Sun Village

Tokyopops Werkausgabe von Inio Asano erhält Zuwachs: Sun Village heißt der jüngste Ableger, der in Form einer Kurzgeschichtensammlung daherkommt und in dieselbe fragende Wunde schlägt, die Asano seit jeher in seinen Lesern zurück lässt: wie lebt man ein gutes Leben in einer ungerechten Welt? Eine Instant-Lösung blieb Asano seinen Fans immer schuldig und als Mann von gepflegter Tradition zeigt er auch in Sun Village kein Interesse, daran etwas zu ändern.

   

Das Sun Village: ein dichtbesiedeltes Hochhausviertel in Tokio, das trotz biederer Fassade und sonnigen Namens die eine oder andere Schattenseite vorzuweisen hat. Denn in jüngster Zeit steigt die Anzahl der Selbstmorde. Die Polizei ahnt nicht, dass dahinter ein kleiner Junge steckt. Tasuku, so sein Name, ist der Sohn eines verrückt gewordenen Vaters, dazu ein Schulschwänzer und verliebt in ein älteres Mädchen. Mit seiner Sterbehilfe verdient er sich ein bisschen Geld dazu und wird dadurch, ohne es zu wissen, zum Fixstern des Viertels, der alles verbindet.

Ein Haufen kauziger Existenzen

Originaltitel Hikari no Machi
Jahr 2004
Bände 1
Genre Drama, Slice of Life
Autor Inio Asano
Verlag Tokyopop

Das Hochhausviertel stellt die Bühne, auf der Asano die unterschiedlichsten Persönlichkeiten zusammen bringt: eine strebsame Schülerin, die unter ihrem strengen Vater leidet und anfängt, UFOs zu sehen; ein kleiner Junge, der Selbstmördern bei ihrem letzten Schritt hilft; ein überarbeiteter Mangaka, der mit seiner Freundin eine Zukunft plant; ein vermeintlicher Stalker, der den großen Entführungscoup plant, aber eigentlich nur ein Vater mit hehren Zielen ist. Sie alle sehen sich mit der Realität des Lebens konfrontiert und versuchen, jeder auf seine Weise, damit umzugehen. Getriebene Gestalten auf der Suche nach etwas, von dem wohl keiner so genau weiß, was eigentlich.

„Was will ich vom Leben und was will das Leben verdammt noch mal von mir?“

Diese Thematik ist Asanos Steckenpferd und bescherte ihm den Ruf des „Sprachrohrs der jungen Generation“. Eine Generation, die alle Freiheiten besitzt und dennoch unfähig ist, frei nach ihren Wünschen zu leben. Ruhig und melancholisch thematisiert Asano in seinen Werken Sehnsüchte, verpasste Träume und die Angst vor der Zukunft. Dabei bedient er sich mitunter grotesker und fantastischer Elemente – so auch in Sun Village. Hier sind es ein fliegender Bus, eine Katze im Anzug, eine ungeborene Seele und ein irgendwie übersinnlich begabter Junge, die den Manga sowohl ein- als auch ausleiten und allen Interpretationswütigen ein Forum eröffnen.

So melancholisch die Themen sind, mit denen sich Asanos Figuren herumplagen, so melancholisch ist auch das Heilpflaster, das er dem Leser mit auf den Weg gibt: die Welt ist nicht schön – aber sie ist es wert, dass man um sie kämpft (um es in den leicht abgewandelten Worten von William Somerset zu sagen).

Ein vernachlässigter Protagonist

Das Besondere an dieser Kurzgeschichtensammlung ist das titelgebende Sun Village, das – neben Tasuku natürlich – alles miteinander verknüpft. So ein örtlicher Rahmen setzt die Figuren zueinander in Beziehung, lässt den Eindruck von etwas Großem und Homogenem entstehen und kann dabei helfen, dass auch Kurzgeschichten-Muffel etwas mit dem Manga anfangen können.
Trotz seiner kittenden Funktion bleibt dem Viertel aber das große Rampenlicht verwehrt. Anders als in Taiyou Matsumotos Tekkonkinkreet etwa, in dem das handlungsrelevante Schatzviertel wie ein eigenständiger, gnadenloser und unbezähmbarer Protagonist behandelt wird, bleibt das Sun Village hier relativ blass. Sonnendurchflutet, ja – aber blass.

Sun Village entspricht genau den Erwartungen, die man an einen Asano stellt. Äußerlich erhält man ein einzigartiges, irgendwie ungeschöntes Charakter-Design mitsamt überaus realistischen Hintergründen und cineastisch anmutender Bildgestaltung. Inhaltlich gibt’s die ernüchternde Aussage, dass es keine allgemeingültigen Antworten im Leben gibt. Diese Weisheit ist kein Alleinstellungsmerkmal von Sun Village und kann man so auch in allen anderen Manga von Asano finden – sogar in besserer Verpackung. Denn anders als Asanos Das Feld des Regenbogens etwa, das mich tagelang beschäftigt hielt, hat Sun Village einen vergleichsweise schwachen Grip und ist ohne sonderliche Berührungspunkte an mir vorbei gerauscht. Daher halte ich Sun Village für den bislang schwächsten Vertreter von Asanos Gesamtwerk. Ganz nett, aber kein Muss.

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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