Scum’s Wish

Dass die „Jugend von heute“ nicht einfach ist, wird bereits seit Generationen beklagt. So bestehen bei Pubertierenden nicht nur die seltsamsten Stimmungen, sondern auch zwischenmenschliche Wirrungen, die nicht jeder auf Anhieb versteht. So könnte es Außenstehenden mit einem Blick auf das vermeintliche Traumpaar dieser Serie ergehen. Scum’s Wish wurde von Januar 2017 bis März 2017 in Japan auf einer Programmschiene für Erwachsene ausgestrahlt. Inhaltlich ist dieser Sendeslot durchaus gerechtfertigt, denn Verklärung und Nüchternheit prägen das Stimmungsbild des ungewöhnlich reifen Dramas.

Die Schülerin Hanabi hat mit ihrem Mitschüler einiges gemeinsam. Beide sind nicht nur gutaussehend und beliebt, sondern gelten auch als Traumpaar der Schule. Sie genießen das Ansehen der anderen und haben auch im Bett ihren Spaß, doch eine entscheidende Zutat fehlt in dieser augenscheinlich perfekten Formel: Liebe. Die Begeisterung der beiden füreinander beschränkt sich auf sexuelle Kontakte, eine tiefere Bindung will einfach nicht keimen. Die Beweggründe des Paares leiten sich aus einem einfachen Grund ab; der Einsamkeit.

Antithese der idealisierten Liebe
Zur ohnehin wenig erfüllenden Situation gesellt sich die Tatsache, dass sowohl Hanabi als auch Mugi ihr Auge auf einen anderen Jungen bzw. ein anderes Mädchen geworfen haben. Unzufriedenheit gepaart mit Zurückweisung ist eine Mixtur, die die Betroffenen vor die eigenen emotionalen Abgründe führt. Als wäre dies nicht genug, brennt die Serie ein echtes Feuerwerk inpunkto zerrissene Charaktere ab: Hanabis beste Freundin Sanae fühlt sich im Geheimen zu Hanabi hingezogen, während Mugis Zielobjekt Akane nicht nur seine Lehrerin ist, sondern auch noch Spuren eines gestörten Selbstbildes aufweist. Hinzu kommen noch weitere Charaktere, deren Gefühlswelten alles andere als ausgefüllt sind.
Um all diese Einzelschicksale unter einen Hut zu bekommen, wechselt die Erzählperspektive häufiger. Dadurch wird der Zuschauer sehr dicht an die Irrungen und Wirrungen des bunten Casts herangeführt. Jedoch lässt der Titel es sich nicht nehmen, die Entscheidungen seiner Dramatis personae auf die Spitze zu treiben.

  
Originaltitel Kuzu no Honkai
Jahr 2017
Episoden
12 (1 Staffel)
Genre Drama
Regisseur Masaomi Ando
Studio Lerche

Let’s talk about Sex…
Sexualität ist ein gerne totgeschwiegenes Thema in Animes. Gerade dann, wenn eine gewisse Seriösität abgebildet werden soll, wirken sexuelle Einlagen häufig fehl am Platz. Aufgrund der ausgefeilten Charakterisierung von Hanabi und Co. wartet man geradezu darauf, wie realitätsnah die Figuren nun wirklich sind. Hier überrascht die Serie mit einer offensiven Darstellung leidenschaftlich-anrüchiger Momente und nimmt sich gerne auch Zeit dafür – ohne dass nackte Tatsachen in den Mittelpunkt rücken. Dieser offenherzige Umgang mit dem Thema kommt der Glaubwürdigkeit ungemein zu Gute. Wie häufig erlebt man es, dass Jugendliche sich gerne einmal ausprobieren möchten? Vermutlich selten genug, denn sexuelle Experimente sind ein zu gerne untergrabenes Thema, um sich moralisch nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen.
Zum Glück basieren nicht alle Konflikte auf sexuellen Spannungen, womit die Abwechslung erhalten bleibt. Die Art, wie die Einzelgeschichten gelöst werden, ist jedoch eine einzige Geschmacksfrage. Wenn bei all den Problemen in der Mitte der Serie eine weitere Person eingeführt wird, die ebenfalls im Begriff ist, an ihren Schwierigkeiten zu zerbrechen, entsteht der Eindruck, es sei das ambitionierte Ziel der Autorin gewesen, die Handlung ad absurdum zu führen.

Unerwiderte Liebe ist ein häufiges Motiv in Animes. Doch selten wird dieses Thema so einfühlsam wie in Scum’s Wish behandelt. Wer sich einmal nach Herzenslust in unerfüllter Liebe sudeln möchte, hat hier den vermutlich standhaftesten Anime für dieses Thema gefunden. Leider musste die Serie in meiner Gunst nach etwa der Hälfte deutlich Federn lassen, da sie den Bogen so sehr überspannte, dass der Grat zur Lächerlichkeit ein schmaler ist. Insbesondere dann, wenn Hanabi unter völliger Überforderung zusammenbricht und ihre Entscheidungen willkürlicher nicht sein könnten.
Als Kompendium der unerfüllten Liebe ist Scum’s Wish allemal zu empfehlen. Abwechslung ist hier geboten, doch wie stimmig das Gesamtbild inhaltlich ausfällt, ist sicherlich personenabhängig. Ich habe den roten Faden gegen Ende sehr vermisst und war gleichzeitig fasziniert, wie verhaltensauffällig der Cast doch ist. Ob man die Serie bei akutem Liebeskummer ansehen sollte, ist fraglich: Einerseits findet man hier genügend Verbündete, andererseits ist der Grundtenor so niederschmetternd, dass sich hier sicherlich versöhnlichere Werke besser eignen.

Zweite Meinung:

Scum’s Wish war für mich eine sehr durchwachsene Erfahrung. Einerseits schafft es die Serie, mich (obwohl ich kein allzu großer Freund von Liebesgeschichten und dem einhergehend Dramen bin) bei der Stange zu halten. Anderseits habe ich mich wie bei nur wenigen Anime ungemein über die einzelnen Charakter aufgeregt. Mir gefiel die Herangehensweise an die Thematik der ersten Liebe und den Irrungen und Wirrungen bzgl. der Unterscheidung zwischen Sex und Gefühlen.Wie Ayres bereits beschreibt, ist es ungewöhnlich genug, dass eine Jugendliebe ohne Schön-/ Weichzeichner und Idealisierung auskommt. Hier wird einem recht schonungslos vorgeführt, was Jugendliche aus Einsamkeit und Verzweiflung so alles treiben um eine Lücke zu fühlen, die sie bis dato nicht gespürt oder gekannt haben. Denn darum geht es am Ende für mich in dieser Serie: Kinder, die zu Erwachsenen heranreifen und das Gefühl der Liebe entdecken ohne zu wissen wie man damit umgeht. Das ist der nächste Punkt, der mich an der Serie festhielt: sie hat es geschafft, dass ich durchaus manchmal mich an meine eigene erste Zeit erinnerte, in der ich auch Liebe nicht definieren konnte und bisweilen selbst der Meinung war Sex könne die Leere füllen, die da in mir ist und sich nach jemanden sehnt, den man ganz dramatisch als „Seelenverwandeten“ bezeichenen konnte. Nur, all dieses Positive verbrauchte sich im Laufe der Zeit ein wenig, um ehrlich zu sein fühlte man sich streckenweise an einen Autounfall erinnert. Man konnte nicht wegsehen, wie ganz offensichtlich wieder falsche Entscheidungen getroffen wurden, wieder ein Charakter sich ins selbstgemachte Unglück stürzte. Und da kommen wir zu dem größten Problem dieser Serie: die Erwachsenen. Man möchte meinen, ja, hoffen, dass sich irgendwann alles ändert, dass man als Erwachsener „besser“ (sprich schlauer) wird, aber die einzigen beiden Erwachsenen, die auch noch zu allem Übel als Lehrer fungieren, belehren einen schnell eines Besseren. Gut, das mag realistisch sein, aber irgendwo, irgendwann wünscht man sich doch einen kleinen Lichtstrahl am Ende eines jeden Tunnels, nur den habe ich so nicht gefunden. Ein mit Sicherheit gut gemachter Anime, und wenn man auf desillusionierte Geschichten steht, die auch noch ein desillusionierendes Ende haben, tja, dann… Reingehauen! Da kommt man wahrscheinlich auch ganz gut über die Mitte hinweg, aber mir hat hier ganz klar irgendeine, wenn auch nur eine absolut kleine Rolle gefehlt, die sich aus dem Elend herausarbeitet.

 

 

 

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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chianna
Redakteur

Achtung, hier geht es nicht lustig zur Sache, da hängen ernsthafte Probleme mit dran, die eigentlich in die Hände eines Facharztes gehören.

yunarose
Gast

Ich hatte nicht viel erwartet, als ich den Anime anfing. Aber ich fühlte mich schnell in meine Jugendzeit zurückgeworfen und besonders Hanabi hatte unheimlich viel mit dem Teen-ich gemein, das es schon fast erschreckend war.