Warte, bis es dunkel ist

Vor 50 Jahren bewies Audrey Hepburn, dass sie zur A-Riege Hollywoods gehörte.  
Und nachdem sie das bewiesen hatte, legte sie eine 8-jährige Pause ein, um sich um ihre Familie zu kümmern. Zuvor muss sie sich jedoch als blinde Frau gegen drei Verbrecher zur Wehr setzen und erst einmal herausfinden, was genau diese von ihr wollen.

 

Susy Hendrix lebt mit ihrem Mann Sam in einer kleinen Wohnung in Manhattan. Nach einem Unfall verlor sie das Augenlicht und muss erst lernen, sich mit ihrem neuen Leben abzufinden. Ihr Mann bringt von einer Reise eine Puppe mit, ohne zu ahnen, dass diese mit Heroin gefüllt ist. Die Frau, die Sam die Puppe ausgehändigt hatte, wurde ermordet und in Hendrix’ Apartment “zwischengelagert”. Nun wollen drei Verbrecher die Puppe wiederhaben und besuchen Susy und spielen ihr etwas vor, doch sie durchschaut die drei und kommt ihnen nach und auf die Schliche. Aus einem vermeintlich leichten Spiel wird ein knallharter Kampf, da Susy zwar blind, aber nicht blöd ist. So zerstört sich alle Lampen in der Wohnung, damit sie eine Chance gegen ihre Angreifer hat.

Top besetzt von der Hauptdarstellerin…
Die Theater-Adaption ist gelungen umgesetzt. Obwohl der Film (wie auch das Stück) fast nur in einem Raum – Susys Wohnung – spielt oder gerade deshalb ist die Bedrohung fast spürbar. Es gibt kein Entkommen in diesem unfairen Kampf: drei gegen einen, Sehende gegen Blinde.

Originaltitel Wait Until Dark
Jahr 1967
Land USA
Genre Thriller, Suspense
Regisseur Terence Young
Cast Susy Hendrix: Audrey Hepburn
Harry Roat: Alan Arkin
Mike Talman: Richard Crenna
Sam Hendrix: Efrem Zimbalist Jr.
Carlino: Jack Weston
Lisa: Samantha Jones
Gloria: Julie Herrod
Laufzeit 107 Minuten
FSK

Hepburn (Infam, 1961) überzeugt auf ganzer Linie als blinde Frau, die sich neu zurechtfinden muss. Sie ist keine Superfrau, die keine Probleme damit hat. Sie ist menschlich, natürlich, manchmal kurz vorm Verzweifeln, manchmal über sich hinauswachsend. Vor allem bemerkenswert ist die Tatsache, dass sie gelernt hat “durch Dinge hindurchzusehen”, wie es Blinde eben tun. Zuerst wollte man, dass sie eine Sonnenbrille trägt, was ihre Arbeit enorm erleichtert hätte, aber sie lehnte ab und besuchte extra eine Blindenschule, um zu lernen, wie sich Blinde verhalten bzw. ihren Alltag meistern. Susy Hendrix wirkt zwar hilfbedürftig, doch nie in dem Maße, dass man ihr nicht einen Kampf gegen die Verbrecher zutrauen würde.

…bis zu den Nebenrollen
Die Nebenrollen sind ebenso überzeugend, angefangen bei dem psychopathischen Gangster Roat, über Sam, der streng erscheint, aber nur das Beste für seine Frau will, hin zu der kleinen Gloria, die Susy zwar im Haushalt hilft, jedoch immer noch ein Kind ist mit seinem eigenen Kopf und eigenen Problemen (wie einer Mutter, die sie quasi abschiebt, und einem Vater, der des öfteren mal abhaut). Eigentlich könnte man sich denken, dass das Stück gut wird, ist es doch von demselben Autor wie Hitchcocks Bei Anruf Mord (Dial M for Murder, 1954). Wie auch in dem letztgenannten Stück wird die Spannung langsam aufgebaut – zuerst werden die Charaktere eingeführt, wobei nach zehn Minuten jedem klar sein dürfte, wer hier welche Rolle innehat. Produziert wurde das Werk von Hepburns damaligen Ehemann Mel Ferrer (Krieg und Frieden, 1956), der ebenfalls Schauspieler war.
Bosley Crowther schrieb in der New York Times vom 27. Oktober 1967, Audrey Hepburn spiele ihre „ergreifende“ Rolle mit Anmut, die ihr Sympathie sichere. In den letzten Szenen zeige sie „aufrichtige Festigkeit“.

Wo sind die bösen Menschen?
Es war schwer, die Rolle des Bösewichts Roat zu besetzen: Nicht nur sollte eine unschuldige, blinde Frau terrorisiert werden, sondern obendrein auch noch Audrey Hepburn. Das merkte später auch der Schauspieler von Roat, Arkin, augenzwinkernd in einem Interview an (auf die Frage, ob er sauer sei, dass er nicht für den Oscar nominiert wurde): “You don’t get nominated for being mean to Audrey Hepburn!” (“Man wird nicht dafür nominiert, dass man böse zu Audrey Hepburn ist!”) Vielleicht wäre es anders ausgegangen, hätte Julie Andrews (Mary Poppins, 1964) wie vorgesehen die Rolle bekommen.

Wer nicht sehen kann, muss hören
Die Musik spielt sich zwar eher im Hintergrund ab und wird leise eingesetzt, doch verfehlt sich damit nicht ihre Wirkung: Sie macht die Bedrohung und die gefahr deutlich, in der sich Susy befindet. Die Musik wirkt auf den Zuschauer wie Lichter auf Susy: Sie wird kaum wahrgenommen, aber das Unterbewusstsein registriert sie. Erst gegen Ende nimmt sie an Tempo und Laustärke zu, da die Bedrohung zunimmt. Obwohl die Produktionskosten nur 4 Millionen US-Dollar betrugen, spielte der Film allein in den USA über 11 Millionen ein. Die Kinos ließen sich viel einfallen, um den Film populär zu machen: So wurde am Tag der Veröffentlichung alle Lichter verdunkelt als Anspielung auf Susys Verhalten in dem Film. Wer sich wundert, dass im Abspann keine “Kostüme” erwähnt werden; das lag daran, dass Hepburn ihre Kleidung selbst aussuchte, die sie in Paris gekauft hatte. Schon damals gab es das Phänomen der Schleichwerbung, weshalb alle Produkte im Kühlschrank so gedreht wurden, dass man ihre Marke nicht lesen konnte.

Wilde Actionszenen kommen hier zwar nicht vor, aber es braucht auch keine explodierende Autos, um Spannung zu erzeugen. Das Kammerspiel ist packend inszeniert, gerade wegen der unfairen Ausgangslage: eine blinde Frau gegen drei Männer. Dennoch schafft es der Film, realistisch zu bleiben. Es ist mehr als schade, dass sie den Oscar nicht erhielt, aber Katharine Hepburn hat ihn ebenfalls verdient für ihre Darstellung in Rat mal, wer zum Essen kommt. Erstaunlich finde ich, dass der Film erst durch eine Neuprüfung eine Altersfreigabe ab 12 Jahren erhielt. Vorher hatte er das rote Siegel inne (FSK 18).
Ich kann es verstehen, aber für 12-jährige dürfte er wohl zu langweilig sein, denn man muss schon etwas Geduld mitbringen. Dafür wird man mit einem nervenaufreibenden Finale belohnt, das auf Platz 10 der “100 Scariest Movie Moments” gewählt worden ist.
Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden vergab das Prädikat „Wertvoll“, was ich nur unterschreiben kann.

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Kilroy

Kilroy wäre gerne Mikrochirurg geworden, musste diesen Traum aber aufgeben. Nun ist er voll von unnützem Halbwissen und weiß nicht, wohin damit. Kilroy schreibt auch gerne, weshalb er sich hier austoben darf. Da er davon aber nicht leben kann, geht er auch noch einer bescheidenen Arbeit nach. Wenn er nicht gerade schreibt oder arbeitet, spielt er am PC oder verschlingt Unmengen an Büchern und Comics.

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