Just Because

Sicher freut sich das Studio hinter Just Because darüber, dass es ihre Schöpfung auf den 30. Platz der Liste der 50 besten Anime 2017 des japanischen Forums 2channel geschafft hat. Aber was genau zeichnet dieses ruhige, um Authentizität bemühte Alltags- und Liebesdrama aus, und hat es die Lorbeeren überhaupt verdient? Nachdem wir den einzelnen Episoden Woche für Woche jeweils eigene Besprechungen gewidmet haben, hier unser Gesamteindruck der Serie des jungen Studios PINE JAM.

Just Because macht sich den aufregenden und emotionalen Übergang von der Schulzeit ins Berufs- und Erwachsenenleben zum Thema. Ausgerechnet in diesen letzten Monaten seiner Schulzeit muss Eita Izumi durch den Rückzug seiner Familie in seine alte Heimat Fujisawa noch einmal die Schule wechseln. Hier trifft er alte Bekannte wieder: seinen Baseballkameraden Haruto Souma und dessen Schwarm, die schüchterne Trompetenspielerin Hazuki Morikawa. Und Natsume Mio, Eitas unglückliche Liebe aus Mittelschultagen, die aber nach wie vor Augen für einen anderen zu haben scheint. Doch was haben solche Gefühle, Hobbies und Clubaktivitäten noch für eine Bedeutung für die vier angesichts des großen Umbruchs in ihrem Leben, der sich mit wichtigen Entscheidungen, unsicheren Zukunftsplänen und stressigen Aufnahmeprüfungen bereits ankündigt? Was sollen sie bewahren, für welche Träume sollen sie weiter kämpfen, welche davon endgültig begraben? Derweil hat die um ein Jahr jüngere Ena Komiya ihren Traum genau vor Augen: Mit einem Bild von Eita bei seinem Wiedersehen mit Haruto möchte die passionierte Fotografin an einem Fotowettbewerb teilnehmen und den von der Auflösung bedrohten Fotoclub der Schule retten.

Ruhiges, bodenständiges Porträt einer Umbruchszeit

Originaltitel Just Because
Jahr 2017
Episoden 12 (1 Staffel)
Genre Slice of Life, Drama, Romantik
Regisseur Atsushi Kobayashi
Studio PINE JAM

Wie üblich für das Slice of Life-Genre porträtiert Just Because also eine bestimmte Phase im Leben seiner Charaktere, wobei der Übergang der Jugendlichen in das Erwachsenendasein potenziell gute Anknüpfungspunkte für ein interessant gestaltetes Alltagsdrama bietet. Mit Hajime Kamoshida, dem Autor der Light Novel The Pet Girl of Sakurasou und Charakterdesigner Kiseki Himura (Manga Sword Art Online Progressive) standen der Produktion des Anime auch zwei mit solchen Themen durchaus vertraute Personen zur Verfügung. Beide hatten zuvor schon an PINE JAMs Tawawa on Monday gearbeitet, das in fünfminütigen Episoden die Freuden und Leiden junger japanischer Arbeitnehmer nachzeichnet.

Im Gegensatz zum lockeren ‚Feel Good‘-Charakter der Vorgängerproduktion schlägt Just Because aber einen ungleich ernsteren Erzählton an, der auf absolute Realitätsnähe achtet. Der Fokus der Geschichte liegt zudem hauptsächlich auf den Emotionen und sich ändernden Ansichten der Hauptfiguren angesichts des mit gemischten Gefühlen erwarteten Wandels ihrer Lebenswelten. Dementsprechend trottet die Handlung meistens eher gemächlich vor sich hin, mit viel Liebe zum Detail bei der Beleuchtung der dargestellten Alltagssituationen, und immer wieder und teils lange unterbrochen von Dialogen. Doch neben all der Entschleunigung kommt es – vor allem, wenn es um die Liebe geht – auch öfters zu intensiven Szenen, bei denen man sich fühlt wie während einer Achterbahnfahrt, wenn es am oberen Ende des Lifthügels in den steilen Fall geht. Zuweilen sind auch Loopings zu erwarten, denn die Handlung hält Überraschungen bereit, die vorangegangene Erwartungen auf den Kopf stellen.

Episodenguide

1 On Your Marks
2 Question
3 Andante
4 Full Swing
5 Rolling Stones
6 Restart
7 Snow Day
8 High Dynamic Range
9 Answer
10 Childhood’s End
11 Roundabout
12 Get Set, Go!

Einsatz von Metaphern und Symbolen

Die Stärke des Anime liegt aber dennoch eher beim „Wie?“ der Erzählung. Besonders erwähnt werden sollte dabei der häufige Einsatz von Metaphern und Symbolen wie Hazukis Trompete, Harutos und Eitas Baseballhandschuhe oder auch der Radiergummi, mit dem sich Natsume an ihre erste große Liebe erinnert. Durch deren wiederkehrende Verwendung gelingt es gut, die nach wie vor starke Verhaftung und das Klammern der Hauptfiguren an ihr eigenes Jugendidyll glaubhaft zu vermitteln, sowie ihren Versuch, aus dieser alten Wertewelt heraus, dem Wandel ihres Lebens einen Sinn zu geben. Vor allem das Baseballspiel entwickelt sich für Haruto und Eita zu einer Art Ritual vor wichtigen Entscheidungen, fast schon wie ein Gebet.

Sound und Visuals als Teil der Erzählung

Neben dem bildlichen Erzählstil nutzt Just Because auch die audiovisuelle Ebene, um die Stimmung und die Gefühle seiner Figuren überzeugend darzustellen. Gut eingesetzt werden beispielsweise Licht und Schatten. So finden viele Gespräche der Figuren über vergangene Zeiten und alte Wünsche im Abendrot statt. Mit Hazukis hoffnungsvoller Trompetenbegleitung für das Baseballteam der Schule beim letzten Turnier, die sie nicht nur in der ersten Folge anklingen lässt, sorgen die Charaktere teilweise selbst für die Hintergrundmusik und für eine mit der Erzählung und den Visuals gut abgestimmte Vermittlung der jeweiligen Stimmung.

Runde Charaktere und der Ena-Faktor

Angesichts der Ausführungen zu Erzählstil und Handlungsgestaltung ist es keine Überraschung, dass die Hauptfiguren jeweils runde, komplexe Charaktere darstellen. Ein Großteil der Spannung im Verlauf der Serie entsteht dann gemäß dieser Komplexität auch durch die Frage nach ihren Beziehungen untereinander – das klassische „Wer-mit-Wem?“ eben. Dabei verhindert Just Because aber das Abrutschen in den Bereich billiger Melodramen dadurch, dass die Rollen im Drama immer wieder neu verteilt werden. Vor allem im Hinblick auf die Liebesgeschichte betont die Serie positiverweise, dass der Liebeskummer eben nur ein Teil der sehr viel komplizierteren Alltagswelt der Hauptfiguren ist. Auch sind die Charaktere nicht statisch und lernen durchaus aus ihren Erfahrungen im Verlauf der Geschichte. Dies gilt vor allem für die männliche Hauptfigur Eita, der zu Beginn dem schwächlichen, introvertierten Standardcharakter des Genres zwar sehr ähnelt, was er aber selbst bald als nicht unbedingt vorteilhaft und als Hindernis für die Erreichung seiner Ziele erkennt.

Spricht man von den Charakteren von Just Because, darf eine Besonderheit nicht übersehen werden. Sie kommt in Form der quirligen und immer unter Strom stehenden Fotografin Ena. „Das fünfte Rad am Wagen“ – könnte man sich bereits beim Betrachten der Liste der Hauptfiguren und ihrer geschlechtlichen Verteilung denken. Also eine dieser Figuren, bei denen man sich am Ende fragt, weshalb sie trotz ihrer Bedeutungslosigkeit für die Handlung so oft zu sehen war. In diesem Fall ist es jedoch umgekehrt. Trotz ihrer anfänglich nebensächlichen Verknüpfung trägt Ena nicht nur zur Handlung bei, ihr aktiver und mitreißender Charakter ist in vielen Fällen deren alleiniger Antrieb. Durch die Kontrastierung ihrer den vier anderen Figuren entgegengesetzten Situation, in der sie sich für die Erhaltung dessen einsetzt, was die anderen für sich schon als verloren glauben, gewinnt der Anime an Authentizität und Vielschichtigkeit. Und schließlich ist sie eine Sympathieträgerin, deren Charakter die gedämpfte Stimmung des Dramas oft zu überstrahlen vermag.

Dank seiner Vielschichtigkeit und seiner abwechslungsreichen Handlung, die unter Nutzung aller ihr zur Verfügung stehenden Elemente ein sensibles und an der Realität orientiertes Bild junger Menschen an ihrem Übergang in eine neue Lebensphase zeichnet, gehört Just Because sicherlich zu den besseren Titeln seines Genres. Diese Aspekte sind auch für mich die herausragenden Elemente des Anime. Dank dem Zusammenspiel der Bilder, Dialoge und den detaillierten Beschreibungen fällt es mir nicht schwer, in die Situation und die Gefühlswelt der Charaktere einzutauchen. Und obwohl das japanische Schulsystem mit dem deutschen keineswegs identisch ist, hat es die Serie mehr als einmal geschafft, meine Erinnerungen an das eigene Ende meiner Schulzeit wachzurufen und mich emotional noch einmal an diesen bedeutenden Übergang zu führen.

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nightfury

nightfury liebt Geschichte(n), gibt aber auch gerne seinen eigenen Senf dazu: er verkriecht sich für seine Doktorarbeit in staubige Archive und philosophiert viel zu lange über das Werk, das er konsumiert hat. Leider mag er auch Sprachen und ist ein Grammatik-Freak, weshalb kein Text vor seinem Pedantismus sicher ist. Wenn er mit seiner Besserwisserei dann endlich am Ende ist, hört er auch gern mal den Anderen zu oder spielt ihnen mit seiner Westerngitarre Lieder von Johnny Cash vor.

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chianna
Redakteur

nightfury hat wunderbar zusammengetragen, was auch mich an diesem Anime angesprochen hat, so dass ich mich hier mal ganz auf meine subjektive Einstellung zu „Just Because“ konzentriere.

Vorweg: Ich bin eigentlich kein großer Fan von SoL-Anime. Zu häufig stecken die Protagonisten in Stereotypen fest, ähnelt das Setting dem gefühlt hunderter anderer Settings, gibt es Drama nur um des Dramas willen und und und. Überraschenderweise hatte ich bei „Just Because“ zu keiner Zeit das Gefühl, dass einer dieser Punkte eine Rolle spielte. Lebensnah, plausibel, entwicklungsstark und mit nachvollziehbaren Überraschungen, das ist genau die Art von Geschichte, die ich mir in diesem Genre zu sehen wünsche, und die habe ich bekommen. Die Charaktere wuchsen mir ans Herz, eine Vorliebe und eine Abneigung entwickelten sich. Und ich genoß das Tempo der Erzählung, in der nicht nur Worte und Aktionen die Handlung vorantrieben, sondern unglaublich intensive stille Momente mit rein visuellen Eindrücken wirken konnten.

Für mich ist „Just Because“ definitiv ein Anime ohne Mindesthaltbarkeitsdatum, zeitlos schön und ein zweites Anschauen wert.

Ayres
Redakteur

Das klingt in der Tat sehr interessant, was ihr schreibt. Und trotzdem befürchte ich, dass die Serie nicht so richtig den Mittelweg zwischen hausgemachter Dramatik und gepflegter Langeweile findet, die ich mir von Animes wünsche. Andererseits war ich auch noch nie die Zielgruppe solcher Titel und konnte selbst mit ernsthaften Titeln wie True Tears nicht viel anfangen.