Mord im Orient-Express (2017)

Stolze 83 Jahre nach Veröffentlichung des gleichnamigen Romans von Agatha Christie kam im November 2017 die inzwischen fünfte Verfilmung des Stoffs in die Kinos. Dabei liegen die letzten beiden Adaptionen noch im selben Jahrzehnt, doch die einzige von Ruhm geprägte Adaption erschien bereits 1974 und konnte immerhin sechs Oscar-Nominierungen einstreichen. Zeit also, diesen Erfolg zu überbieten. Kennth Branagh saß dabei nicht nur auf dem Regiestuhl, sondern schlüpfte auch gleich noch in die Hauptrolle des belgischen Ermittlers Hercule Poirot. Um die Oscar-Chancen noch weiter auf die Spitze zu treiben, wurde eine hochkarätige Besetzung engagiert, die jede Menge Preisträger aufweist. Doch auch große Namen helfen nicht, wenn erzählerische Stolpersteine nicht elegant umgangen werden…

1934. Nachdem Detektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) in Jerusalem wieder einmal seine Genialität unter Beweis stellen durfte, macht er sich auf nach London. In Istanbul verschafft ihm sein Freund Bouc (Tom Bateman, Mädelstrip) ein Abteil im Orient-Express nach Calais. Der Zug ist nicht nur vollbesetzt, auch ist die Riege der Reisenden sehr international. An Bord des Zuges trifft Hercule viele Menschen: den Geschäftsmann Edward Ratchett (Johnny Depp, Alice im Wunderland) mit seinem Assistenten Hector MacQueen (Josh Gad, Die Schöne und das Biest) und seinem Butler Masterman (Derek Jacobi, Gladiator), die Prinzessin Dragomiroff (Judi Dench, M aus James Bond) mit ihrer Bediensteten Hildegard Schmidt (Olivia Colman, Die Eiserne Lady), die Witwe Caroline Hubbard (Michelle Pfeiffer, Der Sternwanderer), Professor Gerhard Hartmann (Willem Dafoe, What happened to Monday), die Missionarin Pilar Estravados (Penélope Cruz, Volver – Zurückkehren), den Arzt Dr. Arbuthnot (Leslie Odom Jr., Person of Interest), den Autohändler Marquez (Manuel Garcia-Rulfo, Die glorreichen Sieben), die Gouvernante Mary Debenham (Daisy Ridley, Star Wars: Das Erwachen der Macht) sowie den Grafen Andrenyi (Sergei Polunin, The White Crow) und seine Frau (Lucy Boynton, Sing Street). In den Gesprächen stellt der Belgier Hercule nicht nur sein aufmerksames Auge unter Beweis, sondern nimmt auch Notiz von den Eigenheiten der Reisenden. Als eine Schneelawine den Zug im Balkan stoppt und ein Passagier tot in seinem Abteil aufgefunden wird, macht Hercule es sich zur Aufgabe, den Mörder zu entlarven…

Viele Figuren, wenig Zeit

Originaltitel  Murder on the Orient Express
Jahr 2017
Land USA
Genre Drama, Krimi
Regisseur Kenneth Branagh
Cast  Hercule Poirot: Kenneth Branagh
Pilar Estravados: Penélope Cruz
Mr. Hardman: Willem Dafoe
Natalia Dragomiroff: Judi Dench
Edward Ratchett: Johnny Depp
Hector MacQueen: Josh Gad
Edward Masterman: Derek Jacobi
Dr. Arbuthnot: Leslie Odom Jr.
Caroline Hubbard: Michelle Pfeiffer
Mary Debenham: Daisy Ridley
Hildegarde Schmidt: Olivia Colman:
Laufzeit  114 Minuten
FSK

Die Neuverfilmung nimmt sich Zeit, um Branaghs Poirot in Ruhe vorzustellen. Hier wurde an eine neu hinzugeschriebene Szene in Israel angeknüpft, die das Talent des flamboyanten Genies unter Beweis stellt. Das kommt der kauzigen Figur zugute, denn sobald die Ermittlungen beginnen, rücken die jeweils Verdächtigten in den Mittelpunkt der Erzählung, sodass für den Detektiv selbst kaum noch Zeit bleibt. Daher ist die Entscheidung, seine Persönlichkeit bereits zu Beginn mit Eigenschaften aufzuladen, begrüßenswert. Dieser Poirot findet sich irgendwo zwischen anerkanntem Genie, tiefsinnigem Grübler und eitlem Selbstbewusstsein wieder, sodass die Figur durchaus einen schillernden Eindruck hinterlässt. Anders sieht es da mit den Reisenden aus, die angesichts der ungünstigen Kombination aus einem großen Cast und einer durchschnittlichen Laufzeit nur bedingt die Möglichkeit erhalten, dem Glanz ihres Namens gerecht zu werden. Die einzigen, die ihre Rolle mit Leben füllen dürfen und nicht nur eine Figur bleiben, sind Michelle Pfeiffer und Josh Gad, deren Rollen davon profitieren, dass sie mit dem Toten den meisten Kontakt vor dessen Ableben hatten. Alle anderen bekommen hier und dort mal einen Satz in den Mund gelegt, doch mehr als grobe Eckdaten zu ihren Figuren hinterlassen die Darsteller nicht.

Luxuriöse Ausstattung und noble Kostüme

Immerhin lassen sich die Kostüme sehen: Oscarpreisträgerin Alexandra Byrne (Elizabeth – Das Goldene Königreich) zeigt sich verantwortlich für die historischen Kostüme, die für jeden Charakter mit viel Fingerspitzengefühl ausgewählt wurden. Neben der luxuriösen Einrichtung der Waggons und den landschaftlich atemberaubenden Bildern lässt sich das hohe Budget bereits von Weitem abzeichnen – wenn man einmal die Castliste gänzlich außer Acht lässt. Da ein Teil der Handlung auch außerhalb des Zuges spielt, werden die Schauwerte weiter erhöht. Für die Auflösung wäre ein spektakulärerer Schauplatz nicht verkehrt gewesen, doch so bleibt immerhin ein künstlerischer Bezug erhalten: Die am Eingang des Tunnels nebeneinander sitzenden Reisen erinnern sehr an da Vincis “Abendmahl”.

Drama statt Krimi

Der vertrackte Mordfall erweist sich als tückisch: Einerseits werden die einzelnen Geschichten der Reisenden logisch miteinander verknüpft, andererseits gelingt die Auflösung des großen Ganzen auch nur mit viel Wohlwollen. Krimi-Fans (die die Geschichte ohnehin bereits kennen sollten) werden angesichts des überschaubaren Miträtsel-Anteils eher ernüchtert sein. Mord im Orient-Express (2017) ist auf Drama ausgerichtet, das moralische Grauzonen nur allzu häufig anreißt. Die Momente, in denen Poirot kombinieren darf, sind mitunter für den (ahnungslosen) Zuschauer weit hergeholt und müssen mit der Brillanz des Detektivs erklärt werden. Deshalb ist auch die Auflösung meilenweit von dem entfernt, was der Zuschauer sich aufgrund der Beweislage zusammenreimen wird. Hieraus ergeben sich zwei Probleme: Das Ende ist konstruiert, kann aber aufgrund besagter Genialität noch verschmerzt werden. Die Inszenierung der Auflösung lässt jedoch viel Luft nach oben und fällt so unspektakulär aus, dass der Film ein anständiges Finale verfehlt. Eine der Geschichte hinzugedichtete Actionszene, die allerdings bereits früh im Film stattfindet, stellt den dramaturgischen Höhepunkt dar. Alles darauf Folgende erreicht diesen nicht mehr, wodurch die Geschichte letztlich im Nirgendwo versackt und nach dem Ende eben wie eines von vielen Kapiteln aus dem Leben Poirots wirkt.

Ich war sehr gespannt darauf, ob der Film, der solch eine gewaltige Castliste ausrollt, den großen Namen auch gerecht werden könnte. An dieser Stelle versagt der Film leider auf ganzer Ebene, denn die überwiegend herumsitzenden Figuren würden  ihre Funktion auch mit weniger großen Namen erfüllen. Hier will die Bezeichnung der “Mogelpackung” einfach zutreffen, ohne dass das dem Film schwer angekreidet werden soll: Am Ende ist es die antiklimatische Inszenierung, die dafür sorgt, dass die Luft mit der Auflösung völlig entfleucht, und das kann auch die Rekonstruktion des Tathergangs nicht mehr retten. Auf der positiven Seite steht der überragende Kenneth Branagh, der die Rolle des kauzigen Belgiers nur zu gut bedient. Heraus kommt dabei ein sehr durchwachsenes Resultat mit dem faden Beigeschmack, was der Film alles hätte sein können.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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Centy
Redakteur

Natürlich haben mich auch die großen Namen sehr neugierig gemacht, aber hauptsächlich hat mich interessiert, ob der Film dem Buch gerecht werden würde. Denn ich lese die Christie-Krimis sehr gerne, vor allem die Poirot-Romane nehme ich alle paar Jahre mal wieder zur Hand.
Ich kann mich der Meinung anschließen, dass der Film auch mit weniger namhaften Schauspielern hervorragend funktioniert hätte, denn Kenneth Branagh spielt einen überragenden Hercule Poirot (dieser Schnurrbart…). Es gab nur ein, zwei kleine Stellen (u. a. genannte Actionszene), die ich als völlig unpassend empfand. Vielleicht deshalb ist auch mein Gesamteindruck alles in allem sehr gut. Gerade dieses eben nicht Finale, sondern dieser reine Abschluss des Falls hat mir gut gefallen. Der Meisterdetektiv muss sich damit auseinandersetzen, dass nicht alles gut und böse ist, sondern dass es auch Zwischenstufen gibt. Und das darf nicht spektakulär passieren, sondern das muss in seiner Mimik und Gestik, in seiner Art und Weise rekapituliert werden. Und das ist meiner Meinung nach hervorragend gelungen, eben durch den Darsteller selbst. Poirot ist kein Detektiv, der durch die Gegend rennt und sich Duelle liefert, darauf wird in den Romanen immer Wert gelegt. Und größtenteils ist das hier sehr schön dargestellt worden.

Zu meiner Schande muss ich allerdings dazu stehen, dass alle anderen Charaktere mehr oder weniger an mir vorbei gegangen sind. Sie waren da und haben ihre Rolle erfüllt, aber wirklich auf sie geachtet habe ich gar nicht…

Prinzessin Blaubeere
Redakteur

Ich bereue es ein bisschen, dass ich den Film im Kino gesehen habe. Für einen DVD-Abend wäre er perfekt gewesen, aber die große Leinwand braucht er einfach nicht.
Von den Namen habe ich mich auch in die Irre führen lassen. Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass ich erwarte einen Film mit Johnny Depp zu sehen und dann dient er bloß als Zugpferd im Trailer. Stört hier jetzt nicht unbedingt weiter, da sowieso Poirot im Vordergrund steht und er eigentlich mit die einzige Person ist, die richtig greifbar wird bis zum Ende. Aber dennoch finde ich es ärgerlich, wenn man Filme mit großen Namen anpreist und diese dann gar keine große Rolle spielen. Zudem ist es schade, weil gerade die großen Namen in dem Film gar keine Möglichkeit haben sich auszuspielen und eher sehr knapp skizzierte Persönlichkeiten bleiben (weswegen ich auch am Ende sehr unemotional war; die Schicksale der einzelnen Personen waren mir relativ gleichgültig).
Davon abgesehen ist der Fall aber spannend und die fast zwei Stunden gingen echt schnell rum. Beim Ende bin ich zwiegespalten. Es ist originalgetreu umgesetzt, nehme ich an? Einerseits gefällt es mir wegen Poirots Entwicklungsprozess und der Erkenntnis, dass eben doch nicht alles in Gut oder Böse eingeteilt werden kann; aber andererseits für mich persönlich war es ein bisschen unbefriedigend, weil ich gerne miträtsel und ich auf diese Lösung niemals gekommen wäre. 😉

Drottning Katt
Redakteur

Wie Prinzessin Blaubeere hätte ich den Film jetzt auch nicht auf der großen Leinwand gebraucht, aber er war ganz unterhaltsam. Mit dieser Auflösung des Falls hätte ich niemals gerechnet (auch wenn es letztendlich gut zusammenpasst). Poirot fand ich ganz sympathisch, aber die übrigen Charas kamen etwas kurz.

Misato
Redakteur

Aufgrund der Auflösung ist Mord im Orient Express für mich einer der besten Fälle, die Agatha Christie zu Papier gebracht hat. Grade eben weil am Ende die Frage nach dem Mörder nicht der zentrale Aha-Moment ist. Es geht nicht um Mord – Tätersuche – Aufklärung und das muss ein Hercule Poirot erstmal wegstecken. Und ich finde es toll diesen altbekannten Stoff mit einer so fantastischen Cast besetzt zu sehen. Allein die Präsenz, die eine Judi Dench ausstrahlt, ist doch etwas besonderes. Maggie Smith wäre in der Rolle auch herrlich, oder Diana Rigg. Es sind alles nicht die komplexesten Figuren der Literatur, die irgendwelcher besonderen Talente bedürfen, aber warum denn eben nicht einige der besten finden? Michelle Pfeiffers Gesichtsausdruck zum Ende hin ist perfekt.

Und das wahre Zugpferd ist doch wirklich die Optik. Allein diese Fahrten am Zug vorbei mit Blick durch die Fenster. Oder ein Overhead Shot über den Abteilen. Brannagh als Regisseur packt alles aus (für Artemis Fowl wird er wieder mit Kameramann Haris Zambarloukos arbeiten und das ist bereits ein Grund zur Freude). Es gibt genug TV Verfilmungen, aber endlich fühlt es sich auch mal richtig an. Der Orient Express. Majestätisch halt.
Die im Spoiler angesprochene Szenerie ist in den letzten Jahren von der Popkultur extrem ausgelutscht worden, passte hier aber perfekt und ich war dankbar, dass der Aufklärungsort dafür gewechselt wurde.

Von einem gänzlich neuen Krimi dieser Art würde ich mir sicherlich auch mehr wünschen, was die Charakterisierung der Leute angeht. Aber bei Mord im Orient Express erzählt die Auflösung am Ende auch sehr viel über die Einzelnen, was ein Pluspunkt ist.