Valerian und Veronique – Teil 1

Wenn eine Comicserie über 40 Jahre erfolgreich mit demselben Kreativteam läuft, ist das schon mal beachtlich. Wenn sie dazu auch noch eine Trickfilmserie einen der teuersten europäischen Film aller Zeiten hervorbringt, muss sie schon etwas Besondereres haben. Das hat Valerian und Veronique ohne Zweifel.

Nachdem die Menschheit infolge einer Atomkatastrophe im Jahr 1986, die die Eiskappen am Nordpol schmelzen und dadurch den weltweiten Wasserspiegel dramatisch ansteigen ließ, für viele Jahrhunderte in ein dunkles Zeitalte gestürzt wurde, begann für sie mit der Erfindung des Raum- und Zeitsprungs, der Reisen in die Vergangenheit und/oder über enorme Distanzen ermöglicht. Ein rasanter Aufstieg, sodass die Erde mit ihrem Zentrum in Galaxity im 28. Jahrhundert eines der aufstrebendsten Imperien im All ist. Um die Interessen der Erde zu mehren und zu verteidigen, wurde der Raum und Zeit-Service ins Leben gerufen, zu dem auch Valerian gehört. Gemeinsam mit Veronique, einem Mädchen aus dem 10. Jahrhundert, das nach einem Zusammentreffen mit Valerian auf einer Mission dem Service ebenfalls beigetreten ist, löst er für Galaxity Missionen, die ihn quer durch das Universum und die Vergangenheit der Erde führen.

Lernkurve mit Potential (Band 0 bis 3)

In der Frühphase merkt man schon, dass Autor Pierre Christin und Zeichner Jean Claude Mézières erstmal ihre Erfahrungen sammeln müssen. Die Geschichten sind noch etwas einfacher gestaltet und eher abenteuerlich als im Sci-Fi-Gewand. Hierbei ist „Die Stadt der tosenden Wasser“ die beste Erzählung aus dieser Phase und eigentlich auch der einzige Band von den Frühwerken, den man unbedingt gelesen haben muss. Denn zum Einen wird hier die für die Welt von Valerian und Veronique so wichtige Katastrophe des Jahres 1986 eingeführt, und zum anderen ist die Handlung, in der Valerian einen abtrünnigen Wissenschaftler aus dem 28. Jahrhundert, der das Chaos im Jahr 1986 für seine eigenen Zwecke nutzen will, quer durch die zerstörten USA jagt, rasant zu lesen und beleuchtet gut den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung. Die Charakterisierungen der Figuren ist in den frühen Bänden noch sehr klassisch, wobei Valerian als typischer 60er-Jahre Actionheld die tonanführende Figur ist, während Veronique noch stark als reine Begleiterin agiert und immer mal wieder von Valerian gerettet werden muss. Auch die Zeichnungen sind noch etwas cartoonnartig, aber gerade in den Außenszenen lässt sich das Talent von Mézières bereits erahnen.

Frauenpower und beginnende Blüte der Reihe (Band 4 bis 10)

„Willkommen auf Alflolol“ ist in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt für die Serie bzw. der erste Band in dem Stil, der die Serie so anregend machen wird. So ist z.B. die Handlung um das Dilemma,  was man tun soll, wenn die früheren Inhaber eines Planeten zurückkehren und deren Lebensstil mit den in deren Abwesenheit auf den Planeten gekommenen Menschen, die Aflolol zu einem unersetzlichen Knotenpunkt ihrer intergalaktischen Wirtschaft gemacht haben, in keinster Weise kompatibel ist, deutlich ausgereifter und interessanter als die der vorangegangenen Bände. Zudem beginnt mit diesem Band eine Neujustierung von Veroniques Rolle, die die Charakterdynamik deutlich verbessert. Sinnbildlich dafür steht eine Szene, in der sie nach dem x-ten Mal, als sie Opfer von Außerirdischen geworden ist, ihren Frust darüber, dass es immer nur sie und nie Valerian trifft, deutlich auslässt, was auch ein kleines Eingeständnis von Christin über die bisher nicht so fortschrittliche Behandlung von ihr ist. Stattdessen legt er sie ab diesem Teil immer selbstbewusster an und macht sie gegenüber dem eher von einer Soldatenmentalität geprägten Valerian zum moralischen Gegenpol. Dieses ergibt hier einen interessanten Konflikt zwischen Valerian und Veronique, da der Leser im Grunde genommen beide verstehen kann.

Gepaart damit, dass man als Leser deutlich merkt, dass sich die beiden sehr lieben, entsteht durch die Reibung zwischen Veroniques eher moralischer Sicht und Valerians Pragmatismus eine sehr anregende und vielfältige Charakterdynamik. Dazu kommt auch, dass Veronique immer mehr Raum bekommt, sich zu entfalten und neue Felder zu erobern, die im Comicmainstream der damaligen Zeit meist mehr den männlichen Figuren vorbehalten waren. So ist „Botschafter der Schatten“, welche als Mitvorlage für die Realverfilmung dient, im Prinzip eine Sologeschichte von Veronique, die sie als sehr kompetente Agentin präsentiert. Wem die Ansätze hiervon im Film gefallen haben, sollte unbedingt in diese Vorlage für den Film schauen, da sie um einiges mehr an solchen Szenen bietet und dazu eine stimmigere Handlung als der Film hat. Veroniques Entwicklung geht schließlich sogar so weit, dass im Zweiteiler „Das Monster in der Metro“/“Endstation Brooklyn“ die Konstellation aus der Frühphase umgedreht ist, da Valerian feststellen muss, dass er allein mit Actionqualitäten nicht sonderlich weit kommt und durch seinen Teil der Mission auf der Erde eher hindurchstolpert, während Veronique ihren Teil im All, der viel List und Kombination, erfordert, mit Bravour löst und den deutlich stärkeren Charakter hat.

Aber nicht nur die Charakterisierung gewinnt deutlich an Farbe. Auch die Szenarien werden immer ausgefeilter: Neben dem bereits erwähnten Zweiteiler „Monster in der Metro“/“Endstation Brooklyn“ der die Handlung um mysteriöse Erscheinungen auf der Erde, die sich zwei Konzerne des 20. Jahrhunderts zum Nutzen machen wollen, aus zwei wunderbar ineinander verwobenen Perspektiven von Valerian und Veronique erzählt, ist „Trügerische Welten“ eine nette Variation des Zeitschleifenthemas, da Valerian quasi immer wieder sterben muss, um einen geheimnisvollen Erschaffer künstlicher Welten im All, die jeweils Nachkonstruktionen von wichtigen politischen Perioden der Erde sind, in die Enge zu treiben. „Die Insel der Kinder“ enthält mit einem Wettkampf um die Zukunft eines Planeten einen gelungenen Seitenhieb auf die leeren Heilsversprechen von Kommunismus, Faschismus und New Age. Daneben entwickelt Christin ein immer besseres Händchen für einmalige Nebenfiguren wie die aus dem Film bekannten stets auf ein Geschäft bedachten Shinguz oder Monsieur Albert, den Kontaktmann für Galaxity im 20. Jahrhundert, die man als schnell liebgewinnt.

Der andere Faktor für die Vergnüglichkeit der Serie, sind ganz klar Mézières‘ Zeichnungen. Seine Seitenlayouts werden von Band zu Band immer ausgeklügelter und detailreicher und auch das Design ist sehr toll. Keine Welt gleicht der vorherigen und erschafft zusammen mit den sehr unterschiedlichen Außerirdischen eine sehr anregende Exotik, die den Leser schnell in ihren Bann zieht.

Weiter zu Teil 2

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Ayres
Redakteur

Schöner Einblick in die Valerian-Welt. Tatsächlich lockt mich der Comic viel mehr als der Film (den ich bestimmt irgendwann nachholen werde). Freue mich schon auf Teil 2 des Features 🙂

chianna
Redakteur

Ich habe die Comics als Kind gelesen, werde jetzt aber wohl noch mal einen ReRead starten, denn vieles ist mir nicht mehr im Gedächtnis geblieben – außer dass Veronique immer gerettet werden musste und mich das tierisch genervt hat. Dass es eine Entwicklung gegeben hat, das ist an mir vorbeigegangen. Beeindruckt haben mich auf jeden Fall die detailgetreuen, fantasievollen Zeichnungen mitunter, das weiß ich noch genau.

Ayres
Redakteur

Also ich hätte mir ja als Kind Comics wie diese gewünscht 😉