Paper Girls

Paper Girls: eine Geschichte über Freundschaft, Schwesternliebe, Erwachsenwerden und die vermutlich verdrehteste Zeitreise-Erfahrung der letzten Jahre. Für seinen Future-Retro-Mix erhielt Autor Brian K. Vaughan (Saga) sowohl den Eisner Award 2016 für die beste neue Serie als auch das „Bestanden“-Häkchen beim Bechdel-Test. Was braucht es da mehr? Richtig: eine Veröffentlichung in Deutschland. Mit schicken Hardcovern. Der Verlag Cross Cult hat sich dieser Aufgabe nun angenommen.

   

1. November 1988, der Morgen nach Halloween bzw. der „Höllen-Morgen“ für vier junge Zeitungsmädchen in Ohio. Um sich gegen etwaige betrunkene Nachzügler in vollgereierten Kostümen behaupten zu können, schließen sich Erin, Mac, Tiffany und KJ für ihre Zeitungstour zusammen. Dabei stoßen sie aber auf mysteriöse Wiedersacher, die eindeutig keine Ortsansässigen sind und die ihnen nach einem Handgemenge die Walkie-Talkies stehlen. Furchtlos wie sie sind, nehmen die Paper Girls die Verfolgung auf und verheddern sich in einem absolut strangen Trip durch Raum und Zeit.

Vier Mädchen beißen in den Apfel

Originaltitel Paper Girls
Jahr 2015 (USA), 2017 (D)
Land USA
Genre Science-Fiction, Mystery
Autor Brian K. Vaughan
Zeichner Cliff Chiang
Verlag Images (USA), Cross Kult (D)

Du sitzt in Badehose/im Badeanzug auf der nackten Oberfläche des Mondes. Vor dir steht Christa McAuliffe mit Engelsflügeln und heißt dich im Himmel willkommen. Neben dir der Teufel, der damit droht, deine Schwester aufzuspießen, wenn du ihm nicht eine Expertenfrage zu den Native Americans beantworten kannst. Vor dir wieder Christa McAuliffe, diesmal mit einem Totenschädel als Gesicht, und sie hält dir anklagend einen Apfel unter die Nase und zischt: „.. esst nie vom Baum der Erkenntnis…“
Diese Traum-Szene bildet den Einstieg zu Paper Girls und ist Vaughans leicht skurril anmutende Art, den coming-of-age-Charakter der Geschichte anzudeuten. Der Apfel als Symbol für den Verlust der Unschuld wird subtiler Dauerbegleiter der Paper Girls, bei denen es sich um vier sympathische, nicht auf den Mund gefallene Archetypen mit verschrobenen Eigenheiten handelt.

KJ ist Jüdin, spielt Hockey und gibt die Rolle des Preppy. Tiff ist der katholische Tech-Nerd, der den ganzen Winter hart gearbeitet hat für ein Realistic TRC-218 CB mit Kristalldioden für bis zu 14 Kanäle (es ist nicht einfach nur ein Walkie-Talkie). Mac markiert die rauchende Rebellin und Bandenführerin, die – obgleich sie als Kampflesbe durchgehen könne – homophob veranlagt ist. Und schließlich Erin, der Newbie und unsere augenscheinliche Protagonistin.
Von Anfang an funktioniert die Dynamik zwischen der Mädchen sehr gut und die Beziehungen fallen komplex aus. So tadelt Newbie Erin zwar die taffe und altgediente Mac für das Sch(lampe)-Wort und dafür, dass sie Aids und Schwule synonym benutzt, verteidigt sie aber auch wenig später vor der Polizei und verschafft ihr ein Alibi.

So weit, so normal.

Die Piñata platzt

Keine vier Seiten später und es ist vorbei mit dem miefigen Vorstadtfeeling. Das Paper Squad gerät zwischen die Fronten eines absolut obskuren „Generationenkonflikts“, der sich bereits über 6000 Jahre zu erstrecken scheint. Auf der einen Seite die vermummten Walkie-Talkie-Diebe, die „wie mutierte Russen aus Tschernobyl“ ausschauen. Auf der andere Seite religiöse Invasoren, die mit Rüstung und Lanze ausgestattet auf riesigen Flugsauriern reiten und wie Shakespeare mit Ghetto-Slang klingen.
Auf der Flucht vor den Dino-Rittern werden die Mädchen aus ihrer angestammten Jahreszeit herauskatapultiert und landen im Jahre 2016. Die Abstrusitäten reißen auch dort nicht ab, denn sie treffen auf Klone, ältere Ausgaben ihrer Selbst, und überdimensionale Bärtierchen, die – Godzilla zum Vorbild – Städte zu Schrott hauen. Und zwischen all dem tauchen immer wieder Produkte von Apple auf – gleich einer heiligen Ikone. Die Bedeutung dahinter? Noch unbekannt.

Für die Konfetti-Party, die Autor Brian K. Vaughan hier veranstaltet, hat er sich den Zeichner Cliff Chiang (Wonder Woman) ins Boot geholt. Dessen kantige und mitunter sehr dicke Linienführung (zeichnet er mit Textmarker?) und die Nutzung von Knopfaugen in Momenten der Komik (u.a.), erinnern irgendwo an einen gemäßigten Jim Mahfood (Grrl Scouts) und bringen die nötige popkultige Note mit rein.

Erster Eindruck:

Paper Girls ist ziemlich abstrus. Wo geht die Reise hin?, frage ich mich auch nach zwei Bänden noch. Etliche Ideen treffen hier aufeinander, sehr temporeich und kurzweilig. Aber story- oder gefühlsmäßig hab ich noch keinen richtigen Vertrag mit dem Paper Squad hinbekommen. Ich hoffe, Vaughans chaotisches Konstrukt um Neonfarben, Popkultur-Referenzen, Zeitreisen und Apple wird im weiteren Verlauf aufgehen und denjenigen, der dran bleibt, mit irgendwas annähernd Rundem belohnen. Vorsichtige (man vermeidet Spoiler ja wo man kann, nech) Blicke ins amerikanische Internet jedenfalls wecken Hoffnung.

Sharing is caring / Artikel teilen:
  • 1
  •  
  •  

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: