Saint Falls

Bereits seit 2014 veröffentlichen Maria Engels und David Michel Rohlmann Anthologieromane. Das Konzept ist so einfach wie genial: Man erstelle ein grobes Konzept, rotte ein paar Autoren zusammen und lasse dann jeden eine oder mehrere Kurzgeschichten schreiben, die in den Weltenaufbau passen und am Ende wird aus vielen Einzelgeschichten eine übergeordnete Erzählung in vielen kleinen Episoden. Dabei bilden immer drei Anthologien einen Sammelband. Den Anfang machten die Zombies, es folgte der Steampunk und in der bisher erfolgreichsten Sammelanthologie Saint Falls – Märchen aus der Welt des Verbrechens agieren in der gleichnamigen fiktiven Stadt Saint Falls Wolf und Beast als skrupellose Mafiabosse, die Märchencharaktere als ihre Schachfiguren nutzen.

    

Während in den meisten Städten die Unterwelt im Verborgenen agiert, hat diese in Saint Falls bereits unwiderruflich die Kontrolle übernommen. Über allem thront Wolf und kontrolliert die Geschäfte: Drogen, illegale Autorennen, Machtspielchen, die auch vor Neugeborenen nicht halt machen oder nächtliche Episoden im Strip Club “Happy End”. Die Straßen werden von Märchenfiguren bevölkert, so sind Hase und Igel die besten Rennfahrer der Stadt, Frau Hölle ist eine Drogendealerin und Scheherezade arbeitet in dem Bordell “Die Räuberhöhle”. Doch es gibt einen Gegenspieler, der Wolf nicht die Herrschaft über die Stadt überlassen will: Beast.

Märchen reloaded

Wer es bei der Inhaltsbeschreibung noch nicht geahnt hat: Bei der Lektüre von Saint Falls bekommt mein keine fluffigen Märchenneuerzählungen. Die beiden Lektoren Rohlmann und Engels wollten eine düstere Welt erschaffen, in der die Figuren aus bekannten, aber auch etwas unbekannteren Märchen tagtäglich einen Überlebenskampf führen. Das merkt man auch jeder Geschichte an – die Dialoge strotzen meist nur vor dreckiger Sprache und knackigen Sprüchen. Zwischen all dem Straßenjargon findet sich auch immer wieder subtile Manipulation und – wovor auch ein “Stempel” auf der Rückseite des Sammelbandes warnt – Spuren von Sex, Gewalt und Feenstaub. Bei jeder Geschichte fragt man sich, welches Märchen neu interpretiert wurde. Nicht jede basiert jedoch auf einer Vorlage, ab und zu haben die Lektoren zusätzlich noch Geschichten beigesteuert, welche die Handlung verbinden und auf das Ende zusteuern lassen.

Verderben zu viele Köche den Brei?

Originaltitel Saint Falls – Märchen aus der Welt des Verbrechens
Ursprungsland Deutschland
Jahr 2017
Typ Anthologieroman
Bände 1
Genre Fantasy, Thriller
Autor Hrsg. von Maria Engels und David Michel Rohlmann
Verlag Selfpublisher

Mit einem solchen Konzept, wie es Maria Engels und David Michel Rohlmann verfolgen, wartet viel Arbeit auf einen. Jede Autorin und jeder Autor hat seinen individuellen Schreibstil und jede(r) besitzt seine Stärken und Schwächen im Erzählen von Geschichten. Die eine schafft wundervolle Bilder, der nächste erzeugt durch detaillierte Beschreibung der Umgebung eine dichte Atmosphäre und der dritte schafft es, einen Charakter Leben einzuhauchen, indem er ihn nur über Grunzlaute kommunizieren lässt. Doch Planung ist alles und die beiden haben es geschafft, die Geschichten aufeinander abzustimmen. Dabei bewahren sich die einzelnen Erzählungen in diesem Gesamtkonzept ihre Individualität. Qualitative Ausreißer gibt es nur einmal, in der ersten Einzelanthologie findet sich eine Geschichte, die sehr verworren, aber dafür gut geschrieben ist.

Der Sprung von Einzelanthologien zum Sammelband

Im Oktober 2016 erschien Happy End und bildete den Startschuss der Erzählungen um Saint Falls. Die Geschichten sind noch nicht allzu sehr miteinander verknüpft, zumindest wirkt es so, bis man nach und nach immer mehr Details erfährt und ein klareres Bild entsteht. Nach dem fiesen Cliffhanger mussten die Leser bis Dezember des gleichen Jahres warten, um zu erfahren, wie es weitergeht. War in Band 1 noch Wolfs Vorgehensweise das Hauptthema, so legt der zweite Teil mehr Fokus auf Beast und seinen Aufstieg in Saint Falls. Die Handlung steuert immer mehr auf einen unausweichlichen Krieg zu und nur wenige wagen es, diesen verhindern zu wollen. Doch niemand rechnet mit der dritten Partei, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgt. Für den Sammelband, der schließlich im März 2017 das Licht der Welt erblickte, wurden die Geschichten der ersten beiden Anthologien noch einmal neu geordnet, um eine möglichst chronologische Erzählung zu gewährleisten. Leider verlieren die Geschichten dadurch etwas von ihrem super Zusammenspiel, denn manchmal weiß man doch schon von Details, die erst in der nächsten oder übernächsten Geschichte aufs Tablett gebracht werden. Dennoch: Wer das Glück hat, die limitierte Edition zu besitzen, darf sich über ein farbiges Charakterbild vor jeder Geschichte freuen.

Ich konnte von Anfang an die Veröffentlichungen um Saint Falls verfolgen, da eine Freundin von mir in allen drei Einzelanthologien vertreten ist. Nach und nach kamen andere bekannte Gesichter dazu und auch die Initiatoren durfte ich kennenlernen. Jeder Band löste in mir eine Achterbahnfahrt der Gefühle aus, man wird als Leser nicht geschont und bekommt für sein Geld das, was man erwartet: düstere Geschichten in Kombination mit der Freude daran, die Figuren und Interpretationen ihren Märchenvorlagen zuzuordnen, was durchaus nicht immer sofort klar ist. Ich spüre, wie viel Leidenschaft jeder Autor in dieses Projekt gesteckt hat und verfolgte gespannt, wie jede der Figuren um ein wenig Farbe innerhalb dieser grauen Stadt voller Dreck, Hass und Gewalt kämpft.

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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