Tropes erklärt: Mein imaginärer Freund

Was haben ein Volleyball, ein Hirtengott und Hitler gemeinsam? Alle drei geben einen ganz formidablen imaginären Freund ab. Und wer kennt es denn auch nicht: Wenn wir einsam sind, Rat benötigen oder allmählich meschugge werden, dann fantasieren wir uns eben eine Fantasiefreundin oder einen -freund herbei. Keine Seltenheit, auch nicht in der Medienlandschaft, und hinter jedem imaginären Freund verbirgt sich eine andere interessante Geschichte. In unserem Format »Tropes erklärt« nehmen wir die Klischees der Medienkultur genauer unter die Lupe und beschäftigen uns dieses Mal also mit »Mein imaginärer Freund«.

»Trope« ist der englische Begriff für »Tropus«, eine Bezeichnung, welche ursprünglich aus der Literatur kommt und eine bestimmte Klasse sprachlicher Stilmittel meint. Im modernen Verständnis wird das »Trope« mittlerweile als allgemeines Synonym für »Klischee« benutzt. Ein Trope bezeichnet demnach konventionelle Erzählungselemente, bei denen es sich um stereotype Motive, Storywendungen, Dialogabläufe oder Rollenbilder handeln kann. Die Liste dieser Tropes ist ellenlang und manchmal wird man sich erst nach Sichtung eines Trope-Lexikons bewusst, dass man just im Film XY auf ein solches gestoßen ist. Wir nehmen das zum Anlass, den Tropes auf den Grund zu gehen und allmonatlich eines vorzustellen.

Unter der Lupe

Mein imaginärer Freund

Imaginäre Freunde findet man vordergründig bei Kindern und hatten nicht immer einen guten Ruf. In früheren Zeiten hielten manche Psychiater das Auftreten von unsichtbaren Freunden sogar für Vorboten psychischer Störungen. Heutzutage jedoch gelten Kinder mit Fantasiefreunden vielmehr als psychisch besonders stabil. Die Begleiter seien ein Ausdruck von Fantasie und Verstand. Der imaginäre Freund tritt auf, wenn die Kinder gelangweilt sind oder einfach über eine überbordende Fantasie verfügen. Auch ist er zur Stelle, wenn Kinder sich vernachlässigt fühlen, gar Waisen sind oder sonstigen emotionalen Support benötigen. Die Begleiter agieren dann in jeder möglichen Rolle: als Elternteil, Spielkamerad, Lehrer und Beschützer. Manchmal aber auch als böswilliger Verführer und Antichrist, vor allem in Geschichten mit dunklem Tonus. Der Fantasiefreund kann darüber hinaus in jedweder Gestalt daher kommen: als Mensch, Schreckgespenst, aber auch als Fabelwesen oder göttliche Entität. Manchmal sind es auch Erwachsene, die einen imaginären Freund generieren; aus ähnlich unschuldigen Gründen wie Kinder. Doch nicht selten zeugt der Fantasiefreund bei Erwachsenen auch von einer gespaltenen Persönlichkeit oder von bereits existentem Wahnsinn. Da imaginäre Freunde großes Storypotential bieten, verbirgt sich hinter ihrem Daseinsgrund manchmal ein großes Geheimnis, wenn nicht gar ein Plot-Twist.

Jojo Rabbit (Film, 2020)

Worum geht es?

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges entdeckt der 10-jährige Johannes »Jojo« Betzler, dass seine Mutter Rosie eine junge Jüdin im Haus versteckt. Jojo weißt nicht recht, wie er damit umgehen soll, denn er ist eigentlich ein begeisterter Hitlerjunge, daher berät er sich mit seinem imaginären Freund Adolf Hitler.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Unter den imaginären Freunden ist Hitler ein ziemlich klassischer Vertreter, mit einer ebenso klassischen Aufgabe: Er hilft Jojo über sein mangelndes Selbstbewusstsein hinweg, hilft ihm beim Meistern des Hitlergrußes und betreibt Pepptalk, wenn Jojo von seinen Hitlerjugend-Freunden als »Angsthase« beschimpft wird. Auf Hitler und seine Lebensweisheiten ist halt Verlass. Gespielt wird Hitler von Taika Waititi, der seine Rolle urkomisch und verrückt und mit einer kulinarischen Vorliebe für Einhörner interpretiert. Gleichzeitig aber ist sein Hitler auch eine Verkörperung der Mythen von Männlichkeit und rassischer Überlegenheit, die einen jungen, indoktrinierten Jungen dazu ermutigt, ein schlechter Mensch zu sein. Obwohl Hitler eine Ausgeburt von Jojo ist, fängt der Junge nach einer gewissen Zeit an, zaghaft gegen seine eigene Schöpfung zu rebellieren.

© 20th Century Fox Home Entertainment

Donnie Darko (Film, 2003)

Worum geht es?

Donnie Darko ist in intelligenter, aber psychisch labiler Teenager, der sich in Therapie befindet und mit Medikamenten behandelt wird. In der Nacht des 2. Oktobers 1988 stürzt das Triebwerk eines Flugzeuges auf das Haus seiner Familie und zerstört Donnies Zimmer. Donnie überlebt nur deshalb, da ihm zuvor ein Wesen namens »Frank« aufgefordert hat, das Haus zu verlassen. Im Folgenden hat Donnie immer häufiger Visionen von Frank, der ihm von der nahenden Apokalypse erzählt.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Als ob Donnie Darko als solches nicht schon beunruhigend genug wäre, reicht Franks bloße Anwesenheit aus, um aus dem Streifen einen surrealen Alptraum zu machen. Frank erscheint als humanoides Wesen in einem Hasenkostüm mit weißen Augen und hervorstechenden Zähnen und ist nur für Donnie sichtbar. Frank ist mysteriös und bleibt in seinen Äußerungen äußerst vage. Auf Fragen antwortet er aus Prinzip in Rätseln. Frank scheint sehr weise zu sein und über die Zukunft Bescheid zu wissen, was ihn insgesamt zu einer Art von dämonischen Boten macht. Er informiert Donnie über den bevorstehenden Weltuntergang und weist ihn an, verschiedene Dinge zu tun (etwa diverse Häuser niederzubrennen – ein Grund, warum der Junge auch weiterhin in Therapie bleibt). Während alle dem bleibt Frank immer in der Position des fernen Beobachters, geheimnisvoll und bedrohlich, und erwähnt ständig das »nahende Ende«. Was Frank letzten Endes ist … nun, das zu erklären würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.

© Arthaus

Disco Elysium – The Final Cut (Game, 2021)

Worum geht es?

Mord in einer Kleinstadt: Im Hinterhof eines Hostels hängt eine Leiche am Baum. Detective Harry soll den Fall untersuchen und quartiert sich ein. Blöd nur, dass der vor lauter Alkoholismus unfähig ist überhaupt irgendwas zu lösen. Doch er bekommt Hilfe in Form von 16 Wesenszügen (aka Skills), die auf ihn einreden und durch den Fall führen.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Die »Skills« sind imaginäre Freunde, die – anders als Hitler oder Frank – keine Augmente in einer erweiterten Realität darstellen. Soll heißen, sie existieren alleine in Harrys Kopf und laufen nicht in Form von Abbildern in der Umgebung herum. Die Skills bilden die Gesamtheit von Harrys Wesenszügen, sind in vier Kategorien unterteilt (Intellekt, Psyche, Konstitution und Motorik) und reichen von A wie Autorität bis Z wie Zwielicht. Mit der durchdringenden Stimme von Lenval Brown führen sie in Harrys Kopf wilde Dialoge untereinander und mit Harry. Dabei besitzen sie allesamt ihre höchsteigene Charakterfärbung und ein eigenes individuelles Porträt, was sie zu distinktiven Persönlichkeiten macht. »Rhetorik« fungiert nicht selten als Troll und Quatschmacher, während »Schauspielkunst« stets geschwollen in der dritten Person redet und Harry die Fähigkeit gibt kunstvolle Geschichten zu erfinden. Auf hoher Skillung kann Schauspielkunst aber auch zu Hysterie und Paranoia-Anfällen neigen. Meistens ist es gut, während des Spiels auf die Skills zu hören, doch sind sie zu stark ausgeprägt, können sie auch Schlechtes bewirken. Die Skills existieren zwar nur in Harrys Kopf, sind als Teil seiner Persönlichkeit aber höchst real und haben signifikanten Einfluss auf Harrys Wahrnehmung der Welt sowie auf seine Aktionen.

© ZA/UM

Cast Away – Verschollen (Film, 2001)

Worum geht es?

Chuck Noland ist leitender Angestellter bei FedEx. Als er sich auf eine Dienstreise begibt, stürzt sein Flugzeug über dem Südpazifik ab. Er kann sich auf eine unbewohnte Insel retten und muss fortan um sein Überleben kämpfen. Um nicht vollends der Einsamkeit zu erliegen, macht Chuck einen angespülten Volleyball der Marke »Wilson Sporting Goods« zu seinem stummen Freund und tauft ihn »Wilson«.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Mit Wilson hätten wir wohl einen der ikonischsten imaginären Freunde der Filmgeschichte. Ein simpler Volleyball mit einem Handabdruck als Gesicht und gleichzeitig der einzige Freund, den Chuck während seines jahrelangen Aufenthalts auf der abgelegenen Pazifikinsel hat. Um nicht verrückt zu werden, beginnt Chuck mit Wilson zu sprechen, als handele es sich bei dem Ball um eine echte Person. Ja, er hat sogar manch heftige Auseinandersetzung mit ihm. Obwohl es von Wilson absolut keine nennenswerte Zitate gibt, da er freilich so gut wie nie etwas sagt oder tut, hilft er Chuck tatsächlich dabei, seine mentale Gesundheit zu bewahren.

© Paramount Home Entertainment

Pans Labyrinth (Film, 2006)

Worum geht es?

Die junge Ofelia zieht gemeinsam mit ihrer schwangeren Mutter zu ihrem neuen Stiefvater, dem tyrannischen Captain Vidal. Die Brutalität, die Ofelia dort erlebt, erschreckt sie, sodass sie sich in ihre Märchenbücher und die nahegelegenen Wälder zurückzieht. Dort trifft sie eines Tages auf einen Pan.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Ofelia hat – wie Jojo – unter einer nicht existenten Vaterfigur zu leiden und ist emotional völlig isoliert. Der Pan agiert also zunächst in der Rolle des tröstenden Freundes bzw. Ersatzvaters. Er ist dabei nicht sonderlich schön anzusehen, irritiert mit ruckartigen Bewegungen und verhält sich äußerst linkisch. Trotzdem bleibt Ofelia bei ihm; sie zieht also die Monstrosität des Pans der des Stiefvaters vor. Der Pan stellt Ofelia während der Geschichte vor drei Aufgaben und ist sehr rigoros bei der Einhaltung der Regeln. Er wird zum strengen Mentor, der auch nicht davor zurück schreckt, Ofelia bei Missachtung der Regeln durch Entzug seiner Anwesenheit zu quälen. Auf der anderen Seite zeigt er aber auch Zuneigung und lässt sich zu einer Umarmung hinreißen, wenn die Umstände für Ofelia allzu hart werden. Der Pan ist also ein Trickster: ambivalent und schwer einzuordnen. Er ist Vaterfigur, Mentor, Bestrafer und Beschützer in einem. Am Ende bleibt die Frage: Ist der Pan real oder eine reine Produktion von Ofelias vereinsamten Geist? Einige Szenen sprechen für Imagination, während in anderen Szenen Plotlöcher auftauchen würden, wenn er tatsächlich Imagination wäre. Was man letzten Endes glaubt, bleibt jedem und jeder selbst überlassen.

© Wild Bunch

Sollte nicht unerwähnt bleiben:

The Machinist

Ein Psychothriller aus Spanien mit einem extrem herunter gehungerten Christian Bale. Er spielt den Maschinenarbeiter Trevor, der seit einem Jahr unter Schlaflosigkeit und Paranoia leidet. Irgendwann lernt er auf der Arbeit einen ominösen Ivan kennen. Trevors Mitarbeiter behaupten jedoch, dass es in der Firma niemanden dieses Namens gibt.

Erinnerungen an Marnie

Weil die junge Anna asthmakrank ist, wird sie auf Kur zu Verwandten auf dem japanischen Land geschickt. Anna ist gerne für sich allein, freundet sich aber dennoch mit Marnie an, einem mysteriösen Mädchen mit blonden Haaren, das irgendwie weltfremd wirkt.

Paranoia Agent

Die Designerin Tsukiko Sagi leidet unter einer Kreativitätsblockade. Nach ihrem letzten Design-Erfolg, dem populären Maskottchen Maromi, will ihr partout kein neues einfallen. Der Druck und Stress durch den Arbeitgeber wird so groß, dass Tsukiko mentalen Support durch ein lebendig gewordenes Maromi erfährt. Klingt niedlich, hat aber eine beunruhigende Bedeutung.

Das Waisenhaus

Ein Junge hat, für sein Alter nicht unüblich, zwei imaginäre Freunde. Als er und seine Eltern in das Gebäude eines ehemaligen Waisenhaus ziehen, lernt er sechs neue imaginäre Freunde kennen, darunter Tomás, einen mysteriösen Junge, der immer einen Sack über dem Kopf trägt.

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