Siúil, a Rún – Das fremde Mädchen

Ein Mädchen, das von einem Knigge-bewanderten Monster beschützt wird? Ein Schelm, wer da nicht an Die Braut des Magiers denkt. Mit Siúil, a Rún – Das fremde Mädchen bringt Tokyopop ein weiteres Werk heraus, das mit dieser besonderen Figuren-Konstellation spielt, dabei aber eine wesentlich düstere und vor allem speziellere Richtung einschlägt.

    

Die Welt der Märchen und Sagen ist voll von Warnungen für die allzu Sorglosen: Komm nicht vom rechten Weg ab, betrete niemals die 13. Kammer, iss nicht vom reichlich gedeckten Tisch. In der Welt von Siúil, a Rún lautet die oberste Direktive: Berühre niemals einen der Fremden – jene Bestien, die außerhalb der Mauern im Fremden Land leben, denn sonst wirst auch du zur Bestie. Die kleine Shiva erinnert sich nur zu gut an diese Worte, die sie oft von ihrer Oma zu hören bekommen hat. Eines Tages jedoch ist ihre Oma verschwunden und das Mädchen findet sich nicht nur in den dunklen Wäldern des Fremden Landes wieder, sondern auch noch in der Obhut eines Fremden. Können Mensch und Bestie nebeneinander koexistieren? Oder ist die Geschichte von Shiva und ihrem Beschützer, den sie Doktor nennt, von Anfang an zum Scheitern verurteilt?

Gentle Giant, Little Girl

Originaltitel Totsukuni no Shoujo
Jahr 2015
Bände 1 / ?
Autor Nagabe
Verlag Tokyopop (2017)
Genre Supernatural

Der Schwerpunkt von Siúil, a Rún liegt (wie zu erwarten) auf der Guardian-Beziehung zwischen Shiva und dem Doktor – groß und kräftig beschützt klein und schmächtig. Shiva ist ein properes Kind und der elegant gekleidete Doktor sieht sich schlicht in der Pflicht, sie zu unterrichten und zu schützen. Rein, unschuldig und familiär (soweit sich das bis jetzt sagen lässt). Wir erleben den Alltag zweier unterschiedlicher Wesen in einem entvölkerten Land.
Shiva scheint ihre Situation, der einzige Mensch im Fremden Land zu sein, nicht vollkommen erfasst zu haben und so geht sie arglos ihrer Wege in dem Glauben, dass ihre Oma sie eines Tages abholen wird. Bis dahin zeigt sie dem Doktor gegenüber Vertrauen und Loyalität. Der Doktor wiederum hat bei all seinen Handlungen Shivas Wohlergehen im Sinn; stets im inneren Konflikt, was für sie das Beste ist.

Schwarzer Tee mit Zucker

Es gibt keinen erklärenden und übertrieben leserfreundlichen Einstieg, keine schablonenhaften Fantasy-Kreaturen und keine episodenhaften Quests. Band 1 von Siúil, a Rún ist der erste Schritt in eine irgendwie „post-tragödische“ Welt, die in ihrem Inneren ein Geheimnis zu tragen scheint. Die ersten Kapitel stellen ein reines Kammerspiel zwischen einem Kind und einem riesigem Filzkopf dar. Der Cast und die Umgebung sind ziemlich klein gehalten, geradezu esoterisch (im ursprünglichen Sinne gemeint). Genremäßig könnte man Siúil, a Rún als fantastischen Slice-Of-Life umschreiben, wobei im Hintergrund stets eine unterschwellige Gefahr herum wabert.
Siúil, a Rún ist eine Kombination aus Dark Gothic und Cuteness. Oder wie Shiva es ausdrückt: „Ohne Zucker ist schwarzer Tee eklig.“

Darstellung einer verwaisten Welt

Der Zeichenstil ist weniger gefällig und fernab vom Standard. Der Autor/die Autorin Nagabe arbeitet mit viel Schatten und Schraffur und ist geradezu skizzenhaft in der Darstellung. Es gibt keinen explizit dargestellten Detailreichtum (das Zimmers des Doktor ist zwar vollgestopft, dennoch wirkt es eher verschleiert) und die Figuren erscheinen ebenfalls so, als kämen sie aus einer fernen Welt: einmal berühren und sie verpuffen. Die Augen von Shiva ganz schlicht in Schwarz gehalten, ohne Abgrenzung der Pupille und ohne überbordende Glanzeffekte wie man sie sonst so gerne sieht, vor allem im Shoujo-Bereich.
Wichtiger als eine detailreiche, tiefgehende Darstellung scheint also das Erzeugen von Stimmung zu sein. Das Märchen-Feeling wird auf diese Weise sehr gut transportiert, vor allem der dunkle Kern, der jedem Märchen gemein sein sollte. Passenderweise ist auch das Ambiente europäisch gehalten: der Doktor trägt Hemd, Weste und Mantel im Stile von 1890, es gibt Ritter mit Schild und Waffenrock und umfriedete Städte mit Kirchtürmen. Das alles verleiht Siúil, a Rún einen eigentümlichen Charme.

Erster Eindruck:

Da isses, das 1 Mio. Mal bessere Mahou Tsukai no Yome (extra unversöhnliche Formulierung, um die Magierbraut-Fans zu ködern). Keine explizite und platte Zauberwelt, sondern ein Manga, der sich wie ein Grimm’sche Einband aus dem 19. Jahrhundert anfühlt. Und auch die Caretaker-Beziehung finde ich hier wesentlich besser umgesetzt: dunkler, stimmungsvoller und ganz ohne anzüglichen Humor. Nicht geeignet für solche, die ’ne schnelle Storyentwicklung brauchen. Eher für solche, die sich abends gerne ans Lagerfeuer setzen und bedächtig Geschichten über fremde Bestien lauschen.
Ich für meinen Teil bin voll dabei und werde Siúil, a Rún die Treue halten.

Zweiter Ersteindruck:

Siúil, a Rún – Das fremde Mädchen hat schon vor seiner Lizenzierung mein Interesse geweckt. Bin sehr froh, dass Tokyopop den Wunsch von vielen Fans erhört hat. Mich spricht der Titel nicht unbedingt wegen der Tatsache an, dass er mit Die Braut des Magiers verglichen wird. Mich haben eher die düsteren Zeichnungen und die Geschichte angesprochen. Sehr früh habe ich gemerkt, wie düster dieses Werk wirklich ist. Von kleinen Aspekten fühlte ich mich irgendwie an Attack on Titan erinnert, wie der Erwähnung der hohen Mauer, die in Shivas Buch vorkommt, um sich vor dem Fluch zu schützen. Scheint zumindest so, als hätten sich die Menschen von den verfluchten “Fremden“ abgeschottet. Es gibt da noch die Soldaten, die skrupellos die “Fremden“ töten wollen und daher auch Shiva in Gefahr ist. Allerdings gibt es auch einen Soldaten, der diese Methoden hinterfragt. Wovon ausgegangen werden kann, dass nicht alle von ihnen böse sind. Die Gesichter der Soldaten sind nicht erkennbar, was das Ganze noch geheimnisvoller macht. Noch ist nicht ganz klar, was da wirklich abgeht. Beim Lesen breitet sich ein mulmiges Gefühl aus. Habe den Band am Abend gelesen und mir danach gleich einen Schwarztee gemacht. Shiva hat vollkommen Recht. Schwarztee ohne Zucker schmeckt nicht. Sie ist mir sympathisch, genauso wie der Doktor, der sich so liebevoll um sie kümmert. Der irische Titel Siúil, a Rún wird übrigens als „Schuhl, a-ruun“ ausgespochen und bedeutet „Flieh, Mädchen“. Ist auch der Titel eines traditionellen irischen Songs. Ich empfehle, das Lied “Siúil, a Rún“ der japanischen Sängerin Kokia anzuhören, was gut zum märchenhaften Manga passt. Der erste Band hat mich voll und ganz überzeugt. Die Aufmachung im größeren Format kann sich auch sehen lassen. Hier hat Tokyopop die richtige Entscheidung getroffen, denn schon alleine das Cover sieht fabelhaft aus.

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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Aki
Redakteur

Ich hab den ersten Band jetzt auch gelesen und bin positiv überrascht, wie dicht die Handlung dann doch ist. Ich bin davon ausgegangen, dass es mehr wie bei Packt der Yokai, Mushishi oder die Braut des Magiers ist, wo mehr einzelne Geschichte erzählt werden.
Mir gefällt der erste Band richtig gut, denn die Geschichte bietet einiges an Rätzelmaterial. Allen voran diese Legende bietet einiges an Stoff, um drüber nachzudenken. Ich frage mich, ob es diese Götter wirklich gibt oder ob sie nur Sinnbild für etwas sind. Bin daher gespannt, ob dazu bald mehr kommt.
Die Beziehung der beiden, finde ich auch nicht schlecht und bin gespannt, wie es auch da weiter gehen wird. Immerhin kann der Doktor nicht ewig ein Geheimnis daraus machen, was mit Oma ist.