Drei Haselnüsse für Aschenbrödel

Es muss Weihnachten sein, wenn im Fernsehen innerhalb weniger Tage derselbe Film ein Dutzend Mal läuft. Drei Haselnüsse für Aschenbrödel ist seit über 40 Jahren deutsche Weihnachtstradition. 1973 entstand diese Koproduktion der Defa und des Prager Barrandov-Studios. 1975 lief der Film zum ersten Mal im Weihnachtsprogramm des westdeutschen Fernsehens und da hat er bis heute seinen Platz. Kein Weihnachten ohne den Zauber von böhmischen Schneelandschaften und rosa Dederon-Schleiern. Übrigens nicht nur in Deutschland. Auch in Tschechien, Norwegen und der Schweiz ist Drei Haselnüsse für Aschenbrödel ein Weihnachtsklassiker.

 

Das Drehbuch orientiert sich am Werk der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová, die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Aschenbrödel-Märchen schrieb, das in einigen Punkten von der in Deutschland verbreiteten Version der Gebrüder Grimm abweicht. Hier wie dort ist Aschenbrödel ein Waisenkind, das nach dem Tod des Vaters bei der Stiefmutter lebt und niedrige Arbeit tun muss, während Stiefmutter und Stiefschwester in prächtigen Gewändern zum königlichen Ball gehen, um sich den Prinzen zu angeln. In dieser Version ist Aschenbrödel dem Prinzen schon im Wald begegnet, hat ihm das Pferd stibitzt, ihn mit Schneebällen beworfen und ist unerkannt entkommen. Wie bei den Gebrüdern Grimm bekommt sie magische Gewänder, allerdings nicht von einer guten Fee oder dem Bäumchen am Grab der Mutter, sondern aus den magischen Haselnüssen, die ihr der Kutscher Vinzek geschenkt hat. Die erste Nuss enthält ein Jagdgewand und Aschenbrödel kann so, als Mann verkleidet, den Prinzen mit ihren Schießkünsten beeindrucken und wieder unerkannt verschwinden. Die zweite Nuss enthält ein Ballkleid. Sie reitet heimlich zum Ball, tanzt verschleiert mit dem Prinzen, stellt ihm ein Rätsel und verschwindet, unter Zurücklassung des wohlbekannten Schuhs. Die dritte Nuss enthält ein Brautkleid, das sie trägt, als der Prinz mit dem Schuh auf den Gutshof kommt und nun endlich das Rätsel lösen kann sie war das Mädchen im Wald, sie war der Jäger und sie war die Schöne beim Ball. Und dann reiten die beiden mit wehenden Schleiern durch den Schnee ins Glück.

Ein Weihnachtsphänomen

Originaltitel Tři oříšky pro Popelku
Jahr 1973
Land CSSR/DDR
Genre Märchen
Regisseur Václav Vorlíček
Cast Aschenbrödel: Libuše Šafránková
Prinz: Pavel Trávníček
Stiefmutter: Carola Braunbock
König: Rolf Hoppe
Knecht Vinzek: Vladimír Menšík
Laufzeit 82 Minuten
FSK

Was ist seit über 40 Jahren die Faszination von Drei Haselnüsse für Aschenbrödel? Und warum gerade zu Weihnachten? In der DDR hatte der Film im Frühjahr Premiere. Und eigentlich hat er mit Weihnachten gar nichts zu tun, außer, dass er im Winter spielt, was reiner Zufall war. Die Dreharbeiten waren für den Sommer geplant, aber die Defa hatte in der warmen Jahreszeit Terminschwierigkeiten und so einigte man sich auf einen Winter-Dreh. Es ist ein Märchen das passt zu Weihnachten irgendwie immer, wenn Familienprogramm für alle Altersstufen gebraucht wird. Aber da ist die Auswahl so riesengroß. Warum gerade dieses? Ist es das Ritual? “The same procedure as last year, Miss Sophie?” Jedes Jahr wieder das rosa Kleid. Und die Musik. Und der viele Schnee. Und das weiße Pferd. Und die Moritzburg. Und der Prinz in Strumpfhosen. Und die Stiefmutter mit dem Regenschirm-Kopfputz. Und das rosa Kleid. Mit dem rosa Kapuzenumhang. Und dem rosa Schleier. “The same procedure as every year, James!” Sicherlich. Aber auch ein Ritual muss sich erst einmal etablieren.

Magie made in CSSR

In der deutschen Fernsehlandschaft der 70er-Jahre waren tschechische Märchenfilme schon etwas Besonderes. Im Prager Barrandov-Studio (Pan Tau, Die Märchenbraut) hatte man ein Händchen für phantasievolle, sorgfältige Ausstattung, authentische Drehorte und stilsichere Adaptionen, die einerseits altbekannte Stoffe lebendiger machten, andererseits genau den vertrauten Märchenton trafen. Was das Publikum zu Weihnachten 1975 zu sehen bekam, war einen Tick realistischer, als man es von einem Weihnachtsmärchen erwartet hätte. Viele Außenaufnahmen in einer mitteleuropäischen Winterlandschaft, mit richtigem Schnee und richtigen Bäumen (dass auch auf einen richtigen Fuchs geschossen wurde, würde man heute wohl nicht mehr machen). Ein bescheiden wohlhabender Gutshof mit viel Getier und Gesinde, wo gebacken, gebraten, Holz gehackt und Wäsche gewaschen wird. Ein eher trutziges als prachtvolles Schloss, das unschwer als Schloss Moritzburg bei Dresden zu erkennen ist. Kostüme, die nicht einfach nur “irgendwie von früher” sagen, sondern durchgängig nach Renaissance aussehen, mit ein paar skurrilen Überhöhungen, die den Märchenaspekt wieder mit hineinbringen. Des Königs Reisekrone etwa. Oder was die Stiefmutter da auf dem Kopf hat. Mittlerweile sieht das alles sehr Seventies-bunt und unfreiwillig komisch aus, aber damals machte es ein rundes Bild.

Tschechische Prinzessinnen reiten schneller

In dieser Welt bewegen sich Märchenfiguren, die ein klitzekleines bischen gegen den Strich gebürstet sind und einen Hauch mehr an Persönlichkeit entwickeln dürfen, als ihnen die Vorlage eigentlich zugesteht. Wir sind immer noch in einer Welt, in der ein Ballkleid die Lösung aller Probleme zwischen arm und reich, Mann und Frau ist und ein Prinz die Erfüllung aller Mädchenträume. Es ist nicht Maleficent oder Snow White and the Huntsmen oder Die Eiskönigin – Völlig Unverfroren. Dafür ist es ja auch 40 Jahre älter. Aber Aschenbrödel kann reiten und schiessen und gibt sowohl dem Prinzen als auch der Stiefmutter auch mal schnippische Widerworte. Den Ball verlässt sie nicht, weil der Zauber endet, sondern, weil sie dem Prinzen eine Bedingung stellt: erst, wenn er ihr Rätsel löst und alle Aspekte ihrer Persönlichkeit erkennt, dann kriegt er sie. Keine Kürbisse um Mitternacht. Und der Schuh ist zwar da, aber nicht so wichtig. Auch der Prinz kriegt ein bisschen Charakter-Entwicklung. Was Prinzen selten bekommen. Prinzessinnen mögen in ihrer traditionellen Form flach und klischeehaft sein, immerhin haben sie viel Screentime. Prinzen sind häufig nur der Siegerpokal, den die Heldin überreicht bekommt. Hier hat der Prinz ein bisschen Zeit für einen Konflikt mit Papa, Spaß mit Freunden und ein paar Comedy-Momente mit dem vielgeplagten Hauslehrer. Am Ende darf er dem Lehrer davonreiten, durch den Schnee, einer schönen Frau hinterher, ins Erwachsensein. Im Jahre 1975 reichte das, um von allen Aschenbrödels der Welt gerade diesen Film im Gedächtnis zu behalten. Und ihn wieder anschauen zu wollen. Und wieder. Und nächste Weihnachten natürlich auch.

Was für mich den Kult um diesen Kultfilm besonders liebenswert macht, ist seine Bescheidenheit. Man kann ihn im Weihnachtsprogramm sehen, Jahr und Jahr. Man kann die Musik auf CD kaufen. Ab und zu gibt es mal eine Ausstellung der Kostüme (das rosa Ballkleid ist übrigens zu einem nationalen Kulturschatz Tschechiens erklärt worden), wo man sich wundert wie so unscheinbare Kleidchen so viel Magie verbreiten können. Es gab mal eine Musical-Version auf einer Freilichtbühne. Beim Stöbern im Internet findet man an Merchandise einen Adventskalender mit Schloss Moritzburg drauf und die Spiegelburg hat ein bisschen Nippes mit Schneekristallen und einer lächelnden Libuše Šafránková im Angebot, der mir im Handel noch nie ins Auge gestochen hat. Vermutlich, weil das Angebot an Prinzessinnenbedarf zur Zeit so riesig und so Lillifee-rosa oder Eisköniginnen-hellblau ist. Es gibt eine Fanpage, die den langen Titel in Analogie zu LoTR zu dem hässlichen, aber griffigen 3hfa abgekürzt hat und die sehr sorgfältig all die Informationen zusammenträgt, die den Geek glücklich machen (https://www.dreihaselnuessefueraschenbroedel.de/). Nicht viel für 40 Jahre Tradition, andersherum: angenehm wenig.

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Alva Sangai
Redakteur

Ich habe ihn schon sehr oft gesehen und will lieber gar nicht nachzählen wie oft. Toller Film, den man sich besonders zur Weihnachtszeit anschauen kann. Hat auch einen sehr schönen Soundtrack. Ich hätte voll gern das Ballkleid, obwohl es eigentlich recht schlicht wirkt. Sich einmal wie eine Prinzessin fühlen, das wäre was 😀

Iruka
Mitglied
Iruka

Den Film habe ich auch mehrere Male geschaut und er gefällt mir immer noch gut.
Besonders die Tatsache, dass Aschenbrödel nicht so ist wie viele andere Prinzessinnen. Sie widerspricht der Stiefmutter und legt den Prinzen im Wald rein. Jedes Mal unterhaltsam. Die Musik gehört für mich zur Weihnachtszeit dazu. Und wo wir gerade von Kleidern reden: Ich hätte gerne ihr Brautkleid samt Schmuck. 😉