Schneemann

Seit 1997 läuft die preisgekrönte Harry-Hole-Reihe des norwegischen Journalisten, Musikers und Autors Jo Nesbo und endlich wurde der siebte Band der Reihe als Film adaptiert, der am 19. Oktober 2017 in die deutschen Kinos kam. Ob es sich, gerade in der kälter werdenden Jahreszeit, lohnt, den 512 Seiten langen Roman zu Gemüte führen, werden wir hier klären. Und vor allem, ob man es noch einmal wagt, einen Schneemann zu bauen oder ob man in Zukunft mit einem Spaten auf solche losgeht.

   

Der erste Schnee des neuen Winters hat eingesetzt. Eine Frau verschwindet, was an sich nichts Ungewöhnliches ist, da diese vielleicht nur ihren Ehemann verlassen wollte. Doch wollte sie auch ihren geliebten Sohn verlassen? Vor allem der komische Schneemann, der wie aus dem Nichts vor dem Küchenfenster der Familie aufgetaucht ist, wirkt seltsam deplatziert. Harry Hole, Hauptkommissar im Osloer Dezernat für Gewaltverbrechen, sieht noch mehr. Sein Gefühl sagt ihm, dass hier etwas nicht stimmt. Ob das etwas mit dem Brief zu tun hat, den er vor kurzem erhalten hat, in dem sich eine Person als Schneemann ausgegeben hat und angedroht hat, dass etwas passieren wird? Kurz darauf verschwindet eine weitere Frau. Doch diesmal finden die Spürhunde im nahegelegenen Waldstück Leichenteile. Besser gesagt: Den Kopf der jungen Mutter, welcher nun einem Schneemann als dritte Kugel dient. Harry veranlasst sein Team nach ähnlichen Fällen zu suchen. Und siehe da: Es gab noch weiter Frauen, bei denen ein Schneemann am Tatort gefunden worden war. Damit steht fest: Norwegen hat seinen ersten Serienmörder. Die ersten Verbindungen zwischen den Frauen sind auch gefunden: Sie alle waren junge Mütter mit Kind und Ehemann. Doch steckt vielleicht mehr dahinter? Und wenn ja, wer wird sein nächstes Opfer sein? Die Spur der Ermittlungen führt zum Schönheitschirurgen Idar Vetlesen, der einige der Kinder der Mordopfer untersucht hat, der aber aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nichts dazu zu sagen will. Außerdem gibt es Spuren, dass in Bergen ein Polizist namens Gert Rafto mit dem Fall zu tun hat. Doch dieser ist vor Jahren während der Ermittlungen an einem Fall spurlos verschwunden. Harry und seine neue Kollegin Katrine Bratt nehmen sich der Spur an und machen einen grausigen Fund.

Kein Kommissar ohne private Probleme und Laster

Harry Hole ist die treibende Kraft in den Ermittlungen und seine Schlussfolgerungen führen ihn gerne in die richtige Richtung. Trotzdem steht er sich auch selbst im Weg. Sein Alkoholproblem führte dazu, dass einiges in seinem Leben schon schief gegangen ist und schief laufen wird, wenn er wieder einmal zu tief ins Glas schaut.

Originaltitel Snomannen
Ursprungsland Norwegen
Jahr 2007
Typ Roman
Bände 1
Genre Krimi
Autor Jo Nesbo
Verlag Ullstein

Außerdem ist die Frau, die er liebt, mit einem anderen zusammen und es bleibt nur eines zu sagen: Harrys privates Leben ist eine einzige Katastrophe. Diese zwei Kontraste – der erfolgreiche Ermittler und private Loser – machen die Figur recht interessant und sympathisch. Durch die schnellen Wechsel zwischen eher ruhigen und traurigen privaten Ereignissen und den schnellen Ermittlungen, hat der Roman ein höheres Tempo als viele Krimis. Streckenweise fühlt sich die Geschichte daher eher wie ein Thriller an. So wie der Fund der Leiche von Polizisten Gerd Rafto, den Harry und Katrine auf einer kleinen Insel bei Bergen im Kühlschrank seiner eigenen Ferienwohnung machen. Auch die Ermittlungen gegen Ida Vetlesen führt die beiden irgendwann zu einer Curlingbahn und zu dessen Leiche, was zuallererst nach Selbstmord aussieht.  Während die meisten Ereignisse sehr realistisch verlaufen, muss man bei den übereilten Verkündungen des Polizeipräsidiums Punkte abziehen. Gerade hier fragt sich der Leser, ob das im wahren Leben nicht doch etwas überlegter vonstatten gegangen wäre. Auch sind einige Wendungen nicht so spannend wie vielleicht gedacht. Dass Idar Vetlesen der Schneemann sein soll, ist eine schnell dahin geworfene Überlegung. Es gab bis dahin keine Beweise, dass Idar bei all den Morden die Zeit dafür gehabt hätte und vor allem fehlt auch das Motiv. Noch mehr kann man sich daran stören, warum er sich extra für einen Selbstmord auf die Eisbahn gelegt hat. Er hätte das gut und gerne in seiner eigenen Praxis machen können. Es ist wirklich ein Glück, dass Harry nicht so einfach hinters Licht geführt werden kann.  Auch bei der endgültigen Täterfrage bleibt die Überraschung eher aus, denn der Kreis der Verdächtigen war selten wirklich groß. Auch das konstruiert Finale bringt zwar Spannung mit sich, aber nicht durchgängig. Vor allem das aufgeworfene ethische Problem, ob man einem Sterbenden den Tod verwehren soll, hätte zum Schluss auch noch weiter ausgebaut werden müssen, um seine volle Wirkung zu entfalten.

Der Band stand schon seit ein, zwei Jahren ungelesen im Regel und meine Motivation war auch nie sehr groß, ihn zu lesen. Reine Krimis haben es einfach noch nie geschafft, mich beim Lesen bei Laune zu halten. Da der Trailer für den Film sehr gut aussah, habe ich mir das Buch dann doch mal vorgenommen. Im Großen und Ganzen bin ich positiv angetan. Es wird in schneller Geschwindigkeit ermittelt und das so, dass der Leser mitdenken und selbst seine Theorien aufstellen kann. Das macht mir als Hobby-Sherlockian immer sehr viel Spaß. Harrys Privatleben ist widerum nicht das eines fröhlichen Familienvater mit intakter Ehe, aber etwas anderes habe ich bei einem Norwegen-Krimi auch nicht erwartet. Im Grunde war es sogar interessant zu lesen, wie Harry den Drang unterdrückt hat, seine Laune in Alkohol zu ertränken und dass er seinen Konsum nur deswegen unter Kontrolle halten konnte, weil die Droge „Ermittlung“ ihn zu sehr einnimmt. Mir haben persönlich nicht alle Wendungen gefallen. Gerade die Wendung mit Katrine war in meinen Augen sogar gar nicht gut. Es war viel zu schnell, dass die Oberen sie als Schneemann abgestempelt haben. Dabei würde das heißen, dass sie ihrem eigenen Vater – nämlich Gerd Rafto – diese Kühlschrank-Tortur angetan hätte. Großes Lob gibt es von mir hingegen für Jo Nesbos Schreibstil. Vor allem seine Übergänge von Schauplätzen und Figuren sind immer wieder sehr gelungen und haben mir sogar das eine oder andere Grinsen entlockt. Obwohl es sich um den siebten von aktuell elf Bänden handelt, kann man diesen ohne Vorkenntnisse der anderen Bände gut lesen. Ich werde mir irgendwann auch noch die anderen Bände zu Gemüte führen und in diesem Winter den Schneemännern auf jeden Fall etwas skeptisch gegenübertreten.

 

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Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen vom Manga Kenshin an Samurais verloren.

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