Cenusa – Asche zu Asche

Im Januar 2018 startete die, im wahrsten Sinne des Wortes, tödliche Verfolgungsjagd um Darja, Protagonistin in Cenuşă – Asche zu Asche. Die kleine Novelle ist beim Art Skript Phantastik Verlag erschienen und bringt uns in eine Welt voller Technomagie, Lichtgewehren und einem Heiratsantrag an den Tod.

  

Hinrichtungen sind selten eine angenehme Angelegenheit, aber das ist kein Grund zu faulenzen. Die Henker, die für die Hinrichtung von Darja verantwortlich sind, sehen das anscheinend anders. Statt selbst die Ärme hochzukrempeln, einen ordentlichen Scheiterhaufen aufzubauen oder direkt selbst die schartige Axt auszuwetzen, wird kurzerhand der Tod höchstpersönlich gerufen, um die magiebegabte Rebellin in den ewigen Hexenkräutergarten zu befördern. Gerechterweise wird das Joboutsourcing prompt bestraft, denn Darja schafft es mittels kussmundiger Ablenkung, den Fängen von Leonid, so der Name des Schnitters, zu entkommen. Eine wichtige, persönliche Mission vor Augen treibt sie an und ein Rennen gegen den Tod beginnt…

Kleiner Blick in große Welt

Das schmale Novellchen umfasst knapp 120 Seiten und ist für gnadenlos hungrige Bücherratten eher eine Vor- oder Nachspeise als ein vollwertiger Hauptgang. Trotzdem kann sich der Happen lohnen, denn die skizzierte Welt – das Setting, in dem sich die Geschichte abspielt – ist durchaus interessant. Darjas Abenteuer spielt zu Beginn eines fiktiven 20. Jahrhunderts, in dem sich Maschinisten und Teslaner gegenseitig mit immer neuen wundersamen technischen Errungenschaften gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Eine dritte Partei in Form der Magierzunft ist ebenfalls vorhanden, deren Fähigkeiten weitreichend und mächtig sind. Die Geschichte startet in einer von Teslanern besetzten Ukraine, in der sich Darja eine Jagd mit dem Tod liefert, um ihren Bruder zu retten, der zwangsweise rekrutiert wurde. Bei ihrer Hatz bekommt man immer wieder kleine Einblicke in die Welt, in die Umstände, aber, aufgrund der Kürze, immer nur vage. In diesem Fall ist es aber zumeist eher ein Vorteil, da es Raum für die eigene Vorstellung lässt und einen interessanten Rahmen für die Handlung bildet. Die Betonung liegt auf ‚zumeist‘, denn mitunter driftet das Geschriebene in eine Art Technobabble ab, der mit einer gehörigen Portion Magie gewürzt wurde. Techmagebabble, wenn man so will. Waffenfunktionen vermischt mit Magiearten, Zugriffsweisen, unterschiedlichen Aetherebenen, Elektropulse lassen einen als Leser blinzelnd und mit einem ‚Ja, genau … das!‘ zurück, bevor man sich mit sich selbst darauf einigt, es als ‚Magie/Technik halt‘ abzutun. Dadurch werden manche Passagen etwas schwer nachvollziehbar, auch wenn man ohne Probleme wieder in die Spur zurückkommt.

Ein fragwürdiger Tod

Originaltitel Cenuşă – Asche zu Asche
Ursprungsland Deutschland
Jahr 2018
Typ Novelle
Bände 1
Genre Fantasy
Autor Stefanie Mühlsteph
Verlag Art Skript Phantastik

All das klingt nun erst einmal sehr positiv, allerdings ist die Rahmung der Geschichte eher der Star der Show als die Handlung selbst, die deutlicher an der Kürze leidet, aber auch generell ein paar Problemchen hat. Und ausnahmsweise beginnt es mit dem Tod. Denn der blonde und blauäugige Leonid ist nicht ganz das, was man sich gemeinhin unter dem dunklen Schnitter vorstellt. Damit ist nicht so sehr die fehlende Sense und eine generelle Weigerung gemeint, in Großbuchstaben zu reden, sondern seine stark menschlichen Züge. Faktisch ist er nämlich nicht DER Tod, sondern, wenn man so will, einer von mehreren Todesboten, die früher einmal Menschen waren. So gesehen ist es also durchaus legitim, wenn Leonid sich mit einem Kuss von seiner Seelensammelei ablenken lässt oder von einem spontanen Heiratsantrag perplex zurückgelassen wird. Trotzdem ist es äußerst gewöhnungsbedürftig; es wirkt fernab von einer überzeugenden Personifikation des Todes und sollte besser als ‚extrem mächtiger Magier mit Lizenz zum Töten‘ gesehen werden. Aber selbst dann wird man der Romanze zwischen Darja und Leonid eher mit gemischten Gefühlen begegnen. Anhand dieser Entwicklung wird besonders das Problem der Kürze deutlich, denn der Umschwung von ‚Ich bin der Tod und gekommen, dich zu richten‘ zu ‚Ich liebe dich, du verrückte Hexe‘ dürfte selbst unter guten Bedingungen schwer zu schlucken sein. Statt einem Totenschädel in Kutte grinsen einem hier eine Vielzahl an Klischees der Sorte ‚dunkler, mysteriöser (aber attraktiver!) Mann trifft auf rebellische Frau, die sein Herz erwärmt‘.
Zudem fällt es generell schwer, stark mit den Figuren zu sympathisieren oder mit dem Geschehen mitzufiebern, da nicht genügend Zeit bleibt, um das Geschehene sich setzen zu lassen und mitunter einfach zu viele Fässer aufgeschlagen werden. Leonid, der Darja jagt; Darja, die einen wichtigen Turm zerstören und später ihren Bruder retten will; Magier, die sich ebenfalls einmischen und ein weiterer Todesbote, der irgendwo in den Schatten herumschlawenzelt, lassen die Geschichte überladen wirken. Insbesondere, wenn es noch mit all den Begriffen, Magiearten und Erfindungen gepaart wird, die zwar die Welt positiv anklingen lassen, aber nicht unbedingt zur Übersicht beitragen.

Cenuşă – Asche zu Asche ist eine dieser Geschichten, in der interessante Ideen stecken, deren eigentliche Handlung aber etwas untergeht. Wobei ich persönlich selbst unter den besten Umständen einer Liebesgeschichte zwischen Frau XY und dem TOD (!) ziemlich kritisch gegenüber stehen würde. Entsprechend bin ich von dem Part alles andere als angetan, auch wenn ich mir gedanklich Leonid als ‚mächtigen Magierdude‘ abgespeichert habe, um zu heftiges Kopfschütteln meinerseits zu vermeiden. Es passt für mich einfach überhaupt nicht zu einer Personifikation des Todes, daher war ich auch etwas enttäuscht von dem Start, da ich mir ihre Flucht vor dem Tod etwas eindrucksvoller vorgestellt habe. Wie auch immer. Wer sich an besagter Romanze nicht stört und einen Einblick in eine nette Welt haben will, kann durchaus einen Blick riskieren. Wer bei der Vorstellung wiederholt in Großbuchstaben ‚NEIN‘ brüllt, hält sich besser fern und lässt Asche, Asche sein.

Zweite Meinung:

Der Schreibstil von Stefanie Mühlsteph hat mich sofort in seinen Bann gezogen, genauso wie die Handlung. Ich finde die Idee von Magie, die auf Basis von Physik funktioniert, extrem genial und auch wenn ich Physik als allererstes abgewählt habe, so konnte ich mir die Vorgänge gut vorstellen und saß beim Lesen auf einmal aufrecht da. Mein einziger Gedanke in dem Moment: GEIL! Die Handlung selbst finde ich nicht überladen, trotzdem hätte ich gern mehr gelesen, weil mir die Ansätze so gut gefallen. Die Beziehung zwischen dem Tod und Darja finde ich ungewöhnlich, aber nicht übereilt. Das Tempo ist generell hoch und so passt auch das in meinen Augen. Vor allem, weil man nicht komplett weiß, was der Tod als Mensch erlebt hat. Oder als Todesinkarnation, Darja ist ein frischer Wind in eventuellen Abstumpfungserscheinungen; ein Weg, auszubrechen. Die Novelle habe ich in Rekordzeit gelesen und sehne mich jetzt nach mehr!

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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