Westworld (Folge 2×01)

HBOs Brainteaser-Serie kehrt zurück. Mit Westworld – The Door heben die Showrunner Jonathan Nolan (Interstellar, The Dark Knight) und Lisa Joy (Burn Notice) ihren mehrschichtigen Sci-Fi-Western-Epos auf die nächste Stufe und entzücken damit den Stammtisch der Serienphilosophen. In Deutschland kann man den Kampf Android gegen Mensch seit dem 23. April 2018 auf Sky mitverfolgen.

Willkommen in Westworld, einem futuristischen Vergnügungspark, in dem sich die Androiden (Hosts) gegen ihre menschlichen Meister erheben und blutige Rache üben. Nachdem Park-Mitbegründer Robert Ford (Anthony Hopkins) zum Ende von Staffel 1 mit einem furiosen Knall seine neue Storyline präsentiert hat, befindet sich Westworld im Wandel. Unter der Führung vom Racheengel Dolores (Evan Rachel Wood) machen die Hosts Jagd auf Gäste und Programmierer gleichermaßen. Unterdessen versucht die ehemalige Puffmutter Maeve (Thandie Newton) ihre Tochter zu finden und Android Bernard (Jeffrey Wright) gibt alles, um seine wahre Natur zu verheimlichen – denn er soll der Eingreiftruppe von Delos Inc. bei der Eliminierung sämtlicher Hosts helfen.

Als Einleitung eine leise Warnung

Westworld steht in der Tradition, die Folgen mit allerlei Rätseln und „wtf?“-Momenten vollzustopfen, die das Publikum in eine seit LOST nicht mehr gesehenen Diskussions- und Interpretationswut stürzen. Gerade bei Westworld wäre es somit eine ziemlich belanglose Serienbegleitung, würde man sich zwecks einer Spoiler-Correctness zurückhalten. Dieser Artikel richtet sich also allen voran an diejenigen, die die Folgen bereits gesehen haben. Diskussionen in der Kommentarspalte sind erwünscht.
Für alle anderen hier ein allgemeiner Abriss: Staffel 2 knüpft nahtlos an die voran gegangenen Geschehnisse an – beinahe so, als wären keine zwei Jahre an Produktionszeit ins Land gegangen. Ein Großteil der vertrauten Figuren ist erneut am Start, mitsamt bedeutungsschwangerem Gestarre. Dazu kommen noch einige neue Gesichter wie der Leiter der Delos-Eingreiftruppe Karl Strand (Gustaf Skarsgård, Vikings) oder der Technik-Experte Antoine Costa (Fares Fares, Schändung). Sogar Stubbs (Luke Hemsworth) ist wieder mit von der Partie, obgleich man ihn bereits in den ewigen Jagdgründen vermutet hat. Westworld verfügt über keine klassisch lineare Dramaturgie. Die Serie ist vielmehr ein Puzzle, das aus verschiedenen Blickwinkeln und in verschiedenen Zeiten zusammengesetzt wird. Des Puzzles Kern handelt dabei von Realität und Bewusstsein, überzogen mit einer Schmelzglasur aus Sand, Schweiß und ganz viel Blut. In Staffel 2 scheint die Erzählung dichter zu geraten, denn das Pacing fällt wesentlich schneller aus.
Das zum Allgemeinen. Es folgt der Heavy Content mitsamt Spoilern.

Willkommen zurück im Labyrinth

Einer der vielen Kniffe in Staffel 1 ist das zeitliche Verwirrspiel. Ereignisse, die man für chronologisch geordnet und in direktem Bezug zueinander sieht, entpuppen sich in Wahrheit um Jahrzehnte voneinander entfernt. Staffel 2 scheint diese Masche fortführen zu wollen, indem sie zwei zeitliche Markierungen setzt: Die Gala-Nacht, in der Ford seine neue Narrative präsentiert und die D-Day-mäßige Ankunft der Delos-Soldaten, zwei Wochen später. Die Staffel scheint sich auf die Zeit dazwischen zu konzentrieren, die Handlungsstränge von Dolores, Maeve und Bernard beginnen alle genau hier – scheinbar. In Staffel 1 haben wir gelernt, dass die Erlangung von Bewusstsein nicht linear abläuft, sondern sich eher wie das Herumirren in einem Labyrinth anfühlt. Dasselbe gilt auch für das Storytelling und sicherlich wird dieses Konzept auch in Staffel 2 angewendet.

Ein Querschnitt der Handlungsstränge

Westworld
Originaltitel Westworld – The Door
Jahr 2018
Land USA
Episoden 1 / 10
Genre Science-Fiction, Western, Drama, 
Cast Dolores Abernathy: Evan Rachel Wood
Theodore „Teddy“ Flood: James Marsden
Mann in Schwarz: Ed Harris
Maeve Millay: Thandie Newton
Bernard Lowe: Jeffrey Wright
Dr. Robert „Bob“ Ford: Anthony
Charlotte Hale: Tessa Thompson
Hector Escaton: Rodrigo Santoro
Lee Sizemore: Simon Quarterman
Karl Strand: Gustaf Skarsgård

Dolores geht in ihrer Rolle als Revoluzzer auf und macht sich den Park zu Eigen. Dabei dreht sie das Spiel um: Sagte Ford zu ihr einst, dass sie Teil seines Traumes sei, sind nun umgekehrt alle Menschen Teil ihres Traumes. Die Serienmacher verdrehen zusätzlich das Verhältnis von Bild und Musik, indem sie konterpunktierende Musik einsetzen: Während Dolores mit einer Visage wie Jack Torrance die vogelfreien Menschen abknallt, läuft Scott Joplins „The Entertainer“.
Teddys Rolle als treue Hofschranze (gespielt von James Marsden) dagegen bekommt die ersten Risse – ideologisch scheint er sich von Dolores zu entfernen. Interessant hierbei ist, dass Teddy ursprünglich dazu programmiert war, Wyat (=aka Dolores) niederzustrecken. Man darf gespannt sein, was die Zukunft für die beiden bereithält, denn: Dolores und Maeve (und Bernard) scheinen die einzigen bewussten Hosts zu sein. Trotz der groß angezettelten Revolution scheinen alle anderen Hosts in irgendeiner Form von Narrative zu verbleiben – so auch Teddy. In ihm muss als noch die altbekannte Wyat-Aversion stecken.
Maeve stromert unterdessen immer noch im Hauptquartier herum auf der Suche nach ihrer Tochter. Dabei gabelt sie den Narzissten und Storywriter Lee Sizemore (Simon Quarterman) und ihren Lover Hector (Rodrigo Santoro) auf – zusammen bilden die drei ein sehr schnippisches und kurzweiliges Trio. Die Mutter-Tochter-Liebe verkörpert durch Maeves Erzählstrang scheint ein großes Thema zu werden und ein wichtiger Teil der Realitäts- und Bewusstseinsfrage. Das Mutter-Tochter-Bild hat sicher nicht umsonst die zwei kopulierenden Hosts aus dem Intro ersetzt.

Drei Zukunftsvisionen

Die Serie präsentiert ideologisch unterschiedliche Ansätze, wie die Zukunft für die Hosts aussehen kann. Dolores will die reale Welt betreten und sämtliche Menschen killen. Maeve will die Parks umgestalten und mit der Menschenwelt koexistieren. Und Bernard? Ist seine Motivation möglicherweise der Tod sämtlicher Hosts? Auf diesen Gedanken kommt man, da Folge 1 mit einem Massenmord an den Hosts endet und Bernard sich bekennt. Hat er das hostinterne Netzwerk – durch das er eigentlich Peter Abernathy ausfindig machen sollte – genutzt, um die Order 66 einen Kollektivmord durchzuführen?

Delos: „We are protecting your privacy!“

Ein weiteres Mysterium: Delos-Geschäftsführerin Charlotte Hale (Tessa Thompson) und ihre ominösen Drone Hosts. Selbst Bernard, seines Zeichens ein hochrangiger Delos-Angestellter, hat kein Wissen über das geheime Labor, das Charlotte unter Tage unterhält. Die Drone Hosts extrahieren hier die Gehirne regulärer Hosts, um Gast-Erfahrungen zu archivieren. Weiterhin scheinen sie DNA-Spuren der Gäste sicherzustellen, indem sie mit einem Q-Tip relevante Stellen (sprich den Genitalbereich) des Hosts abstreichen. Das verleitet zur Annahme, dass Delos eine noch nie dagewesene Form der Industriespionage durchziehen will, indem sie die reichen Industriellen durch geklonte Hosts ersetzen.
Erwähnenswert ist auch die Beförderung von Peter Abernathy (Bradford Tatum): Aus einer Nebenfigur wird ein großer Geheimnisträger, hinter dem ganz Delos her ist. Wie bereits im Artikel zu Staffel 1 erwähnt, hat in Westworld jede Figur das Potential, ein richtig dicker Fisch zu werden.

Der Standort

Was uns zur Frage bringt, wo denn Westworld nun eigentlich liegt. Zu Beginn der Folge erleben wir ein hitziges Gespräch zwischen dem Kopf der Delos-Operation Karl Strand und drei chinesischen Militärs. Es geht dabei offenbar um Vollmachten, Ländereien und ein Ultimatum zum Abzug, das der Chinese stellt. Karl Strand erwidert darauf hin nur, dass man die Chinesen gefälligst von „his island“ weg eskortieren soll. Diese Hints könnten bedeuten, dass Westworld auf einer Insel in China liegt.

Die Tür

Zu guter Letzt: Der Mann in Schwarz aka William. Er hat die Schießerei in der Gala-Nacht überlebt und stromert wieder einmal durch den Park, um eine letzte Quest zu absolvieren – diesmal das Auffinden der „Tür“. „A game meant for you“, sagt der junge Roboter-Ford zu William. Da freut man sich doch, dass er nach all den Jahren endlich seinen Wunsch erfüllt kriegt. Wieder einmal ist es die Quest von William, die den Titel der Staffel stellt. Wo das Labyrinth aus Staffel 1 immer tiefer ins Innere führt, stellt die Tür nun den einzigen Weg nach draußen dar.

Alles beim Alten: Der Mann in Schwarz ist auf der Suche, Dolores kommuniziert im poetischsten Revoluzzer-Sprech und Teddy ist confused – genauso wie der Zuseher. Ich freue mich auf weitere neun Wochen Rätselraten.

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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Misato
Redakteur

Was habe ich mich auf die Serie gefreut, endlich geht es weiter. Irgendwie habe ich dabei verdrängt, dass das erstmal bedeutet, dass hier neue Fragen aufgeworfen werden und die Macher sich ein neues Erzählkonzept zurechtbasteln, das ganz sicher nicht hübsch linear und sofort verständlich ist. Die Geduld auf S2 wird nun wieder zur wöchentlichen Zerreißprobe. Ein wenig beneide ich die Leute, die jetzt einfach warten, bis alle Folgen da sind und die sich dann einen Tag das Hirn durchbügeln lassen…

Vielen Dank schon mal, ich habe den Vorspann an und für sich genossen, weil ich die Stimmung mag. Aber mir kam gar nicht in den Sinn den mal genau anzusehen und zu vergleichen. Natürlich haben die was ausgetauscht, macht Sinn. Und ehrlich gesagt finde ich den emotionalen Antrieb von Maeve sehr spannend. Sie erinnert sich an ein vorheriges gescriptetes Leben und will dafür mit allen Mitteln kämpfen. Diese Muttergefühle machen sie verdammt menschlich und das mag ich.

Ich würde ja auch einfach eine Serie gucken, in der Dolores und Maeve sich zusammen schließen und ihr eigenes KI-Utopia kreieren. Auf einem Weg gepflastert von Leichen und der Ablehnung ihres eigenen perversen Schöpfungsmythos. Ich mag die zwei. Aber sie spielen eben doch sehr unterschiedliche Rollen. Bei Dolores warte ich bereits drauf, dass sie ihre Identität weiter überdenkt und nach einem neuen Namen sucht. Wyatt befähigt sie zu so viel mehr und sie wird diesen Teil von sich wohl noch gebrauchen.

Teddy… ach ja, der gute Teddy. Das ist eine wirklich interessante Frage, wird seine Narrative ihn beeinflußen, wenn er es auch durchs Labyrinth schaffen sollte? Denkt er sich dann, dass man einen Massenmord nicht doch besser verhindern sollte? Ihm fehlen Ecken und Kanten, was für seine Geschichte und Funktion als good guy host irgendwie wichtig ist, aber ich hoffe, dass genau das ein Knackpunkt wird.

Der Mann in Schwarz… ich muss ehrlich sagen, dass mich seine Story gar nicht sooooo sehr interessiert. Ich finde den Sprung von dem Mauerblümchen-Typ, der er früher war, zu dem knallharten Kerl, der er jetzt ist, sehr faszinierend. Aber das liest sich auf dem Papier alles toll und so gut ich Ed Harris auch finde, das sind für mich immer die Szenen, die sich am meisten ziehen. Weil es alles bedeutungsschwanger ist. Und toll, Ford hat jetzt noch eine Quest für ihn. Hach watt schön. Ich weiß, dass das unglaublich wichtig ist, aber der charakterliche wow-Effekt ist am kleinsten.

Das Ende der Folge war ein toller Knaller. Ein See voller toter (?) Hosts. Für mich jedenfalls die erste Frage. Sind die alle außer Funktion? Kommt da noch ein dicker Klops? Bernards Innenleben ist schön aufgewühlt. Ich bin gespannt.

Das Einsammeln von DNS und Überwachung der Gäste durchs Auslesen privater Momente mit den Hosts? Diabolisch! I love it! Gut, das Beste an Tessa Thompsons Auftritt war der Kleiderwechsel. Sehr schick. Sorry, ich bin da manchmal oberflächlich. Aber dieses geheime Labor macht Charlotte zu einer wundervoll umtriebigen Schurkin. Ich meine, nette Sachen wird die nicht anstellen. Sie ist für mich das beste Bindeglied zu der Außenwelt. Zu der Produktseite von Westworld. Da wünsche ich mir mehr Profil.