Im Interview: Der US-Comic-Zeichner Benjamin Dewey (Teil 2)

Lesezeit: 7 Minuten

Im zweiten Teil des Interviews erzählt Benjamin Dewey über seine Motivation, seine neue Serie und gibt Einblick in seine kommenden Projekte. Dabei erklärt er, was für ihn den Unterschied zwischen Profis und Amateuren ausmacht und auch, weshalb er gerne einmal eine Superheldenserie zeichnen möchte.

Wie motivierst du dich in Phasen, in denen du wirklich einmal nicht arbeiten willst? Und welchen Einfluss haben Musik, Filme oder andere Medien in dieser Hinsicht auf dich?

Ja… Das sind gute Fragen. Und auch komplizierte. Der Punkt, an dem man einmal nicht mehr arbeiten will, ist meiner Meinung nach der, der Profis von jenen unterscheidet, die es nur machen, weil sie es mögen. Es ist wie in einer Beziehung: Was man hineinsteckt, bekommt man auch wieder zurück. Es gibt Tage, an denen man sich so fühlt, als wolle man es nicht unbedingt machen. Weil es anstrengend ist und man nicht mehr weiß, was gut und was schlecht ist. Eine Möglichkeit, aus so einer Blockade herauszukommen ist, sich mit anderen Menschen zu umgeben, die dasselbe machen. Oder junge Leute auf Conventions zu treffen, die sich freuen mit dir über deine und ihre Arbeit zu reden. Die alteingesessenen Profis zu fragen, wie man sich seine Kräfte so einteilt und die Arbeit nicht zu dem Einzigen im Leben werden lassen, was noch zählt. Musik, Filme und Zeit weg vom Zeichenbrett, Bildschirm oder mit was du auch immer arbeitest, ist immens wichtig. Sie sorgen dafür, dass du, wenn du dich an die Arbeit machst, sie immer noch wie einen Job behandelst. Dabei fühlst du dich dann aber nicht wie Conan (der Barbar), der das Rad der Schmerzen dreht. Wenn du an so einem Punkt bist, an dem du nur noch damit kämpfst, dann ist es wahrscheinlich nicht der Beruf für dich. Aber es wird diese Tage geben und da muss man durch und ich glaube das zeichnet die Profis aus. Die meisten Leute, die ich kenne, sind so. Sie lieben Comics und auch dann zu arbeiten, wenn ihnen einmal nicht danach ist, hebt sie von begabten Amateuren ab. Ich selbst sehe mir gern einen Film mit meiner Frau an. Oder fahre mit meinem Kajak auf dem Fluss in der Nähe meines Hauses oder spiele Gitarre in der Band mit meinem Bruder. Und all diese Dinge fließen auch zurück in meine Arbeit. Verbessern meine Zeichnungen, lassen mich mehr Spaß daran haben. Außerdem sind mir die Leser wichtig, denn es gibt nicht so viele. Menschen, die Comics lesen sind jene, denen ich gefallen will. Es gibt so viele tolle Künstler da draußen und wenn man jemanden beeindrucken will, ist das vergebliche Mühe. Denn irgendwann kommt jemand, der besser, jünger, aufregender oder hipper ist. Was man deswegen also machen will, ist etwas, das fesselnd und ehrlich ist und Spaß macht. Einfach etwas erschaffen, das es genau so in der Welt der Comics noch nicht gibt. Wenn man das beherzigt, dann findet man immer wieder etwas, das einen motiviert.

Da fällt mir etwas ein, dass Scott Snyder (Anm. der Redaktion: Autor von u.a. Batman, Justice League) gesagt hat: “Manchmal musst du einfach einen Tag nur Scheiße schreiben, einfach um irgendetwas geschrieben zu haben.”

Etwas Ähnliches hat auch einmal einer meiner Professoren zu mir gesagt: „Du kannst nicht herumsitzen und darauf warten, dass die Inspiration kommt. Fang an zu zeichnen, irgendetwas, und die Ideen kommen von ganz alleine.“ Eine Künstlerin hat auch einmal gesagt, wenn sie nicht weiterkommt, sperrt sie sich stundenlang in ein Zimmer ein und überlegt. Klingt für mich nach jemandem, der den Luxus hat, sich das leisten zu können. (Beide lachen) Wenn du stundenlang einfach nur etwas anstarren kannst, bist du eine andere Art von Künstler, denn ich muss arbeiten um bezahlt zu werden. Ich würde mich freuen, wenn ich irgendwann an diesen Punkt komme, wo ich auch in Gedankenspiele zu meiner Arbeit versinke und mir erlauben kann, das zu malen, was ich möchte.

Das wäre wohl das Ziel.

Wäre es.

Okay, dann lass uns ein bisschen über dein neuestes Projekt sprechen, Beasts of Burden. Vielleicht zuerst eine kurze Zusammenfassung, für alle die die Serie noch nicht kennen?

Klar. Beasts of Burden ist eine Serie, die zuerst von Evan Dorkin als Autor und Jill Thompson als Zeichnerin ins Leben gerufen wurde. Gemeinsam arbeiteten die beiden an einigen Ausgaben, was ihnen auch ein paar Auszeichnungen bescherte.

Ein paar. (Anm. der Redaktion: unter anderem neun Eisner- und zwei Harvey-Awards, also eine Menge)

Und Jill kann wegen anderer Verpflichtungen derzeit nicht. Oder aber sie braucht zu lange für Dark Horse. So kommt es mir vor, ich kann mich natürlich auch irren. Sie ist auf jeden Fall anderweitig beschäftigt und dann haben sie bei mir angefragt, ob ich nicht diese Mini-Serie als Vertretung übernehmen will, bis ihre Arbeit abgeschlossen ist. Ich arbeite also jetzt an einer vierteiligen Fortsetzung mit einer etwas anderen Besetzung als in der Hauptserie. In Beasts of Burden geht es um Hunde mit magischen Kräften, die sprechen können, Geheimnisse lösen und Monster jagen. Es ist also ungefähr so, als würde man Sein Freund Jello, Hellboy und Scooby-Doo vereinen. Kleine, verrückte Abenteuer dieser Hunde, die es mit gruseligem Zeug zu tun kriegen. Sie werden alle von mir per Hand gezeichnet und mit Aquarellfarben koloriert. Die nächste Serie werde ich aber wohl digital kolorieren, weil die Aquarellmalerei so viel Zeit benötigt. Und meiner Erfahrung nach kaufen die Leute die Originalseite nicht, außer man zeichnet Superhelden. Ich mag es, auf Papier zu malen, doch man hat jede Menge Freiheiten digital. Mein nächstes Projekt – und ich bin schon für eine weitere Beasts of Burden Mini-Serie verpflichtet – werde ich digital zeichnen.

Irgendetwas, das du über die Serie schon sagen kannst?

Natürlich. In der Serie, an der ich arbeite, geht es um mysteriöse Geschehnisse rund um diese Gruppe von Hunden, die „Wise Dogs“. Sie treffen auf eine seltsame Bestie in einem Wald und wollen mehr darüber herausfinden. Das treibt sie aber nur tiefer in einen Kaninchenbau der Mysterien und sie lernen mehr und mehr darüber. Ich will jetzt nicht spoilern, aber ich habe gerade den Höhepunkt der finalen Ausgabe gelesen. Ich darf darin das erste doppelseitige Panel der Serie zeichnen und das finde ich richtig klasse. Also eine Serie voller Tiere, Magie und Mysterien, alles Dinge die ich mag. Ich hoffe daher, dass Leute, die Autumnlands oder ähnliches mögen, auch diesen Comic mögen.

Mich hast du schon überzeugt, als ich die ersten Vorschaubilder gesehen habe. Genau wie es damals mit dem Cover von Autumnlands war.

Vielen Dank, ich schätze das sehr.

Es war für mich so eine tolle Erfahrungen diese erste Ausgabe zu lesen und ich habe zuerst gar nicht gewusst, dass Kurt Busiek sie schreibt.

Ja. Und es ist so schade, dass es nicht weitergeht, auch weil es mein Leben schwerer gemacht hat. Nicht nur, weil es mir die Sicherheit genommen hat, wo ich die nächste Rate fürs Haus bekomme, sondern auch weil es mich frustriert zu wissen, wie die Story weitergeht. Außerdem habe ich zwei Ausgaben, die komplett sind und einfach nur in einer Schublade liegen. Das ist auch schade, weil es wahrscheinlich meine beste Arbeit für die Serie ist. Es frustriert mich halt auch, weil ich versuche mich mit jeder Ausgabe zu verbessern. Ich würde so gerne sehen, dass es weitergeht, aber wenn sich nicht etwas drastisch ändert – so zumindest mein Gefühl – weiß ich nicht, ob oder wann es weitergeht.

Ich wäre bestürzt, wenn es nicht mehr dazukommt.

Ich ebenfalls, aber Kurt ist ziemlich gefragt und hat Projekte, die berechenbarer sind, was Leserschaft oder Fans angeht. Deswegen ist Autumnlands leider so etwas wie ein verwahrloster Schatz. Was wirklich schade ist.

Ich hoffe das Beste.

Ich ebenso.

Beenden wir das Interview mit einem kleinen Ausblick. Irgendwelche zukünftige Projekte, von denen du erzählen willst oder kannst?

Ja, ich arbeite sogar an mehreren. Was einer der Nebeneffekte von Autumnlands‘ aufgezwungener Pause ist. Als ich mein Projekt Tragedy Series beendet habe, war ich gleichzeitig noch mit I was the Cat bei Oni und dem Anfang von Autumnlands beschäftigt. Dazu kam noch der Sammelband von Tragedy Series. Wegen all dem konnte ich nichts wirklich promoten und bemerkte irgendwann, dass ich nur an Sachen gearbeitet habe, die sich andere ausgedacht haben. Weshalb ich eine Serie namens Meowskertown gestartet habe. Ihr findet Links dazu auf meiner Webseite und es sind meist etwas surreale 3-Panel-Strips, mit kurzen Witzen, die mir gefallen. Dann arbeite ich noch an einer Serie mit meinen beiden Freunden Terry Blas und Natalie Nourigat. Beide sind ebenfalls tolle Comickünstler. Natalie arbeitet für Disney an Storyboards und Terry an mehreren Büchern bei Oni Press und anderen Verlagen. Zusammen arbeiten wir an Nettles the Witchicorn, einem All-Age Titel mit magischen Abenteuern, dem Springen durch Dimensionen. Das wäre damit also etwas, das ich selbst gerne als Kind gelesen hätte. Spaß für alle und jeden. Außerdem bin ich noch in einem sehr frühen Stadium meiner eigenen Fantasy-Geschichte, die ich einigen Leute vorstellen will. Was mich dazu zwingt, mich auch mehr mit dem Geschichtenschreiben zu befassen. Ich arbeite also an mindestens drei eigenen Projekten und ich versuche auch einen Fuß bei den Superhelden in die Tür zu kriegen. Es ist jetzt kein unbedingtes Ziel oder so, aber in diesem Sandkasten zu spielen bringt die Leute dazu, Interesse an dir zu haben. Es gibt genug Künstler, die von Superhelden zu eigenen Serien wechseln konnten, weil sie die Bekanntheit erlangt haben. Sean Murphy, Skottie Young, Fiona Staples, um nur ein paar zu nennen. Wie Chris Pratt, der nach Parks and Recreation zum Filmstar wurde, aber jederzeit wieder im Fernsehen arbeiten könnte, wenn er wollte. Das Ziel wäre es halt, irgendwann nicht wie in Frogger von einem Baumstamm zum nächsten zu hüpfen, sondern auch mal Pausen dazwischen zu machen. Ich muss es vielleicht auch einfacher machen, dass Leute verfolgen können, was ich mache. Vielleicht auch irgendwie gesammelt. Ich will den Leuten etwas Einfaches, Lustiges und Wertvolles mit in ihren Tag geben.

Für mich tust du das. Also gibt es zumindest eine Person die deine Arbeit schätzt. (beide lachen)

Und ich bin jemand, der das wiederum wirklich schätzt. Leute zu haben, die deine Arbeit interessiert, egal ob zwei oder 1000, ist ermutigend. Deswegen versuche ich selbst auch immer die Menschen bekannt zu machen und anzufeuern, die mir Freude bereiten.

Könntest du zum Abschluss noch einmal erwähnen wo wir dich und deine Arbeit überall finden?

Natürlich. Zuerst wäre da meine Webseite benjamindewey.com, Twitter @BenjaminDewey, gleicher Name auf Instagram. Dazu noch ein paar Tumblr-Seiten, die man aber alle über meine Webseite finden kann. Und falls ihr noch Fragen habt oder einfach nur Hallo sagen wollt, schreibt mich gerne auf Twitter und Instagram an.

Wir bedanken und für das nette Gespräch und wünschen dir viel Erfolg!

Dieses Interview führte Hero Kage für Geek Germany.
Ihr seid neugierig auf Benjamin Dewey und seine Arbeiten geworden? Besucht seine Homepage oder folgt ihm auf seinen Social Media-Kanälen.

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Hero Kage

Hero Kage ist Test Engineer für einen der weltweit größten Chiphersteller und sorgt unter anderem dafür, dass die Elektronik in Autos richtig funktioniert. In seiner Freizeit erholt er sich mit jedem Medium, das eine Geschichte bieten kann, die ihm gefällt. Dabei unterscheidet er nicht zwischen einzelnen Medien. Es geht ihm nur darum, besonders gut unterhalten zu werden. Zudem ist er auch noch passionierter Brett- & Kartenspieler und immer für ein neues Spiel zu begeistern.

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Totman Gehend
Redakteur

>>Außerdem sind mir die Leser wichtig, denn es gibt nicht so viele. Menschen, die Comics lesen sind jene, denen ich gefallen will. <<
Meint Dewey mit "gibt's nicht so viele" die Leser seiner Werke? Oder generell Menschen, die Comics lesen? Ich nahm an, die Comic-Szene in den USA boomt? Und auch wenn sie nicht mehr boomt, so ist sie doch unvergleichlich größer als die deutsche.