Hungrig

Spätestens mit The Walking Dead sind Zombies salonfähig geworden und haben eine Schwemme an Genre-Vertretern mit sich gezogen, die weder überschaubar ist noch sich mit besonders viel Innovation schmücken können. Als ein dankbarer Titel erweist sich das kanadische Hungrig (Les Affamés), dessen Arthaus-Anleihen zunächst das Schlimmste befürchten lassen. Doch alle Ängste erweisen sich als hinfällig: Der Titel erweist sich als bodenständig, realistisch, und wird von einer ebenso starken wie glaubhaften Darstellerriege getragen, die den Film zu einem echten Geheimtipp machen. Regisseur Robin Aubert (Saints-Martyrs-des-Damnés) untermalt sein Kunstwerk zusätzlich mit besonders stilvollen Bildern, die die Härte des Films besonders eindrucksvoll machen.

 

Bereits weite Teile der Menschheit haben sich gegenseitig aufgefressen. Die Katastrophe, die ihren unerklärlichen Lauf während eines Autorennens nahm, hat die Welt zerstört. Nur wenige Überlebende sind auf der Flucht durch die kanadische Provinz und finden sich als Gruppe zusammen, deren Fundament weder Freundschaft noch Sympathie ist, sondern der pure Überlebenswille. Es sind keine unbekannten Toten, die Jagd auf die Gruppe machen. Viel schlimmer als in der Anonymität der Stadt ist es auf dem Land, wenn sich einem plötzlich Freunde, Nachbarn oder gar Familienmitglieder mit einem animalischen Fresstrieb entgegenstellen. Doch es kommt noch schlimmer: Die Toten scheinen von einer besonderen Macht gelenkt zu werden, die sie zu Höherem zu berufen scheint…

Authentischer Cast von nebenan

Originaltitel Les Affamés
Jahr 2017
Land Kanada
Genre Horror, Action, Drama
Regisseur Robin Aubert
Cast Bonin: Marc-André Grondin
Tania: Monia Chokri
Zoé: Charlotte St-Martin
Pauline: Micheline Lanctôt
Thérèse: Marie-Ginette Guay
Céline: Brigitte Poupart
Laufzeit 100 Minuten

Es gibt Filme, die keinerlei Besonderheiten aufweisen. In einem Genre, das geprägt ist von niedersten Instinkten und blutigen Effekten, ist es schwierig, etwas zu platzieren, das Genreliebhabern die wichtigsten Zutaten nimmt. Trotz seines hohen Erzähltempos geht Hungrig seine Handlung ruhig an und nimmt sich besonders viel Zeit, die Figuren nach und nach einzuführen. Wer mit dem üblichen Kanonenfutter und Stereotypen rechnet, wird von Robin Aubert eindeutig eines Besseren belehrt. Zwar besitzt so manches Mitglied der Gruppe einen typischen Filmbackground, dem man im echten Leben vermutlich eher weniger begegnen wird, doch spielen hier vor allem die Schwächen der Figuren eine tragende Rolle. Der Hauptcharakter Bonin (Marc-André Grondin, C.R.A.Z.Y.) entpuppt sich mehr als Softie denn als Rambo, die unnahbare Tania (Monia Chokri, Heartbeats) hat mit dem Leben schon mehr oder weniger abgeschlossen und die kleine Zoé (Charlotte St-Martin) hat ihre Familie eben erst verloren. Hinzu gesellen sich ein lesbisches Paar, eine abgebrühte Businesslady und andere Figuren, die alles sind – nur eben keine Actionhelden. Das verleiht Hungrig weit mehr als nur einen Hauch Realismus und sorgt für ein authentisches Gefühl. Gleichzeitig werden die Figuren dadurch auch verwundbar, doch Kanonenfutter ist niemand von ihnen. Wo The Walking Dead vorgaukeln möchte, dass es jeden Charakter jederzeit erwischen kann, wird hier nicht lange gefackelt: Nicht jeder schafft es aus dem Film.

Intelligenz und Stil

Die vorherrschende Endzeitstimmung definiert sich nicht nur über den Umstand, dass kaum eine Menschenseele weit und breit zu sehen ist, sondern auch durch ein übernatürliches Phänomen: Die Untoten bauen Türme aus Gegenständen und scharen sich ritualähnlich darum. Noch dazu besitzen sie die Gabe, ganz gut einschätzen zu können, wann es sich zu rennen oder zu schlurfen lohnt, und wer sagte eigentlich, dass Zombie dumm sein müssen? Das wildgewordene Heer in Hungrig scheint anderen Genre-Artgenossen weit voraus und ein wenig gnadenloser zu sein. Das spiegelt sich der Brutalität nieder, welche der Regisseur zwar nicht plakativ ausschlachtet, aber durchaus in Szene zu setzen weiß. Neben dem herben Splatter darf aber auch eine wirklich pointierte humoristische Szene nicht fehlen, die nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.

Schluss mit eindimensionalen Figuren und dummen Zombies! Hungrig gibt sich als niveauvolles Beispielwerk, wie ein Zombie-Film gleichermaßen bodenständig und hart sein kann. Ähnlich wie in 28 Days Later stehen die Charaktere im Vordergrund und wissen mit ihren Eigenheiten zu gefallen. Dabei sind es noch nicht einmal rührselige Geschichten, die für Profiltiefe sorgen, sondern Handlungen und gewisse Entscheidungen. Es gibt hier viele eindrückliche Details und stumme Szenen, die mutmaßen lassen, was alles nicht im Film zu sehen ist. Hungrig ist der beste Beweis dafür, dass sich selbst innerhalb eines übersättigten Genres Perlen finden lassen, wenn sich die Verantwortlichen darüber bewusst sind, welche Innovationen für die richtige Zündung sorgen.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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