekt, zu glatt, viel zu – keine Ahnung – heldig. Klar, sie sind Helden. Sie sind nicht nur Protagonisten, sondern prototypische Superhelden, heldiger geht es nicht mehr, aber mit Tony Stark ist zugänglicher, da er nicht so makellos ist. Er ist arrogant, in den Comics hat er ein Alkoholproblem, sein eigener Hochmut beißt ihn immer wieder in den Hintern. Viele seiner Erfindungen und Entscheidungen, werden sogar zum Problem für ihn und andere. Batman ist ebenfalls kein makellos strahlender Held. Er dringt immer wieder an die Grenzen des moralisch Vertretbaren vor, geht ziemlich brutal vor, überwacht ohne Rücksicht auf die Privatsphäre vieler Bürger eine ganze Stadt systematisch und ringt kontinuierlich mit der eigenen Dunkelheit und damit, nicht zu weit zu gehen. Beide haben grundlegende Fehler und Schwächen in ihrem Wesen, mit denen sie kämpfen und gerade das macht sie interessanter als ihre blaugekleideten Mithelden, die langweilig sind – furchtbar, furchtbar langweilig.

Cap und Superman seien jetzt nur exemplarisch genannt für einen Figurentypus, der nicht sonderlich spannend ist. Diese nahezu perfekten Helden findet man reichlich: Captain Picard und seine Föderationskollegen in den Star Trek-Serien, William Adama, Leia Organa, Will Turner, Ripley und wie diese strahlenden Protagonisten alle heißen. Helden, die gut sind und das Richtige machen, vielleicht mit einem kleinem Sympathie-Makel, der sie etwas menschlicher macht. Weil Fiktion im Gegensatz zur Realität Sinn ergeben soll, überwinden solche Akteure durch ihre anscheinend angeborene charakterliche Tugendhaftigkeit allerlei Widerstände. Seien es Schicksalsschläge, nachteilige Lebensumstände, aus denen sie sich herauskämpfen müssen, Ungerechtigkeit und natürlich böse Dudes, Monster, Imperien und damit verbundenen Apokalypsen. Sie sind irgendwie charakterlich ideal gestrickt und was ihnen auch entgegengeworfen wird, dieser gute Kern setzt sich immer wieder gegen alle Widrigkeiten durch.

Solche Helden haben so natürlich einen Vorbildcharakter, der auch seine Berechtigung hat. Man braucht Vorbilder, um einem Ideal entgegenzustreben und sich verbessern zu können. Sie sind stark und/oder gerissen, sie repräsentieren Mut, Prinzipien, vorbildliches Verhalten, das geschätzt wird. Man möchte so wie sie sein, weil sie durch ihre besonderen Qualitäten alle Schwierigkeiten überwinden und weil man genauso alle Schwierigkeiten gerne überwinden und geschätzt werden würde. Ihre Stärke wird zwar herausgefordert und sie müssen Probleme überwinden, aber sie haben keine charakterlichen Fehler, keine Veranlagung zum Scheitern in ihrer Kernpersönlichkeit, die überwunden werden muss und das macht sie für mich unnahbar. Menschen haben Fehler, bauen Scheiße, scheitern in ihren Vorhaben, trotz der besten Intentionen es nicht zu tun. Sie scheitern an den eigenen Schwächen, Ängsten und Komplexen. Menschen sind mit einem Teil von sich selbst immer im Konflikt und gerade dieses Menschliche fehlt perfekten Helden. Was sind denn Supermans und Captain Americas Hauptprobleme? Dass ihre aufopfernde Beschäftigung die Welt zu retten ihrem Wunsch nach einem geordneten Liebesleben im Weg steht? Joa, wer kennt das Problem nicht? Verflixtes Märtyrertum, mit dir haben wir doch alle zu kämpfen …

Oft geht es mir so, dass eher die Nebenfiguren und besonders die Bösewichte interessanter sind als die Haupthelden, eben weil sie nicht perfekt sind oder nicht perfekt sein müssen. Natürlich gibt es auch das Gegenstück zum heldigen Helden: Den ach so böswichtigen Bösewicht, der den eigenen Schnurrbart zwirbelnd seine Untaten tut, um sich zu bereichern oder zu zerstören und nach dem Bösewicht-Monolog so etwas wie „Muhahahar“, sagt. Ebenfalls langweilig. Ein fast schon obligatorischer Part eines jeden Bösewichtes ist ja irgendeine windschiefe Logik und Rechtfertigung für die Taten, mit der entweder klar wird, dass Bösewichte überhaupt nicht begreifen, dass sie etwas Schlechtes tun oder ihre schlechten Taten nicht als etwas schlechtes begreifen. Frei nach der beliebten Weisheit, dass jeder Bösewicht der Held seiner eigenen Geschichte ist. Das ist meist eine Pro-forma-Zutat, in der Regel so abwegig gehalten, dass Zuschauer davon nicht überzeugt werden sollen, damit es schön klare Grenzen zwischen Gut und Böse gibt. Der Held kann ruhigen Gewissens angefeuert werden und man freut sich noch reineren Gewissens, wenn sein böser Gegner verliert. Bei den meiner Meinung nach gelungensten Antagonisten hat man jedoch ambivalente Gefühle. Man weiß, dass sie nicht richtig handeln, aber ein Stück weit sind sie nachvollziehbar und vielleicht sogar sympathisch. Es ist nachvollziehbar, dass Loki Verbitterung gegenüber seiner Familie rund um Thor empfindet. Es ist nachvollziehbar, wenn Gaius Baltar sich in Battlestar Galactica aus Angst heraus, dass seine unbeabsichtigte Beihilfe zum Genozid herauskommt, weiter um Kopf und Kragen lügt und betrügt. Oder Captain Barbossa, der alles tun würde, um wieder die einfachen Freuden des Lebens zu genießen. Es gibt eine Stelle in Fluch der Karibik, in der Elizabeth Swann auf dem Piratenschiff entdeckt, dass dieses und deren Crew tatsächlich verflucht sind und die Offenbarung kommt mit einem meiner Lieblingsmonologe überhaupt, der zugleich einer dieser Sympathy for the Devil-Momente ist:

„For too long I’ve been parched of thirst and unable to quench it. Too long I’ve been starving to death and haven’t died. I feel nothing. Not the wind on my face nor the spray of the sea. Nor the warmth of a woman’s flesh.“ (Captain Hector Barbossa, Fluch der Karibik)

Geoffrey Rush kann seinen Piratenkapitän bis dahin eigentlich nicht noch stereotypischer und überzogener spielen (sogar vor dem „Arrr!“ scheut er nicht zurück), aber diese Zeilen kommen und auf einmal sind die Figur und ihre Motivation einfach greifbar. Ein Teil von mir versteht diese Bösewichte und gönnt ihnen sogar ein kleines Stück weit, mit ihren Taten Erfolg zu haben. Natürlich sind diese verwerflich, aber die Mechanismen dahinter sind nachvollziehbar, in denen negativen Emotionen wie Zorn, Verlangen oder Angst nachgegeben wird. Gerade so etwas passiert einem im nicht-fiktionalen Leben leider: Impulsen nachzugeben, auf die man letztlich nicht stolz ist, die anderen geschadet haben, für die man sich hasst oder für die man sich irgendwie ein Narrativ ausdenkt, wie die eigenen Taten noch zu rechtfertigen sind und man der Held in der eigenen Geschichte bleiben kann – meist indem man andere zu Bösewichten macht. Dem gegenüber profilieren sich Helden: Im Nicht-nachgeben der ungeliebten Instinkte. Sie schaffen das, was der Bösewicht nicht schafft, bleiben stark, wenn dieser schwach wird. Gerade das macht diese Helden so unnahbar, da kaum jemand so unfehlbar ist und darin auch so furchtbar vorhersehbar. Zweifelhaft ist dabei auch die Glorifizierung dieser Stärke, die eigentlich unerreichbar ist. Schön und gut, wenn Superman und Cap Vorbildcharakter haben oder haben sollen, aber was für ein Ideal diese absurden Übermenschen oder Überkryptonier in ihrer Unfehlbarkeit sind, während Schwächen ihren Gegenspielern vorbehalten werden. Diese teils sehr menschlichen Schwächen, die man hat, die man nachvollziehen kann, zu denen man einen Zugang hat und die stigmatisierend auf die dunkle Seite abgewälzt werden. Wie interessant sind dagegen die Protagonisten, die Schwächen und Fehler haben und lernen sie zu überwinden. Und wie viel interessanter als die Protagonisten, die lernen ihre Schwächen zu überwinden, sind diese, die lernen sie als Teil von sich selbst zu akzeptieren.

Okay, was ich hier fordere, nicht-perfekte Helden mit Schwächen und Fehlern, ist ein alter Hut. In Sachen Unterhaltungsmedien ist es sogar einer der ältesten Hüte überhaupt. Schlauere Köpfe haben sich darüber Gedanken gemacht, wie ein guter Protagonist konzipiert werden sollte. Wolfram von Eschenbach, mittelalterlicher Dichter, hat zum Beispiel mal das sogenannte Elsterngleichnis entworfen. Oft wird es so interpretiert, dass er dort für einen Helden wirbt, der nicht komplett gut oder schlecht ist, sondern der in sich Licht und Dunkelheit vereint, wie eine schwarz-weiße Elster. Gerade solche Helden wären interessant, weil sie mit sich selbst im Widerstreit sind, Fehler machen und dadurch die Möglichkeit haben, zu reifen, zu lernen und sich zu entwickeln. Inwieweit soll sich Superman noch weiterentwickeln und reifen? Da gibt’s nichts mehr, der ist fertig, ein statischer Block Vollkommenheit. Oder gehen wir weiter zurück: Aristoteles. Er wünscht sich einen glaubhaften Helden, der nicht zu gut und nicht zu schlecht ist und der einen Fehler begeht. Gerade dadurch, dass der Held trotz seiner besten Intentionen durch seinen Fehler sein eigenes Verderben herbeiführt, entsteht ein tragischer Effekt, eine Problematik die Zuschauer involviert und mitnimmt. Der einzige Fehler von Captain America ist, dass er nicht supertoll genug ist, Thanos beim ersten Versuch zu schlagen. Ach je.

Einen letzten noch, dann wars das mit dem Deutschunterricht: Lessing. Der Herr des Bürgerlichen Trauerspiel hat sich auch Gedanken über die Komödie gemacht und bis dahin (und bis heute) sahen die so aus, dass (da ja Witze meist über jemanden gemacht werden) eine fehlerhafte Figur dafür den Anlass liefert. Nicht eine mit einem Fehler tragischen Ausmaßes, sondern etwas Harmloses, weil nur das Harmlose auch witzig sein kann. Wie dass jemand leicht in Rage gerät und sich dabei um Kopf und Kragen redet (Typus Nick Miller (New Girl), Luke Danes (Gilmore Girls) oder diverse Louis de Funès-Rollen). Über so eine Person zu lachen, ist in Ordnung, da die Neigung zu cholerischen Ausbrüchen ja kein soziales Verhalten ist, das man gutheißen muss. Darüber zu lachen soll sogar lehrreich sein, da dieses Verhalten quasi abgestraft wird, indem es zum Gegenstand eines Witzes gemacht und der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Wer darüber lacht, bildet mit anderen Lachendenden eine verbindende Gemeinschaft, von welcher der Ausgelachte mit seinem Verhalten ausgegrenzt wird. Lessing, aufklärerischer Vernunftmensch, der er war, fand das allerdings etwas asozial. Er fand, dass manche Fehler etwas komplett Menschliches und auch nichts Verwerfliches sind. Er hat es sich stattdessen zur Aufgabe gemacht, seine Komödienhelden so zu gestalten, dass ihre harmlosen Fehler ein Teil von ihnen sind und zu zeigen, dass, nur weil sie diese Fehler und Schwächen haben, sie keine schlechten, auszustoßenden Menschen sein müssen, sondern Stärken und Schwächen beide zum Gesamtpaket gehören, das akzeptiert (und geliebt) werden kann.

Einer meiner Lieblingsprotagonisten in letzter Zeit, der wirklich interessant und gut konzipiert ist, ist Chelli Aphra aka. Doktor Aphra aus der gleichnamigen Star Wars-Comicserie. Sie besitzt viele großartige Eigenschaften, wie den Beruf von Indiana Jones mit dazugehörigen Womanizer-Charme und coolen Sprüchen und hat die heldige Eigenschaft schlauer als alle anderen zu sein und ihre Gegner regelmäßig auszutricksen. Allerdings war sie auch mal Gehilfe von Darth Vader, sympathisiert mit Imperator und Imperium (würden immerhin Ordnung und Stabilität schaffen) und trifft auch sonst regelmäßig moralisch ziemlich zweifelhafte Entscheidungen. Für sie wurde so ein Begriff wie „Anti-Held“ geschaffen, also Protagonisten, die zwar nachvollziehbare Helden ihrer Geschichten sind, dabei aber dermaßen über die Stränge schlagen, dass sie in den Geschichten anderer auch Bösewicht sein könnten. Das allein macht Aphra als Protagonistin schon interessanter, da sie nicht automatisch immer die moralische einwandfreie Entscheidung trifft, sondern sie für Leser tatsächlich unvorhersehbar ist. Anti-Held wie Bösewicht haben gleichermaßen den Mechanismus, ihre zweifelhaften Taten zu rechtfertigen, wobei bei Anti-Helden diese Rechtfertigung tatsächlich greifen kann und die Leser ihre eigenen Vorstellungen hinterfragen sollen. So auch bei Aphra, die das Argument macht, dass die Rebellenallianz teilweise aus verblendeten Idealisten besteht, die mehr Schaden anrichten, als tatsächlich zu helfen und was gut und böse ist, ist eh eine Frage der Perspektive.

Das Interessante an dieser Figur ist aber, dass sie einen grundlegenden Fehler in ihrer Persönlichkeit hat. Sie ist kein böser, furchtbarer Mensch, besonders im Vergleich zu anderen massenmordenden Antagonisten im Star Wars-Universum. Aber wenn es wirklich darauf ankommt, handelt Aphra immer eigennützig. Sie opfert Verbündete, Freunde und Geliebte, um sich irgendwie mit heiler Haut und vielleicht auch etwas reicher davonstehlen zu können. Sie weiß, dass dies keine gute Eigenschaft ist, sie entwickelt deswegen sogar Hass und Abscheu gegenüber sich selbst, weil sie damit den Leuten schadet, die sie liebt. Letztlich kann sie dieses Verhalten aber beim besten Willen nicht überwinden, sie ist so. Das tolle an der Comicserie von Simon Spurrier ist aber, dass Aphra dieses Verhalten auch nie überwindet und sich nicht davon läutert. Sie akzeptiert es und lernt Wege zu finden, mit diesem Verhalten eben die negativen Nebeneffekte zu vermeiden und die Menschen, die ihr wichtig sind, zu schützen, ohne dabei diesen Teil von sich selbst auszumerzen. Auch ist interessant, dass Aphra damit als Heldin von diesem heldentypischen Sendungsverhalten abweicht, deren Nachricht im Grunde besagt: Sei ideal, überwinde deine Schwächen, sei stark, sei wie ich toller Held und alles wird gut. Stattdessen findet sich bei ihr die Nachricht: Akzeptiere deine Fehler, du kannst trotzdem ein ganz guter Mensch sein, der an seine Nächsten denkt. Sei so wie du bist und hasse dich nicht dafür, dass du nicht perfekt bist. Ich finde diese Nachricht sehr wertvoll. Ich wünschte, ich würde sie öfter finden.

© Panini Comics, Disney, Warner Bros, Leonine

Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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