Nachbericht zum 4. Hannover Obscura Filmfest

Vom 1. bis 4. September 2021 fand das 4. Obscura Filmfest in Hannover statt. Das Festival, das seit 2017 jährlich stattfindet, musste 2020 coronabedingt pausieren. Auch die Vorbereitungen für 2021 erwiesen sich nicht als einfach, schließlich sind die Veranstaltungskalender aus 2021 noch immer von der Pandemie beeinflusst. Eine kurzfristig wegfallende Location kam als weitere Herausforderung für den Veranstalter David Ghane obendrein hinzu, konnte aber kurzfristig abgefangen werden. Wir waren alle vier Tage auf dem Obscura Filmfest 2021 vor Ort. Nachdem wir euch alle neun Langfilme des Festivals vorgestellt haben, sprechen wir über das Festival.

Was ist das Obscura Filmfest?

Das Obscura Filmfest versteht sich als Festival des Genre-Films. Ein Teil des Programms besteht aus Langfilmen, die nicht dem Mainstream zuzuordnen sind, sondern häufig das gewisse obskure Etwas besitzen oder sich aufgrund ihrer härteren Gangart von Filmen für die breite Masse unterscheiden. Während die ersten Jahrgänge noch stärker auf Horror setzten, deckt das Spektrum mittlerweile viele Genres ab. Ausgeschlossen wird dabei kaum eines, nur die Arthouse-Abteilung wird dabei konsequent  ausgeklammert, welche beispielsweise auf dem Fantasy Filmfest in den letzten Jahren verstärkt Einzug fand. Hinzu kommen ausführliche Kurzfilmblöcke, welche zahlreiche kleine Arbeiten und unabhängige Filmprojekte würdigen. Das Obscura Filmfest fand erstmals 2016 in Berlin statt, wo es seitdem jährlich residiert. Die Hannoveraner Ausgabe folgte 2017, sodass das Festival an beiden Standorten im Wechsel ausgerichtet wird.

Tag 1: Eröffnung im Medienhaus

Das Medienhaus Hannover hat sich als Location des Festivals etabliert. Auch in diesem Jahr stellte der Verein zur Förderung künstlerischer Medienaktivitäten in Niedersachsen seine Leinwand zur Verfügung. Das Medienhaus gleicht keinem klassischen Kino, sondern lässt sich eher mit einer Veranstaltungslocation vergleichen, die für unterschiedliche künstlerische wie gesellschaftlich-edukative Zwecke genutzt wird. Eine Bar für Getränke, Snacks auf den Tischen und viele Magazine zum Mitnehmen trugen zur gemütlichen Wohnzimmer-Atmosphäre bei. Nach der Begrüßung durch den Veranstalter David Ghane wurde als Eröffnungsfilm die australische Backwood-Komödie Two Heads Creek von Jesse O’Brien gezeigt. Teil einer jeden Vorstellung ist die anschließende Bewertung des Publikums via Stimmzettel auf einer Skala von eins bis fünf, sodass aus dem gesamten Programm heraus ein Film als Gewinner hervorgeht. Auf den ulkig-blutigen Auftaktfilm folgte der kanadische Action-Horror-Titel Spare Parts: Die Waffen sind wir, der bereits seit Juni im Handel ist, aber nur auf dem Obscura Filmfest in einer ungeschnittenen Version aus Österreich aufgeführt wurde. Andrew Thomas Hunts Produktion ist kein Film für die breite Masse, sich viel zu ernst nehmend und in seiner Genre-Zusammenstellung unausgegoren. Das wurde danach mit dem dritten und letzten Film für den Abend schon besser: A Werewolf in England  von Charlie Steeds ist eine klassische Werwolf-Produktion mit urigem Setting und erinnert an Hammer-Filme. Eine klassischer Midnight Movie, der perfekt für diesen späten Slot ausgewählt wurde.

Tag 2: Action im Kino im Künstlerhaus

Location-Wechsel zum Kino im Künstlerhaus. Im ersten Slot standen über 100 Minuten neun Kurzfilme aus dem Action-Bereich auf dem Programm. Die Filme mit einer Laufzeit von sechs bis 20 Minuten aus insgesamt sechs unterschiedlichen Ländern deckten unterschiedliche Spielformen des Genres ab und zwischen Krieg, Martial Arts und Terror wurden diverse Thematiken angerissen. Besonders herausgestochen ist dabei für uns Held op Sok des niederländischen Regisseurs Thijs Meuwese (im Vorjahr mit Kill Mode ebenfalls im Programm des Obscura Filmfest). Der Film kommt mit nur wenigen Schnitten aus und bringt eine mitreißende One-Shot-Sequenz mit, was als Markenzeichen des Regisseurs gilt. Der Kriegsfilm Red Widow aus dem Irak blieb vor allem aufgrund seiner ernsten Töne hängen, in dem es um die zwischenmenschliche Kommunikation in einem Kriegsgebiet geht.
Der zweite Slot an diesem Tag wurde von drei Kurzfilmen eingestimmt: Dem Fantasy-Horror-Shorty Siren, dem spanischen Grusler Spiritualist sowie dem Horror-Titel Hänsel aus Griechenland. Letzterer wurde unter Anwesenheit der sympathischen Regisseurin Vivian Papageorgiou aufgeführt. Ihr düsteres Märchen, das sein Spotlight auf Hänsel anstatt die Geschwister Hänsel und Gretel legt, bietet eine tolle Atmosphäre und beeindruckt mit vielen schönen Requisiten. Im Anschluss fand ein Q&A mit der Regisseurin statt, die über die Produktion ihres Films sprach. Dabei kam vor allem zum Tragen, wie schwierig die Finanzierung eines Genre-Films in Europa, vor allem aber in einem Land wie Griechenland ist, wo es vor allem an Fördergeldern für Kunst fehlt. Der einzige Langfilm an diesem Tag war Anonymous Animals von Baptiste Rouveure. Der Stummfilm aus Frankreich ist ebenfalls seit einer Weile im Handel erhältlich, doch wer den Film auf großer Leinwand erleben wollte, fand hierzulande nur auf dem Obscura Filmfest die Möglichkeit dafür. In dem filmischen Mahnwerk werden Mensch und Tier in vertauschten Rollen dargestellt, wodurch deutlich wird, was wir Tieren antun, indem wir sie zur Nutzung, Jagd und Entertainment zwingen. Obwohl die Produktion Arthouse-Anteile besitzt, passt sie mit ihrer obskuren Tonalität am besten zur Ausrichtung des Festivals.

Tag 3: Shorties im Medienhaus

Der dritte Tag stand ganz im Zeichen des Kurzfilms. Drei Blöcke wurden insgesamt gezeigt: Acht Horror Shorts, ein gemischter Block, der neun Titel aus den Bereichen Fantasy & Sci-Fi bereit hielt, und ein zweiter Horror-Block, dessen Ausrichtung sich im trashigeren Bereich bewegt. Im ersten Block tauchte unter anderem der Nightmare on Elm Street-Kurzfilm In Dreams auf, begeistern konnte auch die mehrschichtige Poltergeist-Komödie Polter. Einstimmig positiv fiel das Feedback unter den Gästen zum spanischen Fun-Splatter La Última Navidad del Universo aus, der Weihnachtsfilm mit einer furiosen Gedärme-Orgie kreuzt. Ein echter Reißer und wie geschaffen für eine blutgierige Festival-Meute.
Der zweite Kurzfilmblock “Other Shorts” war so etwas wie der Gemischtwarenladen: Hier tummelte sich alles, was sonst nirgendwo zuzuordnen war. Etwa der zum Nachdenken anregende wollende deutsche Kurzfilm Shyama, das stimmungsvolle Fantasy-Musikvideo The Rite und wieder ein Titel, der dem Namen des Festivals alle Ehre machte: Das abgefahrene Cyberpunk U.S.S.R. aus Russland, eine Mischung aus billigem Retro-Trash und irrer Cyberpunk-Odyssee, den man am besten selbst gesehen haben sollte, um sich ein Bild zu machen.
Aus den Horror Shorts 2 gefiel uns Karaoke Night am besten, ein schillernd-böses Filmchen mit stimmungsvollem 80s-Look & Feel und einem unvergleichlichen Ohrwurm.

Zwischendurch gab es, wie übrigens zu jeder Vorstellung, Blu-rays und DVDs zu gewinnen. Hierbei ging wohl kaum jemand leer aus.

Tag 4: Finale im Cinestar

Der vierte Tag des Festivals führte ins Cinestar Garbsen, was entfernungstechnisch schon ein ganzes Stück von den anderen beiden Locations entfernt ist, dafür dann aber wieder etwas Mainstream-Flair mitbringt, was auch zur Titelauswahl des vierten Tages passte. Den Beginn machte die grindhouse-artige Produktion Death Ranch, die erst zu Halloween in den hiesigen Handel kommt. Damit war auch der zweite Film des Obscura-Stammgasts Charlie Steeds in diesem Jahr zu sehen, welcher handwerklich wie inhaltlich überzeugt. Bis zur letzten Sekunde geheim gehalten wurde der Name des Sneak Preview-Titels: The Machine Girl 2 – Rise of the Machine Girls von Yuki Kobayashi ist wieder einer der exotischeren Vertreter, der natürlich aufgrund seiner Groteske zu dem Festival wie die Faust aufs Auge passt. Man muss diese Art des Japano-Trashs allerdings auch lieben, um den Film in voller Pracht genießen zu können. Ein echter Volltreffer war der dritte Film: To Your Last Death von Jason Axinn. Der Motion Comic ist trotz seines eigenwilligen Animationsstils vollkommen massentauglich und bietet sich für Horror-Fans ebenso wie für Anhänger:innen düsterer Visual oder Graphic Novels an. Der vierte Film, Triggered, ein Battle Royale-Verschnitt von Alastair Orr, gefiel uns konzeptionell, überzeugte aber in seiner Ausführung nicht. Anders als die Halloween-Anthologie Bad Candy des Regie-Duos Scott B. Hansen, Desiree Connell, die das Festival abschloss und einen netten thematischen Beitrag rund um das düstere Fest bildet.

Gegen 0 Uhr endete damit das 4. Obscura Filmfest Hannover. Als Gewinner der Publikumsabstimmung ging der Eröffnungsfilm Two Heads Creek hervor, den zweiten Platz belegte Death Ranch. Wenig überraschend tat sich als Sieger der Kurzfilme La Última Navidad del Universo hervor, bei dem bereits an der Stimmung des Publikums zu vernehmen war, dass er auf große Begeisterung stieß. Den zweiten Platz belegte ebenso wenig überraschend Hänsel. Das Obscura Filmfest bestach auch in diesem Jahrgang mit einer überzeugenden Auswahl handverlesener Filmtitel und mit viel Liebe, die in die Organisation des Festivals floss. Schade ist, dass viele Faktoren wie Corona, Bahnstreik und der Abwärtstrend der Kinobesuche seit Ausbruch der Pandemie dazu führten, dass das Publikum überschaubar blieb. Das störte im Zuschauerkreis selbst keinen, denn es fanden rege Unterhaltungen vor und nach den Filmen statt. Nur wäre es dem Organisator David Ghane zu wünschen, dass die Liebe zum Festival durch ein noch größeres Publikum honoriert wird.

Besprechung aller Filme des 4. Obscura Filmfests Hannover:

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