Tropes erklärt: Der Tod in Person

Personifizierung ist doch ein dolles Ding. Sobald man Pflanzen, Tieren und abstrakten Dingen, für die man üblicherweise kein überbordendes Interesse aufbringt, menschliche Eigenschaften verpasst, werden sie greifbar und häufig nur allzu liebenswürdig. Zuletzt geschehen bei Samsung: Als das (nicht offizielle, da abgelehnte) KI-Maskottchen Samantha geleaked wurde, ging das Internet steil und wurde innerhalb weniger Nanosekunden mit anzüglicher Kunst überflutet – die halbe Welt wollte auf einmal mit einer personifizierten Marke kuscheln. In der Prä-Internet-Ära dagegen waren es noch Naturgewalten, die von den Menschen u. a. in Form von Göttern anthropomorphisiert wurden. Auch vor dem Tod wurde kein Halt gemacht. Bis in die heutige Zeit hinein taucht er immer wieder in den unterschiedlichsten Gestalten auf – sowohl als Schreckgespenst als auch als Freund Hein. In unserem Format »Tropes erklärt« nehmen wir die Klischees der Medienkultur genauer unter die Lupe und beschäftigen uns dieses Mal mit »Der Tod in Person«.

»Trope« ist der englische Begriff für »Tropus«, eine Bezeichnung, welche ursprünglich aus der Literatur kommt und eine bestimmte Klasse sprachlicher Stilmittel meint. Im modernen Verständnis wird das »Trope« mittlerweile als allgemeines Synonym für »Klischee« benutzt. Ein Trope bezeichnet demnach konventionelle Erzählungselemente, bei denen es sich um stereotype Motive, Storywendungen, Dialogabläufe oder Rollenbilder handeln kann. Die Liste dieser Tropes ist ellenlang und manchmal wird man sich erst nach Sichtung eines Trope-Lexikons bewusst, dass man just im Film XY auf ein solches gestoßen ist. Wir nehmen das zum Anlass, den Tropes auf den Grund zu gehen und allmonatlich eines vorzustellen.

Unter der Lupe

Der Tod in Person

Was passiert nach dem Tod? So genau weiß das keiner. Doch nehmen wir für diesen Artikel hier einfach mal an, die unsterbliche Seele löst sich vom sterblichen Körper, dann braucht es auf jeden Fall einen Seelengeleiter, der die Seele ins Jenseits führt. Solch ein Seelengeleiter wird in Fachsprech auch »Psychopomp« genannt (Psyche = Seele, pempo = geleiten). Es gibt viele Formen von Psychopompoi. In Ägypten war es der schakalköpfige Anubis, der sich der Toten annahm. In Griechenland führte der Gott Hermes die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt Hades und in der germanischen Mythologie sind es die Walküren, die die Toten vom Schlachtfeld nach Walhalla brachten. Die im Westen vielleicht bekannteste Personifikation des Todes ist der Sensenmann (= Grim Reaper), eine aus dem Mittelalter stammende Allegorie des Todes, die im 14. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Pest aufkam und seitdem zum Usus wurde. Meistens wird der Sensenmann mit einem riesigen Kapuzenumhang und einer Sense dargestellt, der die Menschen nieder mäht – in diesem Falle gilt er als Verursacher des Todes (während der Pest hat der Sensenmann Millionen Menschen mit seiner Sense »geerntet«, heißt es). Es gibt aber auch Glaubensansätze, die den Sensenmann als reinen Seelengeleiter sehen, der lediglich das letzte fragile Bändchen zwischen Seele und Körper durchtrennt und die arme Seele ins Jenseits führt, ohne Kontrolle über Todesursache oder -zeitpunkt zu haben. Wie der personifizierte Tod letztendlich dargestellt wird, ob sanft oder unerbittlich, männlich oder weiblich, knochig oder fleischlich, mit Kutte oder mit Engelsflügeln, menschlich oder dämonisch, hängt immer vom Kulturkreis ab. Auch in der Medienlandschaft tritt der Tod in ganz unterschiedlichen Formen auf. 

Hades (Videospiel, 2020)

Worum geht es?

Zagreus, Sohn des Unterweltgottes Hades, hat keine Lust mehr, in der unterirdischen Ödnis fernab des Lebens zu versauern und macht sich auf zur Oberfläche. Seine Versuche, sich durch die zufallsgenerierten Ebenen der Hölle zu schnetzeln, bleiben von seiner göttlichen Familie auf dem Olymp nicht unbemerkt, und so stehen sie ihm mit ihren mächtigen Gaben bei. Allerdings gibt es auch in der Unterwelt Götter, die Zagreus unterstützen – unter ihnen der Schönling Thanatos.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Hades ist ein Rogue Like-Game, das gleich mehrere Psychopompoi anbietet – anders könnte man die Masse der Verstorbenen, die in die Unterwelt hinüberschwappen, auch nicht abfertigen. Unter diesen Seelengeleitern findet sich auch Thanatos, die Inkarnation des Todes selbst, dessen Erscheinungsbild in der Historie nie fest vorgegeben war. Bei Homer erscheint er mit schwarzen Flügeln und finsterem Blick. Anderswo sieht man ihn als schlummernden »Immerschläfer«, meist aber als schönen geflügelten Jüngling mit gesenkter Fackel. In Hades ist Thanatos ein Konglomerat dessen: ein schöner Jüngling mit stilisierten Flügeln als Schulterschmuck und den typisch westlichen Merkmalen wie Robe, Sense und grimmige Verstimmtheit. Er ist kein Knochengerüst, sondern menschlich und kann – logische Schlussfolgerung – angebaggert werden. Thanatos repräsentiert im Game (sowie auch in der Realität) den »sanften Tod«, der die Seele ans Ufer des Flusses Styx bringt, damit sie dort vom Fährmann Charon (ein weiterer Psychopomp) in die Unterwelt geführt wird. Weil so gut wie immer gestorben wird, ist Thanatos stets beschäftigt, was seine Auftritte relativ selten macht. Dazu kommt, dass das Game gewisse Bedingungen vorgibt, die erfüllt sein müssen, bevor der Tod erscheint – und auch dann liegt die Chance nur bei 50% (gefühlt 10%). Bei seinen Auftritten spricht Thanatos immer nur wenige Zeilen, dafür aber mit umso mehr Subtext, der eine größere Geschichte vermuten lässt. Technisch gesehen ist Thanatos zur Stelle, um Zagreus bei seinem Kampf gegen die Gegnerhorden zu helfen. Tatsächlich aber macht Thanatos daraus einen Wettkampf, bei dem der Gott des Todes mehr als einmal mit Zagreus den Boden aufwischt. Die Seltenheit der Begegnungen und die immer leicht aufgeladene Dynamik zwischen Thanatos und Zagreus machen Thanatos zu einer der interessantesten Figuren in Hades.

© Supergiant Games

Sandman (Comic-Reihe, 1988–1996)

Worum geht es?

Sandman handelt von den Endless, eine Gruppe von sieben Geschwistern, die alle eine Urkraft verkörpern und das Weltgeschehen lenken. Der Protagonist der Serie ist Dream, der über das Traumreich herrscht und im Jahre 1916 bei einem obskuren Ritual von Okkultisten gefangen genommen wird. Nach 72 Jahren kann sich Dream befreien, doch sein Reich liegt nach all der Zeit quasi in Trümmern.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Lange Zeit wurde der Tod von den Menschen gefürchtet. Ein Umstand, der sich vor allem in der künstlerischen Darstellung als schreckliches Klappergestell niederschlug. Es gab (und gibt) aber auch Künstler, die den Tod als freundlich und mitfühlend beschreiben. Dann nämlich kann der Schnitter durchaus in Form eines frechen Goth-Mädchens auftauchen wie eben in der Comic-Reihe Sandman. Death ist überraschend freundlich und entspannt und trotz ihrer praktisch unendlichen Macht angenehm bescheiden. So hat sie eine Aversion gegen formelle Kleidung und gehobene Veranstaltungen. Zwischen ihren Geschwistern ist sie die Vermittlerin und auch diejenige, die den besten Draht zur Menschheit sowie zu ihrem Bruder Dream pflegt. Damit orientiert sich Schöpfer Neil Gaiman an der griechischen Mythologie, die Tod und Schlaf schon immer als Geschwisterpaar beschrieben hat. In den frühen 1990er war die Figur des zierlichen Goth-Girls extrem populär. Deaths jüngerer Bruder Dream ist zwar der eigentliche Held der Geschichte, doch hat ihn seine Schwester in der Gunst der Lesenden um Längen geschlagen.

© Vertigo / Panini Verlags GmbH

Death Note (Anime-Serie, 2006–2007)

Worum geht es?

Auf dem Schulgelände finde der Schüler Light Yagami ein herrenloses gebundenes Heft. »Death Note« prangt vorne auf dem Cover und bald schon findet Light heraus, dass man mit diesem Heft andere Menschen umbringen kann, indem man ihre Namen darin notiert. Light beschließt, das Death Note zu nutzen, um sein (verkorkstes) Gerechtigkeitsideal umzusetzen und schreckt dabei vor nichts zurück – sehr zum Gefallen des Todesgottes Ryuk, der Light mit Freuden bei seinem Treiben zusieht.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Ryuk ist ein Shinigami. Der Shinigami ist die japanische Version des Sensenmannes, die – anders als gemeinhin angenommen – keinen Teil der traditionellen japanischen Mythologe darstellt sondern erst später Einzug erhielt. Shinigami verursachen den Tod der Menschen nicht aktiv, sondern bestimmen lediglich den Zeitpunkt ihres Ablebens. So auch die Shinigami in Death Note: Sie schreiben den Namen der betroffenen Person in ihr Death Note und der Rest erledigt sich quasi von selbst. Das führt dazu, dass Shinigami unter chronischer Langeweile leiden. Theoretisch gelten auch die Shinigami als Seelengeleiter, doch anstelle ihrer eigentlichen Funktion nachzugehen, schlafen und zocken sie lieber. Die ganze Geschichte von Death Note beginnt eigentlich nur aus dem Grunde, da Ryuk langweilig ist. Er lässt sein Death Note in der Menschenwelt fallen, um sich an dem Chaos, das dadurch verursacht wird, zu ergötzen. Ryuk ist nicht wirklich gut und auch nicht wirklich böse; Ryuk ist ein Trickster, der aus purer Langeweile in der Menschenwelt herum pfuscht und die Folgen beobachtet. Lights Possen etwa betrachtet der Todesgott als persönliche Seifenoper, bei der es ihm egal ist, wer letzten Endes gewinnt, so lange sie ihn nur unterhält. Obwohl Ryuk vor allem als »Sidekick« dargestellt wird, ist er extrem mächtig und könnte die Mainstory um Light jederzeit beenden, indem er einfach seines Amtes waltet. Das tut er aber nicht, denn das wäre ja öde. Ursprünglich sollte Ryuk als bishonen-mäßiger »attraktiver Rockstar« auftreten, hätte dann aber dem Protagonisten Light den Rang abgelaufen. Und so steckte man den Todesgott in ein exzentrisches Goth-Kostüm, verpasste ihm Spargel-Arme und Fischaugen, blaue Lippen und ein eingefrorenes Grinsen – Ryuk wurde zum Monster-Clown.

© Kazé Anime

Rendezvous mit Joe Black (Film, 1998)

Worum geht es?

Bill Parish (Anthony Hopkins) ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und spürt, dass es mit ihm langsam zu Ende geht. Der Tod schlägt ihm einen Deal vor: Wenn Bill ihn in die Welt der Menschen einführt, lässt er ihn noch ein wenig länger am Leben. Als »Vehikel« erwählt der körperlose Tod den Körper eines attraktiven Mannes (Brad Pitt), der kurz zuvor bei einem Autounfall ums Leben kam. Bill stellt den Tod als seinen neuen Kollegen Joe Black vor. Beim gemeinsamen Abendessen trifft der Tod auf Bills Familie, darunter auch die attraktive Tochter Susan, in die sich Joe schließlich verliebt.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Auch Joe Black ist eine Form des »sanften Todes«, der den Menschen die Angst vor ihrem Ableben nimmt (was nur ganz vielleicht daran liegen könnte, dass er wie Brad Pitt ausschaut). Er wird als umgänglicher Badass in einem schicken Anzug dargestellt, der nichts Böses im Sinn hat sondern nur seine gerechte Pflicht erfüllt. Sein Gebaren allerdings mutet etwas seltsam an: Er starrt wie ein Creep, entwickelt eine skurrile Vorliebe für Erdnussbutter und spricht stets in einem monotonen Tonfall – das wirkt vor allem dann leicht verstörend, wenn Bill ihn anschreit und Joe diesen ruhig daran erinnert, mit wem er es zu tun hat. Auf der anderen Seite irritiert Joe auch mit solch bemerkenswerten Sätzen wie »Sie sind alle ganz wunderbar« und »Ich mag Erdnussbutter«. Insgesamt wirkt Joe Black also wie ein Fisch auf dem Trockenen. Deswegen überwältigen ihn seine aufkeimenden Gefühle für Susan auch. Der allmächtige und abgeklärte Tod muss vor der Liebe kapitulieren.

© Universal Pictures

Der Tod und das Mädchen (Comic-Reihe, 2001–2004 Online, 2005–2006 Printausgabe)

Worum geht es?

Der Tod begegnet auf einer Autobahn dem Mädchen, welches sich auch dieses Mal beharrlich weigert, zu sterben. Sie kennt den Trick, mit dem man dem Tod ein Schnippchen schlägt: So lange sie ihm nicht in die Augen blickt und ihn beim Namen nennt, fällt sie ihm auch nicht anheim. Was folgt ist eine Art Roadmovie, in dem sich der Tod ehrgeizig an ihre Fersen heftet. Doch wider aller Erwartungen entsprießt diesem Katz-und-Maus-Spiel eine beidseitige Sympathie …

Wie wird das Trope umgesetzt?

Der Tod von Nina Ruczika ist in dieser Auflistung »der Tod mit der Metaperspektive« und damit derjenige mit dem größten Unterhaltungspotential. Anders als der grimmige Thanatos oder der naiv wirkende Joe Black, handelt es sich bei Ruczikas Tod um einen aufgeblasenen, egozentrischen, immerzu nörgelnden Zyniker, der in Anbetracht seines hohen Alters und immensen Fundus an Erfahrungen häufig sehr unreif und jähzornig daherkommt. Der Tod wird dargestellt mit Kutte und Sense (bzw. einer Schweizer Präzisionssense mit vielen zusätzlichen Funktionen) und strotzt nur so vor Selbstreferenzialität. Seine Darstellung als romantisiertes Goth-Girl Death in Sandman? Findet er grausig. Sein Schachgegner aus Das Siebte Siegel? Oller Cheater. Und was ist mit dem Erdnussbutter liebenden Joe Black? Nur ein verdammter Rufmörder, bei dessen naiven Rumgeflirte ihm die Galle hochkommt. Interessant ist, dass Ruczikas Tod dennoch nicht vor Gefühlen gefeit ist. Aus einer anfänglichen Aversion zwischen ihm und dem Mädchen entsteht bald eine Komplizenschaft, bei der nicht Tods übernatürliche Fähigkeiten im Mittelpunkt stehen, sondern sein Wirken im Alltag des Mädchens – vor allem beim Stalken ihres untreuen Ehemanns. Spätestens seit dem Aufkommen des erotischen »Tod und das Mädchen«-Motivs im 16. Jahrhundert, das in vielen Kunstgattungen verarbeitet wurde, haftet dem Tod häufig etwas Verführerisches an (man beachte allein diese Liste hier, Ryuk ausgenommen). Und so liegt es nicht fern, dass sich auch in diesem Comic, der ja sogar nach diesem Motiv benannt ist, etwas anbahnt.

© Nina Ruczika

Sollte nicht unerwähnt bleiben:

Der kleine Herr Tod

Auch hier gibt es ein wahres Sammelsurium an Psychopompoi, mehr noch sogar als bei Hades. Der »Main-Pomp« ist der Herr Tod, der (zumindest von der Illustratorin) als kleiner lila Panda im Blaumann dargestellt wird. Herr Tod ist bei Thanatos, Hypnos & Co angestellt, leidet an Burnout und mag Death Metal.

 

Grim Fandango

In diesem Game von 1998 schlüpft man in die Rolle von Manuel Calavera, der zeitlebens nicht genug gute Taten vollbracht hat und deshalb im Department of Death als »Reisberater« malochen muss – ein Euphemismus für »Sensenmann«. Normalerweise trägt er Anzug, für den Job streift er sich aber eine Kutte über und greift zur Sense.

Scheibenwelt-Reihe

Auch auf Terry Pratchetts berühmter Scheibenwelt wandelt der Tod in Form des Sensenmannes. Anfänglich noch ein sadistischer Jäger, wird er späterhin zum komplexen Menschenfreund und optimistischen Nihilist, der Katzen mag.

Die Bücherdiebin

Diese Geschichte wird vollständig aus der Perspektive des Todes erzählt. Mit einem überraschend witzigen (und trockenen) Sinn für Humor (und einem Faible für Farben) lässt er uns am Leben der kleinen Liesel Meminger zur Zeit des Zweiten Weltkriegs teilhaben.

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