Lost in Space: Verschollen zwischen fremden Welten

Lesezeit: 6 Minuten

Von 1965 bis 1968 flimmerte in drei Staffeln die Fernsehserie Lost in Space über die US-amerikanischen Mattscheiben und schaffte es mit etwas Verspätung 1992 unter dem Namen Verschollen zwischen Fremden Welten auch auf deutsche Kabelsender. Einen von Effekten und schlechten Kritiken verwöhnten Kinofilm (1998) und einen schon vor der Ausstrahlung gescheiterten TV-Pilotfilm (2004) später, sparte Netflix nicht an dem nötigen Kleingeld für Cast, Effekte und Werbung, um eine spektakulär aktualisierte Version der Weltraumfahrerfamilie Robinson im April 2018 einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Science-Fiction + Familiengeschichte + Survivalthematik = Gute Unterhaltung? Doch, die Additionsrechnung geht in Lost in Space: Verschollen zwischen fremden Welten (Uff… lange Summe) tatsächlich auf.

    

Im Jahr 2046 sorgt ein „Weihnachtsstern“ der etwas anderen Sorte auf der Erde für eine verheerende Katastrophe, die den Himmel verdunkelt und den Heimatplaneten auf lange Sicht unbewohnbar machen wird. Die einzige Hoffnung für eine geringe Anzahl Auserwählter, die die dafür nötigen Tests überstehen: Ein Platz auf dem Raumschiff Resolute, das die Siedler auf die Paradieswelt Alpha Centauri überführt, wo diese einen Neuanfang unter blauem Himmel starten können. Unter diesen Siedlern ist auch die Familie Robinson bestehend aus dem Ehepaar Maureen (einer Raketeningenieurin) und John (einem ehemaligen Marine) sowie ihren Kindern Judy, die mit 18 schon frischausgebildete Ärztin ist, der sarkastischen und belesenen Penny sowie dem jüngsten und vom Vater entfremdeten Spross, Will. Doch bevor die Robinsons ihre mitgebrachten innerfamiliären Probleme in die neue Heimat tragen können, müssen sie wie viele andere Siedlerfamilien mit ihrem kleineren Landungsschiff die Resolute aus zunächst unbekannten Gründen evakuieren. Im Trümmerhagel der beschädigten Resolute landet ihr Schiff, die Jupiter 2, auf einem fremden Planeten not. Glück im Unglück: Der Planet hat eine atembare Atmosphäre und scheint insgesamt bewohnbar, doch das Unglück fängt gerade erst an. Maureens Bein ist gebrochen, die Jupiter 2 versinkt im Eiswasser und bevor Judy aus dem untergegangenen Schiff eine dringend nötige Batterie bergen kann, friert das Wasser wieder zu, Judy darin einsperrend.
Auf der egoistischen Seite des Planeten stellt sich derweil heraus, dass auch der Schiffsmechaniker Don West und eine blinde Passagierin mit dem vorgeblichen Namen Dr. Smith sich in einem der Siedlungsschiffe auf die Planetenoberfläche gerettet haben. Während Dons Egoismus jedoch mehr die harte Schale eines weichen Kerns ist, bekommt er schon bald zu spüren, wie Dr. Smith jedes Mittel recht zu sein scheint, um zu überleben.
Vater und Sohn Robinson ziehen unterdessen los, um genug von dem anscheinend im Übermaß vorhandenen Magnesium Vorkommen auf dem Planeten zu schürfen und damit Judy zu befreien, wobei beide jedoch durch einen Unfall getrennt werden. Da seine Tochter in größerer Gefahr steckt, zieht es John zunächst zurück zu Judy, während Will auf Erkundungstour durch seine neue Umgebung eine bahnbrechende Entdeckung macht: Ein weiteres abgestürztes Raumschiff, jedoch von einer extraterrestrischen Spezies, und dazu einen fremden, schwer beschädigten Roboter. Schnell stellt sich die Frage, ob dieser eine Gefahr für Will Robinson oder doch ein potentieller Freund ist.

Alle glücklichen Familien gleichen einander…

Originaltitel Lost In Space
Jahr 2018
Land USA
Episoden 10 (1 Staffel)
Genre Science-Fiction, Abenteuer, Familie
Cast Maureen Robinson: Molly Parker
John Robinson: Toby Stephens
Penny Robinson: Mina Sundwall
Will Robinson: Maxwell Jenkins
Judy Robinson: Taylor Russell
Dr. Smith: Parker Posey
Don West: Ignacio Serricchio
The Robot: Brian Steele

Da dies schon im Trailer verraten wurde, sei der Spoileralarm hier ausgespart, der Roboter stellt sich als kinderfreundlich heraus. Der vom Vater entfremdete Sohn, der einen ungewöhnlichen Freund findet, ist dabei ein typisches in der Familienthematik angewandtes Motiv, von denen sich hier insgesamt einige finden. Eine Konkurrenz zwischen erfolgreichen Karrierespross (Judy) und der eher müßiggängerischen Träumertochter (Penny) gehört genauso dazu wie der durch den Militärdienst von der Familie distanzierte Vater und den Familienmitgliedern, die ihn dafür entweder respektieren oder enttäuscht über seine konstante Abwesenheit sind. Komplementär dazu natürlich auch die Mutter, die in eben diese Presche springt und die Familie mit aller Kraft zusammenhält. Nach und nach stellt sich heraus, dass die auf den ersten Blick harmonisch wirkende Familie nicht nur vor dem untergehenden Heimatplaneten, sondern auch ihren Problemen untereinander geflohen sind und einen neuen Anfang wagen wollen. Dass unter den extremen Umständen zwangsläufige Zusammenfinden der Familie ist dabei natürlich mit viel rührenden Pathos versehen, der doch manchmal dazu veranlassen mag, die Augen etwas zu verdrehen, aber zum Glück ist die Familienthematik nicht alles, was Lost in Space im Petto hat.

… jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

Neben einer Familiengeschichte ist Lost in Space zusätzlich eben auch noch eine Science-Fiction- und Survival-Geschichte, sodass die – nicht zwingend abgenutzte aber… evergreenige – Familienthematik sich in einem ungewohnten und ausgleichenden Gewand präsentiert. Nach zunächst immanenten Problemen auf dem neuen Planeten eine nicht von extremen Minustemperaturen und tödlichen Stürmen geplagte Gegend zu finden oder sich mit der fremden Flora und Fauna zu arrangieren, gilt es nach und nach noch andere Fragen zu klären: Gibt es weitere Überlebende und besteht Hoffnung auf Rettung? Was genau ist auf dem Siedlerschiff Resolute passiert, dass es evakuiert werden musste? Ist der Planet wirklich sicher und wie passen Alienschiffe und Roboter in den Mix? Mit eben diesem Roboter und der schwer durchschaubaren Dr. Smith unter den Robinsons schwillt auch in der enggewebten Vertrauensstruktur der Familie eine konstante Gefahr, sodass es zwischen potentiellen Bedrohungen und dem Entdecken des Unbekannten selten an Spannung fehlt. Genauso wie in dieser Spannung die Familienmomente der Robinsons dem Zuschauer eine Insel zum durchatmen bietet, erweckt auch die neue Welt ein seltsames Inselgefühl, stranden die Siedler hier eben abgeschnitten von jeglichen Informationen auf einem unbekannten und mysteriösen Flecken Planet in den Weiten des Weltraums.

 

Wenn man sich seine Familie aussuchen darf

Omnibekannte Schauspielernamen, die als Zugpferde dienen, sind in der Besetzung von Lost in Space nicht zu finden, bei einem alles andere als unbekannten Franchise jedoch auch nicht nötig, zumal der Cast einige Überraschungen bereithält. Neben der aus hochkarätigen Serien wie Deadwood oder House of Cards bekannten Hauptdarstellerin Molly Parker darf sich Toby Stephens nach Black Sails nun als Familienvater in einer etwas weniger ambivalent konzipierten Rolle beweisen. Indie Filmkönigin Parker Posey (Confusion – Sommer der Ausgeflippten) darf in der Rolle der lügenspinnenden Antagonistin glänzen, während Ignacio Serricchio (Witches of East End) als Don West die Abteilung Comic Relief übernimmt und der Roboter neben Mass Effectigen Taschenlampenkopf und stromliniendesign zum Glück einer neuen Popkultur-Generation das Verständnis der Referenz „Danger, Will Robinson“ beibringt. Unter den Darstellern der Robinson-Kinder haben es Maxwell Jenkins als typischer Boy-Protagonist und Taylor Russel als Dr. Doogie Howser schwer in ihren eher eindimensional konzipierten Rollen einprägsame Momente zu sammeln, während Mina Sundwall als Penny diese wundervoll aneinanderreihen kann und ihre vom Keks-Verzehr begleitete Selbstmotivationsrede einen Berghang hinabzufahren,  wahrscheinlich zu den besten der ersten Staffel gehört.

Vorneweg: Hier handelt es sich um eine sehr gute Serie, besonders der Spannungsaufbau ist hervorzuheben. Am Anfang überschlagen sich die Ereignisse und selbst wenn es danach Gelegenheit zur einen oder anderen Verschnaufpause gibt, drängen sich einem doch immer wieder diverse Fragen in den Vordergrund, die nach Beantwortung und eben der nächsten Folge verlangen. Auch optisch überzeugt Lost in Space in allen Belangen, wohingegen die Figuren teilweise sehr unausgeglichen gestaltet sind. Einige sind eben sehr interessante Figuren, über die man mehr erfahren will und sie interagieren sehen will, andere wirken hingegen wie etwas ideenlose Plot Devices. Auch die finalen Folgen sind etwas durchwachsen. Dürfen Smith und Maureen sich auf persönlichsten Level hassen lernen und letztere in einem Ellen Ripley-Moment dem Finale von Aliens – Die Rückkehr huldigen darf, finden sich die anderen Figuren mit eher seltsamen Tätigkeiten und Situationen wieder, bezüglich denen man durchaus das Wort „bescheuert“ in den Mund nehmen kann. Die Entscheidung über eine zweite Staffel steht noch aus, aber auch wenn die ersten zehn Folgen ihre Schwächen haben und Luft nach oben ist, überwiegen für mich die positiven Eindrücke, von denen es einige gibt. Alleine um noch mehr Penny-Momente zu kriegen und die Sci-Fi-Landschaft unter den Serien abwechslungsreich zu halten, müsste für mich ganz, ganz dringend eine zweite Staffel her.

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Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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