Serien Revivals

Früher war alles besser. Die Kinder konnten draußen spielen ohne Angst vorm Atomkrieg und das Fernsehprogramm war für die Bildung gedacht. Nur anspruchsvollste Sendungen und kein Scripted Reality rund um die Uhr! Was kann es also Besseres geben als die Wiederbelebung längst beendeter Serien? Akte X, Twin Peaks, Will & Grace, Roseanne, Dallas. Da kann man endlich beim Bügeln die Glotze wieder einschalten.

Das Angebot an Serien ist heutzutage so groß wie nie zuvor. Neben den Produktionen der großen US-Sender werfen Streaming Dienste immer mehr Eigenkreationen in den Ring. Allen voran natürlich Netflix, aber Amazon, Hulu und selbst Maxdome haben was in petto. Nicht zu vergessen all die Krimis aus Skandinavien, Frankreich oder England, die hier im Fernsehen neben den einheimischen Ermittlern ihre festen Plätze haben. Es wird adaptiert, was das Zeug hält, seien es Comics (The Walking Dead, iZombie), Bücher (Game of Thrones aka Das Lied von Eis und Feuer, The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd) oder Filme (Fargo, Westworld). Es wird mehr und mehr und mehr, wobei vieles nach nur einer Staffel auch schnell wieder aussortiert wird und eine Serie ab drei Staffeln schon richtig was zu bieten hat. Für die Geldgeber ist es immer ein Risiko. Wird’s ein Hit wie Orange is the New Black oder doch ein Flop wie Gypsy? Vielleicht liegt da ein wichtiger Grund für das Ansteigen von TV Revivals.

Was der Bauer kennt, frisst er auch

Der Vorteil eine alte Serie aus dem Hut zu ziehen, den Staub abzupusten und neu aufzulegen, ist klar die bereits vorhandene Fanbase. Es gibt immer die Nostalgiker, die an die guten alten Zeiten denken und sich nicht von ihren Lieblingsfiguren trennen mögen. Und eine News zu Plänen für die Wiederbelebung zur rechten Zeit, generiert den ersten Schwung PR ganz von selbst. Was machen die Charaktere denn Jahre später plötzlich? Statt sich eine der dutzenden neuen Serien anzuschauen, bei denen die Anfangsfolgen oft holprig sind und es dauert, bis man überhaupt alle Namen kennt, ist es einfacher wieder in eine bekannte Welt zu springen. In der Vergangenheit haben sich schon einige Serien aus dem Grab erhoben, aber meist war es geprägt durch Fans, die aktiv mehr wollten. Futurama wurde beispielsweise nach vier Staffeln eingestellt und ruhte fünf Jahre vor sich hin, ehe 2008 drei Extrarunden genehmigt wurden (und dann ein meisterhaftes Ende bekamen). Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert brachte Star Trek zurück ins Serienformat, während Captain Kirk und Mister Spock in Kinofilmen zu sehen waren. Und Doctor Who – der Dank Bücher und Hörspiele nie gänzlich verschwunden war – hat sich 2005 in seiner neunten Inkarnation schnell in die Herzen einer rasant ansteigenden Fangemeinde gespielt, obwohl einst 1987 Schluss war mit der Dauerserie. Hier sind ehemalige Fans nun selbst an der Produktion beteiligt und es funktioniert. Da erscheint es ein geringeres Risiko, sich an einen noch halb gedeckten Tisch zu setzen und von der bekannten Speisekarte zu bestellen.

Das FBI hat noch unheimliche Fälle im Keller

Akte X profitiert ganz klar von den Fans, die nie losgelassen haben. Tatsächlich hat dieses Fandom viel von dem geprägt, was heute im Internetmiteinander zwischen Fans normal erscheint. Allein das Wort “shipping”, abgeleitet von Relationship, geht auf diejenigen zurück, die sich seit Beginn der Serie nichts mehr wünschten, als Scully und Mulder in Liebe vereint zu sehen. Es war ein herber Schlag, dass David Duchovny die Serie 2001 zum Ende der achten Staffel verließ. So war nach Staffel neun zunächst Schluss, aber schon 2008 fanden die FBI Agenten im Kino zusammen. Akte X – Jenseits der Wahrheit war inhaltlich kein Brüller, aber die Liebe zu den Figuren war noch da. Und so kam es 2016 dann endlich zu einer offiziellen zehnten Staffel, wenn auch nur bestehend aus sechs Episoden, dafür mit Duchovny und Gillian Anderson sowie vielen anderen bekannten Gesichtern an Bord. Es zeigte sich nur ein kleiner Haken: Serienschöpfer Chris Carter und die Fangemeinde haben eine radikal andere Auffassung davon, was eine gute Akte X Geschichte ausmacht. Seine Rahmenhandlung, die er in den “Der Kampf” betitelten Episoden schildert, voller Alien-Technologie und Verschwörung, fallen bei sämtlichen Kritikern unten durch. Die Einzelabenteuer können dagegen überzeugen. Besonders in Staffel elf, die sogar auf zehn Folgen aufgestockt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hätten viele Zuschauer mehr Interesse daran Mulder und Scully bei mondäner Hausarbeit zu beobachten, wenn sie dabei einen gewitzten Schlagabtausch führen dürfen. Es ist nicht die Mystery-Serie an sich, die die Zuschauer vermisst haben.

Der Kaffee wird nochmal aufgebrüht

Eins der größten Mysterien der TV-Geschichte, das lange Zuschauer zu fesseln wusste, war die Frage, wer denn nun Laura Palmer umgebracht hatte. David Lynchs Twin Peaks bestach mit skurrilen Charakteren und tauchte mit dem Gassenhauer ganz langsam in die Welt des Surrealen ab und brachte sogar Dämonen ins Spiel. 1992 hatte der Spuk nach 30 Episoden und einem TV-Film ein bedrückendes Ende mit Potenzial für mehr. Ein 25jähriges Jubiläum klingt nach der perfekten Zahl, um nochmal im Städtchen Twin Peaks vorbei zu schauen. Erfreulich und wertvoll ist die Rückkehr vieler Schauspieler, besonders merklich ist aber die Entwicklung von Lynch als Filmemacher. Offiziell nennt sich Staffel drei “The Return” und besteht aus 18 Folgen. Diese können aber problemlos in einem Rutsch geschaut werden und wenn keine Credits wären, würde niemand wissen, wo eine Folge endet und die nächste beginnt. Viele Serien setzen heutzutage auf durchgängige Handlung statt x-der-Woche Schemata, aber Twin Peaks ist eine einzige Erzählung, die kaum Absätze liefert. Schwer verdauliche Kost, die manchen Nostalgiker in die Flucht geschlagen hat. Und für Neueinsteiger kaum zu bewältigen, wenn der Rest übersprungen wurde. Hier zeigt sich ein interessantes Problem bei so einem Revival. Wenn die ursprüngliche Serie ein Phänomen war, das sich in der Popkultur einen Namen geschaffen hat und viele andere Projekte inspirierte, wie kann sie sich neu definieren? Was wird aus der einst wichtigen kulturellen Relevanz?

Und dann ist das Tabu gar keins mehr

Kulturell relevant war die Comedyserie Will & Grace einst unbestreitbar. Ein schwuler Mann als Titelheld Ende der 90er? Revolution! Manch einen stört bis heute, dass die Serie sämtliche Klischees abspulte und Jack McFarland so furchtbar laut und schrill und 110% yes homo ist, aber genau das gab es bis dato nirgends. Schwule Männer mit Spaß am Leben, die munter über Beziehungen quatschten und nicht nur von AIDS verfolgt wurden. Ohne Will & Grace wäre ein Queer as Folk undenkbar gewesen (und ohne Ellen DeGeneres hätte Will & Grace vielleicht keine Chance gehabt) und der Ball kam langsam ins Rollen. Aber wo stehen wir denn heute? Von allen Zugehörigen der LGBT Gruppe sind schwule Männer – sofern sie weiß sind – am besten in der Medienlandschaft vertreten. Da ist ein Transparent sozialkritisch am Puls der Zeit. Und doch bleiben nicht-heterosexuelle Charaktere weiterhin oft auf der Strecke. Das große Lesbensterben von 2016 war eine serienübergreifende Katastrophe (siehe The 100, Orange is the New Black, The Walking Dead u.a.). Da ist es nett zu wissen, dass Will und Jack noch sicher in ihrem Gebäude in der Upper West Side wohnen und sich jetzt über Lady Gaga und Riverdale unterhalten. Grade in der Trump-Ära kann eine leichtherzige Serie mit schwulen Protagonisten nicht schaden.

Älter werden macht nicht weise

Trump ist auch ein großer Stein des Anstoßes beim neuesten Revival – die Conners aus Lanford, Illinois sind zurück. Roseanne zeigte von 1988 bis 1997 das Leben einer Arbeiterfamilie im Nirgendwo der USA. Die Jobs waren hart oder auch mal gar nicht vorhanden, die Kinder keine Genies auf dem Weg zu einer außergewöhnlichen Karriere und die Familie kämpfte sich durch alltägliche Sorgen. Aber immer gemeinsam und mit dem Herz am rechten Fleck. Roseanne war immerhin eine der wenigen Serien, die im späteren Verlauf besagte homosexuelle Nebencharaktere aufweisen konnte. Und was kann diese Serie nun erzählen? Dass die Conners sich in der Wahl von 2016 für Trump entschieden haben! Ein großes buh gebührt ihnen, aber die Statistiken haben gezeigt, dass viele Weiße aus der Unterschicht auf die Versprechungen von Arbeit und America First angesprungen sind. Und das sind nicht nur komische Redneck Rassisten mit Konföderiertenflagge. Ein Streit hat die Schwestern Roseanne und Jackie darüber entzweit und die Scherben müssen aufgekehrt werden. Gleichzeitig sind jetzt Enkel im Haus, denn Tochter Darlene kehrt mit ihren beiden Kindern ins Elternhaus zurück. Und ihr Sohn Mark zieht gern Mädchenkleidung an. Nicht, weil er sich als Mädchen fühlt, sondern weil er es eben mag. Da kommt gleich ein typischer Roseanne Moment angeflogen, in dem gesellschaftliche Norm und Schutz der eigenen Familie in 20 Minuten behandelt werden, auf eine aus dem Leben gegriffene Art und Weise. Vielleicht erreicht das, das gespaltene Amerika.

Brauchen Serien jetzt noch ein Ende?

Eine lustige Gemeinsamkeit verbindet Will & Grace und Roseanne. Um hier Fortsetzungen anzubieten, mussten die bis dato finalen Folgen ausgelöscht werden. Will & Grace endete mit einem langen Flash Forward, in dem die Freunde sich auseinander gelebt hatten und sich nur trafen, weil die Kinder sich kennen lernten. Was macht man denn mit so einem Blödsinn? Im allerfeinsten Dallas Stil wacht halt jemand auf und berichtet von einem erschreckenden Alptraum. Augenzwinkern in die Kamera ist dabei erlaubt. Roseanne geht ähnlich vor, immerhin hatten sie Erfahrung. Die neunte Staffel brachte den Conners einen Lottogewinn in Millionenhöhe, was am Ende als reine Phantasie erklärt wurde, da Roseanne selbst sich wünschte ihr Mann sei noch am Leben. Dessen Tod ist aber nun auch nur noch ein Traumgebilde. Inception ist nichts dagegen. Diese Praxis macht aber Hoffnung, dass es in ein paar Jahren bei How I Met Your Mother genauso laufen könnte und eines der widerlichsten Serienenden zum Teufel gejagt wird.

Fuller House, Gilmore Girls, Arrested Development – eine volle Liste mit Revivals wäre doch sehr lang. Von den Remakes ganz zu schweigen, hat Netflix doch jüngst Lost in Space entsandt. Ob das aber alles jetzt pure Einfallslosigkeit, ein weniger risikoreicher Cash Grab oder Wohlfühlnostalgie ist, lässt sich nicht in einem Wisch beantworten. Die Neuauflagen und Weiterführungen sind zwar im Konkurrenzkampf mit neuen Produkten, aber sie halten diese Produktionen auch kaum auf. Die Flut an neuen Serien ist nicht zu bremsen. Da ist es vielleicht doch eine willkommene Abwechslung mal durchzuschnaufen und zu schauen, was aus altbekannten Gesichtern eben geworden ist. Und früher gab es das auch schon, da wurden TV-Filme nachgeschoben, wenn ein Fünkchen Interesse übrig blieb. Und früher war doch eh alles besser.

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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Aki
Redakteur

Ich gehöre wohl zu der Minderheit, die das Ende der Akte X Serie gut fanden. Immerhin wurde die großen roten Fäden zu ende geführt

Spoiler
Die Sache mit Mulders Schwester, der Raucher bekommt sein Fett weg und am Ende sind Scully und Mulder zusammen! Was wollte ich als Fan mehr! Vor allem als ich nach dem Tod von den drei Kumpels von Mulder geflennt habe wie ein Baby T___T
Schon die Filmfortsetzung konnte mich nicht begeistern und ich bekomme mich nicht aufgerafft, die neuen Staffeln anzuschauen… Vielleicht wenn ich die Älteren irgendwann im Rewatch geschaut habe und noch richtig drin bin in der Materie.

Ayres
Redakteur

Spannender Artikel. Obwohl ich auch so meine alten Franchises habe, die ich gerne weiterverfolgen würde, habe ich meine Zweifel, ob manche nicht längst ihren Zenit überschritten haben. So ein Dawson’s Creek lebt doch vom Zeitgeist der 90er… und auch Akte X reizt mich heute nicht mehr.

Deswegen finde ich es zwar gut, wenn Serien viele Staffeln abbekommen, aber über mehrere Jahrzehnte müssen sie nicht zwangsläufig laufen.